Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 37 / XII / 2005

DER MICHAELERPLATZ ZUR RÖMERZEIT UND VIELES MEHR IN FUNDORT WIEN 8

Mit dem diesjährigen Themenschwerpunkt des Jahresberichtes der Stadtarchäologie Wien kommt ein Projekt zum Abschluss, dessen erster Teil im Jahr 2003 (Fundort Wien 6/2003) vorgelegt wurde - die römischen Baureste am Michaelerplatz. Heuer werden die Wohnbereiche untersucht, die an diesem wichtigen Verkehrsknotenpunkt von Vindobona, nämlich der Kreuzung der Limesstraße mit der von der porta decumana des Legionslagers ausgehenden Straße nach Scarbantia (Sopron), freigelegt wurden (Abb. 1). Der Straßenverlauf und die Entwicklung der anliegenden Gebäude sind dabei aufs Engste miteinander verflochten. Verschiedene Bauphasen verweisen auf tief greifende Veränderungen bezüglich Ausstattung und Nutzung im Laufe der Jahrhunderte. Eine mögliche Funktion dieses Gebäudekomplexes, der auch eine Eisenschmiede barg, könnte zumindest zeitweise in einer Raststation gelegen haben.


Die Analyse der Kleinfunde trägt nicht nur zur Datierung der einzelnen Bauphasen bei, sondern gibt auch wichtige Einblicke in die antiken Lebensverhältnisse. Anhand des Münzspektrums (Abb. 2) lässt sich z. B. ein Rückzug der Bevölkerung in das Legionslager erschließen, wobei dieser Teil der Lagervorstadt aber nicht verödete: Münzen wie Baubefunde lassen eine Umstrukturierung der Bauten zur vermutlich alleinigen handwerklichen/gewerblichen Nutzung in der Spätantike erkennen.
Was Tierreste wiederum über Ernährung, Abfallentsorgung und sozialen Status der Bewohner auszusagen vermögen, wird anhand eines Beitrags dargelegt, in dem auch die bereits publizierten Tierknochen der Werkstätten am Michaelerplatz jenen aus den Wohnbereichen gegenübergestellt werden. Ob es sich bei den Resten eines Kaninchens um ein von Römern importiertes handelt, ist eine spannende Frage, da es in unserem Raum bis zum Mittelalter keinen Nachweis für diese Tiere gibt.
Die römischen Truppen in Vindobona sind Thema eines in wissenschaftlichen Kreisen lange erhofften Artikels. In der Nachfolge der inzwischen mehrfach behandelten Baugeschichte des Legionslagers bietet er einen historischen Überblick über die in der Antike hier stationierten militärischen Einheiten. Dabei werden antike Texte wie die Notitia dignitatum ebenso als Quellen herangezogen wie die in Wien aufgefundenen Militärgrabsteine (Abb. 3), Bauinschriften und Ziegelstempel. Über dieses Material gelingt eine Neubewertung der Stationierungszeiten.


Dass innerhalb des Legionslagers auch pictores tätig waren, ist seit dem Fund figürlicher Wandmalereien bekannt. Erstmals jedoch liegt das Ergebnis einer Farbanalyse vor, die an einem Farbmörser aus dem Legionslagerbereich (Abb. 4) vorgenommen wurde. Hierbei konnte die Verwendung von Zinnober bestätigt werden, ein schwer zu beschaffendes und daher teures Farbpigment.
Mit Materialanalysen beschäftigt sich weiters ein Artikel zu antiken bis neuzeitlichen Gläsern aus Wien (Abb. 5). Mit Hilfe der chemischen Analyse von Glasmassen werden nicht nur technologische Aspekte beleuchtet, sondern auch Produktionskreise eingeschränkt und Handelsbeziehungen aufgezeigt.


Eine bauhistorische Untersuchung der Johanneskirche in Wien, Unterlaa - einer der ältesten Sakralbauten auf Wiener Stadtgebiet, der nach wie vor gerne in karolingische Zeit datiert wird -, schlägt als wahrscheinlicheren Erbauungszeitraum das 12. Jahrhundert vor. Die Argumente stützen sich vor allem auf eine vergleichende Mauerwerksanalyse aufgrund einer umfassenden Fotodokumentation der vor einigen Jahren vom Putz befreiten Kirchenwände (Abb. 6). Weiters wurden die bisherigen Bau- und Grabungsbefunde einer kritischen Revision unterzogen und die Resultate durch eine neuerliche 14C-Analyse einer der Bestattungen im Kircheninneren ergänzt.


Bei der Untersuchung eines textilen Grabfundes aus der ehemaligen Pfarrkirche in Wien, Hütteldorf, handelt sich um eine barocke Geigenkasel, die anlässlich der Kirchengrabung im Jahr 2000 geborgen wurde.
Der Band schließt wie stets mit der Fundchronik, die eine je nach Gewichtung unterschiedlich ausführliche Übersicht über die Grabungen und Begehungen des vergangenen Jahres enthält, die von der Stadtarchäologie Wien durchgeführt wurden.

Fundort Wien 8/2005. Berichte zur Archäologie
Aufsätze
Lisa Liebert/Martin Mosser, Zum archäologischen Informationsservice der Stadtarchäologie Wien.
Christoph Öllerer, Über die Erprobung eines satellitengesteuerten Verortungssystems im Dienste der Archäologie.
Patrizia Donat/Sylvia Sakl-Oberthaler/Helga Sedlmayer et al., Wohnbereiche der canabae legionis von Vindobona. Befunde und Funde der Grabungen Wien 1, Michaelerplatz (1990/1991) - Teil 2.
Günther Dembski/Constance Litschauer, Die antiken Fundmünzen der Grabungen Wien 1, Michaelerplatz (1990/1991).
Sigrid Czeika, Tierreste aus dem römerzeitlichen Wohnbereich am Michaelerplatz, Wien 1.
Sigrid Czeika, Kaninchen in der Römerzeit.
Martin Mosser, Die römischen Truppen in Vindobona.
Ewald Hejl/Martin Mosser, Ein Farbmörser aus dem Legionslager Vindobona.
Kinga Tarcsay, Zu den Rohstoffen und Rezepturen von Gläsern aus Wien - Materialanalytische Untersuchungen.
Martin Penz/Gerhard Reichhalter, Beiträge zur mittelalterlichen Baugeschichte der Johanneskirche in Wien, Unterlaa.
Natascha Müllauer, Der letzte Weg des Dieners Gottes - Die Kasel aus St. Andreas in Wien, Hütteldorf.
Fundchronik
Wien 1, Freyung (Constance Litschauer)
Wien 1, Michaelerplatz 5 - St. Michael (Martin Mosser/Gerhard Reichhalter)
Wien 1, Kohlmarkt 14 (Martin Mosser)
Wien 2, Alexander-Poch-Platz (Christoph Öllerer)
Wien 2, Leopoldsgasse 26 (Ingeborg Gaisbauer/Johannes Groiß)
Wien 3, Klimschgasse 19-21 (Michaela Müller)
Wien 10, Unterlaa - Klederinger Straße (Martin Penz)
Wien 10, Rothneusiedl (Christoph Öllerer)
Wien 13, Lainzer Straße 2/Hietzinger Hauptstraße 21 (Kinga Tarcsay)
Wien 15, Hollergasse 25 (Ingeborg Gaisbauer)
Wien 17, Spitzackergasse 4 (Martin Mosser)
Wien 17, Parhamerplatz/Ortliebgasse 17 (Heike Krause)

FWien 8/2005
ISBN 3-901232-60-5, ISSN 1561-4891
Einzelpreis: EUR 34,-/Abonnement-Preis: EUR 25,60
Schriftentausch per E-Mail: biblioarchae@m07.magwien.gv.at
Auslieferung/Vertrieb: Phoibos Verlag, Anzengrubergasse 16, A-1050 Wien, Austria
E-Mail: office@phoibos.at
© Magistrat der Stadt Wien, MA 7, Referat "Kulturelles Erbe" - Stadtarchäologie
http://www.wien.gv.at/archaeologie
E-Mail: archaeologie@m07.magwien.gv.at


© Magistrat der Stadt Wien, MA 7, Referat "Kulturelles Erbe" - Stadtarchäologie
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