Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 39 / VI / 2006

DAUNISCHE SIEDLUNGSBEFUNDE AUF DEM COLLE SERPENTE IN ASCOLI SATRIANO

Die Forschungen des Instituts für Archäologien der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck richten sich seit Jahren schwerpunktmäßig auf den Raum Süditalien. In Ascoli Satriano, einer kleinen 36 km südlich von Foggia in Nordapulien gelegenen Stadt, konnte 1997 mit einer regelmäßigen Ausgrabungstätigkeit begonnen werden. Ascoli Satriano (Ausculum) gewann in vorrömischer Zeit als eines der Zentren der daunischen Kultur zunehmend an Bedeutung. Die Daunier, eine Völkerschaft wohl illyrischer Herkunft, können hauptsächlich durch Grabfunde in die Zeit zwischen dem 9./8. und dem 4.Jh. v.Chr. datiert werden, denn ganz offensichtlich wurde der Gestaltung und Ausstattung der Gräber großer Wert beigemessen, während die Behausungen aus organischem, vergänglichem Material nur teilweise auf Steinfundamenten standen und damit archäologisch nur sehr schwer fassbar sind. Ihre Siedlungen hatten dörflichen Charakter mit Gruppen von Hütten, und ihre Gräber befanden sich direkt im Bereich der Wohnstätten. Als kultische Anlagen können größere Gebäude mit festen Steinfundamenten oder Plätze mit ritueller Niederlegung von Gegenständen und Keramik identifiziert werden. Diese regionale sog. Subgeometrisch-Daunische Keramik stellt zugleich auch die umfassendste Hinterlassenschaft der daunischen Kultur dar. Daneben zählen vor allem im 7. und 6.Jh. v.Chr. anthropomorphe Stelen aus Kalkstein zur bedeutendsten Fundgruppe [1].
Die Arbeiten in Ascoli Satriano konzentrierten sich auf den Colle Serpente, den Hauptsiedlungshügel, der sich markant über dem Ort erhebt und seit langem sowohl als daunischer Siedlungsplatz als auch als Nekropole bekannt ist. Im bisher weitgehend unerforschten zentralen Hügelbereich wurden in den Jahren 1997-2002 Ausgrabungen durchgeführt, deren Aufarbeitung derzeit im Zuge des FWF-Projektes "Archäologische Forschungen in Ascoli Satriano" erfolgt [2]. Neben einer Reihe von Hausbefunden konnten drei Fossagräber und ein Grotticella-Grab des ausgehenden 4.Jh. v.Chr. sowie zwei Opferplätze ergraben werden.
Markantestes Bauwerk ist ein im zentralen Kuppenbereich eingetieftes "Grubenhaus", von dem sich massive steinerne Fundamentierungsmauern erhalten haben, auf denen die aufgehenden Wandstrukturen aus ungebrannten Lehmziegeln aufgesetzt waren. Eine Funktion als Wohnbereich kann für das Grubenhaus ausgeschlossen werden, eher kann man einen Lagerraum oder Stall für Schafe oder andere Nutztiere vermuten. Im Süden des Hügels konnten die Überreste eines weiteren Gebäudes (Haus 1) anhand ausgedehnter Ziegelverstürze identifiziert werden, die auf allen Seiten durch Erdstreifen von ca. 60 cm Breite begrenzt wurden, wo ursprünglich die aufgehenden Mauern gestanden haben müssen. Parallel zu den Verstürzen fanden sich im Westen an der Front des Gebäudes sechs massive Pfostenauflager. Im östlichen Bereich des zentralen Raumes zeigte sich eine annähernd kreisförmige Bodenverfärbung mit Holzkohleeinschlüssen, bei der es sich wohl um eine Herd- oder Feuerstelle handelte. In der Südostecke fand sich zudem eine Ansammlung von 26 zum Großteil verzierten Webgewichten, deren Position eindeutig auf einen zusammengebrochenen, vertikalen an der Hauswand stehenden Webstuhl hinweist. Nordwestlich von Haus 1 konnten die Umrisse eines weiteren Gebäudes (Haus 2) im Wesentlichen durch eine Reihe von Pfostensetzungen bestimmt werden.


Die bisherigen Forschungen auf dem Colle Serpente zeigen innerhalb der Siedlungsfläche deutlich aufeinander ausgerichtete Achsen, die für das mittlere 4.Jh. v.Chr. eine zusammenhängende Verbauung mit dorfartigem Charakter annehmen lassen. So ausführlich im gesamten Daunien die Gräber sowohl in ihrer Struktur als auch in ihren Inventaren bekannt und großteils auch erforscht sind, so sehr betritt man jedoch Neuland in der Rekonstruktion der Siedlungen. Daher erscheinen die vorliegenden Ergebnisse als ergiebige Grundlage für weiterführende Untersuchungen, um ein zusammenhängendes Bild der antiken Strukturen unter besonderer Berücksichtigung der wechselseitigen Beziehungen zwischen Grabanlagen, Wohnstätten und Opferplätzen auf diesem wichtigsten daunischen Siedlungshügel von Ascoli Satriano zu erhalten.

[1] M. Mazzei (Hrsg.), La Daunia antica. Dalla preistoria all'altomedioevo (Milano 1984).
[2] A. Larcher, Österreichische Ausgrabungen in Daunien: Ascoli Satriano, Provinz Foggia, Römische Historische Mitteilungen 43, 2001, 145-177; A. Larcher, F.M. Müller, Scavi dell'Università di Innsbruck sul Colle Serpente ad Ascoli Satriano dal 1997 al 2002, in: Atti delle Giornate sulla Storia e l'Archeologia della Daunia, Insulae Diomedeae (2006 im Druck). Vgl. auch die Projekt-Homepage http://grabung-ascoli-satriano.uibk.ac.at.

© Florian Martin Müller
e-mail: Florian.M.Mueller@uibk.ac.at

This article should be cited like this: F.M. Müller, Daunische Siedlungsbefunde auf dem Colle Serpente in Ascoli Satriano, Forum Archaeologiae 39/VI/2006 (http://farch.net).



HOME