Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 26 / III / 2003

DIE JUPITER-DOLICHENUS TAFEL VON TRAISMAUER
Konservierung - Technologie - Rekonstruktion

Im Jahr 1885 wurden bei Bauarbeiten in der Nähe des römischen Kastells von Traismauer/Nö die Fragmente einer doppelseitigen, bronzenen Dreieckstafel des Jupiter-Dolichenus Kultes entdeckt [1]. Die Fundstelle liegt etwa 100 Meter von der südlichen Umfassungsmauer des Kastells entfernt (Bahnhofsgebäude). Über das Stift Göttweig gelangte das Objekt noch im Fundjahr als Geschenk des damaligen Abtes an die Antikensammlung des österreichischen Kaiserhauses (heute Kunsthistorisches Museum). Durch den derzeit stattfindenden Umbau und die Neuaufstellung der Antikensammlung, mit der Einrichtung eines eigenen Schauraums zur Austria Romana, soll auch die Dreieckstafel von Traismauer in die Dauerausstellung übernommen werden. Im Zuge einer Diplomarbeit am Institut für Konservierungswissenschaften und Restaurierung - Technologie, der Universität für angewandte Kunst Wien, konnten die Fragmente vom Verfasser für die museale Präsentation konservatorisch bearbeitet werden [2]. Zusätzlich wurden dabei umfangreiche naturwissenschaftliche und herstellungstechnologische Untersuchungen durchgeführt.
Die Tafel bestand ursprünglich aus zwei ziselierten Blechen [3] die Rücken an Rücken miteinander verbunden waren. Der Rand der vorderseitigen Tafel (Jupiter- Dolichenus) war dabei um den Rand der rückseitigen Tafel (Mars und Luna) gefalzt. Heute sind davon sechs Fragmente erhalten.


Inv. Nr. VI 2600 (Abb. 1a): Zentraler Teil dieses Fragments ist die für diese Art von Objekten ungewöhnlich weit herausgetriebene Figur des Jupiter-Dolichenus, der in seiner üblichen Tracht mit lorica thorax, phrygischer Mütze und einer Axt in der erhobenen Rechten sowie Blitzbündel in der Linken dargestellt ist. Im Zwickel des Dreiecks über dem Kopf des Gottes eine Adlerdarstellung. Im linken unteren Teil des Bruchstücks sind der Kopf und Teile des Oberkörpers einer bärtigen Figur zu erkennen.
Inv. Nr. VI 2602: Auf diesem Fragment, das einen Teil der rechten Seite, einschließlich der unteren Ecke der Tafelvorderseite, darstellt, sind am oberen Ende die Vorderläufe eines Stieres, weiters eine weibliche Figur erhalten. Diese steht auf einer Leiste welche gleichzeitig die obere Begrenzung einer fragmentarisch erhaltenen tabula ansata darstellt.
Inv. Nr. VI 2601 (Abb. 1b): Im obersten Bildfeld eine Büste der Luna, von einer großen Mondsichel umrahmt, darunter eine Darstellung des Mars. Rechts neben dem Gott sind der Kopf und der erhobene Flügel eines Vogels, vermutlich einer Gans dargestellt.
Inv. Nr. VI 2603 a (Abb. 1c): Vorderteil eines Stieres.
Inv. Nr. VI 2603 b (Abb. 1c): Fragment mit dem Abschnitt einer Leiste.
Inv. Nr. VI 2603 c (Abb. 1c): Haarbüschelartige Elemente und mehrere Reihen punzierter Linien.
Auf mehreren Fragmenten haben sich Reste einer Verzinnung erhalten. An anderen Bereichen sind die verzinnten Flächen noch deutlich an der unterschiedlichen Färbung der Patina zu erahnen. So ist am Übergang vom Brustpanzer zu den Punzierungen um den Halsbereich des Jupiter-Dolichenus deutlich zu bemerken, daß der Panzer selbst verzinnt wurde, während die Punzierungen keinen Zinnüberzug erhielten. Trotz der gering erhaltenen Spuren ist aber deutlich zu erkennen, daß die Grundflächen verzinnt, die herausgetriebenen Motive großteils frei gelassen wurden. Die Tafel wirkte also ursprünglich durch den Farbkontrast vom goldfarbenen Ton des Grundmetalls und weißlich schimmernden verzinnten Flächen.
Wie auch an vergleichbaren Objekten erkennbar, wurde das Grundmetall vor dem Verzinnen mit einem geeigneten Medium abgedeckt, um diese Bereiche vor dem Zinnauftrag zu schützen. So sind an vergleichbaren Objekten (wie etwa der einseitigen Dreieckstafel aus Mauer a.d.Url, KHM Inv.Nr. M5) zum Teil deutliche Spuren des Abdeckmittelauftrags mit einem Pinsel zu bemerken.
Um Erkenntnisse über die Herstellungstechnik zu gewinnen, sowie besonders die Ziselierungen auf der rückseitigen Tafel besser erkennen zu können, wurden von allen Fragmenten Röntgenaufnahmen (Abb. 2) erstellt [4]. Darüber hinaus konnten damit auch zahlreiche Haarrisse und mit Lot fixierten Brüche anschaulich dokumentiert werden.
Die Röntgenbilder lassen besonders auf dem Fragment mit Mars und Luna die Vorgangsweise des Blechaustreibens erkennen. Die gesamte Fläche ist mit einem Netz sich kreuzender, länglicher Hammerschläge überzogen, die eindeutig auf das Ausschmieden mit einem Finnenhammer zurückzuführen sind. Die Darstellungen wurden anschließend aus dem Blech herausgetrieben. Das Metall wird bei einem solchen Vorgang an der Bearbeitungsstelle gestreckt, die Wandstärke demnach dünner. Auch dafür sind, besonders am Oberkörper der weit herausgetriebenen Jupiter-Dolichenus Darstellung deutliche Spuren dieses Vorgangs ersichtlich. Eine "wolkenartige" Struktur kennzeichnet im Röntgenbild diejenigen Bereiche, an denen das Metall besonders stark mit kugeligen Punzen herausgetrieben wurde.
Wie R. Münsterberg [5] erwähnt, wurden die beiden Tafelhälften, die wohl noch Rücken an Rücken verbunden aufgefunden wurden, erst im Museum voneinander getrennt. Im Zuge der damals durchgeführten Reparaturen wurden Risse in den Blechen rückseitig großzügig mit Blei-Zinn Lot überbrückt, lose Teile angelötet. Durch die Verwendung von Salzsäure freisetzendem Flußmittel kam es im Lauf der Zeit zur Bildung von Chloridkorrosion um diese Lötungen. Um das Risiko fortschreitender Korrosion zu verringern, wurden die Korrosionsprodukte bestmöglich mechanisch entfernt, die betreffenden Stellen mit einem Korrosionsinhibitor [6] behandelt und einem Acrylharzüberzug [7] versehen.


Weiters sollte auch die Oberfläche der rückseitigen Tafel bestmöglich mechanisch freigelegt werden (Abb. 3-4), um feine Punzierungen und antike Bearbeitungsspuren wieder sichtbar zu machen. Die Vorderseite dieses Fragments war im Gegensatz zu den anderen Stücken großteils mit einer grünen Korrosionsschicht bedeckt, die sich hauptsächlich aus wasserhaltigen Kupfersulfaten zusammensetzte [8]. Um das fragile Blech bearbeiten zu können, war es nötig, eine paßgenaue Unterlage aus Silikonkautschuk herzustellen, um den bei der Arbeit ausgeübten leichten Druck aufzufangen, ohne das Metall dabei zu beanspruchen. Die zeitaufwendige Freilegung wurde unter dem Stereomikroskop durchgeführt. Wie an einer Probefläche ersichtlich, gibt die resultierende Oberfläche den Charakter der ehemals metallischen Oberfläche sehr gut wieder. Durch die Entfernung der oberen Korrosionsschichten konnten an einigen Stellen, besonders links neben der Figur des Mars, verzinnte Flächen freigelegt werden. Dadurch sind auch für diese Seite der Dreieckstafel vorher nicht sichtbar gewesene verzinnte Grundflächen nachgewiesen.
Für die museale Präsentation der Fragmente empfiehlt sich eine Auflagefläche, welche die ursprüngliche Dimension der Tafel erkennen läßt.

Rekonstruktion

Vorderseite (Abb. 5):
Die drei fragmentarisch erhaltenen Stierdarstellungen lassen darauf schließen, daß es sich, ähnlich der Rückseite der Dreieckstafel aus Dunakömlöd [9], auch auf der Tafel von Traismauer um zwei gegenseitig verbundenen Stierprotome gehandelt haben dürfte, auf denen je ein fußloser Genius aufsaß. Es ist anzunehmen, daß die Doppelstiere in etwa gleicher Höhe dargestellt waren, was durch die meist streng symmetrische Anordnung der Motive auf vergleichbaren Objekten doch am nahest liegenden scheint. Infolge dieser Annahme kann die ursprüngliche Höhe der Dreieckstafel mit etwa 62 cm (ohne Halterung) angegeben werden, da auf Fragment VI 2602 ein Teil des unteren Randes erhalten ist.
Bei Fragment VI 2603 B dürfte es sich um einen Teil der Stirn des großen Stieres handeln auf dem Jupiter-Dolichenus ursprünglich selbst stand. Eine punktierte, leicht geschwungene Linie auf VI 2602 könnte, wie bereits von Münsterberg vermutet [10], der Umrandung der Stierwamme des großen Stieres entsprechen.

Rückseite (Abb. 6):
Sie war ursprünglich in mindestens drei Bildfelder unterteilt. Für die Darstellungen unter dem zweiten Bildfeld mit Mars gibt es jedoch keine Anhaltspunkte mehr.
Wie bei den Dreieckstafel aus Mauer a.d.Url ist auch bei der Traismauer-Tafel eine Halterung anzunehmen, um sie mittels einer Tülle auf eine Stange aufstecken zu können. Auf Fragment VI 2602 sind entlang der untersten Zierleiste eine Reihe länglicher Kerben im Metall zu erkennen, die möglicherweise auf das Einklemmen in eine Führungszarge zurückzuführen sind.
Um einen Eindruck vom ursprünglichen Aussehen der Tafel gewinnen zu können, bot sich eine virtuelle Rekonstruktion (Abb. 7) in einer Videosequenz an. An erster Stelle stand dabei die Anfertigung eines 1:1 Modells der beiden rekonstruierten Tafelhälften. Unter Zuhilfenahme der bereits existierenden Galvanoplastiken der Fragmente konnten Gipspositive hergestellt werden, die sich für die Erfassung mit dem 3-D Scanner ShapeMatcher [11] als ausgesprochen geeignet erwiesen. Bei diesem Verfahren wird mittels eines Diaprojektors ein spezielles quadratisches Gitter auf das Objekt geworfen, anhand dessen Verzerrung die Geometrie einer Oberfläche berechnet werden kann. Die weitere Verarbeitung zu einer Videosequenz erfolgte am Ordinariat für technische Chemie der Universität für angewandte Kunst [12].

[1] J.A. v. Helfert (Hrsg.), Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale XI, Wien 1885, L 64; M. Hörig - E. Schwertheim, Corpus Cultus Iovis Dolicheni (CCID) (1987) 207ff. Nr. 327f.
[2] Für die Möglichkeit dieses Objekt bearbeiten zu können, danke ich dem Direktor der Antikensammlung Kurt Gschwantler, ebenso wie für seine hilfreiche Unterstützung in vielen weiteren Belangen.
[3] Legierungszusammensetzung der vorderseitigen Tafel, (Mittelwert von VI 2603 a): Cu 84.40%, Sn 8.64%, Zn 5.84%, Pb 0.69, Fe 0.39%.
Legierung der rückseitigen Tafel ( Mittelwert von VI 2603 b): Cu 86.82%, Zn 7.83%, Sn 4.58%, Pb 0.19, Fe 0.59% Analyse mittels REM-EDX, durchgeführt von Dipl.-Ing. R. Erlach, Ordinariat für technische Chemie, Universität für angewandte Kunst Wien.
[4] Freundlicherweise von F. Bock, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien durchgeführt.
[5] R. Münsterberg, Bronzereliefs vom Limes, ÖJh 11, 1908, 229.
[6] Benzotriazol, 5%ig in Ethanol.
[7] Paraloid B 72, 3%ig in Toluol, mehrmals aufgetragen.
[8] Für die XRD-Analysen danke ich R. Sauer.
[9] Hörig - Schwertheim a.O. 133ff. Nr. 202.
[10] Münsterberg a.O. 230f.
[11] 3-D Scanning Technologie der Firma Eyetronics. Der Scan wurde in den Räumlichkeiten des Virtual Reality Centers, einer Einrichtung von Tech Gate Vienna Wissenschafts- und Technologiepark GmbH, durchgeführt. Für die Zuverfügungstellung der Ausrüstung danke ich H. Buchegger.
[12] Durchgeführt von St. Fischer.

© Paul Pingitzer
e-mail:
p.pingitzer@gmx.at


This article will be quoted by P. Pingitzer, Die Jupiter-Dolichenus Tafel von Traismauer, Niederösterreich. Konservierung - Technologie - Rekonstruktion, Forum Archaeologiae 26/III/2003 (http://farch.net).



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