Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 78 / III / 2016

STEINDENKMÄLER UND STEINGEWINNUNG IM RAUM CARNUNTUM – VINDOBONA
Ein Zwischenbericht

Das am Institut für Kulturgeschichte der Antike (ÖAW) verankerte, interdisziplinäre Forschungsprojekt Steindenkmäler und Steingewinnung im Raum Carnuntum – Vindobona. Interdisziplinäre Auswertung einer archäologischen Fundgattung (FWF 26368-G21) beschäftigt sich mit dem reichen Bestand an Steindenkmälern aus den Legionsstandorten Carnuntum, Vindobona und deren Umland, welche aus verschiedenen Gesteinen, die aus dem Umkreis von rund 50 km stammen, gefertigt wurden.
Die Materialgrundlage für diese Untersuchungen bilden die jüngst von G. Kremer vorgelegten Kult- und Weihedenkmäler aus dem Stadtgebiet von Carnuntum (Corpus signorum imperii romani, Carnuntum Supplement 1) sowie die Steindenkmäler aus Vindobona, zu denen M. Kronberger und M. Mosser bereits erhebliche Vorarbeiten geleistet haben. Für punktuelle Fragestellungen werden auch andere Materialgruppen herangezogen, wie z.B. die Grabstelen und das Baugestein.
Im Rahmen des Projektes wurden von den Verfasserinnen außerdem rund tausend Steindenkmäler aus dem Umland erfasst, die im Vergleich mit den Objekten aus den Legionsstandorten ausgewertet werden sollen. Diese Datensammlung bildet auch die Grundlage für GIS-basierte Visualisierungen (Abb.).


Die Lokalisierung potentieller antiker Steinabbaugebiete beruht auf den Forschungen von A. Rohatsch und B. Hodits vom Institut für Geotechnik, FB-Ingenieurgeologie der TU Wien, der von B. Moshammer in das Projekt eingebrachten Abbaudatenbank der Geologischen Bundesanstalt sowie auf der Auswertung historischen Kartenmaterials und hochauflösender Airborne Laser Scans durch E. Draganits vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien. Im Rahmen von gemeinsamen Begehungen der Verdachtsgebiete werden signifikante Proben entnommen, von denen Gesteinsmuster und Dünnschliffe angefertigt werden, die als Referenz für petrographische Analysen an archäologischen Objekten dienen. Eine Gesteinsdatenbank wird erarbeitet.
Für eine repräsentative Auswahl bisher begutachteter Steindenkmäler konnte die Provenienz aus verschiedenen Gesteinsregionen bestimmt werden. Antike Abbaugebiete werden am Westrand des Wiener Beckens (maßgeblich für Vindobona) sowie in den Hainburger Bergen und dem Ruster Hügelland (maßgeblich für Carnuntum) lokalisiert. Abbaustellen im Leithagebirge lieferten eine bedeutende Materialbasis für beide Siedlungen. Diese stellen gewissermaßen ein Verbindungsglied der wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Legionsstandorte dar.
Für Vindobona zeichnet sich besonders bei den Objekten aus der frühesten Phase des Legionslagers Folgendes ab: Für Fortifikationsteile konnte eine Herkunft des Gesteins aus Steinbrüchen im Nordwesten Wiens, in den Bereichen Nussdorf bzw. Türkenschanze und Heiligenstadt festgestellt werden. Bei Kanaldeckelsteinen, die mit der Anlage des Kanalsystems des Legionslagers im Zusammenhang stehen, war wiederum eine Zuweisung an den südlicheren Westrand des Wiener Beckens möglich.
Betrachtet man die Monumente aus der Frühzeit Carnuntums, so lässt sich anhand der bisher durchgeführten Untersuchungen feststellen, dass während der ersten Stationierungsphase der 15. Legion Steinbrüche in der unmittelbaren Umgebung Carnuntums, in den Hainburger Bergen, erschlossen wurden. Ab wann auch das nordöstliche Leithagebirge zur Steingewinnung herangezogen wurde, ist Gegenstand weiterer Untersuchungen.
Neben der Definition der Herkunftsregionen der Gesteine kann die kombinierte Auswertung archäologischer und geologischer Ergebnisse als Grundlage für weitere Überlegungen zu Straßenverbindungen, Werkstatt- und Besiedlungsstrukturen, wie auch den wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Carnuntum, Vindobona und dem Hinterland dienen. Durch die fortlaufenden Untersuchungen von Objekten und Abbaugebieten sind neue Erkenntnisse und naturgemäß auch Modifikationen zu erwarten. Die genannten Beispiele, die nur einen Ausschnitt der laufenden Arbeiten illustrieren, demonstrieren jedoch das große Potenzial interdisziplinärer Zusammenarbeit.

© Isabella Kitz, Sophie Insulander
e-mail: Isabella.Kitz@oeaw.ac.at, Sophie.Insulander@oeaw.ac.at

This article should be cited like this: I. Kitz – S. Insulander, Steindenkmäler und Steingewinnung im Raum Carnuntum – Vindobona. Ein Zwischenbericht, Forum Archaeologiae 78/III/2016 (http://farch.net).



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