Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 17 / XII / 2000

DIE JÜNGSTEN FORSCHUNGSERGEBNISSE DER STADTARCHÄOLOGIE WIEN.
Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 3/2000

"Fundort Wien" - vor 3 Jahren als Publikationsplattform stadtarchäologischer Forschung ins Leben gerufen - hat sich mit dem vorliegenden Band endgültig als Medium durchgesetzt, das all jene wissenschaftlichen Sparten vereint, die einen Beitrag zur Stadtgeschichte Wiens leisten können. Naturwissenschaftliche Untersuchungen finden hier ebenso Raum wie archäologisch-historische Themen. Der zeitliche Bogen spannt sich von der Urgeschichte ("Ein Werkzeug zur Verzierung hallstattzeitlicher Keramik") bis in die jüngere Vergangenheit ("Luftschutzeinrichtungen in den Kellern der Wiener Innenstadt").

Mit der Endpublikation einer Grabung in der Eslarngasse, die unter Einbeziehung von Altfunden einen Überblick zur Siedlungsentwicklung von den Kelten bis ins 20. Jh. bietet, konnte einmal mehr die Lokalisierung der römischen Zivilstadt im 3. Wiener Gemeindebezirk bestätigt werden. Sie war bis weit ins 2. Jh. befestigt. Der umfassende Artikel zu den Kleinfunden beleuchtet unter anderem kulturhistorisch interessante Details zum Wiener Bürgertum des 18. und 19. Jhs., liefert aber auch wichtige Informationen zu Herstellung und Handel neuzeitlicher Keramik im Donauraum.
Die Aufdeckung des Grabes eines awarischen Reiterkriegers am Aspangbahnhof war Anlass für einen längeren Exkurs über Bestattungssitten des 7. und 8. Jhs. Für einen hier gefundenen Peitschenknauf (Abb. 1), der als Beigabe auch in anderen awarischen Gräbern in Österreich und Ungarn begegnet, konnte mittels naturwissenschaftlicher Methoden die Verwendung von Elfenbein glaubhaft dargelegt werden.


Abb. 1: Awarischer Peitschenknauf
(Foto: R. L. Huber)

Abb. 2: Palazzo Vecchio -
Fresko aus dem Jahr 1565 mit einer Ansicht von Schloss Kaiserebersdorf
(Foto: M. Schulz)

Zu der mehrjährigen Forschungstätigkeit am Judenplatz, die nicht nur die Überreste der 1420/21 zerstörten Synagoge zutage förderte, gibt es auswertende Beiträge zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Baustrukturen im Haus Nr. 8 und zu Funden aus dem Judenviertel. So fällt besonders das beinerne Fragment einer Spiegelfassung mit der Darstellung eines Ritters auf. Es kann als Hinweis auf das mittelalterliche Spieglerhandwerk in Wien wie auch als Zeugnis für die weit verbreitete Sitte der Liebesgaben verstanden werden.
Über die Untersuchungen im Zentrum Wiens spannt sich der Bogen weiter zum ehemaligen Habsburger Jagdschloss Kaiserebersdorf (Abb. 2) in Simmering. Der Kern des heute kaum beachteten Bauwerks war Vorlage für die Darstellung der Anlage innerhalb eines 1565 geschaffenen Freskenzyklus im Palazzo Vecchio in Florenz. Die schriftlichen Quellen belegen - aus heutiger Sicht erheiternd - den Streit adeliger Grundherren um die als Jagdbeute heiß begehrten Wildschweine in den Donauauen.

Abb. 3: Römisches Lichthäuschen/Räuchergerät aus Wien, Unterlaa (Foto: R. L. Huber)
Abb. 4: Freilegen des Augustiner-Turmes der Babenberger Stadtmauer (Foto: R. L. Huber)

Eine umfangreiche Fundchronik (Abb. 3) zu den Grabungen und Funden des Jahres 1999 schließt wie gewohnt den Band ab. Die Entdeckung des "Augustinerturmes" (Abb. 4), als letzter Rest der ehemaligen Babenbergischen Stadtmauer, ist darunter hervorzuheben.

Beiträge:
E. H. Huber, Die awarischen Gräber vom Aspangbahnhof im 3. Wiener Gemeindebezirk
S. Czeika, Das Pferdeskelett aus dem awarischen Reitergrab vom Aspangbahnhof, Wien
S. Czeika/G. Kleinecke/J. Weber, Der Peitschenknauf aus dem awarischen Reitergrab vom Aspangbahnhof, Wien
R. L. Huber, Grabungsallstag - Bildreportage
U. Eisenmenger/E. Eleftheriadou, Ein neues Schlangengefäß aus dem Legionslager Vindobona
I. Krueger, Erstmals aus Wien: Fragmente mittelalterlicher Spiegelfassungen
S. Czeika, Der Hund vom Judenplatz - eine archäozoologische Studie
E. Wahl, Das barocke Dachwerk des Hauses Judenplatz 8 in der Altstadt von Wien
D. Schön/I. Gaisbauer, ... und jenseits der Straße beginnt das Judenviertel. Zu spätmittelalterlichen Parzellenstrukturen in Wien 1, Kurrentgasse 4-8
M. Müller, Römische und neuzeitliche Funde aus Wien 3, Eslarngasse 20. Zur Befestigung der Zivilstadt von Vindobona
A. Kaltenberger, Das Fundmaterial der Grabung Wien 3, Eslarngasse 20
S. Czeika, Tierknochenfunde aus der Eslarngasse 20 im 3. Wiener Gemeindebezirk
Ch. Ranseder, Ein Werkzeug zur Verzierung hallstattzeitlicher Keramik
K. Adler-Wölfl/R. Sauer, Dachaufsatz, Lichthäuschen oder Räuchergerät? Zu einer keramischen Objektgruppe aus dem römischen Siedlungskomplex in Unterlaa
I. Lindner/M. Schulz, Die Bedeutung der Hochzeit von Johanna von Österreich und Francesco de Medici für die Bauforschung am Schloss Kaiserebersdorf
Th. Just, Kaiser Maximilian I und die Wildschweine aus den Praterauen - Kaiserebersdorf als Jagdschloss und Tiergehege der Habsburger
M. La Speranza, Luftschutzeinrichtungen in den Kellern der Wiener Innenstadt

FWien 3, 2000
ISBN 3-9500492-9-0, ISSN 1561-4891
ATS 469,-/DEM 64,80/EUR 34,-
Zu beziehen beim Phoibos Verlag
Lagernd bei Buchhandlung Morawa Plankengasse, Wien 1
Schriftentausch über e-mail: GRU@gku.magwien.gv.at

© Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie
e-mail: GRU@gku.magwien.gv.at

This article will be quoted by Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Die jüngsten Forschungsergebnisse der Stadtarchäologie Wien. Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 3/2000, Forum Archaeologiae 17/XII/2000 (http://farch.net).



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