Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 50 / III / 2009

VISUAL BASIC?
Überlegungen zur Korrelation von Ikonographie und Raumfunktion in der minoischen Architektur

Bilder und Räume konstituieren die Lebenswelt einer jeden Kultur. Sie werden von ihr geschaffen, um das den kulturellen Lebensformen entsprechende Handeln zu umgeben, zu begleiten und zu bestimmen. Das faszinierende Zeugnis eines solchen Systems von Räumen und Bildern haben die Kulturen des minoischen Kreta und der minoisierten Kykladen hinterlassen. Die ‚Neupalastzeit' stellt die ‚Blütezeit' dar, in der den ‚Palästen', Stadthäusern und ländlichen Anwesen sowie den bildlichen Darstellungen auf Objekten ein gemeinsames räumliches und visuelles System zugrunde liegt, welches die identitätsstiftenden Vorstellungen und Ideologien der Kultur bzw. ihrer ‚Elite' in den gesellschaftlichen, herrschaftlichen, wirtschaftlichen und kultisch-religiösen Aktivitäten verallgegenwärtigt.
Die Räume und Bilder sollen als Elemente der kulturellen Welt erfasst werden, in der die minoische Gesellschaft sich einrichtete. Räume werden durch soziales und kulturelles Handeln konstituiert. Die Gestaltung bzw. Einfassung einiger Räume - und damit der sie definierenden Handlungen - durch Architektur markiert und strukturiert sie entsprechend der vorgesehenen und als ideal erachteten Formen des kulturellen Handelns. Die architektonische Gestaltung und Gliederung der Räume geht somit direkt auf die Erfordernisse des kulturellen Handelns zurück und prägt selbiges wiederum durch relationale und visuelle Charakteristika. In enger Interdependenz mit den Räumen stehen die Bilder. Mit den Bildwerken werden die ideellen und sozial konstruierten Vorstellungen einer gesellschaftlichen Realität in Form von Idealkonzepten oder Gegenkonzepten zur Wirklichkeit visuell präsent gemacht. Die Bilder fungieren dabei angesichts der ihnen inhärenten Ausdruckskraft als Vermittler narrativer, normativer und symbolischer Inhalte, die entsprechend den jeweiligen Orten ihrer Aufstellung bzw. Anbringung Sinn erhalten und sinnstiftend auf die Handlungsräume wirken.


Im vorliegenden Beitrag sollen zwei grundlegend voneinander zu unterscheidende Räume in Hinblick auf ihren figürlichen Wanddekor betrachtet werden: Durchgangsräume und ‚Aufenthaltsräume' [1]. Im Gebäude Xesté 3 in Akrotiri, Thera [2], lassen sich beide Raumkategorien einschließlich der zugehörigen Wandmalereien fassen [3]. Letztere zeichnen sich unter anderem durch folgende Gestaltungsmerkmale aus: Figuren in Lebensgröße oder in Zwei-Drittel-Lebensgröße; abstrakter Hintergrund oder Landschaftselemente. Die figürlichen Malereien in Durchgangsbereichen zeigen schreitende Figuren vor abstraktem bzw. blankem Hintergrund. In den Korridorbereichen sind die Figuren zudem in Lebensgröße dargestellt. Sie bewegen sich auf eine dem Eintretenden gegenüber positionierte Figur zu. Die figürlichen Malereien in ‚Aufenthaltsbereichen' zeigen dagegen komplexe Bildszenen mit Figuren in Zwei-Drittel-Lebensgröße und flächigen Landschaftselementen. Diese Unterscheidung suggeriert eine grundlegende funktionale und wahrnehmungsbezogene Differenzierung in den Malereien entsprechend den funktionalen Unterschieden der Räume. Die Malereien der Durchgangsbereiche scheinen ‚Projektionen' der tatsächlich stattfindenden Handlungen in den Räumen zu sein. Sie leiten und begleiten die Personen, die sie aufgrund der Attribute der schreitenden Figuren und der Blickrichtung und Aktionen der gegenüber angebrachten Figuren auf das Geschehen in den angesteuerten ‚Aufenthaltsräumen' vorbereiten. Die Bilder in den ‚Aufenthaltsbereichen' zeigen dagegen gestalterisch komplexere narrative Szenen, die angesichts der durch landschaftliche Elemente charakterisierten Außenszenen und der teilweise eindeutig fantastischen Inhalte keinesfalls das Geschehen in den Räumen wiedergeben können. Sie dürften vielmehr die den Handlungen in den Räumen zugrunde liegenden visuell präsent gemachten ideellen Konzepte der kulturellen Realität vermitteln. Diese bildkompositorischen und bildinhaltlichen Unterschiede zwischen ‚Aufenthalts-' und Durchgangsräumen können auch in anderen kykladischen und kretischen Gebäuden festgestellt werden und erlauben möglicherweise eine Annäherung an die kulturspezifische Systematik der Auswahl des bildlichen Raumdekors.

[1] Eine dritte, von den genannten zu trennende Kategorie stellen die Eingangsräume dar, auf die in der vorliegenden Beitragsversion verzichtet werden soll.
[2] Das Gebäude Xesté 3 wird hier aufgrund der relativen Vollständigkeit seines Bildprogramms sowie aufgrund seiner Architektur, die am ehesten als ‚minoisch' angesprochen werden kann und somit den auf Kreta vorherrschenden Dekorationssystemen am nächsten kommen dürfte, als Beispiel gewählt.
[3] Durchgangsbereiche: Treppenhaus 5, Korridor 3b und Treppenbereich 3a im Erdgeschoß sowie der Korridor zwischen Treppenhaus 8 und Raum 3 im Obergeschoß. ‚Aufenthaltsräume': Erdgeschoßräume 2 und 3a (‚Lustral Basin') sowie Obergeschoßräume 3 und 4; Eingangsraum: Vestibül 5.

© Ute Günkel-Maschek
e-mail: UteGuenkel@gmx.net


This article should be cited like this: U. Günkel-Maschek, Visual Basic? Überlegungen zur Korrelation von Ikonographie und Raumfunktion in der minoischen Architektur, Forum Archaeologiae 50/III/2009 (http://farch.net).



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