Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 80 / IX / 2016

EINE WELT AUS GLAS
Buchbesprechung zu Christiane Herb und Nina Willburger, Glas. Von den Anfängen bis ins Frühe Mittelalter

Glas gilt als einer der faszinierendsten Werkstoffe überhaupt und so wundert es nicht, dass sich dieser seit Jahrtausenden großer Beliebtheit erfreut. Wie schon im Vorwort des Buches von den Autorinnen zu Recht bemerkt, „war, ist und bleibt Glas ein unverzichtbarer Bestandteil des Alltags“. Flüssiges Glas kann in jede beliebige Form geschmiegt werden. Mithilfe der Glasmacherpfeife gibt es unzählige Möglichkeiten aus einer runden Blase unterschiedliche Gefäße zu gestalten. Neuen Formmöglichkeiten sind dabei keine Grenzen gesetzt. In der Antike wurde Glas im Laufe der Zeit zu einem für jedermann leistbaren Massenprodukt. Daneben wurden aber auch kostbare Kunstwerke aus Glas geschaffen. Das vorliegende Buch verschafft einen perfekten Überblick über die Geschichte dieses leicht formbaren und gleichzeitig fragilen Werkstoffes und der daraus gewonnenen Erzeugnisse vom 3. Jahrtausend v.Chr. an bis in das 6. Jahrhundert n.Chr.
Christiane Herb und Nina Willburger zeigen in vorliegendem Buch ihr profundes Wissen zum Thema Gläser und Glaskunst in der Antike. Beide Autorinnen stehen in Verbindung mit einer der größten Glassammlungen Mitteleuropas. Nina Willburger ist Referatsleiterin für Klassische und Provinzialrömische Archäologie am Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, das mit der Glassammlung Ernesto Wolf über eine der renommiertesten Sammlungen der Welt verfügt. Die ebenfalls in Stuttgart tätige Christiane Herb hat einen ihrer Forschungsschwerpunkte in der Geschichte und Technik der Glasherstellung. Beide Autorinnen waren auch maßgeblich am Entstehen des Online-Katalogs „Glas aus vier Jahrtausenden. Die Sammlung Ernesto Wolf“ beteiligt (https://www.bsz-bw.de/lmw-web/GlassammlungWolf/die_sammlung.htm).
Die vorliegende Veröffentlichung ist Teil der Reihe „Archäologie in Deutschland“, weshalb das Buch auch zu einem vorteilhaften Preis im Abo sowie im Zeitschriftenhandel erhältlich ist. Somit wird eine weite Verbreitung nicht nur unter Fachleuten sondern auch unter Studierenden der Archäologie und interessierten Laien ermöglicht. Das Buch richtet sich an alle, die einerseits Informationen zur Glasgeschichte der Antike suchen, andererseits sich aber auch generell ein Basiswissen über den Werkstoff Glas aneignen wollen.
Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort (S. 6) in zwölf nicht nummerierte Kapitel. Danach folgen eine umfangreiche Bibliographie (S. 106–110) und der Bildnachweis (S. 112). Der Text wird zusätzlich mit zahlreichen farbigen Abbildungen aufgelockert. Diese illustrativen Bilder sind von hervorragender Qualität. Handzeichnungen zu Produktionsvorgängen tragen viel an zusätzlicher Information bei. Dies gilt auch für die Bildunterschriften, die eine gute Ergänzung des Bildmaterials darstellen. Von Nachteil ist jedoch, dass die Abbildungen nicht nummeriert sind. Dieser Umstand erschwert dem Leser, eine Textpassage mit einer Abbildung zu verbinden und umgekehrt. Dies liegt aber nicht an der Vorgehensweise der Autorinnen, sondern findet generell in den Sonderbänden der „Archäologie in Deutschland“ Anwendung.
Das erste Kapitel „Glas. Ein synthetischer Werkstoff“ (S. 7–14) erklärt dem Leser, aus welchen Rohstoffen sich antikes Glas zusammensetzt, welche Zusatzstoffe und farbgebende Substanzen beigemengt wurden und wie sich die Zusammensetzung im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende änderte. Ein Unterkapitel widmet sich dem Schmelzvorgang und den Glasöfen (S. 10–12). Auch wenn das Buch sonst reich illustriert ist, wäre an dieser Stelle eine Rekonstruktionszeichnung eines antiken Glasofens wünschenswert gewesen. Aber auch schon die Abbildung eines Glasofens aus dem heutigen Orient würde dem Leser eine Vorstellung vom Aussehen dieses Objekts näher bringen (Abb. 1). Ein weiteres Unterkapitel behandelt die glasähnlichen Materialien Fayence, Fritte und Ägyptisch Blau, die unter dem Sammelbegriff „Glasuren“ subsumiert werden können.


Das folgende Kapitel „Quellen, Funde und Befunde. Glas vom pharaonischen Ägypten bis in die römische Kaiserzeit“ (S. 15–23) geht den frühesten schriftlichen Quellen zur Glasherstellung auf den Grund. Dies gestaltet sich insofern schwierig, als dass im 2. Jahrtausend v.Chr. anscheinend kein eigener Begriff für Glas existierte. Die Autorinnen nennen Beispiele altägyptischer Quellen, in denen Glas durch andere Begriffe wie „fließender/künstlicher Stein“ umschrieben wurde und zählen ägyptische Glaswerkstätten auf, von denen die älteste in Malqata nahe Theben vermutet wird. Die ältesten archäologisch dokumentierten Glasofenreste sind aus Tell el Amarna aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. bekannt. Ein wichtiges Unterkapitel geht auf Spezialisierungen in der Glasherstellung und auf den Handel mit Glas ein. Bereits für Werkstätten im pharaonischen Ägypten kann eine Unterscheidung von Glasherstellung und Glasverarbeitung nachgewiesen werden. In diesem Zusammenhang wird das bekannte Schiffswrack von Uluburun genannt, zu dessen Ladung auch über 175 kobaltblaue Glasbarren gehörten, und das somit einen wichtigen Beleg für den Handel mit Rohglas darstellt (S. 18–19).
Für das 1. Jahrtausend v.Chr. nehmen die Nachweise für die Glasproduktion und den Handel mit Glas im Mittelmeerraum rapide zu. Die meisten schriftlichen Quellen stammen jedoch aus römischer Zeit, wofür die Autorinnen zahlreiche Beispiele nennen (S. 20–22).
Im Kapitel „Frühe Anfänge. Glas im 2. Jahrtausend v. Chr.“ (S. 24–35) wird nun detailliert auf den Beginn der Glasproduktion eingegangen. Herb und Willburger versäumen es nicht zu erwähnen, dass die ersten bekannten Glasgegenstände bzw. glasähnlichen Produkte bereits aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. aus Mesopotamien stammen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Perlen, die aus Glas gefertigt wurden, das vermutlich als unbeabsichtigtes Nebenprodukt bei der Metallverarbeitung entstand. Eine intentionelle Glaserzeugung ist frühestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts v.Chr. nachgewiesen. Vom Vorderen Orient kam die Glasmacherkunst nach Ägypten, wo sie ihre erste Blüte im 15. Jahrhundert v.Chr. erlebte. Zuerst wohl nur weiterverarbeitet, wurde später Rohglas in Ägypten selbst im Laufe des 14. Jahrhunderts v.Chr. produziert. Kleine Glasgegenstände, wie diverse Schmuckstücke, wurden in einer offenen Form geschmolzen. Glaseinlagen dienten der Verzierung verschiedener Gegenstände wie Sarkophage, Möbel, Statuetten und Pektorale. Im 2. Jahrtausend v.Chr. wurden nun die ersten Hohlgefäße hergestellt, die so genannten kerngeformten Gläser.
Zwei eigene Unterkapitel sind der Glasproduktion im mykenischen Kulturkreis sowie im bronzezeitlichen Europa gewidmet (S. 29–33). Auf dem europäischen Festland kommen Glasperlen ab dem 14. Jahrhundert v.Chr. vor und finden sich vorwiegend in Gräbern der Urnenfelderzeit. Die Autorinnen gehen hier auf die in der Forschung häufig diskutierte Frage nach der Herkunft des Rohglases ein. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass es zu dieser Zeit bereits auf dem Festland eine eigene Produktion gab.
Das letzte Unterkapitel beschäftigt sich mit dem Niedergang der ägyptischen Glasherstellung im ausgehenden 11. Jahrhundert v.Chr., für den es keine eindeutige Erklärung gibt (S. 33–35). Einen gewissen Einfluss hatten sicherlich politische, wirtschaftliche und soziale Umbrüche dieser Zeit in Ägypten und im Vorderen Orient. Diese Veränderungen wirkten sich auch auf das europäische Festland aus.
Nachdem die Glasproduktion im 10. und 9. Jahrhundert v.Chr. nahezu zum Erliegen gekommen war, beschäftigt sich das vierte Kapitel mit dem „Neubeginn im Vorderen Orient und Mittelmeerraum. Glas im 1. Jahrtausend v. Chr.“ (S. 36–41). Zahlreiche Glasgefäße wurden in Syrien, Phoenikien und Assyrien erzeugt. Typisch sind halbkugelige Schalen, die bis nach Etrurien, Kreta und Ägypten exportiert wurden. Deren umstrittener Fertigungsprozess wird eingehend diskutiert. In Vorderasien erlebte die Glasmacherkunst unter den Achaimeniden eine neue Blütezeit. Glasgefäße waren höchstes Luxusgut und fester Bestandteil höfischen Lebens. Thematisiert wird ebenso das Weiterleben der kerngeformten Gefäße, die nun auch im Mittelmeerraum vermehrt hergestellt wurden und verkleinerte Varianten griechischer Keramikformen darstellen. Im Folgenden werden die häufigsten Gefäßformen beschrieben (S. 39). Ein eigenes Unterkapitel ist den Phoenikiern vorbehalten, denen von Plinius zwar die Entdeckung des Glases zugeschrieben wird, eine eigene Glasherstellung aber nicht stichfest nachzuweisen ist (S. 40–41). Das letzte Unterkapitel setzt sich mit der etruskischen Glasverarbeitung auseinander, die erst in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v.Chr. einsetzt (S. 41).
Das nächste Kapitel widmet sich der „Glaskunst vor Erfindung der Glasmacherpfeife. Hellenistische Gläser ab dem 4. Jahrhundert v. Chr.“ (S. 42–52). Vorgestellt werden neue Techniken und Methoden, die eine größere Vielfalt an Gefäßen und Dekorationen ermöglichten. Dazu zählen das Schmelzen von offenen Gefäßen in zweiteilige geschlossene Formen oder das Absenken von Glasrohlingen in bzw. über eine Form. In einem eigenen Unterkapitel werden hellenistische Zwischengoldgläser besprochen (S. 42–44). Dies ist besonders positiv hervorzuheben, da unter dem Begriff „Zwischengoldgläser“ häufig nur die sogenannten römischen Zwischengoldgläser der Spätantike verstanden werden, die sich in der Herstellungstechnik von den hellenistischen jedoch stark unterscheiden. Detailliert wird auch auf Mosaikglasgefäße und Mosaikglaseinlagen eingegangen (S. 46–48). In einem weiteren Unterkapitel wird den Rezipienten die Technik der spiralförmig aufgebauten Reticella-Schalen näher gebracht, die zu den frühesten auf einer Drehscheibe gefertigten Glasgefäßen gehören (S. 48–50). Anschließend wird die wohl beliebteste und am weitesten verbreitete Gefäßform des späten Hellenismus und der frühen Römischen Kaiserzeit thematisiert: die Rippenschale (S. 50–51). Zurecht lassen sich die Autorinnen nicht auf eine Diskussion über mögliche Herstellungsprozesse dieser Glasgefäße ein, hat doch spätestens im Jahr 1999 Rosemarie Lierke in ihrem Buch „Antike Glastöpferei“ überzeugend dargelegt, dass die Rippenschalen auf einer sich langsam drehenden Töpferscheibe gefertigt wurden. Dass vereinzelt noch im 21. Jahrhundert in Handbüchern bei römischen Rippenschalen von formgeschmolzenen Gefäßen gesprochen wird, braucht im vorliegenden Buch folglich auch gar nicht erwähnt zu werden.
Im sechsten Kapitel „Glas in unseren Breiten. Vorrömische Eisenzeit in Europa“ (S. 53–60) widmen sich die Autorinnen der Glasproduktion in Mitteleuropa und auf den Britischen Inseln vom 8. bis zum 1. vorchristlichen Jahrhundert. Einleitend wird auf die Perlenherstellung Bezug genommen, für die importiertes Rohglas eine große Rolle spielte. Glasgefäße waren zu der Zeit eher selten und wurden, abgesehen von den sogenannten Hallstatt-Tassen, aus dem Mittelmeerraum importiert. Im Folgenden werden herausragende Grabinventare genannt, zu denen importierte Glasgefäße gehören. Lokal hergestellten Glasarmringen widmet sich das Unterkapitel „Glasverarbeitung der Kelten“ (S. 57–58). Hier wird auf die zahlreichen Funde von gläsernen Armreifen aus dem Oppidum von Manching verwiesen. Überblicksmäßig wird dem Leser/der Leserin die anhand von Form und Farbe erstellte Typologie für die ab 260 v.Chr. produzierten Armringe näher gebracht.
Das folgende Kapitel „Eine technische Revolution. Die Erfindung der Glasmacherpfeife und ihre Folgen“ (S. 61–67) behandelt einen Meilenstein in der Geschichte der Glasverarbeitung. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts v.Chr. wurde durch die Erfindung der Glasmacherpfeife binnen kurzer Zeit aus einem teuren Luxusartikel ein erschwingliches Massenprodukt. Mit wesentlich weniger Aufwand konnten nun größere Gefäße und eine zunehmende Bandbreite an Gefäßformen hergestellt werden. Herb und Willburger widmen sich in verschiedenen Unterkapiteln der Frage nach dem Ursprung der Glasmacherpfeife, beschreiben die ersten Pfeifen aus Ton und Metall und gehen auf die Technik des Glasblasens und der Weiterverarbeitung mit dem Hefteisen ein (S. 61–64). Während anfangs vorwiegend geschlossene Formen wie Flaschen und Balsamarien geblasen wurden, tauchten bald auch offene Gefäße wie Schüsseln, Teller und Becher im Formenrepertoire auf.
In einem eigenen Unterkapitel wird auf formgeblasene Gläser und die verschiedenen Arten ihrer Herstellung eingegangen (S. 65–67). Die nur in einem Satz angesprochenen Bodenmarken hätten etwas mehr Beachtung verdient. Erwähnenswert wäre sicher ebenso gewesen, dass auf den Unterseiten von Vierkantkrügen und so genannten Merkurflaschen neben geometrischen, floralen und figürlichen Mustern auch Namensnennungen zu finden sind. Dabei kann es sich um Herstellernamen oder Namenskürzel handeln. Bodenmarken mit Inschriften sind meist gut regional einzugrenzen, so dass sich zum Beispiel Absatzgebiete einzelner Werkstätten umreißen lassen. Als wohl bekannteste Beispiele sind zwei rechteckige zweihenkelige Krüge aus Linz anzuführen, deren Bodenmarken die Fabrikantin Sentia Secunda aus Aquileia nennen (Abb. 2).
Das Unterkapitel „Von Sidon bis Latium, von Oberitalien bis Köln“ (S. 67) thematisiert die Entwicklung von einzelnen Glashütten bis hin zu großen Herstellungszentren für Glasgefäße im Römischen Reich.
Reich bebildert ist das Kapitel „Edel und teuer. Neue Verzierungen und Luxusgefäße durch Spezialisierung“ (S. 68–80). Die Autorinnen stellen verschiedene Veredelungstechniken von Glasgefäßen vor und zeigen entfärbtes, buntes oder mehrfärbiges Glas. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert sind so genannte zarte Rippenschalen, kleine hexagonale Flaschen mit figuralem Dekor, Fläschchen in Form einer Dattel oder eines Doppelkopfs zu finden. Die reliefverzierten Gefäße wurden in eine mehrteilige Form geblasen. Wohl aus Italien stammt die Kunst des Facettenschliffs, der vorwiegend auf farblosen, durchsichtigen Gefäßen zur Anwendung kam. Figürlicher Schliff erlebte seine Hochblüte im späten 3. und 4. Jahrhundert n.Chr. Wie in vielen anderen Handwerksbereichen gab es auch hier Musterbücher, die ein großes Repertoire an Motiven beinhalteten. Erwähnenswert sind Gipsabgüsse aus dem afghanischen Begram, die als dreidimensional tragbare Mustervorlagen dienten (S. 73–74). Als weitere Verzierungsarten sind der Schlangenfadendekor, die Glasmalerei sowie die spätantiken Zwischengoldgläser zu nennen (S. 74–75). Etwas detaillierter fällt das Unterkapitel über die Kameogläser sowie deren berühmtesten Vertreter, die Portlandvase, aus (S. 76–78). Selbstverständlich werden auch Diatretgläser eingehend besprochen (S. 78–80).
Mit einem aus dem heutigen Alltag nicht wegzudenkenden Gegenstand beschäftigt sich das Kapitel „Fensterscheiben aus Glas. Eine römische Erfindung“ (S. 81–85). Die frühesten Fensterscheiben sind aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. bekannt und wurden wahrscheinlich in Rom produziert. Sie fanden nicht nur im häuslichen Bereich Verwendung, sondern auch in Thermen und anderen öffentlichen Bauten sowie in Treibhäusern. Neben zahlreichen schriftlichen Quellen führen die Autorinnen Beispiele des archäologischen Nachweises an. In einem Unterkapitel wird der Herstellungsprozess von gegossenem und geblasenem Fensterglas erörtert.
Mit der spätantiken Glasproduktion setzt sich das zehnte Kapitel „'Industrielles' Produktionszentrum. Spätrömische Glashütten im Hambacher Forst“ (S. 86–89) auseinander. Die beiden Autorinnen gehen detailliert auf ausgedehnte Produktionswerkstätten spätantiker Gläser in einem ländlichen Gebiet in den Nordwestprovinzen ein. Im etwa 35km westlich von Köln gelegenen Hambacher Forst konnten bislang sechs Glashütten mit 37 Glasöfen erforscht werden. In einzelnen Unterkapiteln werden Rohglas-, Arbeits- und Kühlöfen beschrieben. Am Beispiel der Fundstelle Hambach 132 kann der komplette Arbeitsprozess der Glasherstellung im 4. und beginnenden 5. Jahrhundert n.Chr. nachvollzogen werden. So ausführlich die Befunde beschrieben werden, so dürftig fällt die Bebilderung dieses Kapitels aus. Als Beispiel von den in den Glashütten im Hambacher Forst erzeugten Produkten sind nur vier Fasskrüge abgebildet. Wünschenswert und für das Nachvollziehen der einzelnen Arbeitsschritte an den unterschiedlichen Öfen wäre ein Plan oder eine Rekonstruktionszeichnung eines der Betriebe gewesen. In diesem Zusammenhang sei auf die in der Literaturliste nicht angeführte Publikation von Andreas Fischer, Vorsicht Glas! Die römischen Glasmanufakturen von Kaiseraugst, Forschungen in Augst 37 (Augst 2009) verwiesen. Hier werden nicht nur die verschiedenen Arten und Funktionen der in Kaiseraugst aufgedeckten Öfen thematisiert, sondern es wird auch auf die Ausgestaltung der Glaswerkstätten, das Personal und die Arbeitsabläufe eingegangen. Zwar sind die Kaiseraugster Glasmanufakturen zeitlich wesentlich früher anzusetzen als jene im Hambacher Forst, doch veranschaulichen mehrere Illustrationen, wie die Glasproduktion generell in der Römischen Kaiserzeit abgelaufen sein könnte (Abb. 3).


Während im 5. Jahrhundert n.Chr. die weströmische Reichshälfte unterging, blühte in spätantiker und frühbyzantinischer Zeit die Glasproduktion im Oströmischen Reich auf. Mit dieser fruchtbaren Periode setzen sich die beiden Autorinnen im vorletzten Kapitel „Nach der Reichsteilung. Glashandwerk in frühbyzantinischer Zeit“ (S. 90–100) auseinander. Zahlreiche Glaswerkstätten etablierten sich in Ägypten, Zypern, Kleinasien, im syrisch-palästinischen Raum sowie am Schwarzen Meer. Neben den herkömmlichen Gefäßen wurden nun neue Formen entwickelt, die in den folgenden Unterkapiteln vorgestellt werden. Dazu zählen die für die byzantinische Glasherstellung typischen gläsernen Lampen in Form von Bechern oder Schalen, die mittels metallenen Vorrichtungen aufgehängt werden konnten (S. 90–95). Häufig sind in Ägypten und dem syrisch-palästinischen Raum gläserne Kohelröhren zu finden, die als Behältnis für schwarze Augenschminke dienten (S. 95). Neu sind nun auch Pilgerfläschchen aus Glas, die zahlreich an christlichen Pilgerstätten zur Aufbewahrung von geheiligten Flüssigkeiten Verwendung fanden (S. 95–97). Kennzeichnend für diese polygonalen Gefäße sind die darauf dargestellten christlichen oder jüdischen Motive. An dieser Stelle wird zwar der Gebrauch der Pilgerfläschchen detailliert beschrieben, doch könnte es die Leserinnen und Leser durchaus interessieren, dass die Körper der kleinen Gefäße durch Blasen in eine Form erzeugt und Hals und Mündung freigeblasen wurden. Neben verschiedenen Gefäßformen werden weitere gläserne Gegenstände, wie kleine, mit Stempeln geprägte Gewichte oder Mosaiksteinchen vorgestellt (S. 99).
Ein weiteres Unterkapitel widmet sich einem neuen Glastyp, der sich durch einen hohen Eisenanteil von dem in römischer Zeit zuvor üblichen bläulich-grünlichen Glas mit niedrigem Eisengehalt deutlich unterscheidet. Zu Recht halten die Autorinnen fest, dass zu dem durchaus weit verbreiteten, aber erst in den 1990er-Jahren entdeckten Glastyp noch viele wissenschaftliche Untersuchungen notwendig sind.
Den Abschluss bildet ein kurzer Exkurs zu sassanidischen Gläsern, für die – neben ihrer Zusammensetzung (Soda-Asche) – die Dickwandigkeit und Verzierung mit Facettenschliff charakteristisch sind (S. 100). Die Ausbreitung des Islams ab 633 n.Chr. hatte zunächst keine einschneidenden Folgen für die Glasproduktion. Erst im späten 8. und frühen 9. Jahrhundert entwickelte sich eine eigene islamische Glasproduktion mit charakteristischen islamischen Formen und Stilen.
Schließlich wird im letzten Kapitel „Nach den Römern. Glas im Frühmittelalter“ (S. 101–105) auf das Weiterleben der Glasproduktion im westlichen Europa zur Zeit der Merowinger eingegangen. Eine Kontinuität des Glashandwerks von römischer bis in fränkische Zeit ist anzunehmen. Darauf scheint die weitgehend idente Zusammensetzung des fränkischen Glases mit jener aus spätantiken römischen Werkstätten hinzudeuten. Es wird auf die vorwiegend aus Gräbern bekannte, eingeschränkte Produktpalette von Glasgefäßen hingewiesen. Ein kurzer Exkurs erläutert die Kontinuität der Glaserzeugung im angelsächsischen Raum (S. 104).
Studierende und jene, die sich tiefer mit der Materie befassen wollen, werden vom umfangreichen Literaturverzeichnis am Ende des Buches profitieren (S. 106–110). Für eine einfachere und schnellere Handhabung wäre eine Untergliederung nach Themenbereichen, wie sie im Buch behandelt werden, hilfreich gewesen. Es verwundert ein wenig, dass die eingangs von mir erwähnte und durchaus empfehlenswerte Online-Datenbank des Württembergischen Landesmuseums im Buch nicht aufscheint, zumal eine andere Online-Datenbank, nämlich jene zu Byzantinischen Mosaiken, Eingang gefunden hat. Da in einem Überblickswerk zwangsläufig immer wieder Fachbegriffe vorkommen, wäre ein Glossar, das die häufigsten Fachtermini kurz erklärt, zielführend gewesen.

Insgesamt ist der Band jedoch als sehr gelungen zu bezeichnen. Es ist kein leichtes Unterfangen, einen für die Antike so wichtigen, in der wissenschaftlichen Forschung aber oft zu sehr vernachlässigten Werkstoff auf profunde Art und gleichzeitig leicht verständliche Weise einem breiten Publikum näher zu bringen. Beides ist den Autorinnen aber mit Sicherheit geglückt. Christiane Herb und Nina Willburger behandeln die wichtigsten Kapiteln der antiken Glasgeschichte, stellen einzelne Funde und Befunde vor und geben darüber hinaus einen Gesamtüberblick über die kulturhistorische Bedeutung des Glases in den jeweiligen Epochen. Kunsthandwerklich herausragende Glasobjekte werden in qualitativ hochwertigen und detailreichen Abbildungen präsentiert. Oft komplexe Produktionsschritte werden mittels einfachen Illustrationen leicht verständlich vermittelt. Die historische und technische Entwicklung wird so direkt am Objekt sichtbar erläutert. Besonders positiv anzumerken sind Zitate antiker Schriftquellen, die sich durch alle Kapitel durchziehen und damit eine gute Ergänzung zu den archäologischen Nachweisen darstellen.
Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass sich die Sonderbände der „Archäologie in Deutschland“ weiteren Materialgattungen aus dem antiken Alltag widmen und das Wissen darüber – so wie im vorliegenden Buch von Herb und Willburger – auf gut erklärende, leicht verständliche Weise und mit aussagekräftigem Bildmaterial unterstützt einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht wird.

C. Herb und N. Willburger, Glas. Von den Anfängen bis ins Frühe Mittelalter
Konrad Theiss Verlag
Darmstadt 2016
112 Seiten mit 109 farbigen Illustrationen. Gebunden
ISBN 978-3-8062-2858-8 bzw. 978-3-8062-3274-5 (Archäologie in Deutschland Sonderheft 9/2016); ISSN 0176-8522
Preis: € 24,95 [D], € 25,70 [A], SFr 35,90 [CH]

© René Ployer
e-mail: rene.ployer@bda.gv.at

This article should be cited like this: R. Ployer, Eine Welt aus Glas. Buchbesprechung zu Christiane Herb und Nina Willburger, Glas. Von den Anfängen bis ins Frühe Mittelalter, Forum Archaeologiae 80/IX/2016 (http://farch.net).



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