Sex in Queer Times: Körper, Praktiken & Identitäten

Elisabeth Holzleithner, Universität Wien

Intro: Queer Trouble in Texas

Ich beginne in Texas und schicke voraus: Manchmal stehen Gerichte unversehens vor den "großen Fragen". Die juristische Sprache hat dann die Eigenschaft, von hermetischer Sperrigkeit auf unverblümtes Pathos umzustellen. So beginnt eine im Oktober 1999 ergangene Entscheidung eines texanischen Berufungsgerichts mit angemessen dramatischen Worten: "This case involves the most basic of questions. When is a man a man, and when is a woman a woman?" (Littleton v. Prange, Fourth Court of Appeals District of Texas, San Antonio, vom 27.10.1999)

Es folgen knapp gehaltene Feststellungen zur Evidenz des Geschlechtsunterschieds, die an ein altes Lied von Hildegard Knef erinnern: "Eine Frau ist eine Frau, so fängt’s immer an, also ist ein Mann ein Mann, so hört es auf. Zwischen Mensch und Mensch, da gibt es einen Unterschied, den man schon als kleines Kind nicht übersieht." Gleich anschließend kommt Richter Phil Hardberger, jener Richter des Drei-Richter-Senats, der die Entscheidung verfasst hat, auf den Punkt: "The deeper philosophical (and now legal) question is: can a physician change the gender of a person with a scalpel, drugs and counseling, or is a person’s gender immutably fixed by our Creator at birth?"

Zu klären war, ob eine Ehe zwischen Christie Lee Littleton und dem verstorbenen Jonathon Lee Littleton bestanden hatte. Nur dann wäre Christie Lee der Status einer hinterbliebenen Ehefrau zugekommen. Dieser ist notwendig, um nach dem Texas Wrongful Death and Survival Statute rechtswirksam eine Klage wegen medical malpractice einzubringen, also wegen eines ärztlichen Kunstfehlers. Einen solchen warf Christie Lee dem behandelnden Arzt ihres verstorbenen Mannes vor, und sie klagte ihn.

In Anfechtung der Klagseinbringung versuchte der geklagte Arzt nicht darzulegen, inwieweit sein ärztliches Handeln frei von Mängeln und Fehlern gewesen sei. Er legte vielmehr Christie Lee’s Geburtsurkunde vor. Sie lautete auf den Namen Lee Cavazos, Jr.; Geschlechtseintrag: männlich. Freilich war Lee Cavazos im Jahr 1977 rechtswirksam zum Namen Christie gewechselt. 1980 konnte sie ihr komplettes operatives Geschlechtsumwandlungsprogramm lege artis abschließen. 1989 heiratete sie – in Kentucky – Jonathon Littleton und lebte mit ihm zusammen, bis er 1996 starb. Im Jahr 1998 schließlich ließ Christie Lee auch noch ihre texanische Geburtsurkunde korrigieren: der Geschlechtseintrag "männlich" wurde durch den Eintrag "weiblich" ersetzt. Das zuständige trial court – eine Art Bezirksgericht – kam dem diesbezüglichen Ansuchen anstandslos nach.

Wie ging Richter Hardberger damit um? Rechtlich war Christie Lee nun von allen Instanzen als Frau anerkannt. Kann sein, was nicht sein darf, weil es nur der Schöpfer entscheiden kann? Es kann nicht. Die Korrektur der Geburtsurkunde wurde als bloß administrativer Akt abgetan, der ohne Rücksicht auf die politische Dimension der anstehenden Frage gesetzt worden sei. Da nun das rechtlich relevante Geschlecht nur das vom Schöpfer kommende Geburtsgeschlecht sein konnte, widmete der Richter sich weiter den eingangs geschilderten "großen Fragen" und kam so zu dem etwas irritierend formulierten Schluss: "As a male, Christie cannot be married to another male. Her marriage to Jonathon was invalid." Die Formulierung verdankt sich dem respektvollen Umgang mit Christie’s Selbstdefinition als Frau; der Richter hatte sich darauf verständigt, Christie rechtlich ohne Konsequenzen grammatikalisch weiblich zu bezeichnen.

Es dürfte nicht überraschen, dass ein derartiges Stück Recht politisch und rechtlich motiviert und mobilisiert sowie verschiedene, teils konventionelle, teils kreative Reaktionen hervorruft. Die Rechtsvertreterinnen von Christie Lee haben eine Berufung vor dem amerikanischen Höchstgericht eingebracht. Diese wurde vom US Supreme Court am 02.10.2000 abgewiesen (Writ of Certioriari Denied). Da Christie Lee sich in einer finanziellen Notlage befand, wurde zur Soforthilfe sogleich mit dem Fundraising begonnen. Eine Homepage (http://christielee.net) wurde eingerichtet und mit umfangreichem Material gespeist.

Schließlich: Was im Moment der einen Leid ist, entpuppt sich mitunter als der anderen Freud, die ins politische gewendet werden kann. Von diversen LGBT-Organisationen wird dazu aufgerufen, Transsexuelle mögen die Gesetzeslücke nützen und sich mit Mitgliedern ihres angenommenen Geschlechts verheiraten, um so gleichgeschlechtliche Ehepaare zu bilden. Die erste derartige Hochzeit hat schon statt gefunden. Das frisch gebackene Ehepaar hat sich nicht nehmen lassen, in der Stunde des Glücks zu betonen, dass dies dem Unglück und Leid von Christie Littleton, die im übrigen der Hochzeit bewohnte, zu verdanken sei. Der republikanische Volksvertreter, ein deklarierter Gegner der Idee einer Ehe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts, spielte die Angelegenheit Zähne knirschend und unter Berufung auf das "wahre", eben das Geschlecht der Geburt, herunter. Das Recht könne nicht jede ausgerissene Situation vorhersehen und regeln. Ob die Mann-zu-Frau-Transsexuelle, die einer "Geburtsfrau" das Ja-Wort gegeben hat, ein Geschlechtsumwandlungsprogramm abgeschlossen hat, wurde nicht bekannt gegeben.

Kategorienmultiplikation

Ich habe im Titel meines Vortrags angekündigt, etwas darüber zu erzählen, wie es um "‘sex‘ in queer times" bestellt ist, und ich denke, diese Geschichte illustriert sehr schön ganz wesentliche Facetten, nicht zuletzt die Unabgeschlossenheit des Paradigmenwechsels hin zu einer entspannteren Handhabung der Kategorien "sex" und "gender". Einerseits sind sex und gender Kategorien, die (nicht nur) im heterosexuellen Mainstream gern als stabil gehandelt werden. Andererseits haben sich die Bedeutungen beider Kategorien in den letzten Jahren vervielfältigt, sind regelrecht explodiert: zumindest in der Queer Theory und in einigen Subkulturen – nicht ganz ohne Auswirkungen auf den Mainstream.

Das Spektrum lässt sich etwa folgendermaßen beschreiben:

"Geschlecht" erscheint als möglicher Gegenstand eines Rollenspiels, das dem individuellen Belieben überlassen ist. Gleichzeitig ist aber die Verfügbarkeit dessen, welches Geschlechter-Rollenspiel man/frau spielen will, ebenfalls fraglich. Und im Fall der Transsexualität stößt das mit dem "Spiel" begrifflich und manchmal schlicht pragmatisch an die Grenzen der "Krankheit": Denn ein Krankheitswert muss vorliegen, sonst zahlen die Krankenversicherungen die Geschlechtsumwandlung nicht, weil die Angelegenheit jenen "höchstpersönlichen Gestaltungs- und Risikobereich" (OGH, 21.12.1995, 3 Ob 570/95) betrifft, für den jede und jeder selbst aufzukommen hat.

Durch Geschlechtsumwandlungsoperationen erscheint Geschlecht darüber hinaus in einem fundamentalen Sinn als (medizinisch) "herstellbar", eine Tatsache, die viele Menschen noch immer verständnislos zurück lässt, wie etwa unseren Richter Phil Hardberger, der sich aber in großer Gesellschaft befindet. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Anerkennung jener operativen Eingriffe, die medizinisch das Geschlecht verändern, durch das Recht prekär bleibt oder jedenfalls in ganz bestimmten Grenzen statt findet.

Denn der Rechtsdiskurs ist beharrlich. Starrsinnig wird die Evidenz der "biologisch vorgegebenen" Geschlechterdifferenz beschworen und daran fest gehalten, dass die Frage "Mann oder Frau"? eindeutig entschieden werden kann und muss. Gleichsam um sich die dadurch provozierten Schwierigkeiten vom Hals zu normieren, wird in Urteilen und Erkenntnissen zu Fragen der Transsexualität gern festgehalten, dass "unsere [in diesem Fall: die deutsche] Rechtsordnung und unser soziales Leben von dem Prinzip aus[geht], dass jeder Mensch entweder ‚männlichen‘ oder ‚weiblichen‘ Geschlechts ist." (OLG Zweibrücken, NJW 1992, 760) Unversehens werden so "biologische Tatsachen" zu "Rechtsprinzipien". Diese Vorgangsweise unterstreicht, dass unser Geschlecht immer auch ein rechtliches Geschlecht ist. Ins normative gewendet: das rechtliche Geschlecht bringt zum Ausdruck, wer wir für die anderen sind und sein können.

Die durch die Prinzipwerdung des Geschlechts ausgelösten und gleichzeitig versuchsweise gebändigten Schwierigkeiten sind um so dringender, als größter Wert darauf gelegt wird, zwischen den Geschlechtern unterscheiden zu können, um zwischen Homosexualität und Heterosexualität unterscheiden zu können. Das betrifft vor allem die Möglichkeit von Eheschließungen, denn "Gleichgeschlechtlichkeit ist ein Ehehindernis." (VwGH 30. 9. 1997, 95/01/0061, JBl 1998, 461) Bei entsprechenden rechtlichen Vorgaben kann die Problematik in Recht und Rechtsprechung zu Pornografie einwandern und sich in folgender Sentenz des österreichischen Obersten Gerichtshofs zuspitzen: "Geschlechtliche Betätigung mit Zwittern ist jedenfalls nicht heterosexuell, sondern gleichgeschlechtlicher Unzucht zuzuordnen." OGH (27.09.1983, 10 Os 131/83) Das war wichtig, denn homosexuelle Pornografie war in Österreich bis vor kurzem verboten. Der Hauptgrund dafür war, dass die Pornografie inhärente Werbewirkung Menschen zur gleichgeschlechtlichen Unzucht verführen können oder Menschen in ihrer diesbezüglichen Neigung bestärken können soll. Das durfte bis 1996 gemäß § 220 StGB, dem Werbeverbot für gleichgeschlechtliche Unzucht und Unzucht mit Tieren, nicht sein. Aber das nur am Rande.

Bei einem Blick auf die neueren akademischen und (sub)kulturellen Entwicklungen wird deutlich, dass in vielerlei Hinsicht auseinander fällt, was lange Zeit zusammen zu gehören schien. Ein Korrespondenzverhältnis zwischen anatomischem Geschlecht, kulturellem, auch rechtlichem Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexueller Präferenz scheint nicht aufrecht zu erhalten. Auch die Grenzen zwischen Homosexualität und Heterosexualität sind verwischt und werden mühsam nachgezogen. Queer ist das alles, eben.

All das ist Anlass genug, den Begriff "queer", den ich jetzt so halb als Epochenbegriff verwendet habe, näher anzusehen. Queer hat eine sehr schnelle Karriere gemacht: zuerst ein Schimpfwort, dann ein politischer Kampfbegriff, erweitert zu einem Signal für Aufbruch und Pluralismus, mit dem leicht Progessivität signalisiert werden konnte. Heute steht queer allerdings zunehmend im Verdacht, der schicken queer generation als Markt schreierisches und von allem Markt kompatibles Label zu dienen: absolut wodka, absolut queer, quasi. Wie es dazu kommen konnte, soll die folgende Bestandsaufnahme zeigen: welche Themen, Hoffnungen, Wünsche und Versprechen zunächst mit queer in Verbindung gebracht wurden, wie queer wissenschaftlich aufgegriffen, begleitet und dadurch auch entscheidend geprägt worden ist.

We’re here, we’re queer, get used to us! – Die Anfänge der queer-Politik

QUEER can be a rough word but it is also a sly and ironic weapon we can steal from the homophobe’s hand and use against him. (Anonymous Leaflet 1990)

Queer war bis vor etwas mehr als zehn Jahren recht ungebrochen als Schimpfwort in Verwendung. Damals zog eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten los, ihn der homophoben Mehrheit zu entreißen und sich mit der aneignenden Selbstbezeichnung als queer gegen die Beschimpfung als queer zu immunisieren. Pathetisch wurde damit auch die Bezeichnung als "gay" verabschiedet, was neben "schwul" ja auch "glücklich" heißt. In einem heißblütigen Pamphlet aus 1990 heißt es bitter: "when a lot of lesbians and gay men wake up in the morning we feel angry and disgusted, not gay." (Anonymous Leaflet 1990, 778) Sich selbst als queer zu bezeichnen, bedeutete, die Last vergangener und gegenwärtiger Verletzungen anzunehmen und durch sie hindurch zu einem Selbstverständnis zu kommen, das sich diametral gegen die herrschenden Verhältnisse richtete: "Using ‚queer‘ is a way of reminding us how we are perceived by the rest of the world. It’s a way of telling ourselves we don’t have to be witty and charming people who keep our lives discreet and marginalized in the straight world." (Anonymous Leaflet 1990, 778-779)

Queers gingen also auf Konfrontationskurs: mit der "straight" Mehrheit ebenso wie mit der konventionellen Lesben- und Schwulenpolitik. Diese hatte mit ihrem Fokus auf die Erweiterung der Bürgerrechte und der Betonung des "Normalen" im "homosexuellen Anderen" zwar einige Erfolge erringen können und war zu einem politischen Faktor geworden. Sie war allerdings auch an einem toten Punkt angelangt. Unerträglich und völlig inadäquat erschien manchen die geduldige, liberal gemäßigte Haltung des LG-Mainstream vor allem im Zusammenhang mit der AIDS-Krise. Die konventionellen politischen Mittel schienen ausgereizt, kraftlos und an sich fragwürdig, war doch die logische Folge von Lobbyismus eine allzu große Annäherung an die Herrschenden. Von hier zur Korruption der hehren Ziele ist es nicht mehr weit.

Allerdings hatten die Schwierigkeiten der "Bewegung" auch mit der weltpolitischen Lage zu tun. Lisa Duggan weist darauf hin, dass die politische und religiöse Rechte sich Jahrzehnte lang über einen militanten Antikommunismus definiert hatte. Durch das Ende des Kommunismus, symbolisiert durch den Mauerfall in Berlin, kurz außer Tritt geraten (und durch die Wahl eines Demokraten zum Präsidenten noch mehr), formierte die Rechte sich thematisch neu (freilich unter Anknüpfung an lange Traditionen) entlang der "homosexuellen Gefahr", die sie für die Existenz der Familie beschwor. Diese Gefahr hatte alles Potential für ein mobilisierendes Bindemittel rechtskonservativer Interessen. Dies führte zu einer Verschärfung des politischen Klimas etwa im Bereich von öffentlichen Subventionen und wurde insbesondere in Debatten um die Subventionierung von unkonventioneller, sexuell expliziter Kunst ausgetragen. Lesbische und schwule Repräsentationen wurden als "Förderung" von und Werbung für Homosexualität gebrandmarkt. Die liberale Forderung der Lesben- und Schwulenbewegung nach Akzeptanz der Privatsphäre wurde aufgegriffen mit dem Ziel, Schwule und Lesben eben dorthin zu verbannen: Mögen sie im privaten tun, was sie wollen, sie sollten bloß nicht sichtbar sein und "unsere" Kinder pervertieren. Anliegen der und legislative Initiativen zur Nicht-Diskriminierung von Lesben und Schwulen wurden im neokonservativen Diskurs als Forderung nach "speziellen Rechten" umgedeutet und derart der Legitimation beraubt – warum auch sollte eine derart unbeliebte Minderheit "spezielle Rechte" bekommen?

Queers gingen neue Wege, die teilweise in guter, heißt: lauter & bunter camp-Tradition standen. Queer Sprache, Themen, Aktionen waren direkt bis brutal, radikal, kreativ, bunt, in-the-face (etwa kiss-ins von Schwulen und Lesben, denen Passantinnen und Passanten nicht entgehen konnten). Lisa Duggan (1992b: 174) spricht für die frühen neunziger Jahre von einer militanten, multikulturellen queer-Politik in wütender Opposition zu "business as usual, talking not about domestic partnership and family diversity, but about Asian fags, Chicana butches, butt-fucking, dental dams and bashing back."

Politik im Zeichen von queer bedeutet, wie ersichtlich, eine deutliche Erweiterung der Methoden, der Agenda ebenso wie eine bewusste Inklusivität: "We use queer as gay men loving lesbians and lesbians loving being queer. Queer, unlike GAY, doesn’t mean MALE." (Anonymous Leaflet 1990, 779) Und das war erst der Anfang. Hinzu kommen sollten Bisexuelle, Transsexuelle, TransGenders und andere sexual & gender outlaws, wie Kate Bornstein (1995) sie nennt. Darüber hinaus war queer selbst auch Angebot einer Identität: "we’re here, we’re queer, get used to us."

Gleichzeitig diente queer als Angelpunkt von Kritik. Die Lesben- und Schwulenbewegung wurde mit bislang kaum thematisierten Fragen danach konfrontiert, wie sie es mit Sexismus, Rassismus und Klassenunterschieden hält. Die damit auch artikulierte Kritik an den typischen Repräsentanten der Bewegung wurde von diesen schon früh und recht ungehalten kommentiert: "When they’re not busy calling each other names like ‚pseudo-bourgeois left-liberal neo-determinist anti-constructionist het-imitating sons of clones,‘ the ‚pomo-homo‘ (newspeak for postmodern homosexuals) are busy labeling the gay teneration ‚racist,‘ ‚sexist,‘ and god knows what else." (Kantrowitz 1992, 813-814)

So wurde queer zu einem Begriff, anlässlich dessen Identitäten verhandelt und politisiert werden konnten, und dabei flogen, wie das Kantrowitz-Zitat zeigt, durchaus die Fetzen. Freundlich gewendet sollte queer als "Ort kollektiver Auseinandersetzung (Butler 1995, 301) dienen können, der dazu einlädt, sich in Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und über Identitätsgrenzen hinweg auf den Versuch kollektiven politischen Handelns einzulassen. Dieses kann nicht auf einer vorgegebenen Einheit oder Harmonie basieren; queer-Politik weiß um die Fragilität und Vergänglichkeit jedes politischen Einheitsversprechens. Die von queer verheißene Einheit muss eben im einzelnen hergestellt werden, und sei es nur im Licht eines gemeinsamen, übermächtigen Feindes.

Queer Theory

Die politische Bewegung, die sich ab Anfang der neunziger Jahre sehr vernehmbar artikuliert/e, wurde von einer Reihe lesbischer Theoretikerinnen und schwuler Theoretiker beobachtet und begleitet, zu denen sich bald noch andere sexuelle und gender outlaws gesellen sollten. Der erste Text, der sich selbstbewusst in eine neue Theorierichtung einreihte war Teresa de Lauretis‘ "Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities. An Introduction" (1991). Mitten in den Beginn der queer politics platzte auch Judith Butler’s höchst einflussreiches und viel diskutiertes Buch Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity (1990; dt 1991). Auch als Abrechnung mit der Frauenbewegung konzipiert, gehört es zu den zentralen Anliegen des Buchs, Konzeptionen von Identität und Andersheit, ihre normierenden und normalisierenden Wirkungen zu hinterfragen und die Fundamente der Zweigeschlechtlichkeit und des Heterosexismus frei zu legen und schon dadurch in Frage zu stellen. Zusammen mit dem 1993 erschienen Bodies That Matter. On the Discursive Limits of Sex (dt. 1995) ist Gender Trouble wohl das meist rezipierte und auch umstrittenste Werk der Queer Theory. Butler’s meines Erachtens für Queer Theory durchaus repräsentativen Thesen möchte ich wie folgt zusammen fassen:

(1) Die Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit steht im Dienst der heterosexuellen Matrix. Oder anders gesagt: die sexuelle Differenz, landläufig gedacht als stabile dichotome Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit, steht "im Dienste der Konsolidierung des heterosexuellen Imperativs" (Butler 1995, 22).

(2) Sex und gender werden als "Performativität" gefasst. Darunter versteht Butler jene "ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt." (Butler 1995, 22) Das "biologische Geschlecht" ist bar jeder gegebenen Essenz; seine Materialität ist vielmehr produktiver Effekt der Macht des hegemonialen Diskurses.

(3) Das gilt nicht nur für das "biologische" und "kulturelle" Geschlecht. Auch andere Situiertheiten: "race" und "class" etwa, sind diskursive Effekte und nur scheinbar natürlich gegeben.

(4) Das Ziel ist dann, diesen Kategorien den Schleier der Natürlichkeit abzureißen und sie als das zu entlarven, was sie sind: kulturelle Konstrukte, die zur Ausübung von Macht und Herrschaft eingesetzt werden.

(5) Die verschiedenen Situiertheiten, die gemeinhin unter dem Begriff der "Differenz/en" gefasst werden, sollen im Gefolge von Queer Theory neu gedacht werden können: Vor allem geht es darum, die damit verbundenen Machtgefälle zu analysieren und Strategien zu entwickeln, um Differenz/en "harmlos" zu machen. So soll sich ein komplexeres Bild der Gesellschaft ergeben können und es sollen jene Körper, die kulturell "zählen" (also "Körper von Gewicht" sind), vermehrt werden.

(6) Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Kritik der Kategorie der "Identität" und das damit zusammen hängende Dilemma der Identitätspolitik. Zum einen wurde die Kategorie der Identität als solche als normalisierend, als über Ausschlüsse operierendes Konzept erkannt und in Frage gestellt. Zum anderen ist die von "Identität" versprochene Einheit der Interessen – etwa als "Lesben" und/oder "Schwule" – schlicht eine Schimäre. Denn hinter der scheinbaren Identität stehen sehr verschiedene Kontexte und damit Meinungen, Bedürfnisse und Interessen. Menschen sind eben, banal genug, vielfältig situiert.

Auch queer stiftet, wie Butler festhält, als politischer Signifikant "vorläufige Identitäten und unvermeidlich eine Anzahl vorläufiger Ausschlüsse." (Butler 1995, 290) Somit ist es notwendig, "eine doppelte Bewegung zu erlernen: die Kategorie anzuführen und dementsprechend eine Identität vorläufig zu stiften und die Kategorie gleichzeitig als einen Ort der dauernden politischen Auseinandersetzung zu öffnen." (Butler 1995, 291) Die Notwendigkeit, die Kategorie selbst anzuführen und damit Identität zu stiften, ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache der Fremdbezeichnung. Es ist daran zu erinnern, dass sich "schwule" und "lesbische" Identitäten einer Selbstdefinition gegen feindselige, pathologisierende Fremddefinitionen verdanken, die "Betroffene" aufgegriffen und gegen die Schöpfer der Definitionen gerichtet haben. Dass diese Identitäten dann zur Falle werden können und dafür dienen, etwa zwischen "wahren" und halbherzigen, "guten" und "schlechten" (oder gar keinen) Lesben zu unterscheiden, ist für betroffene Ausgeschlossene je nach dem belastend, beleidigend oder ärgerlich, liegt aber in der "Natur" des Umgangs mit Identität.

Bei Butler, in der Queer Theory überhaupt, scheint mir alles auf eine Verkomplizierung dessen hinaus zu laufen, was es bedeutet, "Mann" oder "Frau", "lesbisch", "schwul" oder "bisexuell" oder meinetwegen "polymorph pervers", überhaupt "sex" und "gender" zu "sein" oder zu "haben". Ich möchte das im folgenden vor allem an Hand der Debatte über Geschlechtsannahme und gender-Parodie ausführen.

Gender Performativity oder das Ende des "Originals"

Queer gilt heute schon fast als synonym für die Behauptung, dass wir immer schon Geschlechterrollen "spielen": dass Geschlecht nicht mehr und nicht weniger als eine (unwillkürliche) Darstellung (performance) ist. Das heißt aber nicht, dass sex und gender einfach verfügbar wären. Es handelt sich dabei vielmehr um ein weit gehend automatisiertes, eingekörpertes Normen folgen.

Zur Erinnerung: Die Materialität des Geschlechtskörpers gehört für Butler zu den produktivsten Wirkungen von "Macht als Diskurs". Das "biologische" Geschlecht ist somit kein Faktum, sondern ein "regulatives Ideal", dem nach zu kommen Männer und Frauen gezwungen sind. Die Annahme des Geschlechts ist ein Prozess der Annäherung an eine niemals (endgültig) erreichbare symbolische Position, die unter "Strafandrohung" angestrebt und im wahrsten Sinne des Wortes gelebt wird.

Danach werden wir von Geburt an, von dem Moment an, wo es heißt "Es ist ein Mädchen" oder "Es ist ein Bub" in ein Geschlecht gezwungen. So gesehen sind die Worte nicht einfach eine Feststellung, sondern gleichzeitig ein Befehl und eine Drohung: "Es ist ein Mädchen" oder "Du bist ein Mädchen" heißt, "Sei ein Mädchen"; wenn du in deinem Dasein anerkannt werden willst, wenn du ein reales Subjekt sein willst, dann handle "als Mädchen" oder "wie ein Mädchen". Chinn (1997, 299-300) Unbotmäßiges Verhalten, Überschreitungen der gender-Normen werden bestraft oder zumindest argwöhnisch beobachtet und permanent kommentiert. Dazu zwei kleine Geschichten:

Meine Mutter, unglücklich darüber, dass ihr kleines Mädchen immer Hosen anzieht und sich nicht "hübsch macht", verpflichtet sie darauf, zum sonntäglichen Kirchgang einen Rock anzuziehen. Mutter und Tochter einigen sich darauf, dass der Rock nur dann anzuziehen ist, wenn das Wetter gut ist. Am Samstag geht das kleine Mädchen auf die große Blumenwiese neben dem Haus und rupft einen großen Strauß Regenblumen aus, denen die mythische Kraft zugeschrieben wird, es am nächsten Tag regnen zu lassen. Der Anblick des Straußes an Regenblumen hat die Mutter überzeugt – von der existentiellen Notwendigkeit der Hosen.

Eine wesentliche Rolle im Prozess der Geschlechtswerdung spielen Scham und Schuld. Mädchen lernen, dass sie anders sind, wenn Buben nach einigen Jahren des gemeinsamen "rough and tumble play" plötzlich fest stellen: mit dir raufe ich nicht, weil du bist ein Mädchen. Es ist peinlich, als nicht (mehr) satisfaktionsfähig zu gelten, und das kleine Mädchen trollt sich.

Menschen, die nicht den gender-Erwartungen entsprechen, werden beschuldigt, keine "echten Frauen" oder "wahren Männer" zu sein. So können Abweichungen von den gender-Normen wirkungsvoll ausgetrieben werden. Dafür gibt es auch ein Syndrom, die gender identity disorder (DSM IV 302.85), die für Kinder eigens formuliert wurde:

A. In children, the disturbance is manifested by four (or more) of the following:
(1) repeatedly stated desire to be, or insistence that he or she is, the other sex
(2) in boys, preference for cross-dressing or simulating female attire; in girls, insistence on wearing only stereotypical masculine clothing
(3) strong and persistent preferences for cross-sex roles in make-believe play or persistent fantasies of being the other sex
(4) intense desire to participate in the stereotypical games and pastimes of the other sex
(5) strong preferences for playmates of the other sex
B. In children, the disturbance is manifested by any of the following:
in boys, assertion that his penis or testes are disgusting or will disappear
or assertion that it would be better not to have a penis,
or aversion toward rough-and-tumble play
and rejection of male stereotypical toys, games and activities;
in girls, rejection of urinating in a sitting position,
assertion that she has or will grow a penis,
or assertion that she does not want to grow breasts or menstruate,
or marked aversion toward normative feminine clothing.
C. The disturbance is not concurrent with a physical intersex condition.
D. The disturbance causes clinically significant distress or impairment in social, occupational, or other important areas of functioning.

Als Sicherheitslatte ist u.a. die "klinische Signifikanz" des "Leidens" eingezogen. Ich denke, dass dieser Begriff überaus dehnbar ist, will diese Frage aber nicht weiter diskutieren.

In den meisten Fällen "funktionieren" Kinder mit mehr oder weniger Leitung gemäß den vorherrschenden gender-Normen und körpern sie ein: Sie fühlen sich – zunehmend – "einfach natürlich" an. So ist Butler’s zentraler Punkt, den ich hier noch einmal hervorheben möchte, dass gender-Performativität weder optional noch natürlich ist: In den meisten Fällen ist der Zwang, sich "als Mädchen" und später "als Frau" zu verhalten, kaum spürbar. Geschlecht wird wiederholt dargestellt, über eine Vielzahl an Handlungen, Bewegungen, Präferenzen etc, die scheinbar Zeichen eines essentiellen geschlechtlichen Selbst sind. Das ist zwar eine Illusion, allerdings eine, die scharf eingebrannt ist. Die Fußangeln des Geschlechts bringen überall ins Stolpern:

Trondheim, Bahnhof, August 1995. Auf dem Weg zur Damentoilette werde ich von einer älteren Dame aufgehalten mit dem etwas rüde vorgebrachten Hinweis "This is the Ladies‘!" Meine nicht sehr empörte Replik "I am a lady" wird achselzuckend mit "I just wanted to warn you" kommentiert. Aus den verschiedensten Gründen habe ich mich bemüßigt gefühlt, mein "wahres" Geschlecht zu offenbaren, an die Evidenz meiner hellen Stimme und meines bartlosen Gesichts zu appellieren, um mein Geschlecht zu vereindeutigen. Queer war das nicht.

Gender-Parodie

Eine queer-Perspektive will das nicht-notwendige an Geschlecht aufzeigen und bedient sich dabei auch der Methode gender-Parodie. Die parodistische Darstellung des "falschen" Geschlechts" wäre somit eine Möglichkeit, gender-Normen sichtbar zu machen und dabei gleichzeitig zu subvertieren. Ob letzteres immer gelingt, ist eine andere Sache, das ist aber auch nicht der Punkt. Gender-Parodie steht dafür, dass es kein "Original" der Geschlechtsdarstellung gibt, keine Weise, ein Geschlecht zu "sein", wie es sich in einem essentiellen Sinn "gehört".

Drag etwa ist die selbstbewusste, larger-than-life Wiederholung von heterosexuellen Normen durch drag queens oder drag kings. Gender wird völlig übertrieben und stilisiert dargestellt. Drag queens etwa imitieren aber nicht einfach Weiblichkeit, sondern sie legen bloß, wie Frauen ebenfalls Weiblichkeit imitieren, und welch harte Arbeit das ist (Chinn 1997, 300).

Die Performances erstrecken sich aber nicht bloß auf den Bereich der Darstellung von gender, sondern auch von Konventionen, die ähnlich naturalisiert sind wie das Geschlecht selbst: Die Rede ist von Hochzeiten. In unregelmäßigen Abständen werden lesbische und schwule Hochzeiten inszeniert, Spass halber und auch im Ernst, wenn sich etwa Paare im Rahmen von kirchlichen Zeremonien "trauen" lassen. Derartige Ereignisse provozieren – noch immer, bin ich versucht zu sagen – recht heftige Reaktionen: sie werden abwechselnd als lächerlich, beängstigend, ärgerlich, Grenzen überschreitend und Konventionen verächtlich machend dargestellt und kritisiert. Genau damit, so die queer-Vorstellung, lässt ja auch etwas anfangen. Aber ist, um auf das frisch gebackene "lesbische" Ehepaar in Texas zurück zu kommen, eine solche Heirat nun "subversiv" oder nicht? Zwar sind es zwei "Frauen", die geheiratet haben und die Institution der Ehe möglicher Weise schon dadurch subvertieren. Andererseits aber, so ein häufiger Einwand gegen die "Homo-Ehe" (auch dieser Begriff ist umstritten), wird dadurch der Status der Ehe als hegemoniale Institution und die rechtliche wie ideologische Privilegierung der konventionellen Zweierbeziehung nicht in Frage gestellt.

Kritik

Wir werden uns mit dieser umstrittenen Frage nicht weiter aufhalten und steigen in die allgemeine Kritik ein. Jede der queer-Thesen findet unterschiedlich heftige WidersacherInnen. Politik ohne Identität müsse, so heißt es, zum Stillstand führen. Ohnehin sei das Versprechen der Inklusivität nicht gehalten worden, die Gruppen seien versprengt und uneiniger als je zuvor. Im Zeichen von queer sei lediglich versucht worden, zusammen zu führen, was nicht zusammen gehören kann (und darf). Dazu nur ein kleines Aperçus: Als man Anfang der neunziger Jahre in Berlin begann, queer-Partys zu veranstalten, wurde dies von beiden Bewegungen – der schwulen wie der lesbischen – mit Argusaugen beobachtet; Ahina Beerlage, Veranstalterin, wurde von lesbischen Mitfrauen als "Verräterin" bezeichnet und Richard Stein, Veranstalter, musste sich die Verstandesfrage stellen lassen, weil Lesben ja fad und frigide sind. "Die Ablehnung gipfelte auf beiden Seiten in dem absurden Vorwurf, mit den queer-Partys werde Heterosexualität gefördert. Anlass war, dass eine Lesbe und ein Schwuler nach einer durchtanzten Nacht miteinander ins Bett gegangen waren." (Winden/Telge 1997, 11) In bed with the enemy ...

Im postmodernen Spiel der Differenzen sei zudem die Frage nach Legitimität und Illegitimität des Wirkens von Macht und Herrschaft verloren gegangen. Queer habe außerdem zu wenig Substanz, um sich der kommerziellen Ausbeutung schicker drag-Darstellungen in den Weg zu stellen. Der Mainstream würde alles aufsaugen könne – Stichwort "in & out" mit Kevin Kline. Der Slogan "We’re here, we’re queer, get used to us"‘ müsse neu gefasst werden als "We’re here, we’re queer, we go shopping" (Hacker 2000). Überhaupt würden queers, siehe oben, lieber auf Partys gehen als sich politisch zu engagieren.

Nicht nur der queer generation, auch der queer theory wird ein gewisser Hang zu Beliebigkeit vorgeworfen: Schicke Thesen über frei flottierende Differenzen würden in unverständlichen Worten für eine elitäre Gemeinde von Insidern mit Geheimwissen und Spezialvokabular "diskutiert". Das hat ja auch eine gewisse Sogwirkung: Als ich selbst mich Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal intensiver mit Butler auseinander gesetzt habe, bin ich zu rauschartigen Sentenzen gekommen wie: "Ob wohl die Intelligibilität der performativen Konstruktion die phantasmatische Identifizierung mit dem politischen Signifikanten destabilisiert?" In meinem Juristinnenklub wurde als Antwort darauf in den Statuten verfügt, dass die Verwendung von ungewöhnlichen Fremdwörtern beim geselligen Beisammensein verboten ist. Queer-Theoretikerinnen selbst konnten sich Parodien darauf nicht verkneifen. Lisa Duggan etwa wünschte sich schon ‚Anfang der neunziger Jahre eine Tagung, auf der die TeilnehmerInnen mit "Diskursdichtemessgeräten" ausgestattet sind und deren "Jargonwarnbuzzers" losgehen, wenn die Dichte der sprachlichen Form die Bedeutung des Inhalts übersteigt.

Wie ist es nun aber mit dem Inhalt, den als "schick" verunglimpften Thesen? Ist queer theory wirklich, wie Nancy Fraser einmal (1993, 153) gemeint hat, ethisch zu wenig "robust"? Schauen wird uns das am Beispiel der Dekonstruktion von Geschlecht mittels gender-Parodie noch kurz an. Vor allem der Verweis auf die subversiven Möglichkeiten von "Travestieshows" (als pars pro toto genannt für gender-Parodie) klingt für manche Ohren irritierend nach apolitischer, Richtung loser Spassgesellschaft. Typisch für die daran anknüpfende Kritik in der feministischen Rezeption ist etwa folgende Bemerkung von Hilge Landweer (1994, 140): "Nachdem die Unterdrückung der Frauen lange als bitterer Ernst behandelt wurde, versucht ein Teil der feministischen Autorinnen sich jetzt auf dem Feld des Spiels, der Maskerade."

Bei allem Verständnis für den Ernst der Sache, aber ob das nicht auch ein Missverständnis ist? Erstens scheint mir diese Bemerkung als nicht sehr sensibel für den besonderen Kontext, aus dem gender-Parodie als drag kommt, und das ist die lesbisch/schwule Subkultur. Queer Theory wird also feministisch gelesen und damit reduziert. Zu glauben, es würde sich bei drag bloß um Spass handeln, ist ebenfalls eine reduktionistische Lesart. Nicht zuletzt brachte und bringt drag als subkulturelles Phänomen jenseits von Travestieshows immer wieder in Gefahr, weil manche Menschen und Gruppen von Menschen auf Überschreitungen von gender-Normen sehr "sensibel" reagieren, sagen wir es einmal so. Am fast schon mythischen Beginn der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung 1969 im Stonewall Inn standen, so will es zumindest eine Version der Geschichte, eine butch-Lesbe und eine Gruppe puertorikanischer Transvestiten, die sich die polizeiliche Gewalt nicht mehr gefallen lassen wollten und begannen, zurück zu schlagen.

Den zweiten Punkt möchte ich zunächst als Frage formulieren: Wird in der gender-Parodie nicht einfach nur bewusster "maskiert"? Gender-Parodie als Maskerade könnte für uns der Anlass sein, nach der Maskerade in anderen Kontexten zu suchen und sensibler auch für das bewusste Ausspielen der passenden gender-Normen zu sein und uns danach zu fragen, welche Funktion sie haben. Auch Hetera-Frauen, die auf high femme machen, sprechen bisweilen von "Kriegsbemalung", wenn sie sich für diverse Aktionen und Kontexte rüsten – es sind dann eben ihre coping-Strategien. Wenn ich als Gleichbehandlerin an der Universität in eine Männer dominierte Kommission gehe, ziehe ich meine Rüstung an, einen schwarzen Herrenanzug – mein "The Empire Strikes Back Outfit", wie ein Kollege das einmal genannt hat, und setze aber zusätzlich mein strahlendstes Lächeln auf. Mein Outfit ist gleichzeitig eine bewusste Überschreitung oder Negation von Normen der Weiblichkeit, einerseits Inszenierung, die auch genossen wird, andererseits eine sehr ernste Angelegenheit, weil sie mir die Sicherheit bietet, die ich brauche, um sprechen zu können. Das strahlende Lächeln wiederum bricht sowohl das Outfit als auch die vielfach nicht genehme Botschaft – keine Diskriminierung von Mitbewerberin X.

Insgesamt meine ich, dass die Weigerung vieler Frauen, sich den Geschlechterkleidungsnormen, die ja Geschlechterverkleidungsnormen sind, anzupassen, sie also zu brechen und damit sukzessive zu verändern, ein nicht zu unterschätzendes Detail im Kampf gegen die Zumutungen von gender-Normen. Das Ziel, eine Gesellschaft, die weniger kreativ beim Erfinden von Diskriminierungen ist, kennt viele Mittel und Wege; die Befreiung von der Last der gender-Normen zeigt sich oft im Kleinen und mit großer Wirkung: Ich zum Beispiel muss nie mehr Regenblumen pflücken gehen.

 

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Eine kürzere Version dieses Textes findet sich auf der Homepage von FAKULTAET; er wurde aus Anlass der Tagung "Juggling Sex", Linz, 16.-17.03.2001, verfasst.