Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 63 / VI / 2012

IST DER PARTHENONFRIES SINNBILDLICHER AUSDRUCK DES ATHENISCHEN IMPERIALISMUS?

Der Fries des Parthenon wird allgemein als Darstellung der Prozession im Rahmen der Grossen Panathenäen interpretiert. Bei diesem größten athenischen Fest war jedes Mitglied des attisch-delischen Seebundes verpflichtet, an der Prozession teilzunehmen sowie eine Kuh und eine Panhoplie beizusteuern. Einige Forscher glauben daher, dass sich in den Reliefs Anspielungen auf dieses wichtige militärisch-wirtschaftliche Bündnis finden lassen und dass der Fries damit tatsächlich einen bildlichen Ausdruck des athenischen Imperialismus darstellt.
1985 hat M.C. Root auf die Verwandtschaft zwischen der Komposition des Parthenonfrieses und derjenigen des Apadana-Reliefs in Persepolis hingewiesen. Er schloss daraus, dass die Erste von der Letzten beeinflusst wurde. Trotz der ausführlichen Untersuchung einer möglichen Einflussnahme durch Root erscheint dem Vortragenden eine direkte oder indirekte Einwirkung entfernter orientalischer Ikonographie auf dem Entwurf des Parthenonfrieses doch wenig wahrscheinlich. 1995 hat B. Wesenberg die Meinung vertreten, die im Fries dargestellten Hydoriaphoroi seien als Zug von Tributträgern von Angehörigen des Seebundes anzusehen. Als Indiz wurde ein Relief angeführt, auf dem neben Geldsäcken auch eine mit Tribut gefüllte Hydria dargestellt ist.
Gegen diese Ansicht hat J. Neils 2004 den Einwand erhoben, dass für den Entwurf des Frieses im Falle einer beabsichtigten propagandistischen Wiedergabe athenischer Vormachtstellung eine Darstellung der dargebrachten Panhoplie in der Komposition durchaus gereicht hätte, hatte doch bereits W. Schuller 1984 die einleuchtende Erklärung dafür vorgelegt, dass im Friesgeschehen ein rein innerathenisches Bild gezeichnet werden sollte, welches fremde und eher zweitrangige Elemente, wie etwa eine Panhoplie, durchaus vermeiden wollte.
Der Vortragende ist der Meinung, dass die Darstellung des Parthenonfrieses dem Betrachter tatsächlich den Führungsanspruch Athens bewusst vor Augen geführt haben muss. Dafür spricht auch die strukturelle Ähnlichkeit des Frieses mit einer Tributlisten-Stele auf der Akropolis, auf der jährlich ein Sechzigstel des Tributs desjenigen Bundeslands aufgezeichnet wurde, welches der Göttin Athena eine Abgabe als Aparché zu weihen hatte. Das Konzept der Weihung auf der Tributliste scheint der Komposition des Parthenonfrieses ähnlich zu sein: der Ausdruck dieser grandiosen Prozession auf dem Parthenonfries galt auch unter anderem als Sinnbild eines frommen Votivs gegenüber der Göttin.
Nach der Auffassung des Vortragenden sollte der Parthenonfries mit den anderen Weihungen auf der Akropolis verglichen werden. Bei den verschiedenen Bildtypen der griechischen Kunst treten besonders stark die Reliefweihungen in der Bildkomposition des Parthenonfrieses auf. Der Fries bildet als Ganzes eine Gegenüberstellung der Götter und der herankommenden Prozession der Adoranten ab. Als Bildtyp gehört diese Formel zu der der Reliefweihungen. Als typische Charaktere des Adorationsreliefs können hier auf die folgenden zwei hingewiesen werden: als Erstes wurde in dieser Reliefgattung der Unterschied der Körpergröße zwischen Gottheit und Sterblichen klar ausgedrückt. Als zweiter Charakter kann man doch den Kontakt und die dadurch angedeutete Intimität zwischen den zwei Geschlechten anführen. Die Distanz und zugleich die Intimität zwischen Göttern und weihenden Adoranten sind aber auch beim Parthenonfries zu finden. Der Parthenonfries als Tempeldekoration hat offiziell gezeigt, dass Athen als Protégé von den Göttern besonders beschützt wurde. Die beanspruchte Vormachtstellung Athens scheint ihre Ausdrucksformel in einer reinen religiösen Darstellung auf dem Weihgeschenk des Parthenon gefunden zu haben.

© Toshihiro Osada
e-mail: toshihiro.osada@gmail.com

This article should be cited like this: T. Osada, Ist der Parthenonfries sinnbildlicher Ausdruck des athenischen Imperialismus?, Forum Archaeologiae 63/VI/2012 (http://farch.net).



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