Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 32 / IX / 2004

DIE GÖTTER GRIECHENLANDS
Die Kartons von Peter Cornelius für die Fresken der Glyptothek in München

In Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie Berlin zeigt das Haus der Kunst München (10. September 2004 - 9. Januar 2005) erstmals seit rund 70 Jahren wieder ein Hauptwerk des für die Kunst des 19. Jahrhunderts überaus einflussreichen akademischen Malers und Zeichners Peter Cornelius (1783-1867), seine Kartons zu den mythologischen Decken-und Wandbildern der Glyptothek in München. Die Kartons stehen für ein vergessenes Stück deutscher Kunst- und Museumsgeschichte, das es erst einmal zu erzählen und zu entdecken gilt.


Peter Cornelius - neu entdeckt

Werfen wir einen Blick in die Wiege der modernen Kunst: In Rom haben sich mit Peter Cornelius (Abb. 1), Johann Friedrich Overbeck, Wilhelm Schadow, Philipp Veit u.a. deutsche Künstler zusammen getan, die gegen den autonomen Klassizismus und "akademischen Schlendrian" (Cornelius) ihrer Zeit für eine Erneuerung der vaterländischen Kunst auf dem Boden von Volkstum und Religion eintreten. Hervorragend dazu geeignet erscheint den selbsternannten Lukasbrüdern die im Spätbarock aus der Übung gekommene Gattung der monumentalen Freskomalerei in Kirchen und deren säkularen Nachfolgern, den Museen. Ihre primitivistisch gemalten Wandbilder zur Josephslegende in der Casa Bartholdy gefallen dem bayerischen Kronprinzen Ludwig so sehr, daß er den Spiritus rector der spotthaft nach ihrer Haartracht auch so genannten Nazarener, Cornelius, damit beauftragt, die beiden Festsäle auf der Gartenseite der in Bau befindlichen Glyptothek am Königsplatz in München auszumalen.

Mit Rücksicht auf die Bestimmung der Glyptothek als Museum der griechischen und römischen Skulptur (Abb. 2) wird von Cornelius ein mythologisches Programm nach Homer und Hesiod erwartet. Der Künstler hätte indes lieber ein christliches Thema behandelt, doch wächst er schnell in die Aufgabe hinein, die er durchaus selbständig auffaßt. In den Jahren von 1818 bis 1830 gelingt ihm ein einzigartiges Panoptikum der antiken Sagengestalten, das mit Renaissance-Motiven angereichert sowohl dem letzten Stand der damals blühenden Altertumsforschung als auch dem neuen Wunsch nach einer museumspädagogischen Vermittlung an ein Publikum ohne Vorkenntnisse entspricht.
Wie in der systematischen Philosophie, die Cornelius' Freund Schelling zu einem grandiosen Abschluß führt, läßt das Titanenwerk den Versuch erkennen, dem antiken Götterhimmel als der größten bekannten Dichtung etwas Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Der Glyptothekszyklus leitet im 19. Jahrhundert zwar eine vielfach bewunderte Renaissance der Freskomalerei ein. Aufgrund technischer Mängel in der Umsetzung, der langen Ausführung und koloristischer Schwächen hagelt es aber auch Kritik auf Cornelius, die schließlich dazu führt, daß der von Ludwig aufgegebene Künstler um seine Entlassung bittet und 1841 nach Berlin umsiedelt, wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen mit offenen Armen empfängt. In dessen Reisegepäck befinden sich womöglich die rund 50 Kartons zu den Bildern der Glyptothek, d.h. deren maßstabgleiche Modelle in Kohle auf festem Papier. Der Wert dieser Kartons ging weit über den Werkstattzweck hinaus, denn schon im 19. Jahrhundert wurden diese wie Kunstwerke eigenen Rechts angeschaut.
Bei den Kartons, Entwurfszeichnungen im Maßstab 1:1, von Cornelius handelt es sich tatsächlich um sorgfältig ausgeführte, gehöhte und gewischte Zeichnungen in zum Teil riesenhaften Maßstab. Der Karton "Zorn des Achill" etwa mißt 4,23 x 8,29 Meter! Cornelius selbst arbeitet der musealen Konsekration seiner Kartons vor, indem er diese dem Preußischen Staat übereignet im Tausch gegen ein Wohn- und Atelierhaus, das vor dem Brandenburger Tor errichtet wird. Als es einige Jahre nach dem Tod des hochdekorierten Künstlers zum Bau der Nationalgalerie kommt, bedingt sich der Preußische Staat die dauerhafte Ausstellung der bis dahin magazinierten Kartons - neben der Kartons zu den Bildern der Glyptothek auch jener, die Cornelius für den Campo Santo, den unausgeführten Begräbnisplatz der Hohenzollern in Berlin, schuf - aus. So wird der nationale Kunsttempel gewissermaßen um die Kartons (Abb. 3-4) herumgebaut, die mit den beiden geschoßübergreifenden Cornelius-Sälen eine viel zu große Herzkammer erhalten (mit der sich spätere Direktoren des Hauses darum auch schwer tun werden und die bei der jüngsten Generalsanierung der Alten Nationalgalerie durch neu eingezogene Decken geteilt wurden).

Das 19. Jahrhundert sieht noch Editionen durch druckgraphische und fotographische Reproduktionen, doch unter dem Direktor Tschudi werden die Cornelius-Säle binnen kurzer Zeit ihrer Bestimmung entfremdet. Vor die Kartons wird Stoff gespannt, vor dem man neu erworbene Bilder von Feuerbach, Schuch, Segantini und Klinger hängt. Im Katalog der Nationalgalerie von 1907 sind alle Kartons noch vermerkt, 1908 fehlen diese Angaben. Der Erste Corneliussaal heißt nun Menzelsaal. Die Kartons verschwinden bis auf wenige Beispiele in verschiedenen Depots, wo sie zum Teil auf Rollen liegend nur mühsam studiert werden können.
1933, aus Anlaß des 150sten Geburtstages von Cornelius, werden sie allerdings noch einmal in den Räumen der Berliner Akademie der Künste ausgestellt, die übrigens bereits 1820, 1859 und 1869 Kartons von Cornelius gezeigt hatte. Im Krieg gehen einige Stücke verloren. Die Fresken der Glyptothek überstehen den Krieg zwar unbeschadet, sind jedoch über viele Jahre der Witterung preisgegeben, da man über der allgemeinen Not versäumt, den darüber abgebrannten Dachstuhl zu ersetzen. Bei der Wiedereröffnung der Glyptothek 1972 sind nur noch wenige abgenommene Fragmente erhalten. Die in Kauf genommene Zerstörung der Fresken zeigt, wie gering geachtet das Erbe von Cornelius gleich dem anderer deutscher Künstler der Schinkel-Zeit in den Jahren nach dem Krieg war. Das Nachholen der Moderne hatte Vorrang, gerade in München, wo diese im Haus der Kunst mit Ausstellungen wie "Der Blaue Reiter" und "Picasso" allererst populär gemacht wurde.


Peter Cornelius - Restaurierung, Ausstellung, Symposion

Wenn nun Cornelius' Kartons (Abb. 5)zu den Fresken der Glyptothek erstmals seit langem wieder fast vollständig als Zyklus zu sehen sein werden, kommt dies schon einer Wiederentdeckung gleich, denn im öffentlichen Bewußtsein lebt keine Erinnerung an dessen Kartonkunst mehr fort. Dabei ist gerade sie es, die in ihrer Zeit avantgardistisch war und auch heute noch oder wieder als modern empfunden werden kann. Die akkuraten Entwürfe nehmen Eigenarten von Konzeptkunst und Design vorweg.
Die Hürden, die sich dem erst Ende 2002 gefaßten Plan zu der Ausstellung in den Weg stellten, konnten glücklich genommen werden (Abb. 5). Der großzügigen Leihbereitschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist es zu verdanken, daß die fragilen Stücke auf Reise geschickt werden. Zwei herausragende Restaurierungsateliers in Berlin und Dresden waren einige Monaten damit beschäftigt, die weniger gut erhaltenen Stücke wieder für das Publikumsauge vorzubereiten. Der Ernst von Siemens-Kunstfonds half entscheidend bei der schwierigen Finanzierung des Projektes. Und Frank Büttner, Professor am Kunsthistorischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der sich ausgerechnet in den 1970er Jahren als erster wieder mit dem totgesagten Cornelius auseinander gesetzt hat, nahm begeistert an der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas im Rahmen des Symposiums "Cornelius - Prometheus - der Vordenker" (10. September) teil.
Zur Ausstellung erscheint ein Prachtband mit einer Textsammlung ausgewählt von Durs Grünbein und einem Beitrag von Peter-Klaus Schuster, herausgegeben von León Krempel.

Adresse Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1
D-80538 München
Ausstellungsdauer 10. September 2004 - 09. Januar 2005
Öffnungszeiten Mo -So 10 -20 Uhr, langer Do 10 - 22 Uhr
Eintrittspreise 7 / ermäßigt 5 / Jugendliche unter 18 Jahren 2 / Kinder unter 12 Jahren frei Eintritt inklusive Acoustiguide, gesprochen von Stefan Hunstein
Führungen Öffentliche Führungen (kostenlos): Samstag 15 Uhr, Donnerstag 20 Uhr; Sonntag 11 Uhr (Volkshochschule)
Private Führungen nach Vereinbarung, Tel +49/89/211 27 113, Fax +49/89/211 27 157

© León Krempel
e-mail: presse@hausderkunst.de

This article should be cited like this: L. Krempel, Die Götter Griechenlands. Die Kartons von Peter Cornelius für die Fresken der Glyptothek in München, Forum Archaeologiae 32/IX/2004 (http://farch.net).



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