Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 50 / III / 2009

MYKENISCHE FIGURINEN: EINE ANALYSE IHRER VERTEILUNGSMUSTER

Das Repertoire der mykenischen Terrakotten reicht von den allgemein bekannten Frauenfigurinen mit unterschiedlicher Armhaltung, mit einem Baby auf dem Arm oder auf einem Thron sitzend, aber auch zu Gruppen zusammengefasst und als Applikation auf Gefäßen bis zu Stierfigürchen, Streitwagengespannen, Reiterstatuetten und Mobiliar. Eine allgemeine Interpretation lässt sich angesichts dieser Fülle an verschiedensten Terrakottamodellen nicht treffen. Man muss wohl davon ausgehen, dass jede Form ihre eigene Bedeutung hatte und selbst die kann sich je nach Aufstellungs- bzw. Verwendungsweise ändern. Auch wenn wir heute nicht mehr verstehen können, was die genaue Bedeutung der einzelnen Figurinentypen war, so meine ich doch, dass in mykenischer Zeit die Vorstellungen, die man mit den Terrakotten verknüpfte, an allen Orten dieselben waren und eine Verwendung der Statuetten auch gemeinsame Glaubensinhalte zur Grundlage hatte. Der Gedanke einer kulturellen Identität, die hinter den religiösen Vorstellungen steckt, die diese Terrakotten hervorgebracht haben, soll bei den folgenden Beobachtungen zur Fundverteilung stets im Hinterkopf bleiben.
Anhand von über 2000 Terrakotten, die bis zum Jahr 2002 publiziert waren, und einiger zum damaligen Zeitpunkt unpublizierter Fragmente aus Tiryns wurde eine Analyse der Fundverteilungen unternommen. Dabei wurden die Anzahl der Beispiele für jeden Figurinentypus ermittelt und die Veränderungen der Schwerpunkte bzw. der Konzentration von bestimmten Figurinentypen in verschiedenen Landschaften untersucht. Der Zeitraum, in dem Terrakotten hergestellt wurden, umfasst im Wesentlichen das 14.-11. Jahrhundert v. Chr., also die Perioden SH IIIA bis zum Ende von SH IIIC. Die Typen der mykenischen Frauenfigurinen zeigen eine stilistische Entwicklung, die auch chronologisch fassbar ist.
Die frühesten Exemplare konnten im Gräberrund von Peristeria und in Pylos in Messenien nachgewiesen werden. Die Figurinen vom sogenannten Naturalistischen Typus weisen, wie der Name schon sagt, naturalistische Elemente auf, die nur an wenigen Beispielen zu erkennen sind. Die Angaben von Ohren, einer Frisur mit Locken, der Kleidung und vor allem die deutliche Armhaltung, mit einer Hand zu den Brüsten, die andere quer über den Bauch gelegt, gehören zu den Charakteristika dieses Typus. Diese frühen Frauenstatuetten bilden den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die nicht nur formal rasant fortschreitet, sondern auch in der geographischen Verbreitung und in der Anzahl der Statuetten bemerkenswert ist. Neben individuellen Zügen der naturalistischen Figürchen kann man auch lokale Unterschiede ausmachen, die bereits nach ca. 50 Jahren völlig verschwinden und einer allgemeinen Uniformität weichen. Neben den beiden frühesten Statuetten aus Peristeria und Pylos lassen sich drei Regionen feststellen, die naturalistische Figürchen aufweisen: zum einen Messenien mit dem Zentrum Pylos - dort konnten 6 Exemplare dieses Typus nachgewiesen werden - und Ausläufer über Lefkas und Ithaka, zum anderen eine Folge von Einzelstücken aus Kea, Athen bis Chalkis (2 Figurinen) und schließlich das alle Figurinentypen beherrschende Zentrum, die Argolis (Mykene: 14, Tiryns: 3, Midea: 2) mit Ausläufern über Aidonia, bei Nemea bis möglicherweise Aigeira. Alle drei Verbreitungswege könnten durchaus ihren Ursprung auf Kreta genommen haben. Die stilistisch sehr zügig voranschreitende Vereinfachung der Formen führte zu den Proto-Phi Statuetten und weiter zu Phi-A und Phi-B.


Eine Analyse der Fundorte zeigt, dass es nicht nur eine schnelle stilistische Weiterentwicklung gegeben hat, sondern auch eine rasche Verbreitung der Figürchen und dass ein deutlicher Anstieg der Fundzahlen bemerkbar wird. Konnten die insgesamt 35 naturalistischen Figurinen an 12 Fundorten nachgewiesen werden, so sind es für die 75 Proto-Phi Statuetten bereits 30 Fundorte. Die Argolis und da v.a. Mykene stellen mit 48 Belegen die meisten Figürchen dieses Typus, gefolgt von Attika (7). Aber auch von Böotien (4) und einigen Inseln, wie Delos, Rhodos und Melos, wird nun auch diese Sitte übernommen. Erstaunlich ist das Vorkommen von Proto-Phi Figürchen der späten SH IIIA-Periode in Tell Ta ánnak und auf Lipari, wenn auch nur mit jeweils einem einzigen Beleg. In Messenien hingegen ist eine deutliche Abnahme an Figürchen zu beobachten, die schließlich in einer totalen Fundleere endet.
Als weitere Beispiele werden die besonders häufig produzierten Phi-B Figurinen herangezogen und Tau-Statuetten, die eine ganz spezielle Konzentration in der Argolis aufweisen. Bei diesen Figürchen fällt auf, dass in Tiryns wesentlich mehr Figurinen dieses Typus zu finden sind als in Mykene, das bei den Statuetten v.a. der SH IIIA-Periode immer die höchste Fundzahl hatte. Zum anderen zeigt sich, dass außerhalb der Argolis lediglich in Theben mehr als ein einziger Beleg zu finden ist und ansonsten als Fundorte, abgesehen von Scoglio del Tonno in Italien, die sonst schon bekannten Inseln Melos, Rhodos und Zypern zu nennen sind, mit jeweils einem einzigen Beleg. Die ältesten Tau-Figürchen der frühen SH IIIB-Periode sind mit Ausnahme von zwei Statuetten aus Theben alle in der Argolis zu finden. Die jüngsten Figürchen der späten SH IIIB- bzw. frühen IIIC-Zeit sind neben Tiryns, Mykene und Midea in Ialysos auf Rhodos, Melos und Zypern, wo man eben nur diese späten Ausformungen des Tau-Typus gefunden hat. Am auffälligsten ist, dass es auf Ägina kein einziges Tau-Idol gibt, obwohl hier alle anderen Figurinentypen zu finden sind. Der Typus der Tau-Figurinen ist so eng wie kein anderer mit der Argolis verbunden, und wenn man das Auftauchen dieser Statuetten nach den Zerstörungen am Festland im Gebiet der östlichen Ägäis als Beweis für die Anwesenheit von Mykenern nehmen darf, ist das wohl als Resultat einer Flüchtlingswelle zu werten, zumal auch andere Funde auf eine tatsächliche Besiedlung durch Mykener hinweisen.

© Ingrid Weber-Hiden
e-mail: Weber-Hiden@gmx.at


This article should be cited like this: I. Weber-Hiden, Mykenische Figurinen: eine Analyse ihrer Verteilungsmuster, Forum Archaeologiae 50/III/2009 (http://farch.net).



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