Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 70 / III / 2014

FLEISCHKONSUM IN DER FRÜHEN GRIECHISCHEN VASENMALEREI [*]

Als zwar nicht unmittelbar überlebensnotwendige, aber hochwertige Proteinquelle nimmt Fleisch nicht nur eine besondere ernährungsphysiologische, sondern vor allem auch soziale Rolle ein. So lässt es sich auch nach einem verbesserten Zugang zu tierischen Proteinen durch die Domestikation von Tieren als hoch begehrtes und prestigeträchtiges Nahrungsmittel greifen.
Immer häufiger angewandte Stabilisotopenanalysen und Zahngesundheitsuntersuchungen an menschlichen Skeletten lassen an zahlreichen Orten in der Ägäis erahnen, dass der Zugang zu tierischen Proteinen generell (vor allem aber im Vergleich zu heutigen Maßstäben) sehr eingeschränkt war. Dabei lassen sich deutliche Unterschiede in Art und Häufigkeit des Zuganges greifen, die zum einen chronologisch, zum anderen aber auch in der sozialen und geschlechterspezifischen Stratifizierung der Gesellschaft zu begründen sind.
Es überrascht daher nicht, dass dem Thema Fleisch – von der Notwendigkeit des Opfers hin zur korrekten Verteilung der Anteile – bereits in den homerischen Epen große Beachtung zukommt.
In der Bildwelt lässt sich der Umgang mit diesem Motiv zunächst schwieriger fassen. Eine Reihe von spätgeometrischen Grabkrateren und –amphoren zeigt Tiere, die bei Prothesis-Szenen anwesend sind, wo sie entweder, wie beim sogenannten Molione-Krater (New York, Metropolitan Museum Inv. 14.130.15), die Zwischenräume zwischen den neben der Totenbahre stehenden Kriegern füllen, oder in anderen Fällen auch unter der Totenbahre dargestellt werden (vgl. z. B. Grabkrater aus dem Hirschfeld-Workshop, New York, Metropolitan Museum Inv. 14.130.14). Vielleicht lassen sich diese Tiere auf Anspielungen auf die im Zuge der Bestattungsfeierlichkeiten geopferten und gemeinsam verzehrten Tiere verstehen.
Während innerhalb des 7. Jahrhunderts nur wenige und sehr eigenständige Darstellungen des blutigen Opfers, der Schlachtung und des Verzehrs von Fleisch auftreten, entwickeln sich innerhalb des 6. Jahrhunderts zunehmend standardisierte Bildkonventionen heraus.
Zu den besonders beliebten Darstellungen zählen zum einen Gelage-Szenen. In dieser Gruppe von Bildern wird zumeist ein Heros, sehr häufig Herakles, oft im Beisein von Göttern, gezeigt, der auf einer Kline lagert und trinkt. In manchen Fällen wird durch die Anwesenheit eines Messers auf den Verzehr angespielt, zumeist spielt Fleisch jedoch eine eher passive Rolle, indem es in Form von großen Streifen von den Tischen hängt und diese als übervoll charakterisiert.

Die größte Gruppe aller Bilder – der bis auf wenige Ausnahmen auch alle frühen Beispiele angehören, deutet jedoch das blutige Opfer mit der die Darstellung der pompé, des Opferzuges, an. Dabei schreitet das Tier friedlich, gleichsam zustimmend zum Altar, während die blutige Durchführung des Opfers den Augen des Betrachters in aller Regel verborgen bleibt. Ein Beispiel für diese häufige Darstellungsart bildet die attisch schwarzfigurige Bauchamphora des Malers von Berlin 1686 (Antikensammlung Inv. F1686) (Abb.). Die Herausbildung des Motives einer friedlichen pompé lässt sich interessanterweise nicht nur in der attischen Vasenmalerei fassen, sondern tritt – ganz im Gegensatz zu den lokal ganz unterschiedlichen Entwicklungen in Heiligtümern – überregional in Erscheinung. Es gibt wenige, von dieser entwickelten Darstellungs’norm’ stark abweichende Varianten, die etwa sich wehrende Opfertiere zeigen und sichtbare Gewaltanwendung thematisieren. Diese könnten nach Auffassung der Verfasserin weniger als Darstellung seltener Riten, sondern als bewusster Bruch mit der Bildkonvention verstanden werden und damit als Diskurs.

[*] Das Thema bildet einen teil-Aspekt dersich noch in Arbeit befindenden Dissertation der Verfasserin.

Literatur (Auswahl)
J. Boardman, Attic Geometric Vase Scenes, Old and New, JHS 86, 1966, 1–5
M. Detienne – J.-P. Vernant, La Cuisine du sacrifice en pays grec (Paris 1979)
K. Fittschen, Untersuchungen zum Beginn der Sagendarstellungen bei den Griechen (Berlin 1969)
J. Gebauer, Pompe und Thysia. Attische Tieropferdarstellungen auf schwarz- und rotfigurigen Vasen, Eikon 7 (Münster 2002)
M. Jones, Feast. Why humans share food (Oxford 2008)
S. Peirce, Death, Revelry, and Thysia + Ancient-Greek Religion and Alimentary Blood Sacrifice, ClAnt 12, 1993, 219-266
P. Schmitt Pantel, La cité au banquet. Histoire des repas publics dans les cités grecques, Collection de l'éccole française de Rome 157 (Rome 1992)
F. T. Van Straten, Hierá kalá. Images of Animal Sacrifice in Archaic and Classical Greece, Religions in the Graeco-Roman world 127 (Leiden 1995)


© Veronika Sossau
e-mail: Veronika.Sossau@uibk.ac.at

This article should be cited like this: V. Sossau, Fleischkonsum in der der frühen griechischen Vasenmalerei, Forum Archaeologiae 70/III/2014 (http://farch.net).



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