Zehn Thesen


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Frank Hartmann: Cyber.Philosophy
Medientheoretische Auslotungen
wurde 1996 im Passagen-Verlag (Wien) publiziert,
eine unveränderte Neuauflage erschien 1999.

ISBN 3-85165-228-2

Auf Seite 141-143 finden sich folgende Zehn Thesen als Arbeitsgrundlage und Diskussion der Möglichkeiten von Medientheorie im Zeitalter der Informationsgesellschaft.
Wiederveröffentlicht im aktuellen Startbuch Internet S.11-13 (Falter Verlag)

Vorbemerkung. Zu (nicht nur) meiner Verwunderung hat sich die Philosophie um das Thema "neue Medien" eigentlich kaum gekümmert. Medien? War da nicht was bei Platon? Nun gut. Mitte der neunziger Jahre - exakt im Jahr eins meines ersten Internet-Accounts - durfte ich die Erfahrung machen, dass ein Forschungsvorhaben zum Thema Philosophie der neuen Medien in Österreich nur auf taube Ohren stieß. Also blieb es bei einem Essay, der bald darauf in einem Wiener Verlag unter dem Titel Cyber.Philosophy erschien. Da es sich um erste medientheoretische Auslotungen handelte, setzte ich einen Schlusspunkt in Form einer Verdichtung dieser Situation des medialen Übergangs zu zehn Thesen. Ohne Ironie, und einfach weil es sich so ergeben hat, zehn Thesen. Und es war gut so. Denn diese Thesen erzeugten das, was Kommunikationstheoretiker Anschlussfähigkeit nennen: Es gab sehr viel viel Feedback dazu, sogar noch nach Jahren, die sich im Internet-Zeitalter gern zu Äonen ausdehnen. Das ermutigte weitere Theorie-Arbeit - im Jahr 2000 erschien dann meine etwas ausführlichere Medienphilosophie (WUV/UTB).

 

1

Die Telematik bildet wie jeder Technologisierungsschub eine breite Projektionsfläche für gesellschaftliche Hoffnungen, wobei der digitalen Revolution des Informationszeitalters vorerst keine erkennbare soziale Innovation entspricht, sodass sich mit Recht von einer Informationsgesellschaft sprechen ließe.

2

Im Ausklang der Moderne bahnt sich nicht ein Ende des Buches, sondern ein Ende des linear gerichteten, massenmedialen Kommunikationsprinzips an. Die elektronische Verfügbarkeit von Texten bildet eine neue, hybride Medienform. Im Wissenschaftsdiskurs bedeutet die Online-Kultur einen Industrialisierungs- schub, der mit dem traditionellen Produktionsprinzip auch in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen bricht.

3

Information ist eine bestimmende Eigenschaft der postindustriellen Gesellschaft, ihre zentrale Leerstelle und ihr treibendes Prinzip. Information bezeichnet nicht etwas zu Übertragendes (wie im Modell der Nachricht), sondern sie ist eine Beziehung und als solche Faktor der Medienphänomene, die eigensinnige Realitäten schaffen und nicht auf "die Realität" verweisen.

4

Kommunikation ist kein linearer Datenfluss von einem Sender zu einem Empfänger. Sie ist eine durch kybernetische Enerie gespeiste Beziehung zwischen allen am Kommunikationsprozess beteiligten Phänomenen.

5

Nur eine sozialwissenschaftlich fundierte Aufklärung kann den Media-Hype entmythologisieren, der den gegenwärtigen Übergang in die Informations- gesellschaft kennzeichnet. Die Identifizierung des technisch Machbaren mit dem sozialen Nutzen der Medienentwicklung ist dabei kritisch aufzubrechen; eine entsprechende Kommunikationsarchäologie hätte die soziokulturellen Bedingungen der sogenannten Kommunikationsrevolution aufzuzeigen und die gesellschaftliche Wirklichkeit unter den neuen Kommunikationsverhältnissen darzustellen.

6

Die Informationsexplosion ist nicht das Problem; strenggenommen gibt es keine Informationsflut, sondern nur eine der Medienwirklichkeit unangemessene kulturtechnische Praxis.

7

Kulturtechiken sind historisch kontingent. Der oftmals konstatierte Sinn- und Orientierungsverlust der postmodernen Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein Verlust des kulturtechisch vertrauten Zeichensensoriums. Hat ein bestimmte Kulturtechnik sich in ihrer Kapazität erschöpft, dann werden die etablierten kulturellen Codes relativiert und überkommene Formen der Komplexitätsreduktion distanziert.

8

Kultur ist als Sprache und Effekt ihrer Medientechniken zu analsysieren. Die Schulen der analytischen, der romantischen und der emanzipatorischen Kulturkritik des zwanzigsten Jahrhunderts traten das schwierige Erbe der philosophischen Erkenntnis- und Sprachkritik an. Hier unmittelbar anzuschließen hieße, sich der Gefahr eines kulturkritischen Pessimismus auszusetzen. Das kritische Unternehmen kann nur als Datenkritik weitergeführt werden, welche die Bedingungen der Möglichkeit einer Informationsgesellschaft reflektiert.

9

Medien informieren auch jenseits der typographischen Ordnung des Alphabets. In unserem "Jahrhundert des Auges" setzten sich neue Formen ikonischer Kommunikation durch; durch die sozialwissenschaftliche Aufwertung bestimmter Visualisierungsformen gegenüber der linearen Argumentation wurde das kulturtechnische Dogma der Verbalzentriertheit bereits gebrochen.

10

Medientheorie bezieht sich nicht auf mediale Vermittlung im Sinn der Repräsentation einer Welt voller 'Objektivitäten', sondern auf eine medial generierte symbolische Ordnung. Jenseits der kulturtechnisch eingewöhnten Dogmen und der auktorialen Subjektivität entstehen mittels des digitalen Codes und der elektronischen Medien neue kulturtechnische Produkte (z.B. Hypertexte), in denen sich gesellschaftliches Wissen in komplexer Weise darbietet - unabgeschlossen, aber für die jeweiligen Zwecke erschließbar. Medientheorie entfaltet sich im Spannungsfeld dieser kulturellen Auflösung einer verbindlichen Hermeneutik des Sinns.

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