Frank Hartmann:
Globale Medienkultur
Technik-Geschichte-Theorien
Wien: WUV [UTB] 2006
239 Seiten, € 18,90
Leseprobe


Klappentext: Ab 1800 begann die Ära der Telekommunikation. Die Weltwahrnehmung änderte sich zusehends und inmitten der Industriegesellschaft bante sich das Zeitalter der Information an. Ab 1900 wurde die Medienkultur weltumspannend. Wie dies geschah, diskutiert der Autor anhand dreier medien- technischer Innovationen:
- Kabel. Die Anwendung von Elektrizität für den internationalen Nachrichtenverkehr
- Wireless. Die Nutzung des Elektromagnetismus für die drahtlose Sendung (Funk, Radio, Satelliten)
- Online. Die Konstruktion eines elektronischen Datenraumes mit universellen Interfaces (Iternet).



Geschwister: Mediengeschichte und Medienphilosophie

Rede zur Buchpräsentation
»GLOBALE MEDIENKULTUR«


gehalten am 27. April 2006
Kunsthalle Wien, Projectspace
von Univ.-Prof. Dr. Rainer Gries [ » Link ]

Ich habe das neue Buch von Frank Hartmann nicht nur mit großem Interesse, mit großem Erkenntnisgewinn, sondern auch mit großer Freude gelesen.
- Mit großem Interesse, weil ich die Arbeit und das Denken von Frank Hartmann schätze.
- Mit großem Gewinn an Erkenntnissen und Einsichten, weil wir doch immer dazu lernen, wenn wir lesen.
- Und mit großer Freude? Dieses Gefühl liegt darin begründet, dass der Medien- philosoph ohne eine Mediengeschichte nicht auszukommen scheint. Das muss natürlich das Herz des Historikers erfreuen! Und damit bestätigt die Grundkonzeption des hier vorzustellenden Bandes etwas, was ich schon immer meinte zu wissen und zu fühlen: dass Philosophieren ohne Historisieren nicht möglich ist.

Philosophie und Geschichte ergänzen sich prächtig, das zeigt dieser Band wieder einmal aufs Trefflichste: die einen, die Geschichtswissenschaftler, verlieren sich nur zu gerne in den Quellen, durchkriechen und durchpflügen die Ebenen, und die anderen, die Philosophen, verlassen nur zu gerne ebendiese Mühen der Ebenen, schwingen sich mit Vorliebe auf, erklimmen Gedanken-Berge und erobern die Lüfte! Beide Bewegungen des Erkennens, die horizontale wie die vertikale, sind in diesem Buch vereint: Frank Hartmann erzählt unter dem Rubrum: "Kabel" die Geschichte der Telekommunikation, der Telegraphie und der Tiefseekabel – und setzt zum guten Abschluss eine kleine "Philosophie der Technik" darauf! Er berichtet vom Telegraphen und vom Telefon, von der Genese der Radiokommunikation und von der Nutzung extraterrestrischer Relais – und präsentiert die grundlegenden Narrative der "Planetisation des Menschen". Übrigens: Zum Leidwesen des Historikers fallen die abstrahierenden Höhenflüge –wenigstens von ihrem Volumen– sogar zu klein aus. Das mag dem Grundanliegen des hier zu feiernden Buches geschuldet sein: vor uns liegt ein Lehrbuch der rot-blauen UTB-Reihe; es soll einführen und nicht übermäßig ausführen.

Bitte erlauben Sie dem Geschichtswissenschaftler in mir zwei kleine Marginalien zu diesem neuen Buch: Ich möchte auf zwei Stromschnellen des Weges in diese "globale Medienkultur" besonders aufmerksam machen, die auch in dem Band eine hervorragende Position einnehmen:

  • Auf die Entwicklungen während des 19. Jahrhunderts und vor allem auf die End-Zeit dieses vorvorigen Saeculums einerseits;
  • und andererseits auf ein Ereignis, das ein halbes Jahrhundert später stattfand, inmitten des vorigen, des 20. Jahrhunderts.
Beide Zeit-Räume markieren einen Transit, der aus der Perspektive der Zeitgenossen technik- und politikgeschichtlich, aber auch gesellschafts- und kulturgeschichtlich überdeutlich spürbar war. Beide wurden von Vielen als Zäsur, als Einschnitte erlebt und als der Beginn einer neuen Zeit, einer neuen Epoche gedeutet. Anläßlich solcher Übergänge wird Kommunikations- und Mediengeschichte also zu einer Zeit-Geschichte im engen Wortsinne, sie reflektiert in diesen Passagen die Geschichte des Empfindens von Zeit und Zukunft! Genau besehen, mündet eine gute Kulturgeschichte der Medien stets in einer solchen Zeit- oder Zukunftsgeschichte der Medien, oszillierend zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Chancen und Risiken.

Fin de siècle – Take off der Moderne

Das 19. Jahrhundert wird gerne und natürlich zu Recht metaphorisch als das Jahrhundert der Dampfmaschine bezeichnet – es ist aber auch – und Frank Hartmann weist darauf gebührend hin – das Jahrhundert der Medien, in welchem nicht nur politische, soziale und ökonomische Umwälzungen stattfanden, sondern auch eine kommunikative Revolution. Es ist das Jahrhundert, in welchem die Geschichte der Moderne und der Massenmedien ihren Lauf nahm. Und die letzten Jahre des letzten Jahrzehnts jenes Jahrhunderts werden in den geistes- und geschichtswissenschaft- lichen Disziplinen und in der gängigen Publizistik gewöhnlich mit depressiven, hoffnungslosen und angsterfüllten Endzeitstimmungen in Verbindung gebracht, die mit dem Begriff des "fin de siècle" verknüpft sind. Aber, wie so oft lohnt sich auch hier ein genauer Blick: Eine solche "décadence" herrschte wohl jenseits des Rheines, in Frankreich, vor, nicht aber in Deutschland. In den letzten Jahren des Jahrhunderts offenbarten intellektuelle und literarische Diskurse im deutschen Kaiserreich zwar auch Ängste und Sorgen vor der Zukunft, doch diesseits des Rheines dominierten Zuversicht und Euphorie: Die großen Visionen dieser Jahre, kolportiert in Publikums-Zeitschriften und in Zeitungen, setzten vielmehr große Hoffnungen auf die Entwicklung der Elektrizität und, damit unmittelbar verbunden, auf die Fortentwicklung von Verkehr und Kommunikation. Also hieß es um 1900:

„Nach langem und schwerem Daseinskampf
Schiebt ab das alte Jahrhundert mit Dampf.
Wir brauchen ein neues Fluidum
Heil Dir, elektrisches Säkulum!“


Die Utopie der Elektrizität wurde als eine Utopie der Infrastrukturen konzipiert – und damit natürlich auch als eine Utopie der Medienevolution. So sollte der in Gang gesetzte Fortschritt denn auch nach der Jahrhundertwende ungebrochen weitergehen – aufwärts, vorwärts, in die Lüfte: Karikaturen des späten 19. Jahrhunderts spitzten das ambivalente Empfinden der Zeitgenossen zu – schon eine Zeichnung aus dem Jahr 1892 (von Albert Robida) visualisierte die schöne neue Medienwelt der Zukunft: Der Luftraum der Städte war vollends verhangen und verstopft: verdrahtet mit Abertausenden von Telegraphenschnüren und befahren von unzähligen Luftschiffen. Auf den Balkonen und in den Luftkutschen sehen wir freilich freudige, zufriedene Menschen! "Fortschritt" hieß das Zauberwort der Zeit, und natürlich waren diese technisch gedachten Visionen wiederum mit gesellschaftlichen Wunschvorstellungen und politischen Idealen, genauer gesagt: mit politischem Geltungsdrang verknüpft: Diese Gemengelage des Neuen und der Zukunft sollte dem deutschen Reich baldigst "einen Platz an der Sonne" sichern, wie Kaiser Wilhelm II. es seinen Untertanen markig versprach. Wilhelm II., der Inszenator und Selbstdarsteller, der nicht von ungefähr als "Medienkaiser" apostrophiert wird.

Sputnik-Schock – Take off des Kommunismus

Frank Hartmann erinnert an die Geschichte des ersten künstlichen Erdtrabanten, der im Oktober des Jahres 1957 positioniert wurde (S. 150ff.). Ein Fake, Frank Hartmann versteigt sich sogar dazu, ihn als bloße Propaganda zu beschreiben. "Nichts als Propaganda"? Stimmt schon, der kleine Sputnik war ein wissenschaftlich wertloses Notprodukt – und doch ein Superprodukt des Sozialismus! Die sozialistische Sowjetunion hatte einen ersten Punktsieg im Wettlauf um die Eroberung des Weltalls zu verzeichnen! Der Himmel gehörte nicht den Kapitalisten unter Führung der USA, sondern den Kommunisten unter Führung der Sowjetunion! Den gewaltigen politischen, propagandistischen und publizistischen Erfolg dieser kleinen piepsenden Kugel können wir gar nicht überschätzen. Frank Hartmann zeigt, wie der Sputnik-Schock die Medientheorie Marshall McLuhans beeinflusste, wonach Fernsehen und Computer zu Agenten des Medien und des Kulturwandels avancieren, wie McLuhan nicht zuletzt aufgrund des Sputnik zu seiner Theorie der kulturellen Hybridisierung kam (S. 166).

Im Gefolge des Sputnik-Ereignisses kommt es sogar zu einem globalen Umdenken, ja, zu einem globalen Umfühlen. Die politische Propaganda des Ostens konnte jetzt mit Fug und Recht erklären: Wer es heute vermag, den Orbit zu erobern, der vermag es morgen, den Orbis zu erobern. Mehr noch: Sputnik manifestierte nicht nur das Vermögen zur Eroberung des Erdkreises, sondern auch die politische und moralische Pflicht dazu. Die Eroberung des ganzen Erdkreises hatte aus der Sicht der sozialistischen Parteiideologen nun nicht mehr nur eine gesellschaftstheoretische Dignität, sondern eine technische Realität und, damit verbunden, eine mediale Basis mitsamt einer moralischen Forderung. Nichts konnte den Anspruch, dass dem Kommunismus dereinst die Zukunft gehören würde, besser beglaubigen, als der Winzling im All. Noch im selben Jahr postulierte der sowjetische Parteichef Nikita S. Chruschtschow, man schicke sich nun an, den Westen zu überrunden. Ein Jahr später folgte Walter Ulbricht, der im selben Ton verkündete, der Osten werde den Westen und die DDR werde die Bundesrepublik binnen dreier Jahre, also bis 1961, eingeholt und überholt haben.

Die neuen Töne aus der Erdumlaufbahn (wir werden sie, glaube ich, im Laufe der heutigen Installation sogar hören) und die neuen Töne aus dem Dritten Rom wurden im Westen sehr ernst genommen: Politiker und Wirtschafter begannen umzudenken, schlossen jetzt nicht mehr aus, dass der Osten den Westen überflügeln würde, dachten über die Zukunft nach – und überlegten, wie wohl einer künftigen Überlegenheit des Ostens zu begegnen sei. Man experimentierte an einer ideologischen Wende: Wenn man denn technisch und ökonomisch, politisch und medial künftig ins Hintertreffen geraten würde, so argumentierten einflussreiche Stimmen jetzt im bedrängten Westen, dann dürfe man eben nicht mehr ökonomisch oder technokratisch argumentieren, sondern moralisch. Wir sehen: Die kommunistische Utopie wurde Ende der fünfziger Jahre durch einen kleinen Erdtrabanten beglaubigt, der wiederum metaphorisch für die Medien-Zukunft stand. Sputnik, der erste Satellit, stellte eine außerordentliche Herausforderung für die Ideologen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges dar. Seine Bahn am Himmel wurde als Menetekel der Zukunft gelesen: mit dem ersten Trabanten begann in den Augen der Zeitgenossen eine neue Zeit. – Doch wem würde sie „gehören“, dem Kapitalismus oder dem Kommunismus, das war die große Frage. Eine große herausfordernde Frage, die freilich durchaus nicht den Westen als "Sieger" sah! Welch ein Paradoxon übrigens, wenn man die prekäre Geschichte der Medien im Sozialismus in den siebziger und achtziger Jahren kennt und in Rechnung stellt.

Medienkulturgeschichte ist veritable Zeitgeschichte, ist Zukunftsgeschichte! Womöglich hat mit dieser rot-blauen Medienkulturgeschichte von Frank Hartmann ebenfalls eine neue Epoche begonnen, eine neue Epoche des Medienwissens.

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