Gottesdienst Nikolaikirche Oranienburg

18. Sonntag nach Trinitatis, 15.10.06, 9:30 Uhr

 

- Orgelvorspiel

Votum

- Lied: EG Nr. 445, 1,2, 5 (Gott des Himmels und der Erden)

- Psalm 1,

- Lied EG 179, 1 (Allein Gott in der Höh sei Ehr)

- Kollektengebet:

- Evangelium (Lektor): Mk 12, 28-34

Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, daß er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: «Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften» (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst» (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, daß er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

- G: Lob sei Dir o Christe

- Credo:

- Wochenlied: 494 1,2,4 (In Gottes Namen fang ich an)

- Predigt: Jak. 2,1 - 13

 

„Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist's recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat "Du sollst nicht ehebrechen", der hat auch gesagt: "Du sollst nicht töten." Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.“

 

Ihr Lieben,

ein nicht ganz leicht zu verstehender Text unser Predigttext. Vielleicht liegt es an der alten Sprache, die der unseren so gar nicht mehr entspricht. Aber schon Martin Luther, der uns die Bibel ja ins Deutsche übersetzte und sonst nicht verlegen war, wenn es galt, gute Worte und eingängige Verse für seine Übersetzungen zu finden, sagte vom Jakobusbrief, er sei eine „stroherne Epistel“. Luther war kein „Fan“ dieses Briefes. Und das lag gewiss nicht nur daran, dass der Brief sich nicht in so eine wunderbare Versform bringen lies wie die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium. Nein, Luther konnte sich auch für die ebenso anspruchsvollen theologischen Abhandlungen des Paulus begeistern. Der Jakobusbrief, der vermutlich nicht viel später geschrieben wurde als die Briefe des Paulus, gefiel ihm wegen seines Inhalts nicht. Der Kern des Evangeliums, das war für Luther, Ihr erinnert Euch alle noch aus dem Konfirmandenunterricht, die Rechtfertigung des Menschen allein aus der Gnade. Der Mensch, so die Erkenntnis Luthers, konnte es sich nicht verdienen, dass Gott ihn annimmt, sondern dass sich Gott uns Menschen und jedem einzelnen von uns annimmt, das tut er aus freiem Willen. Wir verdanken es allein Gottes Gnade, dass er uns nahe sein will. Dies hatte Luther bei Paulus entdeckt.

            Jakobus betont dagegen etwas anderes. Er betont, dass es auf unsere Taten ankommt. Ja sogar das Gesetz, etwas das doch eigentlich durch Christus überwunden ist, steht bei Jakobus in hohem Ansehen.

„Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat "Du sollst nicht ehebrechen", der hat auch gesagt: "Du sollst nicht töten." Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht“

Der Anlass für die Ermahnungen des Jakobus sind offensichtliche Ungleichbehandlungen in den Gemeinden. Da gibt es Reiche und Einflussreiche, die eine Vorzugsbehandlung in der Gemeinde genießen und andere, Arme, Fremde, die auch in der Gemeinde außen vor gelassen werden, die nicht beachtet werden, mit denen keiner spricht, die hinten sitzen müssen. Gegen solches Verhalten argumentiert Jakobus zum einen mit Motiven der Bergpredigt: „Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?“

Sodann zitiert Jakobus die Stelle aus dem Markusevangelium, die heut unser Evangeliumstext war. Bei Lukas ist dieser Dialog Jesu mit den Schriftgelehrten in das Gleichnis vom barmherzigen Samariter eingebaut. Der Jude Jesus und ein jüdischer Schriftgelehrter sich ganz einig darüber sind, was man tun soll, um „das Ewige Leben zu erben“. Bei Lukas fängt die Geschichte bekanntlich so an: (Lk 10, 25-28) „Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst» (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.“ Spannend am Vergleich dieser beiden Versionen von Marcus und Lukas ist, dass bei Markus Jesus vom Schriftgelehrten gefragt wird und die Anteort gibt und es bei Lukas umgekehrt ist.

Im Jakobusbrief kommt nun die Stelle, in der Jakobus auf das Gesetz verweist. Luther hat das zwar treulich übersetzt, jedoch meinte er, dass dieser Brief eigentlich gar nicht ins neue Testament gehöre, dass er nicht wirklich den Geist Christi verkörpert, eben weil in ihm die Werke, das Tun des Menschen so betont werden. Für uns, die wir nicht mehr in der Reformationszeit leben, ist dieser Streit kaum noch nachzuvollziehen. Merken wir nicht allenthalben, dass unsere innerliche Beziehung zu Gott viel mit dem zu tun hat, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen? Wenn in der Beziehung zu unserem Nächsten etwas nicht stimmt wenn wir ihm etwas schuldig bleiben, dann merken wir schnell, dass auch unser Verhältnis zu Gott darunter leidet. Genau dies ist der Zusammenhang von Gottes- und Nächstenliebe, den Jakobus vorhin angesprochen hat und über den sich Jesus und der Schriftgelehrte beim barmherzigen Samariter ganz einig waren.

            Womit wir heute vielleicht viel mehr Schwierigkeiten haben als Luther und Jakobus oder Paulus es hatten, das ist die Rede von der Sünde. „wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter“. Die Sünde ist ein Begriff, der sein bedrohliches für uns zumeist verloren hat. Eine kleine Sünde zwischendurch, das ist zumindest für diejenigen von uns, die auf ihre Linie achten müssen, ein Stück Schokolade – also nichts wirklich Bedrohliches.

            Wir haben neulich einen Film gesehen, von dem manche von Euch bestimmt auch schon gehört oder ihn selbst gesehen haben. Ein schwedischer Film, der „Wie im Himmel“ heißt. Ein berühmter Dirigent erleidet einen Herzanfall, zieht sich daraufhin aus dem internationalen Musikgeschäft in das Dorf seiner Kindheit zurück und übernimmt dort die Leitung des Kirchenchores. Freilich bringt das Hereinbrechen eines solchen Exoten in die eingespielte Dorfgemeinschaft das ganze Gefüge durcheinander. Die grauen Mäuse bekommen Farbe und die bisherigen Autoritäten verlieren an Glanz. So wird auch der Pfarrer immer mehr angefragt. Laut vor allem von seiner Frau, innerlich aber wohl auch von sich selbst. Als er daraufhin seiner Frau vorwirft, dass ihre Verteidigung der Lust und Freude am Leben sündig sei, da entgegnet sie, die ganze Sünde sei nicht etwa eine Erfindung Gottes, sondern der Kirche, die damit die Menschen knechte und im Griff halte. Erst rede sie ihnen eine Sünde ein, um sie ihnen dann wieder zu vergeben. So mache sie die Menschen von sich abhängig. Ihre Anklage gipfelt darin, dass sie ihren Mann anbrüllt: Die Sünde gibt es gar nicht. Gott würde darüber nur lächeln, was ihr Mann als Sünde verteufelt. Ein sehenswerter Film, man kann ihn sich für einen Euro die Woche in unserer Oranienburger Bibliothek ausleihen.

            Ich glaube, die schwedische Pfarrfrau bringt unsere Fragen an den Jakobusbrief eher auf den Punkt als die Anfragen die Luther seinerzeit an Jakobus hatte. Die schwedische Pfarrfrau ist freilich nicht die erste, die diesen Vorwurf der Kirche macht, sondern prominente Religionskritiker wie Nietzsche und Feuerbach haben das schon vor ihr getan. Das nimmt dem Vorwurf aber nicht die Spitze, das Festhalten am Konzept der Sünde wirkt wie ein Anachronismus, wie das Festhalten an einem längst vergangenen Konzept das nur noch unzeitgemäß ist.

            In so einer Situation, da ein Begriff sinnlos und unverständlich oder gar nur noch bedrohlich geworden zu sein scheint, da hilft es zuweilen, auf die diesem Begriff zugrunde liegenden Erfahrungen zu schauen, die mit ihm einmal zum Ausdruck gebracht werden sollten. Es ist genau die Erfahrung, die wir vorhin schon einmal in Bezug auf den barmherzigen Samariter angesprochen hatten. Da wo wir unserem Nächsten nicht gerecht geworden sind und wir es wissen, da wird es uns schwer nicht nur diesem Nächsten wieder gegenüberzutreten, sondern auch Gott können wir nicht mehr richtig in die Augen schauen. Da stimmt irgendwas nicht, nicht nur in der Beziehung zum Nächsten, sondern auch die Beziehung zu Gott nimmt schaden, wenn wir versagen, da wo wir gebraucht würden, wenn wir schweigen, wo wir reden sollten, wenn wir stillhalten, wo wir handeln sollten, wenn wir weggehen, wo wir bleiben sollten, wenn wir schreien, wo wir zuhören sollten. Wir können das oft sehr genau spüren. Diese Erfahrung versuchten die ersten Christen im Begriff der Sünde zu bündeln. Die Sünde trennt uns von Gott, das hatten sie erfahren und das können wir noch heute erfahren. Bald haben christliche Theologen, unter ihnen der berühmte Augustinus, über eine Erbsünde nachgedacht, die den Menschen von seinem Sündenfall an begleitet. Im Mittelalter dann hat man versucht, alle möglichen Sünden aufzulisten und zu katalogisieren, nach Schwere zu ordnen und Bußen für sie zu überlegen und festzuschreiben. Man konnte mit den Sünden sogar Geld verdienen und prächtige Kirchen wie den Petersdom bauen, indem man Ablassbriefe verkaufte. Und hier kommt wieder Luther ins Spiel, der gegen den Ablass wetterte, die Sünde selbst jedoch nicht bestritt, vielmehr wusste, dass wir alle Sünder sind. Von so einem allgemeinen Sündenbewusstsein bleibt heute fast nurmehr der Schlager von Helga Hahnemann, dass wir alle kleine Sünderlein sind. Und doch machen wir noch immer die Erfahrung, die die alten mit dem Begriff der Sünde auszudrücken versuchten, da wo wir Menschen etwas schuldig bleiben, wo wir an ihnen versagen, wo wir ihnen nicht gerecht werden, da nimmt die Beziehung zu ihnen schaden. Und nicht nur zu ihnen, sondern auch Gott ist für uns Christen immer mit dabei. Wir können ihn nicht außen vor lassen. Und auch unsere Beziehung zu Gott nimmt dabei schaden. Manchmal ist der Schaden klein, die Sache bald von allen Beteiligten vergessen. Manchmal geht der Riss tiefer, manchmal lässt sich er sich nicht mehr kitten. Luther hat das Angebot Gottes neu entdeckt, dieser Trennung, der Sünde nicht das letzte Wort zu lassen. Gott will wieder mit uns Anfangen, auch wenn wir lange von ihm getrennt waren. Er reicht uns die Hand. Und so glaube ich, dass die schwedische Pfarrfrau Recht und Unrecht zugleich hat. Recht hat sie wenn sie sagt, die Sünde gibt es nicht und damit eine Sündendrohung als Geschäft mit der Abhängigkeit von Menschen meint. Unrecht hat sie, wenn sie meinen sollte, es gäbe nichts mehr, das Menschen voneinander und von Gott trennt. Denn das erleben wir immer wieder, an uns selbst und an anderen. Sünde, und damit hat sie wieder Recht, ist nicht das Sexheftchen, das der Pastor im Film hinter seiner Bücherwand versteckt. Das Kriterium dafür nennt sie selbst, damit hat er niemandem geschadet. Sünde ist aber sehr wohl, wie er die Beziehungen von Menschen aufs Spiel setzt wie er sie Eitelkeiten oder falsch verstandenen moralischen Wertvorstellungen opfert. In dem Film wird sehr einfühlsam geschildert, was die Folgen eben jener Beziehungsabbrüche sind. Nicht nur das Verhältnis zu den Menschen leidet darunter, sondern auch das Verhältnis zu Gott. Der Film zeigt aber auch, wie es Heilungen gibt. Wie Beziehungen neu entstehen, wie Trennendes überwunden wird. Die Sünde hat nicht das letzte Wort. Darin sind sich Jakobus und Luther ganz einig und darin lasst auch uns mit dem folgenden Lied einstimmen:

Amen

 

- Predigtlied 353, 1-4  (Jesus nimmt die Sünder an)

- Abkündigungen

- Lied: EG 302,  1-3, 6 (Du meine Seele, singe)

- Fürbitte (Wir erheben uns) Dazwischen:

EG Nr. 178, 10 (Herr Erbarme Dich)

- Vater unser im Himmel.

- Segen

- Orgelstück zum Ausgang:

 

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