Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 54 / III / 2010

DER MALER VON WIEN 1631

Die von Sir John Davidson Beazley vorgenommene stilistische Einteilung der attisch figürlichen Vasenmalerei hat bis heute ihre Gültigkeit. Leider nimmt sie in ihrer Prägnanz und Dichte mit der anwachsenden Materialfülle des fortschreitenden 5. Jahrhunderts und des 4. Jahrhunderts zunehmend ab. Vielleicht auch deshalb werden die Gefäße dieser Zeit, obwohl oft zahlreich erhalten, meist weniger beachtet, als sie es verdienen. Dazu zählen auch viele attisch rotfigurige Bauchlekythen des späten 5. Jahrhunderts, deren formtypologische Entwicklung bisher noch unzureichend untersucht ist.
Die Gefäße des Malers von Wien 1631, dessen "Namensvase" sich im Kunsthistorischen Museum Wien befindet (Abb.), wurden von Beazley gemeinsam mit anderen Vasen gleicher Zeit im Kapitel 73 des ARV2 (J.D. Beazley, Attic red-figured Vase-Painting [2. Aufl. Oxford 1963]) zusammengefasst; es trägt die Überschrift "Painters of other small vases". Einige Maler/Gruppen in diesem Kapitel waren auf bestimmte Vasenformen spezialisiert, z.B. die Gruppe von Wien 888 und der Maler von Bonn 2053, die bevorzugt Frauen darstellten, auf Peliken. Der Maler von Wien 1631 dekorierte - wie z.B. die Maler der Mainzer Sphinx, von Agora P16879 oder von Ferrara T971 - bevorzugt Bauchlekythen, deren Formen einander ähneln.
Die einzelnen Malerhände von Beazleys "Painters of other small vases" zeigen stark unterschiedliche stilistische Merkmale und lassen verschiedene motivische Interessen und Vorbilder erkennen. Zwischen dem Maler von Wien 1631 und dem sog. Straggly-Maler besteht jedoch eine auffällige stilistische Ähnlichkeit, wie bereits Beazley (ARV2 1367 f. 1692) feststellte. Das Bildrepertoire des sog. Straggly-Malers, der bevorzugt Büsten darstellte, unterscheidet sich allerdings grundsätzlich von jenem des Malers von Wien 1631. Obgleich beide Maler zweifelsfrei auf Bauchlekythen spezialisiert waren, differieren ihre Gefäße deutlich von einander. Die Gefäße des sog. Straggly-Malers sind deutlich kleiner. Außerdem haben die von diesem Maler bemalten Bauchlekythen einen niederen, etwa kugeligen Körper, der annähernd gleich breit wie hoch ist, während die Körper der Bauchlekythen des Malers von Wien 1631 größer sind und auch einen höher liegenden Schwerpunkt aufweisen.
Im bisher eher kleinen Oeuvre des Malers von Wien 1631 sind folgende Motive belegt: ein Kästchen tragende Frau, fliegender Eros, Flügelfrau (fliegend, ein Kästchen tragend). Diese Sujets sind in ähnlicher Weise beim L.M.-Maler zu finden, einem weiteren Maler unter Beazleys "Painters of other small vases". Dessen Stil ist jedoch wesentlich feiner und genauer als jener des Malers von Wien 1631. Der L.M.-Maler war nicht nur auf Bauchlekythen - deren Proportionen uneinheitlich sind - spezialisiert, sondern er dekorierte auch Lekythen sekundärer Form.
Die verschränkten Beziehungen der genannten Maler (Maler von Wien 1631, sog. Straggly-Maler, L.M.-Maler) bezüglich Stil, Motivauswahl und Formtypologie lassen auf eine Werkstattbeziehung - wenn nicht sogar Werkstattzusammengehörigkeit - schließen. Um diese Zusammenhänge besser nachvollziehen zu können, muss der Publikationsstand der einschlägigen Gefäße jedoch stark verbessert werden.

© Elisabeth Trinkl
e-mail: elisabeth.trinkl@univie.ac.at

This article should be cited like this: E. Trinkl, Der Maler von Wien 1631, Forum Archaeologiae 54/III/2010 (http://farch.net).



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