Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 78 / III / 2016

„URSPRUNGSFRAGEN". EMANUEL LÖWY NACH 1915

Im Jahre 1889 erlangte der Wiener Archäologe Emanuel Löwy den ersten Lehrstuhl für Klassische Archäologie in Rom. Er war Schüler von Alexander Conze, Otto Benndorf und Heinrich Brunn und galt daher als Vertreter der sogenannten Deutschen Schule der Klassischen Archäologie. In den Jahren von 1900 bis 1914 publizierte Löwy bedeutende und damals sehr bekannte Arbeiten zur Ikonographie und Entwicklung der griechischen Bildwerke. Anders als für die meisten Archäologen seiner Zeit sah Löwy in der Mobilität und im Wettbewerb der griechischen Kunsthandwerker den Motor künstlerischer Entwicklungsprozesse. Er verfolgte damit auch diffusionistische Ansätze und er bezog neue Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie ein. Dabei war für Löwy ohne die Vorbildwirkung ägyptischer Bildwerke die rasche Entwicklung des griechischen Kunsthandwerks in der archaischen Phase nicht denkbar.
Nach seiner Etablierung in Rom als Ordinarius musste er mit dem Kriegseintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg nach Wien zurückkehren. Erst nach langen Verhandlungen erhielt Löwy 1918 eine außerordentliche Professur an der Universität Wien. Während der folgenden zwei Dekaden bis 1938 veröffentlichte er zahlreiche Schriften zu Problemen der Chronologie und Kunstentwicklung. Diese Arbeiten wurden aber in den 20er und 30er Jahren nicht mehr so wohlwollend rezipiert wie seine früheren Publikationen. Gründe für den Verlust der früheren Popularität sind vor allem in den Veränderungen der Klassischen Archäologie in Deutschland nach 1914 zu sehen. Löwy und sein theoretischer Hintergrund waren in der Wissenschaft des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende verankert. Nach dem ersten Weltkrieg wurden solche ältere Konzepte von einer Generation jüngerer ehrgeiziger Archäologen, die sich zu verschieden Spielarten des Idealismus bekannte, als “positivistisch“ diskreditiert.
Manche Probleme, mit denen sich Löwy beschäftigt hat, sind nach wie vor relevant und nicht befriedigend gelöst. Löwys Forschungsfragen und Konzepte wurden außerhalb der Klassischen Archäologie vor allem von Ernst Gombrich und anderen aus Wien emigrierten Kunsthistorikern übernommen und weiterentwickelt.

© Michael Weißl
e-mail: michael.weissl@univie.ac.at

This article should be cited like this: M. Weißl, „Ursprungsfragen". Emanuel Löwy nach 1915, Forum Archaeologiae 78/III/2016 (http://farch.net).



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