Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 46 / III / 2008

GLASFUNDE AUS PALMYRA

In den Jahren 1999 bis 2007 wurden mit Unterstützung der Fritz-Thyssen-Stiftung und des FWF im Bereich der ‚hellenistischen' Stadt von Palmyra auf der flachen Hügelkuppe südlich des Wadi eine von geophysikalischen Prospektionen bekannte Straßenkreuzung mit anschließenden Gebäudekomplexen sowie ein weiter nördlich gelegener Karawanenbau ergraben [1]. Aus diesen beiden Bereichen konnten mehr als 1100 Glasfragmente geborgen werden.
Nach bisherigem Forschungsstand sind Glasfunde aus Palmyra nur vereinzelt und vorwiegend aus Grabkontexten vorgelegt worden [2]. Dabei handelt es sich vor allem um Gläser der spätrömischen und byzantinischen Zeit. Aufgrund der Bearbeitung der Glasfunde aus den Grabungen in der ‚hellenistischen' Stadt ist es für Palmyra erstmals möglich, das Formenspektrum der Gläser vom 1.Jh. v.Chr. bis in das 4.Jh. n.Chr. aus einem Siedlungskontext zu erfassen. Zu den ältesten Formen gehören mehrere Fragmente von Rippenschalen, die vom frühen 1.Jh. v. bis etwa in die Mitte des 1.Jhs. n.Chr. (Abb.) zu datieren sind. Formgeschmolzene Teller sind ebenfalls in diese Zeit zu setzen. Daneben zählen zum Formenrepertoire des 1.Jhs. n.Chr. Randstücke von freigeblasenen Bechern mit überschliffenem Rand und Fragmente von kugeligen Flaschen. Weiters waren frühe formgeblasene Gefäße wie hexagonale Flaschen mit Hochrelief und Dattelfläschchen in Verwendung.

Der Großteil der Glasgefäße datiert in das 2. bis 4.Jh. n.Chr. Zu dem reichen Formenspektrum sind Becher, Schalen, Flaschen, Kannen und Töpfe zu zählen. Dies ist damit zu erklären, dass die Glasmanufakturen in Syrien und Palästina eine lang anhaltende Blütezeit erlebten und Glasgefäße im alltäglichen Leben breiter Bevölkerungsschichten eine stets wachsende Rolle gespielt haben. Besonders die späte Kaiserzeit zeichnet sich in Syrien und Palästina durch eine enorme Formenvielfalt aus, die auch am palmyrenischen Material zu beobachten ist. Dass das Gebiet der ‚hellenistischen' Stadt noch in der Spätantike zumindest zeitweise und partiell besiedelt war, legen neben Keramikfunden auch Glasfragmente des späten 4.Jhs. n.Chr. aus den oberen Grabungsschichten nahe.
Problematisch erweist sich die Herkunftsbestimmung von Glasgefäßen. Bis dato ist aus Palmyra keine Glashütte bekannt, doch es ist anzunehmen, dass einfache Gebrauchsformen in Palmyra selbst hergestellt wurden. Mehrere Gläser stammen mit großer Wahrscheinlichkeit aus der in Dura Europos nachgewiesenen Glasmanufaktur [3]. Glasprodukte kamen sicherlich auch aus Werkstätten der syro-palästinischen Küstenregion und womöglich wurden einzelne Formen aus anderen Mittelmeerregionen wie Zypern, Ägypten oder Italien importiert. Materialanalysen sind insofern wenig Ziel führend, als dass Glas - im Gegensatz zu Keramik - ein Recyclingprodukt war und immer wieder eingeschmolzen wurde.

[1] Vgl. dazu A. Schmidt-Colinet - Kh. al-As'ad, Zur Urbanistik des hellenistischen Palmyra. Ein Vorbericht, DaM 12, 2000, 61-93 Taf. 7-16; A. Schmidt-Colinet, Zur Urbanistik von Palmyra. Alte und neue Fragen, in: M. Novotná u.a. (Hrsg.), Stadt und Landschaft in der Antike. Anodos Suppl. 3 (Trnava 2003) 7-34; Ders., Zur Urbanistik von Palmyra, in: F. Meynersen (Hrsg.), 25 Jahre archäologische Forschungen in Syrien 1980-2005 (Damaskus 2005) 88-91.
[2] R. Fellmann, Le sanctuaire de Baalshamin a Palmyre V., Die Grabanlage (Rom 1970) 93-95 Abb. 30 Nr. 8-10; K. Gawlikowska - K. As'ad, The Collection of Glass Vessels in the Museum of Palmyra, Studia Palmyrenskie 9, 1994, 5-36 Taf. 1-16; J. Bylinski, A IIIrd Century Open-court Building in Palmyra. Excavation Report, DaM 8, 1995, 239. 242-244; K. Saito, The Study of Funerary Practices and Social Backgrounds in Palmyra (Nara 2005) passim.
[3] C. W. Clairmont, The Glass Vessels. The Excavations at Dura-Europos. Final Report IV (New Haven 1963) 148-150.

© René Ployer
e-mail: rene.ployer@univie.ac.at


This article should be cited like this: R. Ployer, Glasfunde aus Palmyra, Forum Archaeologiae 46/III/2008 (http://farch.net).



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