Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 14 / III / 2000

GEDANKENSPLITTER ZU EINER ÖKONOMIE DER ARCHÄOLOGIE [1]

1. Welche Fragestellung vermag eine Ökonomie der Archäologie zu beantworten?

Hat die Archäologie irgendeinen Bezug zur Ökonomie? Jener, der wohl jedem Menschen einfällt, ist der, daß zum Betreiben der Archäologie als Forschungsgegenstand Ressourcen benötigt werden. Da die Methoden der Archäologie, sei es die Prospektion, sei es die Ausgrabung oder die Fundauswertung, erhebliche materielle Aufwendungen erfordern, ist zumindest dieser Bezug zur Ökonomie, der Wissenschaft über den (optimalen) Umgang mit knappen Mitteln, evident. Archäologie weist jedoch auch ganz erhebliche Folgekosten auf, werden doch Funde in aller Regel konserviert, archiviert und museal zugänglich gemacht, was wiederum durchaus auch beträchtliche materielle und personelle Ressourcen zu binden vermag. Die Tatsache, daß Archäologie Ressourcen beansprucht und diese auch zugestanden erhält, legt die Vermutung nahe, daß sich aus dem Betreiben dieser Disziplin für die Gesellschaft Vorteile ergeben [2].
Ökonomen sind allerdings gewohnt, derartige Fakten nicht ungeprüft stehen zu lassen. Der Maßstab, den sie an die Welt zu legen gewohnt sind, legt die Frage nahe, ob der Ressourcenverbrauch für die Archäologie ökonomisch legitimierbar ist.
Selbst wenn man an dieser Stelle Zweifel anmeldet, daß der Beitrag der Archäologie zur Wirtschaft (quantitativ) meßbar sei - wie sich das für eine wissenschaftliche Lagebeurteilung gehören würde - kann man doch zwei qualitative Wege beschreiten, um eine Legitimierung zu versuchen:
o) Es muß gelingen zu zeigen, daß Archäologie einen Beitrag zur Nettowohlfahrt der Gesellschaft leistet; dies entspricht einem wohlfahrtsökonomisch orientierten mikroökonomischen Aspekt.
o) Parallel dazu kann der Versuch unternommen werden, die Bedeutung der Archäologie für das Inlandsprodukt bzw. die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft und deren Wachstum nachzuweisen; dies entspricht einer makroökonomischen Betrachtungsweise.
Vom Grundgedanken her sind diese beiden Fragestellungen auch im Bezug auf das Erkenntnisobjekt weniger ungewöhnlich, als es zunächst den Anschein haben mag: Die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die Ökonomie ist evident [3]. Es gibt darüber hinaus nämlich eine durchaus entwickelte Ökonomik der Kunst und Kultur [4].
Auch wenn das Erkenntnisobjekt etwas ungewöhnlich ist, so entsprechen die oben umrissenen Fragestellungen doch der traditionellen Vorgehensweise der Ökonomie als wissenschaftlicher Disziplin. Im zweiten Abschnitt wird darauf noch näher einzugehen sein.
Man kann aber zweifellos der Archäologie noch eine andere Perspektive abgewinnen: Dazu muß man sie in eine instrumentale Beziehung zur Ökonomie als Forschungsgebiet bringen. Zwei wichtige Subdisziplinen dieses Forschungsgebietes sind die Wirtschaftsgeschichte und die "Evolutorische Ökonomik". Was die Wirtschaftsgeschichte betrifft, so bringt Rolf Walter ihre Bedeutung für die Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften auf die lapidare Formel: "Es gibt keine Perspektive ohne Retrospektive" [5]. Die Wirtschaftsgeschichte erfaßt dementsprechend wirtschaftliche Ereignisse und Prozesse in ihrer zeitlichen Abfolge. Ihre wichtigsten Quellen sind dabei Schriftstücke und Bildmaterial. Aber der Archäologie, der Erforschung schriftloser Zeugnisse, kommt dabei gewiß eine wichtige Ergänzungsfunktion zu.
Ganz ähnlich ist es mit dem evolutorischen Ansatz in der Ökonomie, der sich - nicht zuletzt aus einem Reflex der Unzufriedenheit mit den formalisierten und quantitativen Methoden der "mainstream"-Ökonomie - um endogene Erklärungsansätze für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel bemüht [6].
Es ist unschwer zu konstatieren, daß überall dort, wo Archäologie einen Beitrag zur Aufklärung (historischer) wirtschaftlicher Zusammenhänge zu leisten vermag, auch ein Bedarf an dieser Wissensdisziplin bestehen wird, ein Bedarf, der ganz im Sinne des Zitats von Walter (s.o.) nicht nur durch Wissenschafter artikuliert werden wird, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen zu stiften vermag.

Der Bezug von Archäologie zur Ökonomie als wissenschaftlicher Disziplin liefert also eine qualitative Legitimation für das, was man als eine "Umwegrentabilität" der Archäologie bezeichnen könnte. Dazu müßte allerdings die Frage geklärt werden können, ob die für Archäologie aufgewendeten Ressourcen zum Beitrag der Disziplin zu wirtschaftlichen Einsichten in einem angemessenen Verhältnis stehen. Das Faktum, daß die Archäologie den Wirtschaftswissenschaftern Hilfestellungen liefert, stellt nämlich keineswegs sicher, daß der Aufwand gerechtfertigt ist: Es könnte schließlich auch so zustande kommen, daß lediglich ihre Kosten auf eine uninfomierte Gesellschaft abgewälzt werden [7]. Mit einer Fehlallokation der Ressourcen würde sich dann auch noch ein Problem der Lastverteilung verbinden.

Gerade deshalb ist es wichtig, zur Frage zurückzukehren, ob die Archäologie auch einen unmittelbaren Nutzen für die Gesellschaft zu stiften vermag, der sich in entsprechenden Wohlfahrtssteigerungen niederschlägt.

2. Die Rolle der Archäologie in der Ökonomie

Zuerst soll die mikro- und sodann die makroökonomische Perspektive aufgegriffen werden.
Um der mikroökonomischen Perspektive nachzugehen, ist es zweckmäßig, einige grundlegende Bemerkungen zur Aufgabenstellung der Ökonomie einzufügen und dann auf Kategorien der Kunst- bzw. Kulturökonomik zurückzugreifen.
Ökonomie befaßt sich mit dem bestmöglichen Einsatz knapper Ressourcen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Sie benötigt - in ihrer mikroökonomischen Ausprägung - zu diesem Zweck ein Referenzmodell, an dem Fehlsteuerungen gemessen werden können [8]. Allerdings scheiden sich die Geister schon an der Frage, was ein geeignetes Referenzmodell sei. Die Standardansicht ist die, die Optimalitätseigenschaften eines "vollkommenen Marktes" als Bezugsgröße anzusehen. Ein vollkommener Markt stellt hier ein Koordinierungsinstrument dar, das geeignet ist, einen Zustand der "Pareto-Effizienz" herbeizuführen, einen Zustand also, bei dem kein Beteiligter mehr besser gestellt werden kann, ohne daß zugleich ein anderer eine Schlechterstellung erfährt. Ob ein solcher Zustand auch Maßstäben der Gerechtigkeit der Verteilung entspricht, vermag das Referenzmodell allerdings nicht zu beantworten. Es kennt vielmehr eine unendliche Anzahl "allokativ" gleichwertiger Situationen mit jeweils unterschiedlichen Zuteilungen der Güter. Skeptiker propagieren deshalb eine andere Sicht und beziehen sich auf die relative Vorzugswürdigkeit von Koordinierungsinstrumenten, in denen neben Elementen des Marktes auch solche staatlicher Eingriffe enthalten sein können. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Institutionen. Institutionen sind also regelhafte und allgemein anerkannte Vorgehensweisen bei der Koordinierung der Ressourcenverwendung, die marktliche, politische und bürokratische Steuerungselemente enthalten. Institutionen werden jeweils dann als vorzugswürdig angesehen, wenn sie relativ zu den Alternativen "Pareto-Verbesserungen" versprechen, also die Besserstellung eines der Beteiligten (oder einer Gruppe) ohne Schlechterstellung auch nur eines einzigen anderen der Beteiligten gegenüber dem "status quo". Um allerdings diesem nur in den seltensten Fällen anwendbaren Kriterium auch in der Praxis Genüge leisten zu können, greift man zu einem Hilfskriterium, jenem des "Kompensationstests": dieser sieht, vereinfacht ausgedrückt, vor, daß die Vorteile, die Beteiligte aus einem institutionellen Arrangement ziehen, so groß werden müssen, daß den Benachteiligten aus den Vorteilen noch eine Entschädigung bezahlt werden könnte, die sie auf dem ursprünglichen Niveau der Wohlfahrt halten und damit dem Pareto-Kriterium wieder zu genügen vermögen.
Warum für den eben umschriebenen Ansatz der "komparativ institutionellen" Sichtweise Mischformen von preisgesteuerten Märkten und staatlicher (politischer und bürokratischer) Steuerung kennzeichnend sind, liegt daran, daß preisgesteuerte Märkte allein unter bestimmten Voraussetzungen keine optimale Allokation hervorzubringen vermögen. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn einzelne Anbieter eine Monopolstellung innehaben. Weitere Ursachen für staatliche Eingriffe in Märkte sind "Externe Effekte", das sind Beeinträchtigungen der Wohlfahrt Dritter, die nicht abgegolten werden, durch Handlungsweisen zum eigenen Vorteil von Konsumenten oder Produzenten. Es kommt dadurch zu Fehlsteuerungen in Form zu niedriger in Rechnung gestellter Kosten, demgemäß ursprünglich durch zu niedrige Preise, was wiederum zu einem zu hohen Absatz bzw. zu großer Nachfrage führt. Steuern, Auflagen wie z.B. Grenzwerte der Verschmutzung, strenge Haftungsregeln und dergleichen dienen als Abhilfe.
Ebenfalls zur Quelle von staatlichen Eingriffen wird ein unmittelbares Fehlverhalten der Konsumenten, das sich in zu niedriger oder zu hoher Nachfrage niederschlägt; die - freiwillige - Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen zur Gesundheitssicherung ist ein Beispiel der ersten, der übermäßige Konsum von Rauchwaren und Alkoholika das Standardbeispiel der zweiten Art. Die entsprechenden Eingriffe der Öffentlichen Hand [9] werden als "meritorische Eingriffe" bezeichnet.
Schließlich gibt es Fälle, in denen der Markt überhaupt nicht in der Lage ist, die Ressourcensteuerung zu übernehmen. Das ist dann der Fall, wenn der Konsum oder Gebrauch einer Leistung durch viele Menschen gleichzeitig möglich ist, ohne daß diese einander konkurrenzieren und zugleich die Anlastung eines Preises oder allgemein, eines Entgelts für die Nutzung der Leistung unmöglich oder außerordentlich aufwendig ist. Beispiele wären auf kommunaler Ebene die Straßenbeleuchtung, auf bundesweiter Ebene die innere Sicherheit. Man spricht dann von (reinen) Kollektivgütern, die öffentlich bereitgestellt und über Steuern und Abgaben finanziert werden.
Für die gegenständlichen Ausführungen nicht unerheblich ist allerdings der Umstand, daß die staatliche Initiative nicht immer unumgänglich ist. Güter mit Kollektivguteigenschaften können u.U. auch durch private Vereine oder private Fonds bereitgestellt werden. Auch hier trifft man aber wieder auf Mischformen insoweit, als der Staat infolge eines "öffentlichen Interesses" an der Sicherstellung der Verfügbarkeit Zuschüsse aus Steuermitteln gewähren kann.
Dieser kurze Exkurs in die Institutionenlehre und die Theorie des Marktversagens war notwendig, weil Kunstgegenstände, Musik, darstellende Kunst sowie insbesondere Bau- bzw. Kulturdenkmäler vielfach Eigenheiten aufweisen, die ihre Entdeckung, Konservierung und Zur-Schau-Stellung für die Institution des Marktes ungeeignet machen.
Diese Grundüberlegung liefert in weiterer Folge eine ökonomische Legitimation für die Archäologie, die ja in zahllosen Fällen eine notwendige Voraussetzung für die Zugänglichkeit von (altertümlichen) Kunstgegenständen, Bau- und Kulturdenkmälern bildet.
Angenommen, es wird vermutet, daß sich im Ortskern prähistorische Siedlungsreste befinden, die nicht nur die frühe Besiedelung des betreffenden Ortes beweisen können, sondern auch Aufschluß über den Stand der Technik, die hygienischen Standards und dergleichen zu liefern vermögen. Warum sollte man personelle und sachliche Ressourcen einsetzen, um diese Siedlungsreste ans Tageslicht zu befördern, zu konservieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Und warum kann, wenn die erste Frage ausreichend begründet ist, nicht der unternehmerischen Initiative überlassen werden, diese historische Sehenswürdigkeit verfügbar zu machen?
Als Antwort auf die erste Frage werden folgende Gründe geltend gemacht [10]:
o) Solche Sehenswürdigkeiten besitzen einen "Optionswert": Menschen ziehen aus ihrer Besichtigung zwar Nutzen, aber sie können oder wollen die Sehenswürdigkeit nicht sofort besuchen, sind jedoch lebhaft daran interessiert, sich die Möglichkeit bei passender Gelegenheit zu sichern. Nur auf Grund des Interesses an der Wahrung einer Option allein müßte ein marktwirtschaftliches Angebot mangels konkreter Nachfrage (und Zahlungswilligkeit) scheitern.
o) Für manche Bürger verbindet sich mit der Sehenswürdigkeit ein "Prestigewert": Sie selbst sind an einer Besichtigung zwar nicht interessiert, möchten aber die historische Bedeutung ihres Wohnortes dokumentiert wissen.
o) Damit in einem engen Zusammenhang steht auch der "Vermächtniswert" derartiger Sehenswürdigkeiten: Man möchte künftigen Generationen, die ja zum gegenwärtigen Zeitpunkt ihre Wünsche und Vorstellungen noch nicht artikulieren können, die Möglichkeit dazu überlassen.
o) Vielfach billigt man Sehenswürdigkeiten einfach einen "Existenzwert" zu, weil deren Beseitigung zum Zweck einer alternativen und ertragreicheren Verwendung des Baugrundes die Sehenswürdigkeiten unwiederbringlich zerstören würde.
o) Nicht zuletzt wird derartigen Sehenswürdigkeiten ein "Bildungswert" zugemessen: damit kann die kulturelle Identität gefördert, Traditionsbewußtsein unterstützt und ein ästhetischer Maßstab geschaffen werden.
Die zweite Frage, die nach den mangelnden Anreizen für unternehmerische Initiative, läßt sich in folgender Weise beantworten: Damit die Institution des Marktes die eben beschriebenen Werte schaffen und erhalten kann, bedürfte es der Möglichkeit, daß die Kosten durch die Veräußerung (das privatwirtschaftliche Angebot der Nutzungsmöglichkeiten) an die Nutznießer abgedeckt und ein Ertrag erwirtschaftet werden können, der die notwendigen Anreize für eine unternehmerische Privatinitiative liefert.
Das ist in aller Regel nicht der Fall. Zwar gibt es Beispiele, wo - den entsprechenden Wohlstand vorausgesetzt - "humanistische Ideale", oder aber schlichtes Prestigedenken zur Privatinitiative führen, aber sie sind die Ausnahme. Die genannten Gründe für die Erschließung der historischen Stätte lassen vielmehr die Institution des Marktes für die Umsetzung ungeeignet erscheinen. Statt dessen könnten die Bürger Bereitschaft zeigen, für den Einsatz von Steuermitteln zur Erschließung und Erhaltung zu votieren. Sie würden dann aber bekunden, daß die betreffende Maßnahme auch unter Bedachtnahme auf die anfallenden Kosten ihren Netto-Nutzen steigert und damit dem früher umschriebenen Pareto-Kriterium genügt.

Die ökonomische Relevanz der Archäologie erschließt sich dergestalt über die positive Bewertung, die den zutage geförderten Objekten durch die Mitglieder der Gesellschaft zuteil wird.

Ob allerdings eine entsprechende Zahlungswilligkeit besteht, ist im Allgemeinen nicht einfach festzustellen. Es gibt zwei maßgebliche Ursachen für diese Schwierigkeiten:
o) Die Tatsache, daß ein Kultur- oder Baudenkmal geortet, zu Tage gefördert und konserviert wird, schafft ein Kollektivgut. Die gleichzeitige Nutzung durch Besichtigung etc. ist - wenn auch mit gewissen kurzfristigen Kapazitätsbeschränkungen - Gruppen von Nutznießern ohne gegenseitige Beeinträchtigung möglich. Darüber hinaus hat aber auch z.B. der Optionswert, also der potentielle Nutzen aus einer Besichtigung Kollektivguteigenschaft. Auf Grund des Verhaltensmodells, das Ökonomen den Bürgern unterlegen, werden diese unter solchen Voraussetzungen keine unmittelbare Veranlassung haben, ihre wahre Einschätzung aufzudecken; die Prognose lautet vielmehr, daß sie strategisch vorgehen werden, weil sie davon ausgehen, daß sie die Vorteile auch dann lukrieren können, wenn sie selbst ihre wahre Vorliebe geheim halten und auf die entsprechenden positiven Signale durch andere Bürger vertrauen. Legt aber jeder Bürger dieses "Trittbrettfahrerverhalten" an den Tag, dann kommt es zu keiner Bekundung einer positiven Einschätzung (Zahlungsbereitschaft). Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das als "Gefangenendilemma" Eingang in die Literatur gefunden hat. Es ist allerdings tröstlich, daß empirische Befunde den Nachweis erbracht haben, daß die Bürger dieser radikalen Konsequenz des ökonomischen Verhaltensmodells in der Realität nicht ganz entsprechen. Sie signalisieren vielmehr eine positive, aber gegenüber ihrer wahren Wertschätzung zu geringe Zahlungsbereitschaft.
o) "Strategisches Verhalten" ist allerdings nicht der einzige Mangel, der bei der Feststellung der Bereitschaft der Bürger (Steuerzahler), die Widmung von Geldmitteln für die Zwecke der Archäologie zu akzeptieren, auftreten kann. Denn es ist durchaus vorstellbar, daß Bürger den Wert einer Sache auf Grund mangelnder Information nicht korrekt einschätzen können.
In beiden Fällen ist aber der Staat gefordert, "meritorisch" als Korrektiv zu dienen. Demgemäß legitimiert das hier maßgebliche Denkmalschutzgesetz das Bundesdenkmalamt zur Feststellung eines "öffentlichen Interesses" (§ 1, Absatz 2, Denkmalschutzgesetz, BGBl 533/1923 i.d.g.F.). Wobei sich hier ein "öffentliches Interesse" dadurch umschreiben läßt, daß mit einer Maßnahme positive externe Effekte verbunden sind, die der Allgemeinheit zugute kommen. Würde aber eine solche Maßnahme nicht unterstützt, so erfolgt ihre Bereitstellung infolge der relativ zum Optimum zu hohen Kosten (bzw. "Steuerpreise") in einem niedrigeren als dem nach ökonomischen Maßstäben wünschenswerten Ausmaß.

Alle bisher angestellten Überlegungen weisen somit darauf hin, daß man von einem - möglicherweise nicht sehr ausgeprägten - positiven Nettoeffekt der Archäologie auf die Ökonomie ausgehen wird können, soweit Maßstäbe der Wohlfahrtsökonomie angelegt werden.

Nicht uninteressant ist aber auch die Frage nach dem gesamtwirtschaftlichen Effekt, der etwa am Beitrag zur Bruttowertschöpfung gemessen werden kann. Darüber hinaus ist auch zu fragen, ob die Archäologie nicht einen Zuwachs von Vermögenswerten hervorzubringen vermag.

Insbesondere die Grabungstätigkeit tritt hier in zwei Formen in Erscheinung. Sie ist einerseits eine essentielle Voraussetzung ("Input") bei der Hervorbringung erhaltenswerter Bau- und Kulturdenkmäler und andererseits u.U. selbst eine wertschöpfungsrelevante Aktivität (gewissermaßen als Zwischenprodukt in der vertikalen Produktionskette Prospektion -> Ausgrabung -> Konservierung zwecks dauernder Verfügbarkeit). Für eine ökonomische Bewertung archäologischer Tätigkeiten bietet sich an, bei der Ökonomie der Erhaltung von Bau- und Kulturdenkmälern eine Anleihe zu nehmen [11], z.B. Rudgers University Center for Urban Policy Research.
Der betreffenden Untersuchung zu Folge können die folgenden ökonomisch relevanten Fakten geltend gemacht werden:
1. Unmittelbare Wirkungen:
o) Die Schaffung von Arbeitsplätzen, sowohl für Fachleute (Wissenschafter) als auch für Hilfskräfte und die entstehenden zusätzlichen Einkommen: Notabene gehen Wissenschafter als beamtete Personen entsprechend den Vorgaben der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Einkommen der Öffentlich Bediensteten in die Wertschöpfung des Öffentlichen Sektors ein.
o) Die Beschaffung von Ausrüstungsgegenständen: Dabei handelt es sich je nach Größenordnung um Öffentlichen Konsum oder um Investitionen, somit in jedem Fall nachfragewirksame Komponenten.
2. Induzierte Wirkungen:
o) Hier ist in erster Linie der Tourismus zu den Ausgrabungsstätten zu nennen, der als Privater Konsum in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Eingang findet: Mittels einer Aufspaltung der betreffenden Konsumausgaben auf Transport, Beherbergung und Verpflegung, sowie Ausgaben für Souvenirs etc. können die Wertschöpfungskomponenten dieser Ausgabenkategorien für die einzelnen Handels- und Dienstleistungsbereiche geschätzt werden.
o) Steuereinnahmen des Öffentlichen Sektors.
o) Induzierte Aufwendungen für die Zur-Schau-Stellung und Erhaltung der betreffenden Funde.

Die Schaffung zusätzlicher Einnahmen (Einkommen) löst weitere Ausgabenströme aus, die über Multiplikatoreffekte [12] erfaßt werden können.

Möglicherweise hat die Archäologie aber auch Einfluß auf weitere Foschungs- und Entwicklungsausgaben für technische Behelfe, Konservierungstechniken etc.

Allerdings kommen die genannten gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen auf nationaler Ebene nicht voll zur Geltung, weil ein beträchlicher Teil der Ausgaben in den Regionen bzw. Volkswirtschaften wirksam werden, in denen - namentlich im Bereich der Klassischen Archäologie - die Grabungsstätten liegen. Ein Gutteil der Ausgaben muß demnach unter den (Dienstleistungs-)Importen verbucht werden und schmälert damit das Bruttoinlandsprodukt jenes Landes, das die Grabungen durchführt. Archäologische Aktivitäten und ihre induzierten Ausgabenströme bilden dementsprechend einen u.U. nicht unerheblichen Faktor bei den Exporten derjenigen Länder, in denen Ausgrabungen durchgeführt werden. Aus dieser Perspektive ergibt sich dann für das die Ausgrabungen betreibende Land höchstwahrscheinlich im Bezug auf die Wertschöpfungskomponente bzw. das Bruttoinlandsprodukt ein negativer Saldo. Metaökonomisch besehen kann damit wiederum namentlich in Ländern mit unterdurchschnittlichen Einkommen ein wertvoller Beitrag zur "Entwicklungshilfe" geleistet werden. Eine quantitative Aufrechnung zu den weiter oben umrissenen Wohlfahrseffekten ist zwar nicht unmittelbar möglich, doch erscheint per Saldo eine positive Gesamtwirkung nicht unwahrscheinlich, zieht man die positiven Wirkungen aus der Einbeziehung des Options-, Prestige-, Vermächtnis-, Existenz- und Bildungswertes in Betracht.

Es ist aber offenbar nicht so, daß der Archäologie überhaupt keine ökonomische Dimension anhaftet; die betreffenden Wirkungen sind ganz im Gegenteil nicht unerheblich, auch wenn sie prozentuell bei den Größenordnungen der Inlandsprodukte moderner Industriestaaten kaum ins Gewicht fallen.
Darüber hinaus zeigt sich, daß die Archäologie positive Externalitäten aufweist bzw. Kollektivgüter hervorbringt, was sie, anders als z.B. die Prospektion und Erschließung von Rohstoffquellen, für eine marktwirtschaftliche Verfolgung ungeeignet erscheinen läßt. Kollektive und - beim Fehlen entsprechender Privatinitiative durch Vereine oder Fonds - staatliche Vorsorge scheinen unvermeidlich.

[1] Dieser kurze Beitrag ist Fritz Brein vor allem deshalb gewidmet, weil er der Einschätzung des Verfassers nach es für geradezu selbstverständlich erachtet hätte, daß man eine auf den ersten Blick so ungewöhnliche Beziehung von Fachgebieten herzustellen trachtet. Der Beitrag ist also eine Hommage an den Forscher, Kollegen und Freund, der im Stillen die großen Zusammenhänge kennt.
[2] Diese Vermutung ist so formuliert, daß sie die Sichtweise eines unparteiischen Beobachters wiedergibt. Prinzipiell wäre auch denkbar, daß die Zubilligung des Ressourcenverbrauchs das Ergebnis der erfolgreichen Durchsetzung von Gruppeninteressen ist, eine Sichtweise, die durch den Ansatz des "Rentenstrebens" erklärt werden könnte, also des Einsatzes von Zeit und anderen knappen Mitteln, um die eigenen Vorteile der Gruppe zu mehren. Eine derartige Sichtweise würde einen kritischen Ansatz der "nicht-marktlichen" Entscheidungstheorie oder "Ökonomischen Theorie der Politik" nahelegen. Im vorliegenden Beitrag werden jedoch jene ökonomischen Wirkungen betrachtet, die durch den unparteiischen Beobachter nachvollzogen und beurteilt werden können.
[3] Vgl. E. und M. Streißler, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre für Juristen (Wien 1984) 97.
[4] Vgl. Beispielhaft (mit weiteren Literaturhinweisen): M. Hummel - M. Berger, Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur (Berlin 1988); W. W. Pommerehne - B. S. Frey, Musen und Märkte, Ansätze einer Ökonomik der Kunst (München 1993).
[5] R. Walter, Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, in: ders. (Hrsg.), Wirtschaftswissenschaften, eine Einführung (Paderborn-Zürich 1997) 29.
[6] Vgl. z.B. J. Foster, Evolutionary Macroeconomics (Hemel Hempstead 1987).
[7] Dies käme dem in Anm. 2 angesprochenen Ansatz des Rentenstrebens nahe.
[8] Ein solches Referenzmodell besteht durchaus auch in der makroökonomischen Perspektive in Form des "Vollbeschäftigungs-Inlandsprodukts" oder des "Potential Output"; geht man von der nicht unrealistischen Annahme aus, daß der "Wirtschaftssektor" Archäologie nicht auf konjunkturelle Schwankungen durchzuschlagen vermag, dann ist das makroökonomische Referenzkonzept jedoch hier ohne Belang.
[9] W. Weigel, Ökonomie des Öffentlichen Sektors (Wien 1992).
[10] Vgl. Pommerehne - Frey a. O. 20 f.
[11] Z.B. D. Listokin - M. Lahr, Economic Impacts of Historic Preservation, Center for Urban Policy Research, Rudgers University, New Brunswick (New Jersey 1997).
[12] Die Multiplikatorwirkung, die besagt, daß es im volkswirtschaftlichen Kreislaufzusammenhang zu einer Vervielfachung der ursprünglichen Ausgaben und der entsprechenden Steigerung der Kennziffer des Bruttoinlandsproduktes kommt, wurden für die Erhaltung alter Bauten im Bundesstaat New Jersey mit dem ziemlich hohen Wert von 2,451 geschätzt! - The Economic Impact of Historic Preservation (1997) 8.

© Wolfgang Weigel, Wien
e-mail:
wolfgang.weigel@univie.ac.at

This article will be quoted by W. Weigel, Gedankensplitter zu einer Ökonomie der Archäologie, in: Altmodische Archäologie. Festschrift für Friedrich Brein, Forum Archaeologiae 14/III/2000 (http://farch.net).



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