Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 33 / XII / 2004

EINE KURZE GESCHICHTE DER STADTARCHÄOLOGIE WIEN

Der Leitartikel im neuen "Fundort Wien 7" versucht die langjährige Tradition stadtarchäologischer Forschung in Wien knapp zu umreißen, und dabei wird deutlich, dass eine kurze Geschichte nicht ausreicht, alle Facetten aufzuzeigen und alle beteiligten Personen zu würdigen. Dies bleibt wie jedes Jahr den einzelnen Beiträgen überlassen.
Ein Schwerpunkt des jüngsten Jahresberichts der Stadtarchäologie ist der Rekonstruktion des antiken Geländes in der Wiener Innenstadt und deren Visualisierung gewidmet. Ermöglicht wurde sie u. a. durch die geologische Erforschung des Wiener Untergrunds, deren Ergebnisse in einem gesonderten Beitrag vorgelegt werden. Es zeigt sich erneut, dass das heutige Stadtbild, geprägt durch die Straßen Tiefer Graben/Naglergasse/Graben/Rotenturmstraße, in wesentlichen Zügen auf den Verlauf des römischen Befestigungssystems zurückzuführen ist. Demgegenüber ist eine Geländeabbruchkante, die auf ein Hochwasser in spätrömischer Zeit zurückgeht und dem die Nordwest-Ecke des Legionslagers zum Opfer fiel, durch die starke neuzeitliche Verbauung nur noch schwer zu erkennen (Abb. 1).


Ein Artikel widmet sich dem Lagergrabensystem. In dieser bereits dritten Folge zu den Befunden im Legionslager Vindobona (Teil I in FWien 2/1999; Teil II in FWien 4/2001) werden in bewährter Weise die Ergebnisse von Altgrabungen und Baubeobachtungen jüngsten Erkenntnissen gegenübergestellt. Zumindest für einen bestimmten Zeitraum ist ein dreiteiliges Grabensystem, vergleichbar etwa mit Carnuntum, nachweisbar (Abb. 2). Die Gräben waren vermutlich auch Entwässerungs- und Entlastungsgerinne. Kanäle im Ostteil des Lagers geben Hinweis auf eine Abwasserentsorgung über einen an dieser Seite breiteren Graben in Richtung Donau. Auch ist es wahrscheinlich, dass der westlich des Legionslagers vorbeifließende Ottakringer Bach bei Hochwasser - wenn die Wassermengen bis auf das 500fache ansteigen - über die Gräben im Süden und Osten hin zur Donau abgeleitet wurde. So konnten Überschwemmungen innerhalb des Legionslagers verhindert werden.

Im Mittelalter nutzte man den Bestand der römischen Befestigungsanlage in einer noch unzureichend bekannten Form. 1974 konnte im Zuge des Baus der U-Bahnlinie U 1 im Ersten Wiener Gemeindebezirk (Graben 28-30) ein Befund dokumentiert werden, der zwar als Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung erkannt und publiziert wurde, im Detail aber viele Fragen offen lässt.

Das römische Grabensystem wurde nach Aufgabe des römischen Legionslagers zumindest durch den erneuten Aushub eines Grabens (Abb. 3) weiter genutzt. In seiner Verfüllung fand sich laut Auskunft des Grabungsberichts Keramik, die "um 1200" datiert. Dies ist insofern von Bedeutung, als sich damit für die Wissenschaft ein homogenes Bild ergab, in welchem historische Quellen und archäologische Befunde einander optimal ergänzten bzw. wechselseitig bestätigten: In klaren Konturen zeichnete man ein Bild vom Ende der alten, auf römischen Grundlagen basierenden mittelalterlichen Stadtbefestigung "um 1200" und vom Bau einer neuen, größeren und der erweiterten Stadt angepassten Befestigung zur selben Zeit. Finanziert wurde dieser Ausbau durch die Lösegeldzahlung für Richard Löwenherz 1193.
Von historischer Seite ist allerdings der Datierung der Keramik viel zu sehr vertraut worden, die, wie sich nun herausstellte, nur aufgrund einer ersten raschen Sichtung erfolgt war. Außerdem fand sich die angesprochene Keramik nicht nur innerhalb, sondern auch zu Seiten des Grabens. All das lässt die bisher gültige historische Interpretation als zu einfach erscheinen. Macht doch schon eine Zusammenstellung von mittelalterlichen Quellen zur römischen Lagermauer auf den Umstand aufmerksam, dass auch nach der Errichtung der erweiterten Stadtbefestigung Tore der römischen Lagermauer und somit wohl zugleich Tore der ersten mittelalterlichen Stadtbefestigung als noch existent erwähnt werden. Als interessant erweist sich in diesem Zusammenhang die Lokalisierung eines 1277 durch Brand zerstörten Hauses ab extremitate muri iuxta turrim antiquam.
So bestechend die Übereinstimmung von historischen Quellen und Ausgrabungsbefunden auf den ersten Blick auch gewesen sein und deshalb in der wissenschaftlichen Literatur ihren Niederschlag gefunden haben mag, um so wichtiger ist es auf Ungereimtheiten hinzuweisen. Der Artikel "Von Mauer und Graben" zeigt auf, dass eine erneute interdisziplinäre Diskussion gefragt ist, die sich in Abwendung von einem zu engen Terminus ("um 1200") für die Aufgabe der ersten mittelalterlichen Stadtbefestigung Wiens generell mit Stadterweiterungsprozessen auseinander setzen muss.

Weitere Artikel sind dem Nachweis der Keramikherstellung in der Römerzeit im Bereich des heutigen Neuen Marktes (canabae legionis), dem Formenspektrum der pannonischen Glanztonware von der Grabung Michaelerplatz (Abb. 4) und Überlegungen zur Formtradierung in der Keramikproduktion von der Latènezeit bis in die Spätantike gewidmet. Die Fundvorlage eines der zentralen Grabungsprojekte der Stadtarchäologie Wien, die Ausgrabungen auf dem Michaelerplatz, wird im vorliegenden Band mit der Publikation der römischen Wandmalerei ergänzt (Abb. 5).

Die Wiener Innenstadt ist nur eines der Kernthemen stadtarchäologischer Forschung. Wie jedes Jahr beschäftigt sich auch heuer ein Beitrag mit dem 3. Bezirk, auf dessen Gebiet sich die römische Zivilstadt befunden hat. Anhand von Statuenfragmenten wird Einblick geboten in den Iuppiter- und Kaiserkult im municipium Vindobonense. Trotzdem seine Ausdehnung noch immer viele Fragen offen lässt, lohnt sich eine Zusammenstellung der Fundorte dieser Denkmale, da auch so Grundsätzliches z. B. zur Lokalisierung des Forums festgehalten werden kann. Die Zivilstadt ist auch Inhalt einer jüngst erschienenen Monografie der Stadtarchäologie Wien (G. Dembski/M. Zavadil/D. Gabler, Ausgewählte Funde vom Rennweg 44 in Wien. Wiener Archäologische Studien 6 [2004]).
Ergänzend sei noch auf einen Artikel zur hallstattzeitlichen Keramik aus einer Fundbergung in Wien-Oberlaa und auf die Behandlung von Flintensteinen aus dem Schloss Neugebäude in Wien-Simmering hingewiesen. Der letzte Beitrag beinhaltet nicht nur die Ergebnisse zu Machart (Abb. 6: B. Hacquet, Physische und technische Beschreibung der Flintensteine, wie sie in der Erde vorkommen und dessen Zurichtung zum ökonomischen Gebrauch, samt Abbildung der dazugehörigen Werkzeuge [Wien 1792]) und Herkunft der Steine, sondern vermittelt auch ein anschauliches Bild von der Bedeutung der Flintensteinproduktion in der österreichischen Monarchie. So sehr man damals auch nach landeseigener Versorgung mit Rohstoffen trachtete, um sich von der Abhängigkeit v. a. französischer Importe zu lösen, war diesem Vorhaben offensichtlich kein Erfolg beschieden. Das Flintensteindepot aus dem Schloss Neugebäude besteht zu einem Großteil aus französischer Militärware. Deshalb ist ein Zusammenhang mit der Präsenz französischer Truppen während der Belagerung und Einnahme Wiens unter Napoleon nicht abwegig, zumal die Franzosen u. a. im Schloss Neugebäude stationiert waren.

Fundort Wien 7/2004. Berichte zur Archäologie
Michael Schulz, Eine kurze Geschichte der Stadtarchäologie Wien
Sabine Grupe/Christine Jawecki, Geomorphodynamik der Wiener Innenstadt
Rupert Gietl/Michaela Kronberger/Martin Mosser, Rekonstruktion des antiken Geländes in der Wiener Innenstadt
Christine Ranseder, Ausgewählte hallstattzeitliche Keramik aus einer Fundbergung in Wien-Oberlaa
Michaela Kronberger, Zu römischen Töpferöfen in den südlichen canabae legionis von Vindobona: Neuer Markt und Umgebung
Roman Sauer, Die mineralogisch-petrografischen Analysen von Keramik aus Wien 1, Spiegelgasse 11-13 - Töpferofen 2
Izida Pavic, Zum Formenspektrum der pannonischen Glanztonkeramik von Wien 1, Michaelerplatz - Grabungen 1990/91
Ursula Eisenmenger, Wege der Formtradierung - Von Latène bis Spätantike (?)
Nina Willburger, Die römische Wandmalerei der Grabung Wien 1, Michaelerplatz
Marion Großmann, Untersuchungen zum Iuppiter- und Kaiserkult im municipium Vindobonense - Ein Diskussionsbeitrag
Martin Mosser, Befunde im Legionslager Vindobona. Teil III: Das Lagergrabensystem
Ingeborg Gaisbauer, Von Mauer und Graben - Überlegungen zur ersten mittelalterlichen Stadtbefestigung Wiens
Martin Penz/Gerhard Trnka, Ein ehemaliges Flintensteindepot aus dem Schloss Neugebäude in Wien
FWien 7/2004
ISBN 3-901232-52-4, ISSN 1561-4891
Einzelpreis: EUR 34,-/Abonnement-Preis: EUR 25,60
Schriftentausch per E-Mail: biblioarchae@m07.magwien.gv.at
Auslieferung/Vertrieb: Phoibos Verlag, Anzengrubergasse 16, A-1050 Wien,
E-Mail: office@phoibos.at
Magistrat der Stadt Wien, MA 7, Referat "Kulturelles Erbe" - Stadtarchäologie
http://www.wien.gv.at/archaeologie

© Magistrat der Stadt Wien, MA 7, Referat "Kulturelles Erbe" - Stadtarchäologie
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This article should be cited like this: Wiener Stadtarchäologie, Eine kurze Geschichte der Stadtarchäologie Wien, Forum Archaeologiae 33/XII/2004 (http://farch.net).



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