Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 98 / III / 2021

HABEN RÖMISCHE BILDHAUER GRIECHISCHE MEISTERWERKE KOPIERT?
Eine transatlantische Kontroverse – und was man daraus lernen kann

Adolf Furtwängler hat in Meisterwerke der Griechischen Plastik (1893) den ersten systematischen Versuch unternommen, auf der Grundlage römischer Kopien verlorene Bronzestatuen der griechischen Klassik zu rekonstruieren. Diese Art der Kopienkritik ist lange prägend geblieben. Ich werde versuchen zu zeigen, wie Furtwängler vorgegangen ist und auf welche Methoden er sich stützte.
Einer umfassenden Revision unterzogen wurde Furtwänglers Ansatz aber seit den 1980er Jahren, vor allem in den USA. Dabei haben sich rasch feste Fronten gebildet, und eine Diskussion über die Fronten hinweg hat bis heute kaum stattgefunden. So ist z.B. Miranda Marvins Monographie The Language of the Muses. The Dialogue between Roman and Greek Sculpture (2008) zwar in der angelsächsischen Wissenschaft breit rezipiert worden, hat aber keine einzige Besprechung auf Deutsch erfahren. Marvin wirft Furtwängler einen hellenozentrischen Bias vor: Er betrachte Römische Statuen als ein transparentes Medium, um durch sie hindurch etwas zu erfassen, was er für Griechisch halte. Sie schlägt vor, eben diese Statuen als römische Werke ernst zu nehmen: Für die römischen Kunden hätten die Statuen in erster Linie der Ausstattung bestimmter Räume gedient, passend zu deren Funktion; Kunstkennerschaft habe dagegen (wenn überhaupt, dann nur) eine marginale Rolle gespielt. Davon ausgehend hat man die Kritik an Furtwängler aber noch weiter getrieben. So hält etwa Elaine Gazda das Konzept der „römischen Kopie“ für einen modernen (deutschen) Mythos; ihre These lautet, exakte Kopien habe es in der Antike überhaupt nicht gegeben; unter dieser Voraussetzung erscheint Kopienkritik als eine Pseudomethode, die imaginären Phantomen nachjagt.
Aller Gegensätzlichkeit zwischen Furtwängler und den radikalen RevisionistInnen zum Trotz gibt es doch eine überraschende Gemeinsamkeit: Beide betrachten das Kopieren als eine mechanische Tätigkeit, die eines wahren Künstlers unwürdig sei; genau aus diesem Grund hat Furtwängler sich seinerzeit für griechische und nicht für römische Kunst interessiert (weil er die Römer für bloße Kopisten hielt); und aus demselben Grund bestreiten die Revisionisten, die sich für eine Aufwertung römischer Kunst stark machen, die Existenz römischer Kopien – es seien nämlich gar keine. Woher kommt dieser schlechte Ruf des Kopierens?
Zwei Wendepunkte halte ich für entscheidend. Der erste fällt in das 16. Jh., als die ersten Kunstakademien eingerichtet wurden. Hier emanzipierten sich die Künstler von den Zünften; ihre Ausbildung nahm einen betont intellektuellen Charakter an, indem man sich mehr auf den ideellen Entwurf (disegno) als auf die handwerkliche Ausführung konzentrierte. Der zweite Wendepunkt ergab sich aus dem Aufkommen der Genieästhetik im späten 18. Jh. und die damit einhergehende Überzeugung, dass der wahre Künstler keine Regeln befolge, sondern aus der Tiefe seiner Subjektivität grundlegend Neues schaffe. Unter diesen Voraussetzungen erschien die Kopie in der Tat als das Gegenteil von Kunst.
Dieser Gegensatz von Kunst und Kopie ist typisch modern und sollte nicht in die Antike zurück projiziert werden. Römische Bildhauer haben nicht einfach griechische Meisterwerke kopiert – sie haben das Kopieren überhaupt erst erfunden und zu einer verbreiteten Praxis gemacht. Dabei wurde oft großer Aufwand getrieben, um eine möglichst weit gehende Treue zum Vorbild zu erreichen. Dennoch verweisen anspruchsvolle Kopien nicht nur auf ihr Vorbild, sondern zugleich auch auf die eigene Virtuosität. Es ist genau diese (zum Teil paradoxe) Kombination aus Selbstverweis und Treue zum Vorbild, die den ästhetischen Rang der Kopien als Gattung ausmacht. Diesem Rang sind weder Furtwängler noch die Revisionisten wirklich gerecht geworden.

© Luca Giuliani
e-mail: luca.giuliani@wiko-berlin.de

This article should be cited like this: L. Giuliani, Haben römische Bildhauer griechische Meisterwerke kopiert? Eine transatlantische Kontroverse – und was man daraus lernen kann, Forum Archaeologiae 98/III/2021 (http://farch.net).



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