Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 11 / VI / 1999

UMBAUTEN DER 2. HÄLFTE DES 2. JHS. IM AUXILIARKASTELL VON CARNUNTUM

Die von Herma Stiglitz 1977-1988 durchgeführten Untersuchungen ergaben drei klar differenzierbare Bauperioden des Kastells: Holz-Erde-Kastell (flavisch-traianisch), Steinkastell I (bis ca. 170/180) und Steinkastell II (Wende 2. zum 3. Jh. bis 2. Hälfte 3. Jh.) [1]. Bereits während der Arbeiten von H. Stiglitz ergab sich die Notwendigkeit, für die uns interessierende Zeitspanne der 2. Hälfte des 2. Jhs. eine Zwischenphase einzuführen, die als Folge einer Zerstörung angesehen wurde. Während dieser in die Zeit der Markomannenkriege datierten Phase kommt es laut Interpretation von S. Jilek [2] zu einer Aufgabe des Kastells und einer zivilen Nutzung als Werkstattareal.
1998 wurden die Arbeiten im Mittelstreifen des Kastells südlich der Via Principalis und östlich der Principia wieder aufgenommen. Für die Steinkastellperioden (Periode II und IV) ergab sich ein langgestrecktes N-S orientiertes Gebäude, das mit einer Porticus nach Westen hin abschließt und für beide Steinkastellperioden vom Grundriß her nahezu identisch ist.
Im S-Teil unserer Grabungsfläche wird die Porticusmauer des Steinkastells I bis in den Fundamentbereich ausgerissen und zu einem späteren Zeitpunkt durch eine grob ausgeführte Flickung wiederhergestellt. Ein Pfeilerauflager der Porticus des Steinkastells II liegt auf dieser Flickung auf. Die Mauer wird also im Zuge der Verbauung für das Steinkastell II wiederhergestellt und das Niveau der Pfeiler entsprechend der höheren Straßenoberfläche etwas angehoben.
Zwischen Ausriß der Porticusmauer und deren Wiederherstellung liegen eine Reihe von Bauvorgängen, die in die 2. Hälfte des 2. Jh.s datiert werden können.
Unmittelbar über den jüngsten Begehungs- und Straßenhorizonten der Periode II (=Steinkastell I) liegt fein stratifiziertes, äolisch verlagertes bzw. vom Regen eingeschwemmtes Material, das am ehesten mit einem kurzfristigen Brachliegen des Kastells in Verbindung zu bringen ist. Im weiteren Verlauf dieses als Phase IIIa bezeichneten Zeitabschnittes kommt es zu einer Nutzung als Werkstattbereich. Ziemlich elaborierte Feuerstellen, wohl Schmiede- und Schmelzplätze, konnten festgestellt werden, die mit ausgedehnten Oberflächen aus vertretener Schlacke in Zusammenhang stehen. Dieser Werkstatthorizont läßt sich mit keinem Grundriß in Zusammenhang bringen.

Abb. 9: Arbeiten im Auxiliarkastell Carnuntum 1998

Bestimmendes Merkmal des auf Phase IIIa folgenden Zeitabschnitts sind mächtige Horrea in Holzbauweise, wobei eine Abfolge von mehreren Bauten festgestellt werden konnte (Abb. 9). Die Pfosten der einzelnen Speicherbauten sind bezüglich ihrer UK und ihres Durchmessers für die jeweilige Phase weitgehend signifikant. Das Horreum der Phase IIIb weist in Streifen angeordnete Pfostengruben auf, die nicht völlig regelmäßig sind. Die Entfernung der Pfosten zueinander beträgt 1,20 m, die Streifen liegen 1,15-1,50 m voneinander entfernt. Parallel zu den Pfostenreihen, die ziemlich genau O-W, also normal auf die Straße orientiert sind, verläuft eine massive Steinsetzung, die den N-Abschluß des Horreums bildet. Der Ausriß der Porticusmauer steht wohl mit diesem Bauvorgang in Zusammenhang, da mehrere kleine Pfosten im Straßenkörper auf eine Art Verladerampe hinweisen.
Auf dieses ältere Horreum folgt ein ebenfalls aus Pfosten gebildeter Ständerbau, bei dem es sich aber mit Sicherheit nicht um ein Horreum handelt (Phase IIIc). Diesem Bau lassen sich vorerst lediglich zwei N-S orientierte Pfostenreihen zuweisen, eine Südfront und damit Ecke dieser Pfostenkonstruktion ist wahrscheinlich. Die Funktion des Baus bleibt weitgehend ungeklärt.
Die Anlage der Phase IIIc fällt auch insofern aus dem übrigen Ablauf der Verbauung deutlich heraus, als sie die Abfolge von mehreren funktionsgleichen Bauten unterbricht. Im Anschluß wird die mit dem Horreum Phase IIIb begonnene "Horreumtradition" wieder aufgenommen. IIId und IIIe lassen sich wieder als Horreumphasen ansprechen.
Das Horreum der Phase IIId zeigt seichtere, dafür deutlich stärkere Pfostengruben. Typisch ist auch der wesentlich größere Abstand der Pfosten. Dieser Bau reicht über die Nordbegrenzung des älteren Horreums hinaus. Da die in den Straßenbereich reichende Rampe auf das ältere Horreum beschränkt ist, wäre theoretisch auch eine andere Orientierung als zur Straße hin möglich.
Zwischen dem Horreum IIId und IIIe kommt es neuerlich zu einer, allerdings nur schwer faßbaren Unterbrechung. Dieses letzte Horreum (Phase IIIe) zeigt eine besonders große Variabilität der Pfosten in Bezug auf Größe und Tiefe, zudem dürften seichtere Pfosten unter der Pflugeinwirkung gelitten haben, es ähnelt im Grundriß aber wahrscheinlich dem Horreum der Phase IIIe.
Zieht man für die Deutung unserer Befunde auch ältere Beobachtungen (die von H. Stiglitz im Bereich der Principia angetroffenen und im Plan von "Steinkastell II" eingezeichneten nicht weiter interpretierten Pfosten [3]) heran, und bedenkt zudem, daß auch eine den Principia von "Steinkastell I" zugeschlagene Pfostensetzung [4] große Ähnlichkeit zu einem Horreum mit Rampe im Osten, also wiederum zur Straße hin, aufweist, so wird deutlich, daß in der Periode III im prominentesten Lagerbereich durch den Einbau zumindest zweier gesicherter Horrea offensichtlich Fläche für die Lagerung von Versorgungsgütern bereitgestellt wurde. Die im Mittelstreifen somit faßbare Zäsur in der Bauabfolge läßt sich in den Kasernen bislang nicht nachweisen [5]. Vielmehr ist dort von einer gewissen Kontinuität in der Nutzung als Reiterunterkunft auszugehen. Ein Nebeneinander von Versorgungstätigkeit und Reitertruppe wäre somit für die Periode III im Auxiliarkastell von Carnuntum anzunehmen. Diese Erscheinung findet ihre Entsprechung in den Kompetenzen eines während der Markomannenkriege mit der Versorgung der römischen Truppen im Donauraum betrauten Offiziers: aus dem Cursus Honorum des M. Valerius Maximianus ist zu entnehmen, daß ihm für die Erfüllung seiner Aufgaben sowohl Flotten- als auch Reitereinheiten zur Verfügung standen [6].
Der alten Interpretation eines im Zuge der Markomannenkriege überrannten, durch Brand zerstörten und dann brachliegenden, bestenfalls zivil genutzten Kastells kann somit das differenziertere Bild eines mehrphasigen Versorgungslagers gegenübergestellt werden. Es bleibt zu hoffen, daß die Periode III des Auxiliarkastells von Carnuntum durch weitere Grabungen und eine Neusichtung älterer Befunde unter den dargestellten Gesichtspunkten noch klarere Konturen erhält.

[1] H. Stiglitz - S. Jilek in: H. Stiglitz (Hrsg.), Das Auxiliarkastell von Carnuntum I. Forschungen 1977-1988, SoSchrÖAI 29 (Wien 1997) 13-76, bes. 18.
[2] S. Jilek in: H. Friesinger - J. Tejral - A. Stuppner (Hrsg.), Markomannenkriege. Ursachen und Wirkungen, SA 1 (Brno 1994) 387-405, bes. 392.
[3] Stiglitz - Jilek a. O. Planbeilage 3.
[4] Stiglitz - Jilek a. O. 40 Planbeilage 2.
[5] M. Kandler, ÖJh 66, 1997, Grab. 1996, 69f. Abb. 4.
[6] H. W. Böhme, JbRGZM 11, 1975, 153-217, bes. 201-204 Abb. 16-17.

© Wolfgang Müller - Ursula Zimmermann
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