Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 100 / IX / 2021

DAS BEFREITE GRIECHENLAND UND DIE KLASSISCHE ANTIKE (1821–2021) /
Η απελευθερωμένη Ελλάδα και η κλασική αρχαιότητα (1821–2021)

In diesem Jahr feiert Griechenland den 200. Jahrestag des Beginns seines Befreiungskampfs gegen die Herrschaft der Osmanen. Das Institut für Antike der Universität Graz und das Universalmuseum Joanneum nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, um das internationale Symposium „Das befreite Griechenland und die klassische Antike / Η απελευθερωμένη Ελλάδα και η κλασική αρχαιότητα (1821–2021)“, unter der Ägide der Botschaft der Hellenischen Republik in Österreich, vom 16. bis zum 18. September 2021 in Graz zu veranstalten.
Im Jahr 1453 markierte die Eroberung von Konstantinopel das Ende der mittelalterlichen griechischen Kultur des Byzantinischen Reichs und den Beginn der osmanischen Herrschaft in Griechenland. Nach einer langen Reihe von Erhebungen gegen die Osmanen brach die Griechische Revolution am 25. März 1821 aus und wurde zweifellos zu einem zentralen Ereignis der neugriechischen Geschichte von gesamteuropäischer Bedeutung. Der Unabhängigkeitskrieg (1821–1829) speiste sich aus den liberalen Idealen der europäischen Aufklärung und orientierte sich an demokratischen Bestrebungen. Der Aufstand der Griechen führte im Endeffekt zur Freiheit und Selbstbestimmung des Volkes und öffnete gleichzeitig den Weg für den Aufbau eines modernen Staats (1830).
Seit dem Ende des 18.Jahrhunderts entwickelte sich der Philhellenismus in Europa, eine ideologische und politische Bewegung, der vor allem auf der Bewunderung der klassischen Antike beruhte und wesentlich zur Unterstützung für die Befreiung Griechenlands führte. In dieser Zeit suchten viele Gelehrte, Reisende, Altertumsforscher und Künstler des Klassizismus suchten nach den Spuren des kulturellen Erbes und sammelten antike Kunstwerke. Die Entdeckung bedeutender Monumente in antiken Stätten war eine treibende Kraft für die ideologische Vorbereitung der Revolution und trug zum Bewusstsein ihrer bedeutenden historischen Vergangenheit bei den Griechen bei. Das Grazer Symposium umfasst Vorträge griechischer, österreichischer und deutscher Wissenschaftler*Innen aus den Disziplinen: Geschichte, Politikwissenschaft, Archäologie, Kunstgeschichte und Philologie. Ziel des Symposiums ist es, den Facettenreichtum des Griechischen Befreiungskampfs und dessen Folgewirkungen auf Europa, 200 Jahre nach seinem Ausbruch, zu beleuchten. Darüber hinaus werden verschiedene Ausdrucksformen des Philhellenismus vorgestellt und diskutiert, darunter auch die Entwicklung der Erforschung der klassischen Antike, da sich gerade die Archäologie hiervon ausgehend zu einer anerkannten Wissenschaft entwickeln konnte.

Η Ελλάδα γιορτάζει φέτος 200 χρόνια από την έναρξη της Ελληνικής Επανάστασης εναντίον του οθωμανικής κυριαρχίας. Με αφορμή αυτή την επέτειο, το Ινστιτούτο Κλασικών Σπουδών του Πανεπιστημίου Γκρατς και το Universalmuseum Joanneum διοργανώνουν διεθνές συνέδριο με τίτλο „Das befreite Griechenland und die klassische Antike / Η απελευθερωμένη Ελλάδα και η κλασική αρχαιότητα (1821–2021)“, υπό την αιγίδα της Πρεσβείας της Ελλάδος στην Αυστρία, στις 16.–18. Σεπττεμβρίου 2021 στο Γκρατς.
Η Άλωση της Κωνσταντινούπολης το 1453 σηματοδότησε το τέλος του μεσαιωνικού Ελληνισμού της Βυζαντινής Αυτοκρατορίας και την αρχή της οθωμανικής κυριαρχίας στην Ελλάδα. Κατόπιν μακρών εξεγέρσεων κατά της Οθωμανικής Αυτοκρατορίας, ξέσπασε στις 25. Μαρτίου 1821 η Ελληνική Επανάσταση, κορυφαίο γεγονός της νεοελληνικής ιστορίας με πανευρωπαϊκή σημασία. Ο Απελευθερωτικός Αγώνας (1821–1829) γεννήθηκε μέσα στα φιλελεύθερα ιδεώδη του Ευρωπαϊκού Διαφωτισμού και προσανατολίστηκε σε δημοκρατικές δοξασίες. Η εξέγερση των Ελλήνων οδήγησε εν τέλει στην ελευθερία και αυτοδιάθεση του λαού και παράλληλα χάραξε το δρόμο για τη δημιουργία ενός σύγχρονου κράτους (1830).
Ο Φιλελληνισμός που αναπτύχθηκε από τα τέλη του 18ου αι. στην Ευρώπη, ένα ιδεολογικό και πολιτικό κίνημα, βασίστηκε κυρίως στον θαυμασμό της κλασικής αρχαιότητας και οδήγησε στην ουσιαστική υποστήριξη για την απελευθέρωση της Ελλάδας. Την ίδια περίοδο πολλοί μελετητές, περιηγητές, αρχαιολάτρες και καλλιτέχνες του Κλασικισμού αναζητούσαν τα χνάρια της πολιτιστικής κληρονομιάς και συνέλεγαν έργα τέχνης. Η ανακάλυψη σημαντικών μνημείων σε αρχαίες θέσεις αποτέλεσε κινητήρια δύναμη για την ιδεολογική προετοιμασία της Επανάστασης και συνέβαλε στη συνειδητοποίηση του σπουδαίου ιστορικού παρελθόντος των Ελλήνων.
Το συμπόσιο του Γκρατς αποτελείται από ομιλίες Ελλήνων, Αυστριακών και Γερμανών επιστημόνων από τους κλάδους: Ιστορίας, Πολιτικών Επιστημών, Αρχαιολογίας, Ιστορίας της Τέχνης και Φιλολογίας. Στόχος του συμποσίου είναι να διαφωτίσει πολύπλευρα τον Απελευθερωτικό Αγώνα των Ελλήνων και τις συνέπειές του στην Ευρώπη, 200 χρόνια μετά την έναρξή του. Επιπλέον, θα παρουσιαστούν και θα συζητηθούν διάφορες μορφές έκφρασης του Φιλελληνισμού, καθώς και η εξελικτική πορεία για την έρευνα της κλασικής αρχαιότητας, μέσω της οποίας η Αρχαιολογία κατάφερε να καθιερωθεί ως αναγνωρισμένη επιστήμη.


Donnerstag, 16. September 2021

Begrüßung durch die VeranstalterInnen
Elli Papazoi – Karl Peitler – Peter Scherrer
Grußworte der Botschafterin der Hellenischen Republik in Österreich
Catherine Koika
Grußworte des Rektors der Universität Graz
Martin Polaschek
Grußworte der Vizedekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät
Sonja Rinofner
Grußworte der Stadt Graz


Ariadni Moutafidou, Fernuniversität Patras
Der griechische Unabhängigkeitskrieg und Europa
Ziel dieser Präsentation ist es, Grundentwicklungen des Griechischen Unabhängigkeitskriegs darzustellen, seine Auswirkungen auf Europa bzw. wie sich diese Auswirkungen in der internationalen Großmachtpolitik, aber auch im Philhellenismus widerspiegeln. Außerdem geht es darum, die Rolle der Antiquitäten im Befreiungskampf, im Nationalbewusstsein und in der Entstehung und Etablierung des freien Griechenlands an einigen charakteristischen Beispielen zu erläutern.
Der griechische Unabhängigkeitskampf beeinflusste die europäische und sogar die Welt-Geschichte jener Zeit. Das Leben von Hunderten von Philhellenen, die in Griechenland kämpften, war auf die eine oder andere Weise von den napoleonischen Kriegen geprägt worden. Der Philhellenismus selbst entstand im Schatten des illiberalen politischen Konsens’, der die europäischen Regierungen nach der Niederlage Napoleons beherrschte. Der griechische Befreiungskrieg stellt einen Wendepunkt zwischen den gescheiterten liberal-nationalen Revolutionen in Spanien und Italien zu Beginn der 1820er Jahre und den erfolgreichen Revolutionen in Frankreich und Belgien 1830 dar.
Der Fall Griechenland wurde aber auch nicht nur als erster Fall humanitärer Intervention betrachtet, sondern ist das Sprungbrett für die Entstehung des neuen Konzepts und hat auch Auswirkungen auf die Entwicklung internationaler Normen und Verhaltensregeln in Fällen humanitärer Not in vielerlei Hinsicht. Eine Welle neuer historischer und politikwissenschaftlicher Literatur zur Erforschung des modernen Humanismus und der ‚Vorgeschichte‘ der Menschenrechte bringt den Philhellenismus und den griechischen Unabhängigkeitskrieg in eine herausragende Stellung als erste europäische humanitäre Mobilisierung in der Zeitspanne von der Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers von 1789 bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 seitens der Vereinten Nationen. Auch im griechischen Falle sehen wir nicht nur die Verschmelzung von humanitärem und liberalem Milieu, sondern auch die zentrale Rolle religiöser und moralischer Imperative (die sogenannte ‚Mobilisierung der Empathie‘) bei der Gestaltung der politischen Praktiken des 19.Jahrhunderts.
Für die heutige Forschung stellt außerdem der europäische Philhellenismus als Ausdrucksform zivilgesellschaftlicher Mobilisierung und frühliberaler, nationaler Freiheitsbestrebungen, aber auch als Kooperationsprojekt mit internationalem Charakter und als staatspolitisches Modernisierungsprogramm eine Frühform europäischer Integration dar.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der griechische Befreiungskampf Europa weitreichend verändert und geprägt hat.

Lampros Flitouris, Universität Ioannina
The European secret movements during the Greek struggle for freedom
The creation of secret revolutionary organizations was one of the most interesting developments in the long course of the nations of Europe towards their self-consciousness and their emancipation. The phenomenon will find suitable ground and impact on the peoples living under the rule of the Ottoman Empire. Strongly influenced by the organization of the Jacobins of the French Revolution, the masonic lodges and the revolutionary organizations of the Carbonari, the Greeks who want for their national restoration will be politicized and will look for forms of organization of their action. Despite the ineffective Napoleonic adventure, the seeds of 1789 had managed to take root on the European continent. Revolutionary fermentations were still taking place and secret societies aspired to overthrow the Old Regime that had returned. The mismatch that had been established between social developments and political powers had allowed the rise of the secret revolutionary companies, which were inspired by the ideas of liberalism, democratic radicalism, and nationalism. Following organizational patterns that referred to forms of conspiratorial action that had developed in the context of the French Revolution but also in the Masonic lodges, they managed to penetrate various social classes and mobilize heterogeneous populations.
The outcome of the revolutionary movements of this period marked the beginning of a new era, in which the subjects of the persecuted revolutionary ideas would put their priorities in a new hierarchy. Thus, national restoration would be put forward in the face of a radical social reconstruction as was done to some extent with the examples of Italian and German unification from 1848 onwards. The Greek Revolution, although a European event belonging to the era of revolutions, was forced to adapt, compromise and perhaps even self-destruct as radical to survive. European liberalism in the 1820s was defeated but the Revolution of 1821 managed to cause the first major rift in the Sacred Alliance and the totalitarianism of Europe.

Autorenlesung
Richard Schuberth
„Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des Griechischen Unabhängigkeitskrieges“
Der Griechische Unabhängigkeitskrieg (1821–29): eine Rebellion, bei der nichts so war, wie es schien. Er zog tausende Philhellenen aus allen Teilen Europas an: Schwärmer, Narren, Hochstapler, Gauner, Idealisten – unter ihnen der Dichter Lord Byron.
Vor Ort zerschellten ihre Illusionen an der griechischen Realität: Der »Freiheitskampf« wurde von Banditenbanden, Warlords und Großgrundbesitzern geführt, die muslimische und jüdische Bevölkerung wurde in den ersten Kriegsmonaten ermordet oder vertrieben, die Osmanen verwalteten lediglich ihr erodierendes Reich und die britischen Kreditgeber agierten als eigennützige Spekulanten.
Richard Schuberth erzählt die Geschichte des Krieges in scharfer Abkehr von nationalen Deutungen – als epische Tragikomödie, die vor allem zu unvorstellbarem Leid der Bevölkerung führte. Seine Studie zeigt die verschiedenen Facetten des Krieges und seiner Protagonisten auf und deutet den Konflikt als »Nabelbruch der Moderne«, in dessen Verlauf viele Topoi und Ideologien unserer Zeit ihren Auftritt hatten: Seien es Medienpropaganda, Orientalismus oder Nationalismus.

Empfang und Besuch der Archäologischen Sammlungen der Universität Graz


Freitag, 17. September 2021

Hannes D. Galter, Universität Graz
Joseph von Hammers Kommentare zum griechischen Unabhängigkeitskrieg

Joseph von Hammer (damals noch nicht “Purgstall”) äußerte sich im Frühjahr 1821 mehrfach öffentlich und positiv zum Freiheitskampf der Griechen. Diese Kommentare bildeten das letzte Glied in der Kette seiner Konfrontationen mit Metternich, die letztlich dazu führten, dass er die angestrebte Stelle als Internuntius in Konstantinopel nicht erhielt. Hammers Sicht basierte auf seinem persönlichen Orientbild, das geschichtsverklärend die Gegenwart des Osmanischen Reichs als Zeit des Niedergangs betrachtete, und auf seiner Freundschaft mit Persönlichkeiten wie Gräfin Edling-Sturdza oder Lord Strangford, dem britischen Gesandten in Konstantinopel, die der imperialen osmanischen Politik äußerst kritisch gegenüberstanden. Hammer befand sich damit in krassem Gegensatz zur Orientpolitik Metternichs, die von einem möglichen und notwendigen Wiedererstarken des Osmanischen Reichs ausging.
Metternich stellte Hammer in dieser Zeit völlig kalt, was diesem die Gelegenheit gab, mit seiner monumentalen Geschichte des Osmanischen Reichs zu beginnen. Der Staatskanzler wandte sich erst 1825 wieder an ihn, als er durch Zufall in den Besitz des legendären Amuletts kam, das Lord Byron, Galionsfigur und Idol der philhellenischen Bewegung, bis zu seinem Tod am 19. April 1824 in Mesolongi am Körper trug. Hammer fertigte für Metternich eine Übersetzung und Deutung dieses osmanischen Amuletts an.

Karl Peitler, Universalmuseum Joanneum Graz
Gott aber führte sie bis nach Graz. Bemerkungen zur Porträtserie der griechischen Freiheitskämpfer in der Medaillensammlung des Universalmuseums Joanneum
Eine Besonderheit der Medaillensammlung des Universalmuseums Joanneum ist eine Suite von zwölf Arbeiten des deutschen Medailleurs Conrad Lange (1806–1856), die Persönlichkeiten und Ereignissen des griechischen Freiheitskampfes gewidmet ist. Im Vortrag wird darauf eingegangen, welche Vorbilder und Quellen Lange bei der Gestaltung der Vorder- und Rückseiten der Medaillen verwendete. Darüber hinaus wird den Fragen nachgegangen, wie diese Medaillen nach Graz gelangten und warum die Namen der Freiheitskämpfer beinahe auf der Fassade des Eisernen Hauses am Südtiroler Platz verewigt worden wären.

Elisabeth Trinkl, Universität Graz
Die Philhellenen im Hause von Prokesch von Osten und im Athen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Der Philhellenismus basierte auf einer guten Kenntnis der antiken Schriftquellen und entwickelte gegen Ende des 18.Jahrhunderts Griechenland als völlig idealisierte Sehnsuchtswelt. Ähnlich war es zuvor Italien und Sizilien ergangen, Regionen, die man inzwischen begonnen hatte, sich auf der Grand Tour zu erschließen. Griechenland selbst wurde um 1800 von europäischen Reisenden jedoch eher selten besucht. Das idealisierte Griechenland sollte schließlich auch durch die aktive – militärisch und/oder finanziell unterstützt – Teilnahme am Griechischen Freiheitskampf in einen unabhängigen Staat umgesetzt werden. Diesen Traum träumte auch der Grazer Anton Prokesch (1795–1876), wollte er doch 1819 „den Säbel zum Wohl der Griechen, zum Untergang der Barbarei“ ziehen; eine progriechische Haltung, die nicht nur im Staate Metternichs sondern auch von den anderen europäischen Mächten nicht gerne gesehen wurde.
Für viele wurde der Traum jedoch zum Alptraum, und der philhellenische Gedanke auf politischer Ebene wurde auf ein Interesse an der alten griechischen Kultur zurückgestutzt; dem zeitgenössischen Griechenland wurde Skepsis wenn nicht sogar Ablehnung entgegengebracht. Ähnlich ernüchtert war auch Prokesch, als er 1825, nach einem knappen halben Jahr in Griechenland reisend, schrieb, „dies Volk, das sich des Namens der Hellenen anmaßt, mit den Erinnerungen des Bodens nichts gemein hat.“ Er reist deswegen in die Levante und nach Ägypten weiter und entwickelt eine „Osmanophilie“, wie es D. Bertsch nennt, der sich bisher am intensivsten mit der vielschichtigen Figur des bis in den Grafenstand aufgestiegenen Anton Prokesch befasste. Dennoch nimmt er 1834 den Posten des Gesandten der Monarchie in Athen an, um 15 Jahre zu bleiben.
In Athen und auf seinen ausgedehnten Fahrten durch Griechenland begegnete er vielen Durchreisenden, manche von ihnen blieben; die meisten kamen, wie Prokesch, mit einer ausgeprägten philhellenischen Gesinnung, viele wurden ebenso ernüchtert wie er. Unter den zahlreichen Kontakten von Prokesch von Osten sollen für eine Skizzierung der Lage in Athen rund um die Unabhängigkeit Griechenlands drei Persönlichkeiten herausgegriffen werden, deren Wirken kaum unterschiedlicher sein könnte: Georg Christian Gropius (1776–1850), Gesandter und Geschäftsmann, Hermann von Pückler-Muskau (1785–1871), durchreisender Gartenarchitekt, und Ludwig Ross (1806–1859), Philologe und Archäologe. Alle drei verbindet mit Prokesch, in dessen Haus sie oft zu Gast waren, ein sehr großes Interesse an der Antike und ein kultureller Philhellenismus, den sie von den zeitgenössischen politischen Entwicklungen unterscheiden.

Stephan Karl, Universität Graz – Daniel Modl, Universalmuseum Joanneum Graz
Erzherzog Johann von Österreich in Athen. Eine frühe Beschreibung der Athener Akropolis aus dem Jahr 1837 in Text und Bild
Im Spätsommer des Jahres 1837 reiste Erzherzog Johann (1782–1859) in diplomatischer Mission zu militärischen Manövern nach Südrussland. Sein Rückweg in die Heimat führte ihn durch das Osmanische Reich und das junge Königreich Griechenland, wobei er jeweils mehrere Tage in Konstantinopel und Athen verbrachte. In Athen besuchte er zahlreiche antike Sehenswürdigkeiten, darunter die Akropolis, die Hügel Philopappos, Pnyx und Areopag, das Hephaisteion, die Hadriansbibliothek, den Turm der Winde und den Tempel des Olympischen Zeus mit dem Hadrianstor.
Besonders beeindruckt zeigte sich Erzherzog Johann von den Bauten auf und am Hangfuß des Akropolis-Felsens, allen voran vom Parthenon, wovon einerseits seine fünf Seiten lange und mit kleinen Skizzen versehene Beschreibung in seinem Reisetagebuch zeugt, aber auch ein Konvolut von insgesamt zehn Aquarellen aus der Hand seines mitreisenden Kammermalers Thomas Ender (1793–1875). Neben Landschaftspanoramen mit dem Akropolis-Felsen fertigte Ender auch diverse Ansichten des Parthenons, des Erechtheions, der Propyläen und des Odeion des Herodes Atticus an.
Zusammen bilden Tagebuch und Aquarelle eine überaus wertvolle archäologische Bestandsdokumentation für die Athener Akropolis während der dort einsetzenden Aufräumungs- und Restaurierungsarbeiten. Auch Erzherzog Johann erkannte das wissenschaftliche und touristische Potenzial des Athener Burgbergs, wenn er in seinem Tagebuch am 2. November 1837 notierte: „[…] kein tag vergehet, ohne daß etwas gefunden wird; hier ist nichts anderes zu thun, als Erde und Schutt bis auf den festen Felsboden aufzuräumen, die Fünde zusammen zu tragen, die Trümmer bey den Gebäuden, wohin sie gehören, aufzustellen […]; alles einmal aufgeräumet, so glaube ich zuversichtlich […], daß man mit geringen Ergänzungen, diese herrlichen Gebäude wird wieder herstellen können […]; die Acropolis so hergestellet, würde dann das schönste Denkmahl des Alterthumes werden.“

Gabriele Koiner, Universität Graz
Von Schliemann bis Schörgendorfer: Deutsch-österreichische Interessen in Kreta und die Rolle der griechischen Archäologie
Die Entdeckung des minoischen Palastes von Knossos durch Grabungen des kretischen Kaufmanns Minos Kalokairinos im Jahr 1878 rief auch Heinrich Schliemann auf den Plan, der 1886 das Gelände des Palastes besuchte und die Bedeutung des Platzes erkannte. Mehrere Versuche, das Grundstück anzukaufen, scheiterten nicht nur an den überzogenen und wechselnden Preisvorstellungen, sondern auch an der explosiven politischen Situation Kretas in seiner Ablösephase vom Osmanischen Reich und zuletzt am Tod Schliemanns 1890. Siegreich aus dem Kampf verschiedener Nationen um Knossos ging der Waliser Arthur Evans hervor, der seine Grabungen und Ergebnisse großzügig anderen Nationen öffnete. Ab der Wende zum 20.Jh. entfalteten sich auch an anderen Orten rege Grabungstätigkeiten, ermöglicht durch die kretischen Archäologen Joseph Hatzidakis und Stephanos Xanthoudides, mit deren Unterstützung die Amerikanerinnen Harriet Boyd und Edith Hall (Gurnia), die Italiener Federico Halbherr, Luigi Pernier, Roberto Paribeni (Gortyn, Phaistos, Ag. Triada) und die Franzosen Joseph Demargne, Adolphe Reinach (Lato), Ferdinand Chapoutier (Mallia) Ausgrabungen durchführten. Allein deutsche und österreichische Archäologen zielten nicht auf einen Grabungsplatz in Kreta ab. Grund dafür waren vielleicht die umfangreichen Engagements des Deutschen Archäologischen Instituts am griechischen Festland in Olympia und Tiryns, am Kerameikos in Athen, im Heraion von Samos sowie in den westkleinasiatischen Städten Pergamon, Priene, Milet. Dennoch behielt die deutschsprachige Archäologie die Entwicklungen in Kreta stets im Auge, veröffentlichte in ihren Publikationsorganen die neuesten Grabungsergebnisse, nahm selbst, wie Georg Karo, an Grabungen in Kreta teil und engagierte sich in Kunst- und Architekturgeschichte (die Archäologen Wilhelm Dörpfeld, Georg Karo, Gerhart Rodenwaldt, Kurt Müller, Ferdinand Noack, Franz Winter, Diedrich Fimmen, Camillo Praschniker, Alois Gotsmich, Friedrich Matz, Emil Kunze, Helmuth Theodor Bossert und der Althistoriker Fritz Schachermeyr).
Das Ende der osmanischen Herrschaft ermöglichte die Gründung des Archäologischen Museums in Candia, heute Heraklion, und sicherte damit den Verbleib der Funde in Kreta. Dort hergestellte Gipsabgüsse prominenter Objekte wurden auch von der Universität Graz bereits 1912 unter dem Ordinarius Rudolf Heberdey angekauft.
Als im Jahr 1941 Kreta von Truppen der deutschen Wehrmacht erobert wurde, sahen Teile der deutschsprachigen Archäologie die Chance gekommen, auf der Insel Grabungen durchführen und Funde akquirieren zu können. Dies geschah, unter dem Kommando der Wehrmacht, einerseits in der Person August Schörgendorfers, der von Arnold Schober die Interessen der Universität Graz vertreten sollte, andererseits durch das Archäologische Institut des Deutschen Reichs unter der Koordination von Friedrich Matz, Universität Marburg, und dem ersten Sekretär der Abteilung Athen, Walther Wrede, und unter Beteiligung von Ulf Jantzen und Gabriel Welter. Mit dem Verlauf des Kriegsgeschehens fanden die Aktivitäten Ende 1942 jedoch ein jähes Ende. Die Ergebnisse der Teilprojekte wurden von Friedrich Matz 1951 veröffentlicht. Der Ephoros Nikolaos Platon konnte ärgste Schäden durch Einmauern von Funden verhindern und dokumentierte nach dem Krieg die Fehlbestände und Zerstörungen. In den ersten Nachkriegsjahren wurde ein Teil der ins Dritte Reich verbrachten Funde dem Archäologen Spyridon Marinatos übergeben. Die von Generalmajor Julius Ringel 1941 aus der Villa Ariadne in Knossos geraubten und Arnold Schober für das Grazer Institut übergebenen Funde wurden 2017 dem griechischen Staat restituiert.

Ute Lohner-Urban, Universität Graz
Die Wiederentdeckung der Antike durch Forschungsreisende im Osmanischen Reich und deren Auswirkung
Einen wesentlichen Beitrag zur philhellenischen Bewegung leisteten die europäischen Griechenlandreisenden seit dem 17. Jahrhundert. Das Ziel war es basierend auf ihren klassischen Studien an den europäischen Universitäten, das antike Griechenland zu entdecken. Diese trugen insofern einen wesentlichen Teil zur Befreiung Griechenlands bei, indem sie auf die Situation der zeitgenössischen Griechen aufmerksam machten. Sie wiesen vor allem auf die Armut und die minimale Bildung der ländlichen griechischen Bevölkerung hin. Der Reisebericht von Pierre Augustin Guys aus dem Jahr 1771 Voyage littèraire de la Grèce erklärte erstmals die zeitgenössischen Griechen zu den Nachfolgern ihrer berühmten Vorfahren. Der 1770 initiierte erste Aufstand der Griechen gegen das Osmanische Reich wurde in Guys‘ Bericht so als legitimer Befreiungskampf dargestellt.
Für die archäologische Forschung in Griechenland wichtig waren die von 1804 bis 1811 durchgeführten Reisen des englischen Oberst Martin William Leake. Zeitgleich forschten in Griechenland auch der irische Archäologe Edward Dodwell (A Classical and Topographical Tour in Greece During the Years 1801, 1805 and 1806), sowie der Schotte Sir William Gell oder der Nürnberger Carl Haller von Hallerstein.
Indem die Forschungsreisenden ihre literarischen und wissenschaftlichen Werke einem breiten europäischen Publikum bekannt machten, trugen sie auch zum Erwachen des nationalen Bewusstseins bei den Griechen selbst bei. Unterstützt wurde das Entstehen des griechischen Nationalbewusstseins auch durch in Europa lebende Griechen, die wichtige Schriften der französischen Aufklärung ins Griechische übersetzten.
Auch in der heutigen Türkei wuchs gegen Ende des 18.Jahrhunderts bzw. im 19.Jahrhundert das Interesse an den antiken Stätten. Bekannt wurden die Ausführungen von Francis Beaufort, einem britischen Admiral, der in den Jahren 1811 und 1812 den Auftrag hatte, die kleinasiatische Küste zu vermessen. Die zahlreichen antiken Orte erweckten sein Interesse so sehr, dass er 1817 das Buch A Brief Description of the South Coast of Asia Minor and the Remains of Antiquity verfasste, das in Europa im Zuge des philhellenischen Geistes reißenden Absatz fand. Viele europäische Länder initiierten im 19. Jahrhundert Forschungsreisen nach Kleinasien. Hier sei exemplarisch für zahlreiche Forschungsreisende die Expedition von Karl Graf Lanckoroński genannt, der auf eigene Kosten eine Reise durch die Südtürkei durchführte und diese in zwei Bänden dokumentierte (Städte Pamphyliens und Pisidiens im Jahr 1892). Gleichzeitig entstand auch im Osmanischen Reich durch eine bürgerlich, westlich orientierte (osmanische) Bevölkerungsgruppe das Bewusstsein für die antiken Stätten verbunden mit einem Nationalstolz. Getragen wurde diese Strömung von Osman Hamdi Bey, der den europäischen Forschern insofern Einhalt gebot, als er für die zahlreichen archäologischen Objekte das Archäologische Museum in Istanbul gründete. Osman Hamdi Bey war auch maßgeblich an dem 1884 erlassenen Antikengesetz beteiligt, in dem alle Altertümer des Osmanischen Reiches zum Staatsbesitz erklärt wurden. Alle im Zuge einer Ausgrabung zu Tage getretenen Funde wurden zunächst dem archäologischen Museum zugesprochen mit dem Ziel die unkontrollierte Ausfuhr antiker Kulturgüter zu verhindern. Somit wurde das archäologische Museum eine Art „Staatsmuseum“ und zur Zentralstelle für das osmanische Antikenwesen.

Empfang im Planetengarten im Schloss Eggenberg


Samstag, 18. September 2021

Hannes Heppner, Universität Graz
Die griechische Revolution und Europa: Einst und jetzt
„Europa“ in den 1820-er Jahren bestand einerseits aus den damaligen Großmächten (Frankreich, England, Österreich, Russland, Preussen), die sich vornahmen, die Internationalen Beziehungen (nicht nur am Kontinent) steuern zu wollen, und andererseits aus den Trägern der damaligen „Öffentlichen Meinung“ (gebildete und untereinander teilweise vernetzte Kreise). Beide Faktoren hatten 1821 die Ära Napoleon noch in zeitnaher Erinnerung, der mit dem Wiener Kongress 1814/15 ein Ende gesetzt wurde. Glaubte man damals, die Kriegsfurie begraben zu haben, keimten an vielen Stellen Europas aber Emanzipationsbewegungen auf, die das Karussell der internationalen Aufmerksamkeit erneut in Rotation versetzten.
Der 1821 ausbrechende griechische Aufstand (dass daraus eine Revolution werden würde, war anfangs noch nicht abzusehen) war daher nur eines von vielen Themen, die „Europa“ damals beschäftigten. In den ersten Jahren der hellenischen Widerstandsbewegung (Schwerpunkt Peloponnes) blieb es im wesentlichen bei der Beobachtung von außen, ehe die Niederlagen der Aufständischen dann doch zum Eingreifen Anlass gaben, was nicht nur die Besiegung der osmanischen Streitkräfte zur Folge hatte, sondern auch, dass ein griechischer nationaler Kernstaat kreiert wurde (1830).
Der Vortrag wird nicht nur diese beiden Gesichtspunkte ausführlicher erläutern, sondern auch mit Informationen abgerundet, wie das Thema „Griechische Revolution“ nach 200 Jahren sowohl in Griechenland als auch in anderen Teilen des Kontinents wahrgenommen bzw.eingestuft wird.

Florian Bieber, Universität Graz
Die Nationsbildung und Unabhängigkeitsbewegung Griechenlands im südosteuropäischen Kontext
Die griechische Unabhängigkeitsbewegung fand in der europäischen Öffentlichkeit eine weitaus größere Resonanz als die vergleichbaren Bewegungen in anderen Regionen Südosteuropas. Der Vortrag vergleicht die Entwicklung der griechischen Nation mit anderen entstehenden Nationalbewegungen, insbesondere den serbischen Aufständen. Somit verortet der Vortrag die griechische Unabhängigkeitsbewegung im Kontext der osmanischen Politik, der französischen Revolution und den Modernisierungstendenzen im südöstlichen Europa.

Sabine Tausend, Universität Graz
Paradise lost: Philhellenen zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die individuelle Hellaserfahrung höchst unterschiedlicher Personengruppen ließ sich naturgemäß auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. So fanden haltlos idealisierende Dichter und streitbare Philhellenen, die – je nach Naturell – mit der Feder oder mit dem Schwert versuchten, die verehrte Kulturnation aus türkischem Joch zu befreien, in der gemeinsamen Verehrung der klassischen Antike zahlreiche Berührungspunkte. Die Sponsoren des Krieges gegen die Osmanen waren beitragswillige Bildungsbürger und spendenfreudige bildungsferne Schichten, die, von der allgemeinen Euphorie erfasst, wenigstens einen finanziellen Beitrag zur Rettung Griechenlands leisten wollten. Die Kenntnisse, auf welchen diese zum Trend avancierte Begeisterung fußte, waren weit geringer zu veranschlagen als der an den Tag gelegte Enthusiasmus. Freiwillige setzen die hochfliegenden, wenngleich meist gänzlich realitätsfremden Pläne schließlich in die Tat um. In der persönlichen Begegnung mit dem idealisierten Griechenland schwand dessen Nimbus merklich. Dennoch triumphierte das so liebevoll entworfene Bild über die Autopsie. Ungeachtet von frustrierten Heimkehrern eifrig kolportierter schonungsloser Erfahrungsberichte, dominierte in gelehrten Zirkeln unangefochten und konkurrenzlos ein keimfreies, desodoriertes und blutleeres Bild der griechischen Antike, das nicht nur die Gegenwart völlig vereinnahmte, sondern sich auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nachhaltig niederschlug. So wurde – bevorzugt in Schulbüchern – ein seiner zahlreichen faszinierenden Facetten beraubtes Portrait einer Epoche verbrochen, das sich zum Teil zählebig bis in die Gegenwart gerettet hat.
Ungeachtet der Tatsache, dass auch im Bewusstsein gebildeter Philhellenen Historie und Legende unauflösbar miteinander verwoben waren, bot Griechenland seinen Adoranten nach wie vor eine ideale Projektionsfläche, um ihre eigenen politischen und individuellen Wünsche zu artikulieren. Dennoch musste die angebetete Kulturnation immer wieder schmerzliche Reputationsverluste hinnehmen, welche die Inkommensurabilität zwischen der an sie herangetragenen Erwartungshaltung und Realität gnadenlos aufzeigten.
Das von gelehrten Kreisen gewissermaßen als intellektuelles Hochamt zelebrierte Ritual der Griechenverehrung offeriert multiple Identifikationsangebote. Antike Stätten avancierten allesamt zu Sehnsuchtsorten des Abendlandes. Hatte man die von der ‚Sonne Homers’ so ausgiebig beschienenen Wallfahrtsorte der Philhellenen tatsächlich erreicht, dokumentiert man seinen Besuch in Form von Graffiti. So etwa verewigte Lord Byron sich wie viele andere Kulturtouristen auf einer Säule des Poseidontempels von Kap Sunion. Der Gründer des Internationalen Olympischen Komitees, Baron de Coubertin, verfügte, sein Herz in Olympia zu bestatten. Es befindet sich in einer zu seinen Ehren errichteten Säule in der heiligen Wettkampfstätte.
Abseits dieser schwärmerischen Begeisterung finden sich jedoch auch Beispiele dezidierter Resonanzverweigerung. In diesen ausführlich zu präsentierenden Exempla von Repulsion mokiert man sich über eine völlig unreflektierte und sklavische Antikenverehrung. Unzulängliches Basiswissen wird auf die Bühne gebracht und bietet Anlass für schenkelklopfende Häme. Das intellektuell überschaubare Interesse des lieblos parodierten Adoranten beschränkte sich häufig auf die widmungsgerechte Verwendung der gespendeten Naturalabgaben und Geldgeschenke. Soldatenlieder dokumentieren die ernüchternde Begegnung mit dem geheiligten Boden schonungslos. Das den Heimkehrern von der klassischen griechischen Antike offerierte Resonanzangebot war schal geworden und hatte jeden Reiz verloren.

Maria Christidis, Universität Graz
Archäologische Landschaft, Forschung und die Entstehung der ersten Museen nach dem Freiheitskampf
Bei wichtigen historischen Ereignissen wie Freiheitskämpfen ist das Ziel zweifellos die Wiederherstellung der Freiheit selbst. Im Fall aber der griechischen Freiheitskämpfe, die vor 200 Jahren begonnen haben, sollen diese Kämpfe als komplexe politische Ereignisse betrachtet werden, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden haben. Deshalb ist es undenkbar, dieses Land von der antiken Welt zu isolieren, da unter anderem diese Kämpfe im Wesentlichen in einer archäologischen Landschaft stattgefunden haben.
Nach dem Ende der antiken Welt und der Einführung der neuen Religion haben die Monumente an Bedeutung verloren, was in einem gewissen Umfang ihre Vernichtung bedeutete. Ebenfalls die darauffolgende Besatzung seitens des osmanischen Reiches hat massiv zu dem Zerfall der Denkmäler beigetragen. Die antike Welt wurde aber durch die überlieferten literarischen Quellen der antiken Autoren in Europa immer geachtet. Im 17.Jahrhundert und dank europäischer Gelehrter hat das Interesse für die Erkundung des antiken Griechenlands angefangen zu wachsen, so dass diese Periegeten die Ersten waren, die über die archäologische Landschaft und Monumente berichteten.
Die neue ideologische Bewegung der europäischen Aufklärung sowie Winckelmanns wissenschaftlichen Arbeiten und Publikationen über die antike Kunst, waren essenziell für die Zunahme weiterer Aktivitäten in der griechischen Landschaft. Parallel dazu findet eine Reihe von ungerechtfertigten Tätigkeiten wie das Abtragen, der Transport und Verkauf von Antiquitäten, statt.
Während der kriegerischen Auseinandersetzungen haben die antiken Denkmäler große Schäden erlitten, genauer gesagt wurden sie z.T. zerstört. Es ist aber auffallend, dass gleichzeitig das Interesse für den Schutz der antiken Monumente immer aktiv geblieben ist, sodass nach der Entstehung des ersten Staates und trotz der nicht vorhandenen Mittel, das erste archäologische Nationalmuseum auf der Insel Ägina errichtet wurde. Während der Regierungszeit des Königs Otto gab es eine Renaissance für archäologische Aktivitäten, folglich wurden weitere archäologische Sammlungen errichtet, um die Objekte aufzubewahren.
In diesem Aufsatz wird der Versuch unternommen, einen Überblick über die archäologische Landschaft zu geben und die Rolle, die diese für die Freiheitskämpfe gespielt hat.
Anschließend werden die ersten athenischen privaten und öffentlichen Sammlungen und Museen des neuen gegründeten Staates präsentiert, sowie ihre Ziele und Aufgaben erläutert.

Elli Papazoi, Universität Graz
München: das “Athen an der Isar“ im Herzen des Philhellenismus
„Ich werde nicht ruhen, bis München aussieht wie Athen!", hatte Ludwig I., König von Bayern (1825–1848), bei seinem Regierungsantritt im Jahre 1825 angekündigt. Ludwig I. war einer der berühmtesten deutschsprachigen Philhellenen mit einer besonderen Leidenschaft für die klassische Antike, welche die Kunstpolitik seiner gesamten Regierungszeit in der bayerischen Metropole stark beeinflusste. Bereits vor seiner Thronbesteigung träumte Ludwig davon, München zum geistigen und kulturellen Mittelpunkt Deutschlands zu machen, wobei die Stadt den Glanz des antiken Athens wieder zum Leben erwecken sollte.
In königlichem Auftrag wurden monumentale Bauwerke nach der antiken griechischen Architektur errichtet, welche München zum „Athen an der Isar“ umgestalteten. Die Wandlung der Stadt wurde am dominanten Königsplatz mit seinem klassizistischen Gebäudeensemble am deutlichsten vollzogen. Am Königsplatz wurden die Glyptothek und die Staatlichen Antikensammlungen gebaut, worin die privaten Antikenkäufe Ludwigs aufbewahrt werden sollten. Zwischen diesen Museumsbauten wurden die Propyläen, das Haupttor der Stadt nach dem Vorbild der Propyläen der Athener Akropolis, errichtet. Sie bilden zugleich das wichtigste Denkmal für den griechischen Befreiungskampf (1821–1829). Die Wiedergeburt Münchens und Athens fanden parallel, nach der Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft, statt.
Der in Europa entstandene Philhellenismus im Sinne einer geistigen, ideologischen und politischen Bewegung beruhte auf Anerkennung und Begeisterung der Errungenschaften der klassischen Antike und der Anteilnahme am Aufstand der Griechen. Ludwig I. unterstützte als erster den griechischen Unabhängigkeitskrieg finanziell und militärisch und stimmte 1832 der Wahl seines Sohnes Otto zum ersten König des modernen Staates freudig zu. Der klassische Philologe Friedrich Wilhelm Thiersch erwarb sich ebenfalls bedeutende Verdienste um die Unterstützung des Freiheitskampfes und trug zum Aufbau eines griechisch-humanistischen Bildungs- und Wissenschaftswesens in Bayern bei. Unter Ludwig I. ist München ein beachtliches Zentrum des Philhellenismus geworden, was sich in sehr vielen öffentlichen Bereichen Bayerns widerspiegelte und auch nach 200 Jahren einen einzigartigen Bezugspunkt zur Staatengründung Griechenlands darstellt.

Markus Hafner, Universität Graz
Percy B. Shelleys Versdrama Hellas zwischen Aischylos-Aktualisierung und zeithistorischem Kontext
In seinem lyrischen Versdrama Hellas (verfasst 1821/publiziert 1822), das als letztes Werk seines kurzen Lebens erschien, bearbeitet der englische Dichter Percy Bysshe Shelley (1792–1822) den beginnenden griechischen Befreiungskrieg gegen die Osmanen-Herrschaft literarisch. Er legt darin die militärische Konfrontation zwischen Ost und West aus Aischylos’ Stück Die Perser (472 v. Chr.) auf die neugriechische Epanastasis um, die sich viele westeuropäische Philhellenen in dieser Zeit zu einem zentralen Anliegen gemacht hatten. In seinem Stück Hellas nimmt Shelley zugleich richtungsweisende Änderungen gegenüber der altgriechischen Tragödie vor: So ersetzt er die aischyleischen Figuren Atossa und Xerxes durch den albtraumgeplagten osmanischen Sultan Mahmud II. (1789–1839, reg. 1808–1839), in dessen Serail die gesamte Dramenhandlung spielt. Zugleich treten bei Shelley statt des Chors der alten Perser gefangene Griechinnen auf, deren Chorlieder um den universellen Traum von Freiheit und Frieden kreisen. Die Ansicht, das Stück, welches dem phanariotischen Verschwörer und späteren Politiker Alexandros Mavrokordatos gewidmet ist, bezeuge propagandistisch den Sieg der Griechen über die Osmanen, wie entsprechend bei Aischylos der griechische Seesieg bei Salamis über die Perser gefeiert werde, erscheint dabei zu kurz gegriffen. Auch erstarrt das Stück keineswegs in verstaubtem Klassizismus. Vielmehr bietet Hellas neben aktuellen Bezügen auf die griechische Erhebung gegen das Osmanenreich des Jahres 1821 mannigfaltige Reflexionen über menschliche Hybris, Tragik und universelles Leid, das ausnahmslos alle handelnden Akteure des Dramas ergreift. Indem mein Vortrag den Dichter Shelley und sein letztes literarisches Werk in den zeitgenössischen Kontext der Epanastasis stellt, soll eine zusätzliche Perspektive auf die facettenreiche Thematik des Grazer Symposions geworfen werden.

Ingomar Weiler, Universität Graz
Die Gründung der modernen Olympischen Spiele
Unbestritten sind die Verdienste Coubertins um die Wiederbelebung der Olympischen Spiele. Motiviert durch die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, die Coubertin auf ein antiquiertes pädagogisches Erziehungssystem zurückführt, und von den Ausgrabungen in Olympia widmet sich der Franzose auf Kongressen und mit diplomatischem Geschick der Neugründung der Olympischen Spiele. Doch diese Aktivitäten kennen eine Vorgeschichte, die nicht nur bis zum Griechischen Unabhängigkeitskrieg (1821–1832) zurückreicht.

© Elli Papazoi, Karl Peitler, Peter Scherrer
e-mail: elli.papazoi@uni-graz.at, karl.peitler@museum-joanneum.at, peter.scherrer@uni-graz.at

This article should be cited like this: E. Papazoi – K. Peitler – P. Scherrer, Das befreite Griechenland und die klassische Antike (1821–2021), Forum Archaeologiae 100/IX/2021 (http://farch.net).



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