„Ein verlorenes Jahrzehnt“

Die Fehler der USA im Kampf gegen den Terror – Experte Gärtner im Interview bei NEWS.AT

Sicherheitsexperte Heinz Gärtner geht mit der Politik der USA nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 scharf ins Gericht: „Es war ein verlorenes Jahrzehnt. Bushs Konzept vom Kampf gegen den Terror war grundfalsch“, erklärt der Universitätsprofessor vom Institut für internationale Politik (OIIP) im Interview mit NEWS.AT.

NEWS.AT: Wie haben Sie die Anschläge vom 11. September 2001 erlebt?
Heinz Gärtner: Ich wollte an diesem Tag in die USA reisen, als mich die Fluglinie anrief und mir mitteilte, dass mein Flug gestrichen wurde. Die Ereignisse habe ich dann im TV mitverfolgt.

NEWS.AT: Wie war Ihre erste Einschätzung?
Gärtner: Wie viele dachte ich zunächst an einen Unfall. Niemals hätte ich mir eine solche Dramatik der Ereignisse ausgemalt. Daher habe ich mich auch davor gehütet, ein schnelles Urteil abzugeben. Die Ermittlungen rund um die Drahtzieher der Anschläge haben bekanntlich noch über ein Jahr gedauert.

NEWS.AT: Der Name Osama bin Laden tauchte aber relativ schnell auf.
Gärtner: Das stimmt, aus dem Pentagon wurde aber auch sofort Saddam Hussein als Drahtzieher von 9/11 ausgemacht. Das war Rumsfelds (damaliger US-Verteidigungminister, Anm.) Strategie: Jetzt nehmen wir beide – Bin Laden und Saddam – ins Visier. Heute weiß man, dass das eine bewusste Fehleinschätzung war. Es hat keinerlei Verbindungen zwischen Al-Kaida und Saddam gegeben.

NEWS.AT: Hätten die Anschläge verhindert werden können?
Gärtner: Vielleicht! Die US-Nachrichtendienste hatten im August 2001 konkrete Hinweise auf terroristische Aktivitäten innerhalb der USA – mit Vorbereitungen von Flugzeugentführungen. Nur wusste man nicht, wann und wo diese Anschläge passieren sollten. Die Bush-Administration hat diese Hinweise aber in den Wind geschlagen, allen voran Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice.

NEWS.AT: Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust legt in seinem neuen Film „Die Falle 9/11“ nahe, dass die Anschläge vom 11. September eine gezielte Provokation von Al-Kaida waren. Die USA und deren Verbündete sollten auf diese Weise in eine „Kriegsfalle“ gelockt werden. Was halten Sie von dieser Theorie?
Gärtner: Es ist durchaus möglich, dass sich Al-Kaida an den Sowjetisch-Afghanischen Krieg (1979 bis 1989, Anm.) erinnerte, der bekanntlich maßgeblich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen hat. Dasselbe Schicksal sollte wohl die USA ereilen. Was man aber auch sagen muss: Die Regierung Bush hat Al-Kaida vermutlich sogar einen größeren Gefallen getan, als sie vielleicht erwartet hatte.

NEWS.AT: Inwiefern?
Gärtner: Indem die USA im März 2003 nach Afghanistan einen weiteren Kriegsschauplatz eröffneten und den Irak angriffen. Damit wurden unglaubliche Ressourcen im Kampf gegen den Terrorismus verschwendet.

NEWS.AT: Hatte Bush nach 9/11 überhaupt eine Wahl, außer zum Gegenschlag auszuholen?
Gärtner: Die Politik von Bush nach 9/11 war mit Sicherheit eine falsche. In Afghanistan hätte es die Option gegeben, mit den Taliban zu verhandeln. Ein Teil war ja damals bereit, Osama bin Laden auszuliefern. Die Bush-Administration hat aber sehr schnell auf die Kriegsoption gesetzt, was auch durchaus gerechtfertigt war. Schließlich haben die Taliban der Al-Kaida jahrelang Unterschlupf gewährt und ihr eine Basis geboten. Der Einsatz im Irak eineinhalb Jahre später war aber ein mutwilliger Krieg, unter völlig falschen Voraussetzungen. Es gab dort keine Massenvernichtungswaffen.

NEWS.AT: Ist Bushs „Krieg gegen den Terror“ im Endeffekt also gescheitert?
Gärtner: Ja, das Konzept war grundfalsch. Ein verlorenes Jahrzehnt, wenn man so will. Es hat auch Erfolge gegeben, aber es war ein Rückschritt für die Welt, für den Multilateralismus, eine Verschwendung von Ressourcen und eine zum Teil überzogene Beschneidung von persönlichen Freiheiten.

NEWS.AT: Waren diese Gesetzesverschärfungen, etwa im Reise- oder Geldverkehr, vielleicht der Preis der Sicherheit?
Gärtner: Manche Anti-Terror-Gesetze waren gerechtfertigt, manche nicht, aber insgesamt haben sie sicherlich dazu beigetragen, dass es keine größeren Anschläge mehr gegeben hat. Die Hysterie, diese bewusste Panikmache, die damit verbunden war, war natürlich grandios überzogen. Und die Administration Bush hat das sehr geschickt genutzt.

NEWS.AT: Was hat sich unter Bushs Nachfolger Obama geändert?
Gärtner: Mit dem Amtsantritt von Barack Obama ist ein notwendiger Strategiewechsel in der Terrorbekämpfung erfolgt. Statt ganzen Staaten den Krieg zu erklären, hat man sich gezielt auf bestimmte terroristische Gruppierungen konzentriert. Die Tötung Bin Ladens im vergangenen Mai war ein Resultat dessen.

NEWS.AT: Was bedeutete die Tötung Bin Ladens für die USA?
Gärtner: Die Tötung bin Ladens gleicht einem symbolischen Sieg über Al-Kaida. Es war auch für die Amerikaner selbst ein psychologischer Abschluss des Kapitels 9/11, eine späte Genugtuung. Mit dem Tod ihres geistigen Anführers ist auch das Ende von Al-Kaida besiegelt. Sie werden nicht von heute auf morgen verschwinden, aber ihr globales Netzwerk ist nicht erst seit Bin Ladens Tod schwer ramponiert.

NEWS.AT: Besteht trotzdem die Gefahr, dass sich der 11. September in ähnlicher Form wiederholt?
Gärtner: Auch ohne Al-Kaida wird der Terrorismus nicht aus der Welt verschwinden. Man hat die Bedrohungslage in der Vergangenheit schon öfters falsch eingeschätzt. Früher hat man staatliche Akteure als Hauptbedrohung ausgemacht, dann waren es nicht-staatliche Akteure. Und jetzt wäre es falsch, sich auf eine Wiederholung der Anschläge vom 11. September 9/11 zu konzentrieren. Sicherlich muss man wachsam sein, aber vielleicht kommt die Bedrohung aus einer ganz anderen Richtung. Die Anschläge in Norwegen haben womöglich eine neue Entwicklung eingeleitet: Dort hat ein ultrarechter Einzeltäter zugeschlagen.

NEWS.AT: Wie kommt es, dass Verschwörungstheorien rund um 9/11 nach wie vor en vogue sind? Etwa, dass der US-Geheimdienst hinter den Anschlägen steckt.
Gärtner: Ich halte das für kompletten Unsinn. Im Zuge der Ermittlungen der 9/11-Commission wurden hunderte öffentliche Interviews mit Zeugen geführt, irgendetwas wäre garantiert durchgesickert. Außerdem waren die Gründe für den Militärangriff auf den Irak und Saddam so fadenscheinig, dass sie nicht einmal Verschwörern einfallen würden.

NEWS.AT: Bleiben für Sie noch Fragen zu 9/11 offen?
Gärtner: Was die Anschläge betrifft, gibt es keine Zweifel. Das war Al-Kaida, das war Osama bin Laden. Über die Maßnahmen, die die 9/11-Kommission zur Terrorabwehr empfohlen hat, kann man aber sehr wohl streiten.

NEWS.AT: 9/11 hat auch den Islam und seine radikale Ausprägungen erstmals in den weltweiten Fokus gerückt. Viele Experten sahen damals sogar die Gefahr eines „Clash of Civilisations“ (Kampf der der Kulturen) heraufziehen. Ist diese Gefahr gebannt bzw. war Sie jemals vorhanden?
Gärtner: Das war eine sehr unglückliche Interpretation, die sowohl George W. Bush als auch Bin Laden in die Karten gespielt hat. Diese herbeiinszenierte Kriegssituation hat beide aufgewertet, letztlich aber den gesamten Islam in Misskredit gebracht. Auch die Anti-Terror-Behörden konzentrieren sich bei Ermittlungen immer noch stark auf muslimische Gruppen. Vielleicht ist man hier auf der falschen Fährte.

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