Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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1.6. Sprachkritik: von Nietzsche zu Mauthner 
Wir haben nur Worte, wir wissen nichts


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Von der Sprachphilosophie führen im neunzehnten Jahrhundert radikalisierende Schritte zu einer Sprachkritik, die zur Kulturkritik ausgeweitet wird. Eine Wegmarke ist hier der polemische Essay Friedrich Nietzsches "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne", den er als Grundlage für Studien zur Rhetorik 1873 geschrieben hat, der jedoch vorerst unveröffentlicht blieb. Es geht in diesem Text gegen die Macht des Metaphorischen, die Nietzsche an der Sprache entlarvt.

Kritik des semantischen Realismus

Der Semantische Realismus bedeutet die Annahme, dass die Welt sprachlich strukturiert ist, wenn Sprache der Welt adäquat sein soll. Dass Sprache die Welt in Worten repräsentiert, kritisiert Nietzsche vehement. Er denkt von der Musik her und sieht eine fundamentale Beschränkung der Grammatik (der sprachlichen Aussagemöglichkeiten) darin, andere Formen der Erfahrungsorganisation zu unterdrücken. Sprache aber ist metaphorisch, wir bewegen uns in historisch abgenutzten Begrifflichkeiten, die kein adäquater Ausdruck der Welt sind. Die menschliche Gattung stellt für ihre Mitglieder eine Art Verpflichtung auf, "nach einer festen Konvention zu lügen". Damit projizieren sie ihre sprachliche Struktur auf die Wirklichkeit (aber immer im Glauben, diese zu beschreiben).

Der "Sprachschock" (Mauthner), den dies impliziert, wurde immer mehr zum Thema und die Sprachskepsis war zum Fin-de-siecle geradezu Zeitgeist. Davon zeugt die Wirkung eines fiktiven Briefes, den Hugo von Hofmannsthal im Oktober 1902 in der Berliner Zeitung "Der Tag" publiziert hat und in dem auch Fritz Matuhner sein Anliegen wiedererkannte: "Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen."   
 

Kritik der Sprache

Die Frage, ob sich dies nicht ändern ließe, hat auch den Sprachkritiker Fritz Mauthner bewegt: läßt sich durch eine Dekonstruktion des Sprachlichen eine Veränderung der Wirklichkeit bewirken, und läßt sich über eine Sprachkritik das Aufklärungsprojekt fortsetzen?

Anfang der dreißiger Jahre läßt sich der fast erblindete James Joyce in Paris von Samuel Beckett aus einem Werk vorlesen, das seine Radikalität hinter einem altbackenen und bescheidenen Titel verbirgt: den "Beiträgen zu einer Kritik der Sprache" Fritz Mauthners.

Fritz Mauthners Ansatz radikalisiert die Sprachabhängigkeitsthese, nach der Sprache die historische Bedingung allen Denkens ist, indem er die Erkenntniskritik zu einer Kritik der Sprachherrschaft (er nennt es Logokratie) erweitert. "Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache."

Die "Philosophie" ist für Mauthner - wie er in seinem 1997 neu augelegten "Wörterbuch der Philosophie" (1910) schreibt, eine Arbeit an abstrakten Begriffen, die es einem leicht mache, in "skeptische Resignation" darüber zu verfallen, was wir überhaupt wissen können, und ist somit "die Einsicht in die Unannehmbarkeit der Wirklichkeitswelt, ist keine Negation, ist unser bestes Wissen; die Philosophie ist Erkenntnistheorie, Erkenntnistheorie ist Sprachkritik; Sprachkritik aber ist die Arbeit an dem befreienden Gedanken, daß die Menschen mit den Wörtern ihrer Sprachen und mit den Worten ihrer Philosophien niemals über eine bildliche Darstellung der Welt hinaus gelangen können." (Mauthners Einleitung zu: Wörterbuch der Philosophie)

Gegenstand der Kritik ist die Möglichkeit einer Wirklichkeitserschließung durch die Wortsprache; Sprache ist der ideologische Schleier, der sich über die Wirklichkeit legt.
"Im Anfang war das Wort." Mit dem Worte stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben stehen, wenn sie beim Wort bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkarbeit eines ganzen Lebens weiter bringen kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von der Tyrannei der Sprache zu erlösen versuchen.

Die sprachliche Realität ist mächtiger als gemeinhin angenommen wird: in einer Art Wiederbelebung des mittelalterlichen Nominalismus untersuchte Mauthner ideologiekritisch die sprachlichen Realabstraktionen, die sich dennoch in der Realität bestimmend auswirken; er nannte das den Wortaberglauben. Mauthner bekämpfte "die absurden Ungeheuer der Sprache".
Der Fortschritt der Menschheit (Aufklärung) hängt davon ab, wie sehr sie ihre eigenen Wortfetische erkennen und damit ihre gesellschaftliche Konstruiertheit durchschauen kann. Mauthners Sprachkritik enthält die Pointe, daß Sprache an der Realität zu messen sei und nicht Realität an den sprachlichen Begriffen. Sprache ist ein ungeeignetes Erkenntnisinstrument, da wir durch sie und unsere Sinne nur einen zufälligen Ausschnitt der Welt kennenlernen. Unsere Erkenntnisbedingungen sind sprachlich/grammatikalisch bedingt.

"Einge Wochen lang verbrachte ich die halben Nächte damit, meine Flüche hinzuwühlen darüber, daß wir so gar nichts wissen können, daß die menschliche Vernunft gar kein anders Ausdrucksmittel hat als die elende Sprache, daß die Sprache ein Handwerkszeug ist, mit dem wir an nichts Wirkliches herankommen können, weder an die Natur noch an unsere eigenen Empfindungen." (Mauthner über seine Anfänge der Sprachkritik, in: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig: Meiner Verlag, 1922, Seite 126)

Die Ordnung der Dinge ist nach Mauthner ein Konstrukt zwischen Subjektivität und Wirklichkeit, welches über drei verschiedene, in der Sprache repräsentierte Modi funktioniert:

  • das Adjektiv den Wahrnehmungseindrücken,
  • das Verb entspricht den verbindenden Aktivitäten,
  • und das Substantiv den (fiktiven) stabilen Gestalten.

Letzteres ermöglicht den Bereich des Wortaberglaubens, der willkürlichen Festschreibungen. Eine Möglichkeit der objektiven Erklärung ist hier ausgeschlossen, denn die Sprache wirkt wie ein ideologisches Gefängnis. Auch die Wissenschaften erklären nichts, sie beschreiben nur. Die Welt ist ein Konstrukt der Sprache,

Mauthner entwirft folgende 3-Welten-Theorie:

Welt 1 Sinneseindrücke Eigenschaften der Dinge ADJEKTIVISCH
Welt 2 Handlungen, Bezüge Zeit und Bewegung VERBAL
Welt 3 Theorien, Fiktionen Wissenschaft und Religion SUBSTANTIVISCH
Hintergrund Schweigen gottlose Mystik Jenseits der Sprache

Ganz in der Manier Nietzsches bekennt Mauthner: "Wir haben nur Worte, wir wissen nichts". In tausenden von Druckseiten versuchte er, Sprachkritik als kulturhistorisches Unternehmen zu berteiben und einzelne philosophische Begriffe zu dekonstruieren. Eine systematische Rekonstruktion der Begriffe sollte einen neue Basis theoretischen Ausdrucks schaffen.

Die zunehmend problematische Verbindung von Sprache und Welt und die damit verbundene Unvollkommenheit der Sprache (Ausdruck und Bedeutung fallen auseinander) bei Nietzsche und Mauthner reflektieren die Krisenerfahrung einer Moderne , die zunehmend Unsicherheiten produziert - worauf die Theorie dann mit "Sprachreinigung" zu reagieren begann.  
  

 

Mauthner

Fritz Mauthner (1849-1923)
"Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle Kritische Philosophie ist Kritik der Sprache." 

>>> Fritz Mauthner Gesellschaft

Mauthner hat in seinem Leben drei große Projekte verfolgt: ein dichterisches (er war Literat, Kritiker, Journalist, Dramatiker), ein geschichtliches (Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, 4 Bände, 1920ff, Neuauflage 1989) und ein erkenntniskritisches (Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 3 Bände, 1896ff / Wörterbuch der Philosophie,
2 Bände, 1910ff, Neuauflage 1997)

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