Forum Archaeologiae - Zeitschrift für klassische Archäologie 14 / III / 2000

EIN EPIGRAPHISCHES ZEUGNIS FÜR DEN NAMEN COROCOTTA

In dem Teil der Bio- oder Prosopographie, die den Verfasser dieses Beitrags mit dem Jubilar verbindet, spielt der Name des M. Grunnius Corocotta eine gewisse Rolle, auch wenn sich der eigentliche Anlaß für diese durchaus freundschaftlich verstandene Apostrophe nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren läßt [1]. Den Hintergrund für die Benennung bildet ein trotz allem reizvolles Stückchen lateinischer Literatur [2], das uns, wie es scheint, aus der Spätantike überliefert ist und die derbe Parodie einer letztwilligen Verfügung enthält: ein Schweinchen (porcellus), das geschlachtet werden soll, erbittet den kurzen Aufschub von einer Stunde, um sein Testament zu machen [3]. Seinen Eltern - Verrinus Lardinus und Veturia Scrofa - vermacht es die Reste seines Futters, Vertretern einzelner Berufe seine Borsten und verschiedene Körperteile, nur den Koch behandelt es verständlicherweise nicht sehr freundlich. Es folgen Vorschriften für seinen Grabstein [4] und bezüglich der Gewürze, mit denen es angerichtet werden will [5].

Es soll hier nicht auf die Bedeutung des Namens Corocotta (korokóttas, krokóttas) im Zusammenhang mit dieser Parodie eingegangen werden, und auf welche Weise unser Schweinchen zu diesem Cognomen gekommen sein mag [6]. Die Grundbedeutung des Wortes ist "Hyäne" [7]. Es gibt allerdings auch ein wichtiges Zeugnis für seine sonstige Verwendung als Personenname. Cassius Dio berichtet die originelle Geschichte, daß der über dessen Untaten empörte Kaiser Augustus in Spanien 25000 Denare - eine Million Sesterzen, also den Senatorenzensus - auf den Kopf eines berüchtigten Räubers namens Corocotta ausgesetzt hat. Dieser wurde nun offenbar durch die Höhe der Summe veranlaßt, selbst beim Kaiser vorzusprechen, worauf ihm dieser nicht nur verzieh, sondern den Betrag auch tatsächlich auszahlte [8]. Wieder ist es nicht notwendig, nach einer lokalen Etymologie dieses Namens zu suchen [9]. Es handelt sich zweifellos um einen Decknamen, einen "nom de guerre": "Hyäne" als Bezeichnung für einen berüchtigten Räuber erscheint durchaus passend [10]. Ein völlig anderer Typ war hoffentlich der Corocuta Tutilio[rum] Pontiani et Luperc[i] ser(vus) aus Augusta Emerita-Mérida [11].

Seit einiger Zeit besitzen wir nun direkt aus Rom selbst sogar ein doppeltes epigraphisches Zeugnis für diesen Namen. Bei den in den Jahren 1966 bis 1971 durchgeführten Grabungen unterhalb der Kirche Sancta Maria Maggiore ist ein größerer Baukomplex gefunden worden, eine Art Markt- oder Verwaltungsgebäude vom Typ eines macellum, dem tabernae und vielleicht ein Wohntrakt angeschlossen war. Es enthielt eine Reihe interessanter epigraphischer Zeugnisse [12]. Unweit von einem römischen Kalender in der porticus der südwestlichen Längsseite, von dem (teilweise sehr unvollständig) die Monate Juli, September, Oktober und Dezember erhalten sind, mit Darstellungen, die auf die landwirtschaftlichen Arbeiten in diesen Monaten hinweisen, fanden sich in dem vielleicht öffentlich zugänglichen Raum XVI zahlreiche Graffiti. Uns interessieren hier zwei gewiß nicht sinnlose Listen, die eine Reihe von teilweise durchgestrichenen Namen mit einer dahinter stehenden Zahl enthalten, wobei alle Namen der kürzeren Liste in der längeren wiederkehren. Die Namen lauten in der gegebenen Reihenfolge Felicissimus LXXX - Camurus L - Lucernio XXX - Corocotta L - Victorinus XXV in der einen und Camurus LXX - Camurus XC - Corocotta L - Lucernio L - Felix LX - Sentinus XLII - M[a]ro XLII - Milus (?) XXII - Felicissimus L - Menucius (?) LXX - Sauronius (?) XLII (oder XLIII) - Victorinus XXX in der anderen Liste [13] (Abb. 1).

Abb. 1: Die beiden Namenslisten aus dem Raum XVI (nach P. Castrén in: Memorie della pontificia accademia romana di archeologia 11 [1972] Nr. 17 und 41)

Die genaue Bedeutung dieser offenbar für den Augenblick gemachten Notizen ist unklar; es könnte sich um Geldsummen, Schulden (Spielschulden?) handeln, die die Betreffenden zu zahlen hatten, und die gestrichen wurden, sobald die Zahlung erfolgt war. Die Beträge bewegen sich zwischen XXII und XC (As?). Die Namen, soweit sie sicher gelesen werden konnten, passen durchaus zu Angehörigen der einfachen römischen Bevölkerung, also auch Arbeitern in der Landwirtschaft. Kein direktes Indiz weist darauf hin, daß es sich um Sklaven handelt, doch kann das natürlich auch nicht ausgeschlossen werden [14]. An der vierten (1,4) bzw. dritten Stelle (2,3) dieser Listen erscheint, mit der beigesetzten Zahl L und in (2,3) durchgestrichen, der Name Corocotta. Wieder könnte es sich um einen Spitznamen handeln, der im Kreis von vielleicht leidenschaftlichen Würfelspielern durchaus nicht böse gemeint sein muß, und es ist auch durchaus denkbar, daß das testamentum porcelli damals schon bekannt gewesen ist. Die übrigen Namen wirken dagegen zunächst alle normal. Sieht man sie aber genauer an, lassen sich auch bei ihnen entsprechende Indizien finden: Felix (2,5) und mehr noch Felicissimus (1,1 und 2,9) könnten auf entsprechendes Glück im Spiel hindeuten. Für die Tatsache aber, daß wir hier in Rom einen ersten epigraphischen Beleg für den Namen Corocotta haben, sind diese Überlegungen relativ bedeutungslos.

Vielleicht ist es aber gar nicht der erste - oder jedenfalls nicht der einzige - Beleg für diesen Namen in Rom. Ein C. Iulius Caracuttios oder Caracuttis erscheint in einer längeren griechischen Versinschrift, die 1711 bei der Kirche San Lorenzo fuori le mura gefunden worden ist und sich heute in Cambridge befindet:
Trotz der deutlich anderen Namensform [15] könnte auch dieser Mann in unseren Zusammenhang gehören; wegen der Formulierung in Vers 5 f. nimmt man allgemein an, daß er ein Schauspieler oder Unterhaltungskünstler war, der offensichtlich in den höchsten Kreisen aufgetreten ist [16].

In der unmittelbaren Umgebung von Rom gibt es aber auch ein bedeutendes archäologisches Zeugnis für diese Bezeichnung: in der griechischen Fassung krokóttas ist sie einem struppigen, hundeähnlichen Tier auf dem großen Mosaik in Praeneste-Palestrina beigeschrieben [17]. Entgegen der Angabe des Plinius wendet es seinen Kopf deutlich zurück (Abb. 2) [18].


Abb. 3: Der krokóttas auf dem Mosaik von Palestrina-Praeneste (Photo Verf. 1996)

Damit haben wir ganz unerwartet doch ein paar Zeugnisse für den Namen Corocotta zusammengebracht. Alle sind in ihrer Art originell: ein spanischer Räuber, der sogar den Kaiser Augustus beeindruckt hat, ein Sklave, ein römischer Würfelspieler in einem Gutshof auf dem Esquilin, ein "Entertainer" - und zuletzt ein armes Schwein ...

[1] Nicht auszuschließen ist ein geistreiches Wortspiel mit meinem Namen, den ich selbst einmal mit W (dabbljou) EBER wiedergegeben habe, wobei der zweite Teil von F. B. mit dem bekannten Verfasser des Testamentum porcelli assoziiert worden sein könnte - aber das ist nur eine Vermutung. Vielleicht weiß es F. B. besser, zumal auch ein einst entscheidender Ausspruch unseres Lehrers Artur Betz eine Rolle gespielt haben könnte. Das aber soll hier nicht erörtert werden.
[2] Zu einem allenfalls differenzierteren Urteil, das natürlich auch seine Berechtigung hat, vgl. Catull 5,2 f. Die Literaturgeschichte im Handbuch behandelt es nur in einer Anmerkung zu dem hier Anm. 5 erwähnten Zeugnis des Hieronymus; M. Schanz, Geschichte der römischen Literatur IV/12 (Nachdruck München 1970) 430 Anm. 2; vgl. auch 537 Anm. 3.
[3] Geschulte Juristen haben freilich festgestellt, daß es sich um kein Testament im engeren Wortsinn handeln kann, da kein eigentlicher Erbe eingesetzt wird; vgl. etwa A. D'Ors, Testamentum Porcelli (Madrid 1953) 223.
[4] Et volo mihi fieri monumentum ex litteris aureis scriptum: "Marcus Grunnius Corocotta porcellus vixit annis DCCCC.XC.VIIII.S; quod si semis vixisset, mille annos implesset". A. Stein, Römische Inschriften in der antiken Literatur (Prag 1931) nennt diese Inschrift nicht, obwohl er sonst fingierte Grabinschriften (wie die des Trimalchio) oder solche von Tieren anführt, 21 ff.
[5] Die letzten Ausgaben mit Text, Übersetzung und ausführlichem Kommentar (nach der kanonischen von F. Buecheler, Petronii saturae et liber Priapeorum [Berlin 1922] 268 f.) von N. A. Bott, Testamentum Porcelli (Diss. Zürich 1972) und B. Mocci, Testamentum Porcelli - una problematica parodia tardoantica (Innsbruck 1981). Das ausführlichste Zeugnis aus der Antike bei Hieronymus, in: Is.lib. 12 pr.; vgl. adv. Rufin. 1,17: ein wenig abwertend spricht er von Scharen kichernder Schulkinder, die diesen Text ständig herunterleiern.
[6] Dies ist ausführlich - und mit teilweise nicht immer leicht nachvollziehbaren Schlußfolgerungen - in der angeführten Literatur geschehen; s. Bott a.O. 20 ff. und vor allem Mocci a.O. 34 ff.; dazu hier auch Anm. 18. Der Name beruht übrigens auf einer allgemein akzeptierten Konjektur (oder der Lesart in einer verlorenen Handschrift), die bereits in der editio princeps (Straßburg 1522) aufscheint. Das in den erhaltenen Handschriften erscheinende Corococta zeigt im zweiten Wortbestandteil eine leicht verständliche (und paläographisch auch leicht erklärbare) lectio facilior; den ersten Wortbestandteil keltisch (oder keltiberisch, vgl. Anm. 11) erklären zu wollen, ist nach meiner Auffassung müßig.
[7] Plinius nennt im einleitenden Register seiner Naturalis Historia dieses Tier zweimal: 1, 8,30 und 45; nähere Angaben danach in 8, 72 und 107, wobei er an der zweiten Stelle offenbar eine Unterscheidung zwischen Hyäne (hyaena, ebenda 105 f.) und corocotta macht. Letztere entstamme einer Kreuzung zwischen Hyäne und einer äthiopischen Löwin: huius generis coitu (nämlich mit der Hyäne) leaena Aethiopica parit corocottam. - Auch in hyaina steckt hys, sodaß wenigstens eine sehr indirekte sprachliche Verbindung zwischen der Hyäne und unserem M. Grunnius besteht. Skeptisch dazu Bott a.O. 22 Anm. 1.
[8] Dio 56, 43,3.
[9] Wieder Bott a.O. 22; Holder I (1896) 1132 f. verzeichnet den Namen zu Recht als fraglich.
[10] Soviel ich sehe, ist diese Möglichkeit bisher noch nicht erwogen worden; vgl. damit aber die Bezeichnung "Der Schakal" für einen Berufskiller in einem (auch verfilmten) Roman von Frederick Forsythe ("The Day of the Jackal", 1982).
[11] CIL II 550 = J. Vives, Inscripciones latinas de la España romana (Barcelona 1971) Nr. 2748. Den Zusammenhang mit dem erwähnten Räuber haben bereits die Herausgeber des CIL gesehen. Zur übl(ich)en Gewohnheit, Tier- als Sklavennamen zu verwenden, vgl. bereits J. Baumgart, Die römischen Sklavennamen (Diss. Breslau 1936) 41 f.; I. Kajanto, The Latin Cognomina (Helsinki 1965) 84 ff. weist allerdings insgesamt nur einen relativ geringen Anteil an Sklavennamen nach (4,5 %), doch macht auch er auf den oft peiorativen Charakter solcher Bezeichnungen aufmerksam.
[12] F. Magi, Il calendario dipinto sotto Santa Maria Maggiore, in: Memorie della pontificia accademia romana di archeologia 11 (1972); die Graffiti wurden bearbeitet von P. Castrén, ebenda 71 ff. Der erst kürzlich gemachte Fund eines Bleirohres scheint darauf hinzudeuten, daß diese Anlage in der Spätantike im Besitz der Familie des Iunius Bassus war. Der Ausgräber hat vorsichtig die Vermutung geäußert, daß es sich um das macellum Liviae gehandelt haben könnte, doch ist es dafür, von anderen Argumenten abgesehen, sicher zu klein; vgl. dazu F. Coarelli, Guida archeologica di Roma (Rom 1974) 208 und die Rezensionen von J. Reynolds, JRS 66, 1976, 247 f. und H. Mielsch, Gnomon 48, 1976, 499-504 (sehr ausführlich vor allem zu den Wandmalereien).
[13] Castrén a.O. 77 Nr. 17 (Buchstabenhöhe 1-5 cm) und 82 Nr. 41 (Buchstabenhöhe 0,5-5 cm); die Namen sind oben mit gelegentlichen Varianten gegenüber der Lesung von Castrén gegeben. Unter den sonstigen Graffiti finden sich griechische Textfragmente mit einem ganzen Alphabet (Nr. 27), Zahlen, das Sator-Quadrat (Nr. 40) und andere Palindrome (Roma summus amor, Nr. 25), aber auch viele karikaturähnliche Zeichnungen. Castrén datiert diese Schriftzeugnisse in den Beginn des 3. Jhs. Die zunächst vorgeschlagene Datierung der Fresken ins 4. Jh. (aufgrund der Erwähnung der cir[c(enses) Sa]rmatici am 1. Dezember) ist inzwischen ebenso ins 3. Jh. hinaufgerückt worden; Mielsch a.O. und I. Levin, A Reconsideration of the Date of the Esquiline Calendar and of its Political Festivals, AJA 86, 1982, 429-435.
[14] Lediglich Lucernio (1,3 und 2,4) aber auch Felix und Felicissimus sind vielleicht verdächtig; Belege bei H. Solin, Die stadtrömischen Sklavennamen 1 (Stuttgart 1996) 86 ff. und 94 f. Von den teilweise nicht sicher identifizierten Namen sind Camurus (1,2 und 2,1/2) und andere in dieser Form überhaupt nicht bezeugt, Lucernio nur einmal, auffälligerweise wieder in Spanien, CIL II 1793 aus Gades-Cadíz (kein Sklave). Anscheinend handelt es sich durchwegs um Cognomina oder Individualnamen. - Zu Camurus (ähnliche Namen in den entsprechenden Listen bei Mócsy, Nomenclator [Budapest 1983] 64 und H. Solin - O. Salomies, Repertorium nominum gentilium et cognominum Latinorum [Hildesheim-Zürich-New York 1994] 44 und 307) vgl. camur(us), "der Bucklige", womit wir wieder im Bereich der Spitz- oder Spottnamen sind, oder camus (kemós), "Maulkorb".
[15] caracutium ist ein hochrädriger Wagen, der anscheinend vor allem in sandigem Gelände verwendet wurde, Belege bei Holder I (1896) 764. Auch hier wird daher keltische oder iberische Herkunft angenommen, doch scheint mir das griechische Grabgedicht den Träger eines solchen Namens wieder eher in den griechisch-hellenistischen Kulturkreis zu rücken.
[16] "Den wohlmeinenden Totengeistern (= dis Manibus) des C. Iulius Caracuttios. Kasia (= vielleicht doch Cassia?) hat (das Grab) ihrem verehrten und würdigen Gatten errichten lassen. Allen Sterblichen war er Freund und voll Verehrung gegenüber den Unsterblichen. Hier ruht nun Caracutti(o)s, der allen in Erinnerung bleiben wird, der den Senat, die vornehmen Damen und den Kaiserhof unterhalten hat, Freude bringend, solange die Moiren ihm die Zeit dafür gegeben haben. Wegen seiner guten Gesinnung wird man ihn in Ehren halten, auch über den Tod (Lethe) hinaus." IG XIV 1683 = W. Peek, Griechische Vers-Inschriften (Berlin 1955) Nr. 673 = L. Moretti, Inscriptiones Graecae urbis Romae (Rom 1979) Nr. 1237 mit Abb. Letzterer weist die Inschrift dem späten 2. oder frühen 3. Jh. zu.
[17] IG XIV 1302. Die dortige Lesung des Namens ist in der angegebenen Form zu korrigieren. Wie weit neuere Restaurierungen das ursprüngliche Aussehen der betreffenden Stelle verändert haben, vermag ich nicht zu beurteilen.
[18] Collum et iuba unitate spinae porrigitur flectique nisi circumactu totius corporis non quit, Plin. nat. 8, 105 allerdings über die eigentliche Hyäne (hyaena), die nach ihm vom corocotta zu unterscheiden ist (vgl. hier Anm. 7). Die ursprüngliche Namensform dürfte übrigens wie auf dem Mosaik crocotta (krokóttas) sein, wozu ein zusätzlicher Sproßvokal getreten ist; etymologisch vermutlich damit zu vergleichen crocus (krókos), safran(gelb!).

© Ekkehard Weber, Wien
e-mail:
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This article will be quoted by E. Weber, Ein epigraphisches Zeugnis für den Namen Corocotta, in: Altmodische Archäologie. Festschrift für Friedrich Brein, Forum Archaeologiae 14/III/2000 (http://farch.net).



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