Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 50 / III / 2009

DIE FRÜHBRONZEZEITLICHE ARCHITEKTUR IN DER ÄGÄIS
Studien zu Siedlungsformen, Urbanistik und Bauwesen

Die frühe Bronzezeit der Ägäis stellt eine Periode dar, die gegenüber dem ihr vorausgehenden Chalkolithikum durch die Einführung neuer Technologien, durch zunehmenden kulturellen Austausch sowie infolgedessen durch eine auffallende Veränderung im Siedlungswesen und die Herausbildung einer sozial stärker stratifizierten Gesellschaft gekennzeichnet ist. Der Beitrag behandelt strukturelle Probleme des frühbronzezeitlichen Siedlungswesens, welche die Anlage, Ausrichtung sowie Ausstattung von komplexeren Siedlungsbefunden des 3. Jahrtausends v. Chr. betreffen. Für die Ausführungen werden vorrangig repräsentative Siedlungsplätze der einzelnen Teilregionen herangezogen, welche für den ersten Abschnitt der Frühbronzezeit lediglich in der nördlichen und östlichen Ägäis vorliegen, während die übrige Ägäis erst ab der folgenden Phase entsprechend aussagekräftige Befunde liefert. Neben einer kurzen Typologie der Hausformen sowie einer Analyse der Siedlungsformen bzw. -pläne werden ebenso Gemeinschaftswerke wie Befestigungsanlagen und Einrichtungen zur Wasserversorgung und Entwässerung behandelt.


Mehrere Bautypen (Rechteck-, Apsiden- und Rundbauten) sind zu unterscheiden, von denen das ein- oder mehrräumige rechteckige Haus in der gesamten Ägäis die beliebteste Bauform darstellt. Als bedeutendste Sonderform dieses Haustypus taucht im entwickelten und späten FH II in Süd- und Mittelgriechenland das sog. Korridorhaus auf, welches als multifunktionaler Großbau sowie als Sitz einer Personengruppe gehobener sozialer Stellung zu verstehen ist. Frühbronzezeitliche Häuser wurden entweder freistehend errichtet oder zu mehr oder weniger großen Gebäudekomplexen verbunden, die durch Straßen und Plätze gegliedert wurden, wobei in großflächig freigelegten Siedlungen anhand des jeweiligen Straßensystems verschiedene Bauschemata zu erkennen sind. Während bereits in der Frühbronzezeit I in Poliochni bestimmte Bauten durch ihre Größe unter den übrigen Gebäuden der Siedlung herausragen, entstehen vergleichbare Großbauten auf dem griechischen Festland erst im entwickelten und späten FH II, wie die oben erwähnten "Korridorhäuser" sowie der monumentale Rundbau auf der Oberburg von Tiryns belegen. Befestigungsanlagen sind bereits im ersten Abschnitt der Frühbronzezeit in Nordgriechenland, auf den Kykladen sowie in der nördlichen und östlichen Ägäis gesichert. In der Folge wird in der gesamten Ägäis, mit Ausnahme von Kreta, wo bisher keine vergleichbaren Anlagen festgestellt wurden, der Höhepunkt in der Errichtung von Fortifikationen erreicht. Neben einfachen Umfassungsmauern entstehen nun aufwendige, mit halbrunden oder eckigen Bastionen versehene (z. B. Lerna [Abb.], Palamari, Poliochni) und vereinzelt auch mit kasemattenartigen Räumen ausgestattete Anlagen (Thermi), die zusätzlich durch eine Vormauer (Kastri) und/oder einen Graben (Palamari) verstärkt sein konnten.
Die frühesten Belege für Einrichtungen zur Wasserversorgung und Entwässerung liefern erneut die Siedlungen der Nord- und Ostägäis, welche bereits in der Frühbronzezeit I mit öffentlichen Brunnen (Poliochni, Emporio, Thermi) und Kanalisationssystemen (Poliochni) ausgestattet waren. Entsprechende Befunde sind auf dem griechischen Festland und auf den Kykladen wiederum erst ab FH II/FK II belegt, während sie in Nordgriechenland und auf Kreta gänzlich fehlen. Großbauten sowie Gemeinschaftswerke wie Befestigungen, Brunnen und Abwassersysteme stellen wichtige Hinweise auf eine zunehmende Komplexität der Gesellschaft innerhalb einer frühbronzezeitlichen Siedlung dar, welche in der Nord- und Ostägäis deutlich früher nachzuweisen ist als in den übrigen Teilregionen.

© Dagmar Leiner
e-mail: maat1009@yahoo.de


This article should be cited like this: D. Leiner, Die frühbronzezeitliche Architektur in der Ägäis. Studien zu Siedlungsformen, Urbanistik und Bauwesen, Forum Archaeologiae 50/III/2009 (http://farch.net).



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