Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 36 / IX / 2005

DIE GOLDAPPLIKEN AUS DEM ARTEMISION VON EPHESOS
Studien zur Typologie

Die große Menge und die Vielfalt der Goldappliken aus dem Artemision in Ephesos [1] unterstreichen deutlich, dass die Herstellung und Verzierung von Goldblechen und ihre Verwendung als Gewandverzierung [2] oder anderwertige Dekoration nicht nur bekannt, sondern auch äußerst beliebt waren.
Die typologische Einordnung hat ergeben, dass sich auf den insgesamt 531 erhaltenen Goldappliken aus dem Artemision fünf große Themenkreise dargestellt finden: dem geometrisierend-ornamentalen Inhalt können 103, dem floralen Inhalt 362, dem anthropomorphen 31 und dem zoomorphen können 23 Plättchen zugeordnet werden. Im Folgenden sollen nun einzelne Typen vorgestellt werden, die vor allem in technologischer Hinsicht interessant sind. Die technologische Auswertung wird in einem eigenen Artikel dieser Ausgabe 'Die Goldappliken aus dem Artemision von Ephesos. Studien zur Technologie' von Birgit Bühler behandelt.

1. Geometrisierend-ornamentaler Inhalt

Diesem Inhalt gehören einfache geometrische Motive an, die einzeln oder in Kombination auftreten können. Daraus ergaben sich drei Typen, die sich wiederum in mehrere Varianten gliedern ließen. Vorgestellt sei hier

Typ a.1.: die sog. Kreis und Kreuz-Kombination

3. Variante (Abb. 1): Die Plättchen haben eine rechteckige Form (>1,25 x >0,95 cm). Die Bildfläche wird durch ein Kreuz in vier gleich große, rechteckige Felder geteilt, in denen sich je ein Kreis befindet. Jeder Kreis besteht aus einem Buckel, der von einem einfachen unverzierten Ring umschlossen wird. Der Motivrand ist flach und glatt, als Rahmen dient eine profilierte Leiste. Die vier Durchbohrungen befinden sich in den Ecken der Bildfläche.
Es gibt drei Exemplare (Selçuk 52/32/85; 98/32/85, London 898), die identisch sind.

4. Variante (Abb. 2): Die Plättchen haben eine rechteckige Form (>1,2 x >0,95 cm). Das Hauptmotiv ist eine Kombination aus vier einfachen Dreiviertelkreisen und dem sog. Tatzenkreuz. Dabei handelt es sich um ein Diagonalkreuz mit erhabenen Mittel- und Quergräten, wobei die Enden zu erhabenen Dreiecken geformt sind. Der Motivrand ist glatt und an zwei sich gegenüberliegenden Seiten mit einer unregelmäßigen Perlreihe verziert, die sich teilweise mit den Löchern überschneidet. Der Motivrahmen besteht aus einer profilierten Leiste, die das Bildfeld umschließt und einer zweiten Leiste, die bereits in das Motiv integriert ist. Am Rand befinden sich acht Durchbohrungen.
Es handelt sich um 12 identische Exemplare (Selçuk 63/32/85; 15/51/91; 29/51/91, Istanbul 3129 [8 Objekte], London 899).

Ikonographisch betrachtet lässt sich das Kreis-Kreuz-Motiv möglicherweise mit dem sog. Radkreuz - einem sehr langlebigen und weitverbreiteten Motiv [3] - vergleichen [4], auch wenn jenes auf den ephesischen Appliken nur eine sehr vereinfachte Form des Motivs wiedergibt.
Eine andere Interpretationsmöglichkeit ist die Herleitung des Motivs von Nägelköpfen, die Lederstücke oder Bronzeplatten verzierten. Allerdings fehlt ihnen das eingeschriebene Tatzenkreuz. Zu erwähnen sind hier beispielsweise ein phrygisches Lederstück aus dem Tumulus MM in Gordion, das mit Bronzenägeln beschlagen ist, deren Köpfe eingeschriebene Quadratmuster ergeben [5] oder eine Bronzeplatte aus der phrygischen Nekropole bei Ankara [6].

2. Floraler Inhalt

Dem floralen Inhalt werden verschiedene Blütenarten zugeordnet. Insgesamt können diese in fünf Typen mit mehreren Varianten eingeteilt werden. Das jeweilige Blütenmotiv ist in den meisten Fällen zentriert platziert.

Typ b.4.: Schalenspiralen

1. Variante (Abb. 3): Die Plättchen besitzen eine quadratische Form (>2 x >2 cm). Das Hauptmotiv sind vier Rücken an Rücken liegende Bögen, die in Voluten enden (sog. Schalenspiralen) und eine abstrakte Blüte darstellen. Im Zentrum befindet sich entweder ein Buckel von einem erhabenen Ring umschlossen oder nur ein Ring. Die Trennelemente zwischen den einzelnen Bögen bestehen entweder aus drei- oder vierblättrigen Palmettenblättern oder aus einem lanzettförmigen Blatt. Als Motivrahmen dient eine profilierte Leiste. Vier Durchbohrungen finden sich immer in den Ecken der Bildfläche.
Es handelt sich um insgesamt 24 fast identische Exemplare (Selçuk 105/30/77; 53/32/85; 70/32/85; 118/61/87; 32/68/89, Istanbul 3116 [14 Objekte], London 877-881).


5. Variante (Abb. 4): Die Plättchen besitzen eine motivbestimmte Form (1,00-2,2 cm). Die vier Schalenspiralen sind mit einem Scheibchenreihenmuster verziert. Im Zentrum befindet sich meist ein Buckel umschlossen von einem mit Scheibchenreihe verzierten Ring. Es gibt keine Trennelemente zwischen den einzelnen Bögen. Das etwas vorstehende Blech oder der mit Scheibchenreihen verzierte Ring dient hier gleichzeitig zur Befestigung. Es gibt weder Motivrahmen noch Rand.
Die 49 Exemplare unterscheiden sich in Bezug auf die Durchbohrungen und das Zentrum (214/38/81; Art.86/K185; Art.93/K125(202); 75/32/85; 95/61/87; 120/61/87; Art.87/K72 (204); 49/41/86, Istanbul o. Nr. [91, 92: 4 Objekte, 93: 3 Objekte], Istanbul 3025 [22 Objekte], London 827-836, London 840).

8. Variante (Abb. 5): Die Plättchen weisen eine motivbestimmte Form auf. Das Motiv besteht aus vier Schalenspiralen, die mit einem Perldraht verziert sind. Es gibt keine Durchbohrungen im Gegensatz zu Variante 5.
Alle zehn Plättchen sind ähnlich (Istanbul 3025 [7 Objekte], London 837-839).

Das sog. Schalenspiralenmotiv [7] ist ein für Ephesos typisches Motiv und findet sich auf allen Applikenformen von kreisförmig bis viereckig, als Stern geformt oder als Blüte. Das gleiche Motiv verziert auch einige Elfenbeinobjekte aus dem Artemision [8].
Sog. Schalenspiralen verzieren häufig Golddiademe, wie z. B. eine mykenisches Goldband aus Enkomi auf Zypern, das zwischen 1300 und 1100 v.Chr. datiert wird [9]. Auf dem griechischen Festland, den Inseln und in Kleinasien tritt das Motiv schon vor der archaischen Zeit auf - so in Troja [10], auf Kreta [11] und in Mykene [12]. Auch in späterer Zeit findet sich das Motiv wie eine motivbestimmte lydische Applik (heute im Museum von Usak) vom Ende des 6. Jhs. v.Chr. Veranschaulicht [13].

Typ b.5.: Achtblättrige Blüte

10. Variante (Abb. 6): Die Plättchen besitzen eine motivbestimmte Form (>1,95 cm). Die Blüte besteht aus vier großen lanzettförmigen und vier kleinen linsenförmigen Blättern. Die großen Blätter sind mit Palmettendekor und die kleinen mit Scheibchenreihe verziert und erinnern daher an Bienenkörper. Rechts und links befindet sich ein weiteres Lanzettblatt, das somit den Eindruck von Bienen vermittelt, die in die Blüte eintauchen. Im Zentrum befindet sich eine vierblättrige, mit Scheibchenmuster verzierte Blüte und ein Buckel in deren Mitte, die wiederum an Bienen erinnert, die mit diesmal geschlossenen Flügeln ihre Köpfe zusammenstecken.
Insgesamt kann man von drei Darstellungsebenen sprechen. Es gibt keinen Rand oder Motivrahmen. Die vier Durchbohrungen befinden sich an den Blütenblattenden.
Die elf Exemplare sind identisch (Selçuk 42/41/86, Istanbul 3175 [4 Objekte], London 892-897).

Das Rosettenmotiv erfreut sich vor allem im 7. Jh. v.Chr. während der orientalisierenden Periode großer Beliebtheit [14] und ist u.a. ein charakteristisches Element der rhodischen Goldschmiedekunst, wo es nicht nur Appliken, sondern auch Ohrringe und Bänder verziert. Parallelen zu den ephesischen Plättchen mit Rosettendarstellungen finden sich auch auf lydischen Beispielen, die sich heute im Archäologischen Museum von Usak befinden [15].

Typ b.6.: Vierblättrige Blüte

4. Variante (Abb. 7): Die Plättchen besitzen eine motivbestimmte Form. Im Zentrum befindet sich ein großer Buckel und als Blütenrahmen dient eine profilierte Leiste. Die Blütenspitzen sind durchbohrt.
Es handelt sich um insgesamt 139 identische Exemplare (Istanbul 3023 [109 Objekte], London 841-869).

Die Blüte mit vier Blättern kommt ursprünglich ebenfalls aus der mesopotamischen Kunst und ist eine Vereinfachung der Rosette. In der Spätbronzezeit erhält sie neue ikonographische Merkmale und tritt sowohl im Osten wie auch in der Ägäis als Einzel- oder als Füllmotiv auf, obwohl in der ägäischen Kunst das achtblättrige Rosettenmotiv bevorzugt wird. Am Beginn der geometrischen Epoche taucht die vierblättrige Blüte auch als Vasendekoration in Griechenland auf und bleibt ein Hauptmotiv in der Keramikdekoration [16]. Eine ähnliche Entwicklung ist in der orientalisierenden rhodischen Vasenmalerei des 7. Jhs. v.Chr. feststellbar [17].

[1] Zusammenfassend bei A. M. Pülz, Form, Funktion und Bedeutung der Goldappliken aus dem Artemision von Ephesos (unpubl. Diss. Wien 2003). Die Goldappliken wurden von der Verfasserin gemeinsam mit den übrigen Goldfunden der österreichischen Grabungen im Artemision im Rahmen eines FWF-Projektes bearbeitet und werden in Kürze zur Publikation vorliegen. Die technologischen Untersuchungen der Objekten werden von B. Bühler vorgenommen. Die Funde befinden sich im Depot des Ephesos-Museums in Selçuk, im Archäologischen Museum in Istanbul sowie im British Museum in London. Zu den Goldappliken aus den englischen Grabungen siehe D. G. Hogarth, Gold and Elektron Jewellery, in: D. G. Hogarth, Excavations at Ephesus. The Archaic Artemisia (1908) Taf. III 6, 10. VIII 1-29. IX 33-49. X 1-34 sowie F. H. Marshall, Catalogue of the Jewellery, Greek, Etruscan, and Roman, in the Departments of Antiquities, British Museum (1911) 65-69 Nr. 827-909.
[2] Siehe auch A. M. Pülz, Zu den Goldappliken aus dem Artemision von Ephesos und ihrer Verwendung, Forum Archaeologiae 28/IX/2003.
[3]Vgl. dazu auch F.-W. von Hase, Zur Problematik der frühesten Goldfunde in Mittelitalien, Hamburger Beiträge zur Archäologie V 2, 1975, 106 mit Anm. 22. Zur symbolischen Bedeutung des Radkreuzes siehe G. Kossack, Studien zum Symbolgut der Urnenfelder- und Hallstattzeit Mitteleuropas, RGF 20 (1954) 18. 20.
[4] Siehe dazu beispielsweise die Beschreibung von 2 Goldscheiben aus dem urnenfeldzeitlichen Hortfund von Gualdo Tadino in Umbrien, die als Mittelmotiv das Radkreuz aufweisen bei von Hase a. O. (Anm. 3) 102f.
[5] Vgl. mit R. S. Young, The Gordion Campaign of 1957: Preliminary Report, AJA 62, 1958, 152 mit Anm. 30 Taf. 24. 26. 19, der auch eine Parallele zum Gürtel des Königs Warpalawas in Ivriz feststellte. Dazu auch R. M. Boehmer, Phrygische Prunkgewänder des 8. Jahrhunderts v.Chr. Herkunft und Export, AA 1973, 155 Abb. 10a.
[6] Siehe auch Boehmer a. O. (Anm. 5) 156 Abb. 10b. Breite des Objekts=17 cm.
[7] Von G. Karo wird das Motiv auch 'Schalenspiralen' genannt: G. Karo, Die Schachtgräber von Mykenai (1930) 275 f. E. Rehm, Der Schmuck der Achämeniden (1992) 177. H17 nennt das Motiv "Vierervoluten": vier nach außen gedrehte Voluten bilden den Rand von fast quadratischen Appliken. Zur Herkunft des Motivs siehe S. Wide, Nachleben mykenischer Ornamente, AM 22, 1897, 233 ff; P. Jacobsthal, Early Celtic Art (1944) 63 f. 74f. Taf. 268. 186-212, der auf einen mykenischen Ursprung hinweist, allerdings als Reflexion von orientalischen Prototypen.
[8] Vgl. mit Hogarth a. O. (Anm. 1) Taf. XXXVIII 12, XL 11; oder auch P. Jacobsthal, The Date of the Ephesian Foundation Deposit, JHS 71, 1951, 89f.
[9] Dazu Marshall a. O. (Anm. 1) 12 Kat. 131. Taf. II; oder A. S. Murray, Excavations in Cyprus. Excavations at Enkomi (1970) 43 f. Taf. VII 184. X 401. XI 182f.
[10] Auf einem Deckel aus gebranntem Ton aus dem 2. Jt. v.Chr.: dazu H. Schmidt, Heinrich Schliemanns Sammlung Trojanischer Altertümer (1902) 124 Nr. 2470.
[11] In Form von zwei ineinandergeschlungenen Bögen aus der Bronzezeit, und vom Orient her beeinflusst: dazu auch E. Kunze, Kretische Bronzereliefs (1931) 120f.
[12] Vgl. mit Karo a. O. (Anm. 7) 275f. Taf. XXXVIII 219. XXVI 234. XXIII 143. VI 1429.
[13] Siehe auch I. Özgen - J. Öztürk, The Lydian Treasure (1996) 207 Kat. 179 Inv. 1.160.96. Dazu auch J. Öztürk, Lydian Jewellery, in: D. Williams (Hrsg.), The Art of the Greek Goldsmith (1998) 45.
[14] Pektorale aus Eleusis: 2.H. 8. Jh. v.Chr.: dazu R. A. Higgins, Greek and Roman Jewellery2 (1980) 99 Taf. 15E. Oder auch Beispiel aus Grab aus Korinth, 8. Jh. v.Chr.: dazu A. Greifenhagen, Schmuckarbeiten in Edelmetall. Bd. I. (1970) 21 Nr. 8 Taf. 4. 8.
[15] Siehe Özgen - Öztürk a. O. (Anm. 13) 165 Kat. 115 Inv. 1.90.96: 2 Appliken. Für beide Appliken wurde dieselbe Matrize/Prägestempel verwendet. Interessant ist, dass bei beiden Plättchen auf nur einer Seite Rosettenblütenblätter und erhabene Punkte außerhalb der Begrenzung zu finden sind, die nicht symmetrisch auf die Spitze liegen, d.h. offensichtlich wurde die Dekoration angebracht, bevor die Form ausgeschnitten wurde. Trotzdem bleibt der Zweck der Rosette auf nur einer Seite ungeklärt. Vgl. auch mit Objekten aus Sardes: siehe C. Densmore Curtis, Sardis XIII: Jewelry and Goldwork, Part 1, 1910-1914 (1925) Nr. 10. 11. 30. 53. Ein weiteres Beispiel aus Usak ist eine runde Applik unbekannter Herkunft: Inv. 1.163.96. Siehe dazu Özgen - Öztürk a. O. (Anm. 13) 209 Kat. 182.
[16] Protokorinthische Vasen, 4. V. des 8. Jhs. v.Chr.: Miteinander verbundene Punkte um einen zentralen Buckel mit kleinen Stielen gruppiert: H. G. G. Payne, Protokorinthische Vasenmalerei (1933); M. Blomberg, Observations on the Dodwell Painter (1983).
[17] Dazu auch W. Schiering, Werkstätten orientalisierender Keramik auf Rhodos (1957) Beilage 9. 11, 3.

© Andrea M. Pülz
e-mail: andrea.puelz@oeai.at

This article should be cited like this: A.M Pülz, Die Goldappliken aus dem Artemision von Ephesos. Studien zur Typologie, Forum Archaeologiae 36/IX/2005 (http://farch.net).



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