Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 78 / III / 2016

ZUR ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER KLEINASIATISCHEN THERMEN-GYMNASIEN

Blättert man durch Handbücher zur römischen Architektur, sind diese zumeist auf die Architektur der Stadt Rom und Italiens fokussiert. Andere Gebiete werden in der Regel nur peripher behandelt, so dass leicht der Eindruck entstünde, es handle sich bei der “römischen Architektur” um ein reichsweit einheitliches Phänomen. In einem neuen Projekt zur “Architektur des römischen Kleinasien” (FWF Projekt Nr. 27921) sollen die Charakteristika der Bautätigkeit in diesem geographischen Gebiet herausgearbeitet werden, um paradigmatisch die regionale Ausprägung römischer Architektur darzustellen. Einen wesentlichen Aspekt stellen in diesem Rahmen die politischen und sozio-kulturellen Voraussetzungen Kleinasiens dar. Dazu gehört auch die Institution des Gymnasiums, das einen Fixpunkt in der kulturellen Identität und Lebensweise der städtischen Eliten bildete. Nach der gängigen Lehrmeinung wurde die römische Thermenanlage mit dem griechischen Gymnasium verschmolzen und bildete den Bautypus des Thermen-Gymnasiums, der als charakteristisch für die Architektur Kleinasiens gelten kann. Charakteristisch für die kleinasiatischen Bauten ist nach F. Yegül die additive Anfügung der Palästra an den Thermenbau und die blockhafte Gesamtform.
Zu den frühesten bekannten Beispielen gehören beispielsweise die Capito-Thermen in Milet, die auf Grund der epigraphischen Zeugnisse in der Regel – trotz manchmal geäußerter Zweifel – in claudische Zeit gesetzt werden. Völlig neue Dimensionen erreicht der Bau von Thermen-Gymnasien in Kleinasien hingegen mit dem Komplex aus Hafenthermen, Hafengymnasium und den sog. Verulanushallen in Ephesos. Während das Hafengymnasium seit dem Beginn seiner archäologischen Erforschung im 19. Jahrhundert sowie zuletzt von P. Scherrer in die (spät-)flavische Zeit datiert wurde, dachte man für die Thermenanlage häufig an eine spätere Einordnung. So schlug etwa V. M. Strocka auf Grund der Bauornamentik eine Errichtung während der Regierung Hadrians vor. Dies würde bedeuten, dass die Anlage des Thermen-Gymnasiums in zwei Phasen erfolgte: Zuerst in (spät)flavischer Zeit das Gymnasium, in hadrianischer Zeit hingegen die Thermenanlage. In Hinblick auf die homogen wirkende Grundrisskonzeption würde man, wie bereits Wilhelm Alzinger bemerkte, hingegen lieber eine einheitliche Entstehung annehmen. Im Lichte einer Neubetrachtung der epigraphischen Zeugnisse scheint m.E. jedoch auch eine Einordnung des Gesamtkomplexes in hadrianische Zeit erwägenswert.
In einem entwicklungsgeschichtlichen Kontext betrachtet, setzt eine hadrianische Datierung das Thermen-Gymnasium am Hafen von Ephesos in die Nachfolge der ersten großen Kaiserthermen von Rom, namentlich derjenigen Neros und Traians. Die Entwicklung der Anlage am ephesischen Hafen ist daher nicht rein mit einer Vergrößerung des Maßstabs der frühen Thermen-Gymnasien wie den Capito-Thermen in Milet zu erklären. Vielmehr sind die Vorbilder auch in den monumentalen Thermen der Hauptstadt Rom zu sehen, die in Kleinasien nachgeahmt werden sollten. In der Grundrissgestaltung orientierte man sich jedoch an den älteren, blockhaften Anlagen kleinasiatischer Prägung.
Für die Frage nach den “typischen” Bauten der kleinasiatischen Architektur zeigt sich somit, dass hier eine starke Differenzierung nötig ist, und Entwicklungen nicht notwendigerweise immer so linear verlaufen, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen.

© Ursula Quatember
e-mail: uq@quatember.at

This article should be cited like this: U. Quatember, Zur Entstehung und Entwicklung der kleinasiatischen Thermen-Gymnasien, Forum Archaeologiae 78/III/2016 (http://farch.net).



HOME