Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 27 / VI / 2003

UBI-ERAT-LUPA.
Auf der Internet-Fährte der römischen Wölfin


Das Projekt

Auf der Internet-Plattform ubi-erat-lupa.org (Abb.1) soll Platz für die materiellen Relikte sein, die die Römer, ubi erat lupa, hinterlassen haben. Der Computer macht so ein beinahe größenwahnsinniges Vorhaben möglich, das natürlich immer "work in progress" bleiben muss. Beim wiederholten Besuch unserer Plattform, ist aber hoffentlich zu bemerken, dass sie nicht zu den Internetbaustellen gehört, auf denen schon länger keine Bauarbeiter zu sehen waren. Das architektonische Gerüst (Bauherr: O.Harl, Baumeister: K. Schaller & Jakob Egger) ist inzwischen so solide und gleichzeitig flexibel, dass die unterschiedlichsten Materialien gesammelt, geordnet und aufgeschlüsselt werden können - freiwillige Mitarbeiter, die hier Grabungsfunde, Sammlungsbestände oder Katalogteile wissenschaftlicher Arbeiten für sich selbst und für die Kollegen einfacher und vielfältiger nutzbar machen wollen, sind jederzeit willkommen. Die Zusammenarbeit mit Kollegen sowie mit Museen in Österreich, Deutschland, Slowakei, Ungarn, Slowenien und Serbien funktioniert bereits, eine Verknüpfung mit anderen Internetdatenbanken einschlägiger Natur ist in Arbeit, was auch von Brüssel mit EU-Geldern gefördert wird - schließlich haben die alten Römer schon einmal eine funktionierende europäische Einheit zustande gebracht.

Die unkomplizierte Handhabung sowohl für den Bearbeiter als auch den Benützer kann bereits an dem Datenbestand von über 5000 provinzialrömischen Steindenkmälern überprüft werden, die schon auf die Plattform gestellt wurden. Hier muss die Geschichte des Projektes ubi-erat-lupa gestreift werden:
Am Anfang stand eine biedere Datenbank mit unendlich vielen Spalten, in die als jahrelanger Freizeitspaß römische Grabdenkmäler der Provinzen Noricum und Pannonien hineingestopft wurden, damit später einmal ein Buch daraus würde. Die Anregung dazu lieferte das 1923 erschienene Werk von A. Schober, Die römischen Grabsteine von Noricum und Pannonien, die Absichten gingen aber über eine reine Typologie hinaus. Die Grabsteine sollten als Quelle zur Geschichte, zur Gesellschaftsstruktur und zum Alltagsleben ausgewertet werden (dazu die vielen Datenbankspalten!). Einbezogen wurden deshalb auch die von Schober nicht berücksichtigten Architekturteile und Inschrifttafeln ohne Reliefs. Weil publizierte Aufnahmen oft unbefriedigend waren und die Autopsie beim Photographieren zusätzliche Informationen brachte, wuchs auch ein Bildarchiv heran (Abb. 2). Die Brauchbarkeit der Datenbank zur Suche und statistischen Materialauswertung ließ die Frage auftauchen, warum man sich dieser Vorteile durch die Überführung in einen gedruckten Katalog berauben und nicht statt dessen das aufbereitete Material samt Bildern im Internet allgemein verfügbar machen sollte. Zur Realisierung der von keinem technischen Sachverstand getrübten menschenfreundlichen Idee konnte K. Schaller gewonnen werden, der weiter unten die Probleme anspricht, die beim Zusammenkommen von Rechenmaschinenexaktheit und archäologischen Unschärfen auftauchen. Ich kann nur kurz andeuten, was man inzwischen mit der "Lupa", wie das Projekt inzwischen liebevoll von uns genannt wird, als User alles anfangen kann:

Zu jedem Objekt gibt es ein Datenblatt (Abb. 3) das allgemeine Fragen und beliebige speziellere Fragenkombinationen z. B. Verbindung von Orten, Personennamen und ikonographischen Details oder Bildthemen zulässt. Die einzelnen Objekte werden so weit wie irgend möglich abgebildet, wobei man auch zu einzelnen Fundorten oder Themen (z.B. Satyr oder Diener) nur die Bilder (thumbnails) abrufen kann und über diese dann wieder zum Datenblatt kommt. Um die Abfragen möglichst gegen Schreibfehler zu sichern, sind die Termini, nach denen gesucht werden kann, in vielen Fällen (v.a. Ortsnamen, Objektbezeichnungen, Museen) in Listen verfügbar. Was die Ikonographie angeht, soll demnächst ein Glossar beigefügt werden, das die immer wieder verwendeten Begriffe auflistet und kurz erklärt. Das, sowie eine Übersetzung der häufig vorkommenden Formeln in den Inschriften, nimmt auf eine Benützung der Datenbank durch interessierte Nicht-Fachleute und Schüler Rücksicht, die bereits stattfindet (siehe Schulprojekte und Übersetzungen einzelner Inschriften im Rahmen des Lateinunterrichts). Die Suche in den Inschriften ist besonders benützerfreundlich, wenn auch zugegebenermaßen epigraphisch unseriös, da sie auf eine so weit wie möglich vervollständigte Version der Inschrift ohne Klammern und diakritische Zeichen zugreift. Hier wird in Kürze die Verlinkung mit einer spezialisierten epigraphischen Datenbank Abhilfe schaffen.
Für Laien und Fachleute gleichermaßen gedacht sind Notizen zu einzelnen Verwahrorten von Römersteinen (eigenes Ortsverzeichnis oder Hinweis oben auf dem Datenblatt), die sogenannten Regionalinformationen (Abb. 4) mit Bildern und knappen, eher anekdotischen Texten, die auf den Besuch einer Gegend, einer Kirche oder eines Museums neugierig machen sollen, denn die virtuelle Vielfalt im Internet sollte die Begegnung mit den realen Überbleibseln der Geschichte nicht ersetzen.

Zum Abschluss noch eine Anregung für überlastete ArchäologInnen:
Eine Plattform wie ubi-erat-lupa ist ein idealer Ort, um einen Neufund, den man vielleicht erst nach einigen Jahren ernsthaft publizieren kann, oder schon lange in Depots schlummernde Altlasten rasch und ohne Aufwand einfach nur vorzustellen - ein E-mail mit den nötigsten Angaben, ein Photo - , den Rest erledigen wir.

Friederike Harl


Technik und Datenorganisation

Das Kernstück der "Lupa" besteht aus einer Reihe von Datenbanken, die auf einem Web-Server abgelegt sind und in ihrem Zusammenwirken den Funktionsumfang der Plattform bestimmen. Zur Arbeit mit "Lupa" wird lediglich ein Web-Browser benötigt. Der Benutzer nimmt zur Abfrage und Eingabe von Daten über eine Internetseite Kontakt mit den Datenbanken auf, das Abarbeiten der gestellten Aufgaben findet auf dem Server statt.
Die Technologie, Datenbanken über das Internet abrufbar zu machen, hat in den letzten Jahren in Form von Web-Shops und Online-Auskunftsdiensten (z.B. elektronischen Telefonbüchern) weite Verbreitung gefunden. Die Herausforderung, diese neuen technischen Möglichkeiten für ein Projekt aus dem Bereich der Geisteswissenschaft - in unserem Fall der Archäologie - zu adaptieren besteht darin, die wissenschaftliche Qualität der Daten auch in einem "flüchtigen" Medium wie dem Cyberspace zu gewährleisten und gleichzeitig die oft komplexen Inhalte so zu organisieren, dass sie für den Benutzer mit möglichst geringem Lernaufwand abrufbar sind.

Verglichen mit dem Ansinnen, verbindliche Informationen zu einem archäologischen Objekt aus einer Web-Datenbank zu erhalten, ist der Kauf eines Automobils via Web-Shop eine simple Angelegenheit. Hier wählt der zukünftige Besitzer eine Marke, ein Modell, eine Motorisierungsvariante und eine Farbe aus. Anschließend kann er das Produkt seiner Wahl durch Zusatzangebote ("Extras"), die in übersichtlichen Listen feilgeboten werden, "personalisieren". Alle Merkmale und Eigenschaften, für die er sich entscheiden muss, sind wohl definiert, alle wesentlichen Parameter sind bekannt.
Im Gegensatz dazu ist das Wissen über archäologische Objekte von Lücken und Unsicherheiten geprägt. Fund- und Verwahrorte mögen bekannt sein - oder auch nicht, Inschriften mögen vorhanden und lückenlos lesbar sein - oder auch nicht. Ein römischer Grabstein mag ein kulturhistorisch hochinteressantes Bildfeld tragen oder eine leere Fläche, ikonografische Details mögen darauf erkennbar sein - oder auch nicht. Der Benutzer benötigt zuallererst die Möglichkeit, seine Fragen auf unterschiedlichste Weise zu formulieren, Ergebnisse zu filtern und zu sortieren und - wenn er nach einigem Probieren die gewünschten Resultate erhalten hat - die Abfrage für die spätere Weiterverwendung zu speichern (Abb.5). Allerdings: Auch die ausgeklügeltste Abfrage-Technologie muss versagen, wenn die Daten schon bei der Eingabe in monströs verschachtelten Tabellen versteckt worden sind. Aus diesem Grund werden die Daten in Lupa in möglichst flachen Hierarchien verwaltet. Wenn es möglich ist, werden dem Benutzer Eingabehilfen zur Verfügung gestellt, die ihn dabei unterstützen, Art und Umfang der suchbaren Informationen abzuschätzen. Die Anlehnung an internationale Standards der Datenorganisation wie Dublin Core oder Cidoc CRM sorgt nicht nur für logische Konsistenz der Datenstrukturen, sondern ermöglicht auch den künftigen Austausch mit anderen Daten-Quellen. Bei Problemen mit unterschiedlichen Schreibweisen und der genauen Lokalisierung von Fund- und Verwahrorten hilft die Orientierung an Web-Ressourcen wie TGN (Getty Thesaurus of Geographic Names On Line) und ADL (Alexandria Digital Library).

"Lupa", mit ihren vielfältigen Angeboten zur Abfrage von Informationen, verbunden mit der Möglichkeit, Daten unkompliziert über das Internet einzugeben, wird im Rahmen eines EU-Projektes für die Publikation römischer Steindenkmäler entwickelt. Ihr Anwendungsbereich bleibt aber nicht auf dieses Gebiet beschränkt, in der Praxis eignet sich die Architektur für alle archäologischen Anwendungen, in denen große Datenmengen verwaltet und veröffentlicht werden sollen, von der Materialsammlung einer Grabungskampagne bis hin zum umfassenden Corpus. Was - so hoffen wir und daran wird auch emsig gearbeitet - die Zukunft beweisen wird...

Online verfügbares Informationsmaterial:

LVPA - Die Datenbankfunktionen
Format: Quicktime Präsentation (.mov)
Benötigte Software: Quicktime Player
http://www.apple.com/quicktime/products/qt
Größe: 4,3 MB
Download: http://www.ubi-erat-lupa.org/site/presentations/LVPA-Info.mov

LVPA - Schulprojekte
Format: MS PowerPoint-Präsentation (.pps)
Benötigte Software: MS PowerPoint
Größe: 4,8 MB
Download: http://www.ubi-erat-lupa.org/site/presentations/LVPA-Schulprojekte.pps

Kurt Schaller


© Friederike Harl, Kurt Schaller
e-mail: friederike.harl@ubi-erat-lupa.org
kurt.schaller@ubi-erat-lupa.org

This article will be quoted by F. Harl - K. Schaller, Ubi-erat-lupa. Auf der Fährte der römischen Wölfin, Forum Archaeologiae 27/VI/2003 (http://farch.net).



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