Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 39 / VI / 2006

RÖMISCHE SIEDLUNGSBEFUNDE INNERHALB DER ZIVILSTADT VON VINDOBONA - ERSTE ERGEBNISSE DER GRABUNG RENNWEG 16

Vom 25.4. bis 4.7.2005 sind von der Stadtarchäologie Wien anlässlich der Errichtung einer Hotelanlage auf dem Gelände der ehemaligen Staatsdruckerei in Wien 3, Rennweg 16 archäologische Denkmalschutzgrabungen durchgeführt worden. Die Notgrabung betraf den ehemaligen Innenhof der 1890 errichteten Österreichischen Staatsdruckerei, der als einziger Bereich keine, wie auf der übrigen Parzelle anzutreffende, tief greifende Unterkellerung aufwies [1].
Da auf dem Gelände des benachbarten Gebäudes Rennweg 14 (Botanisches Institut) zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1903-1909) und 1979 bereits römische Hausgrundrisse und Siedlungsbefunde vom westlichen Rand der Zivilstadt von Vindobona bei Grabungen aufgedeckt werden konnten [2], war auch in dem ca. 50 m weiter östlich gelegenen Gelände mit Siedlungsspuren der Römer zu rechnen. Tatsächlich konnten auf der 232 m2 großen Grabungsfläche zwei römische Gebäudekomplexe (Gebäude 1 und 2) angeschnitten werden, die sich in Form von wieder verfüllten Ausrissmauern, diversen Fußbodenresten und Planierschichten im Boden abzeichneten. Das Gehniveau innerhalb der Gebäude bzw. das der entsprechenden Straßen- und Wegschotterungen lag bei etwa 18,50 m ü. Wr. Null (Wr. Null = 156,68 m ü. Adria).
Gebäude 1 zeigt in seiner ersten Bauphase im südlichen Bereich des Grabungsgeländes einen in den anstehenden Löß gesetzten, mindestens 10 m2 großen Erdkeller (UK 17,20 m ü. Wr. Null), der eine unter das Kellerniveau führende, von Nord nach Süd steil abfallende Rampe (UK 16,38 m) aufwies. Dem westlichen Rand des Kellers folgt im Bereich seiner Oberkante eine Nord-Süd orientierte Mauer, die sich bis an die nördliche Grabungsgrenze fortsetzt und gleichzeitig den westlichen Abschluss von Gebäude 1 bildet. Eine entsprechende Mauer östlich des Kellers konnte nicht verifiziert werden. In den Erdkeller schneidet ein 0,85 x 0,90 m großer und knapp 3 m tiefer Schacht (UK 15,67 m ü. Wr. Null), der an den Wänden zum Teil grünlich verfärbten Löss aufwies (Latrine?). Nördlich und östlich der Kellergrube sind jeweils auf Bodenniveau von Gebäude 1 Ofenbefunde dokumentiert. Dem Raum mit Keller und Feuerstellen folgt im Norden ein 3,00 x mind. 3,80 m großer Raum, dessen Besonderheit eine 2,25 x 0,25 m große Feuergrube darstellt, das vor allem in den oberen Randbereichen starke Brandspuren aufwies und wohl als Grillrost einer Garküche anzusprechen ist (Abb.) [3].
In Gebäude 1 wird in einer zweiten Bauphase der Keller mit Rampe und Schacht verfüllt und darüber eine O-W orientierte Mauer eingezogen, die den südlichen Abschluss einer Gebäudeerweiterung nach Osten bildet. Der Keller enthielt dabei zahlreiches mittelkaiserzeitliches Fundmaterial, das vorläufig einen Verfüllungszeitpunkt in severischer Zeit nahe legt. Gebäude 1 wird sowohl im Westen als auch im Osten von Wegschotterungen begleitet, wobei die östliche durch neuzeitliche Störungen nur noch rudimentär dokumentiert werden konnte.
Westlich von Gebäude 2 folgte - von diesem durch ein Balkengräbchen getrennt - eine mit römischem Fundmaterial (hauptsächlich Ziegelfehlbrände oder Ziegelverglasungen und Tuffsteine) verfüllte Latrine mit 1,60 m Durchmesser und 3,30 m Tiefe (UK 15,26 m). Die Tuffsteine bildeten ursprünglich den oberen Steinkranz des sonst in den anstehenden Löss gegrabenen kreisrunden Schachtes. Die Latrine wird der zweiten der drei römischen Bauphasen auf dem Gelände zuzurechnen sein, da die erhaltenen Reste der Straßenschotterung zwischen den Gebäuden über der Latrinenverfüllung verlaufen.
Von Gebäude 2 sind im Vergleich zu Gebäude 1 auf Grund neuzeitlicher Abtragungen weit weniger Befunde erhalten geblieben. Dokumentiert ist ein Nord-Süd orientierter Mauerausriss der einen 7,50 x mind. 2,70 m großen, (vor?)hallenartigen Raum im Westen abschließt. Das Gebäude zeigt nach Westen einen ca. 1 m langen und 0,65 m breiten Mauervorsprung, dem zusätzlich noch ein Pfosten vorgesetzt war, wodurch sich für die Westfront von Gebäude 2 eine überdachte Veranda rekonstruieren lassen kann. Innerhalb des Gebäudes zeigten einfache Lehmstampfböden ein nur einphasig erhalten gebliebenes Gehniveau an.
Die Planierungen für Gebäude 1 sowie für die Straßenschotterung zwischen den Gebäuden verfüllten ausgedehnte römische Grubenkomplexe, zum Teil mit Pfostenstellungen, die zahlreiches und gut erhaltenes mittelkaiserzeitliches, aber auch vereinzelt spätlaténezeitliches Fundmaterial enthielten. Mindestens acht anscheinend nacheinander angelegte und sich schneidende Gruben erstreckten sich 10 m in Ost-West-Richtung und mindestens 9,20 m in Nord-Süd Richtung. Die Gruben wiesen eine Tiefe von ca. 1 m auf (OK 18,00 bis 18,20 m; UK 17,25 bis 17,60 m) und bildeten den ältesten römischen Siedlungshorizont auf dem Grabungsgelände.
Spätrömische und mittelalterliche Baustrukturen konnten auf der untersuchten Fläche nicht festgestellt werden.
Die aufgedeckten Gebäudereste befinden sich ca. 35 bis 45 m südlich der unter dem heutigen Rennweg verlaufenden Limesstraße. Die Befunde deuten auf die typische Bauweise städtischer Siedlungen der Mittelkaiserzeit, auf langrechteckige, zur Limesstraße hin orientierte Streifenhäuser oder Komplexbauten mit anschließendem Werkstattbereich im Hinterhof. Da diese Häuser meist zwischen 20 und 40 m Länge (inklusive Hinterhof mehr als 80 m) messen [4], ist der Befund von Rennweg 16 eindeutig den hinteren Gebäudeteilen zuzurechnen. Der Grubenhorizont der ersten römischen Besiedlungsphase könnte Materialentnahmegruben im Hofbereich des erst später nach Süden erweiterten Gebäudes 1 anzeigen. Nur indirekt - über die Ziegelfehlbrände oder -verglasungen aus der Latrinenverfüllung und einem Ziegeldepotfund aus dem Jahr 1909 in der Mechelgasse [5], unmittelbar südlich der ehemaligen Staatsdruckerei, kann eventuell ein Zusammenhang der aufgedeckten römischen Überreste mit der privaten Ziegelproduktion des M. Antonius Tiberianus erschlossen werden. Eindeutige Beweise, dass das Produktionszentrum gerade auf diesen beiden Parzellen zu suchen wäre, konnten die Grabungen allerdings nicht erbringen.

[1] Zur nur kurzen Übersicht des während des Baus der Staatsdruckerei aufgesammelten Fundmaterials vgl. F. v. Kenner, Notizen. Mitteilungen der K.K. Zentralkommission N.F. 16, 1890, 274 Nr. 219.
[2] R. Chinelli/I. Mader/S. Sakl-Oberthaler/H. Sedlmayer, Die Grabungen im Botanischen Garten der Universität Wien. Fundort Wien 4, 2001, 294-305 mit weiterer Literatur.
[3] K. Kortüm, Privathäuser in städtischen Siedlungen. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Landesausstellung Stuttgart 2005/2006 (Stuttgart 2005) 255 Abb. 307.
[4] Kortüm 2005, 253.
[5] F. v. Kenner, Römische Funde in Wien 1908-1910. Jahrbuch für Altertumskunde 5, 1911, 138b.

© Martin Mosser
e-mail: martinmosser@gmx.net

This article should be cited like this: M. Mosser, Römische Siedlungsbefunde innerhalb der Zivilstadt von Vindobona - Erste Ergebnisse der Grabung Rennweg 16, Forum Archaeologiae 39/VI/2006 (http://farch.net).



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