Die Wehrmachtsausstellung ist
eben nicht „verzichtbar“!

GASTKOMMENTAR in der Tageszeitung "Die Presse" vom
17. Mai 2002. Anlaß zu diesem Statement war ein Gastkommentar von emer. O.Prof. Fritz Schwind, einem der Altrektoren der Universität Wien, in der "Presse" vom 2. Mai 2002

Professor Fritz Schwind, Altrektor unserer Universität, schreibt in seinem Gastkommentar, der in der "PRESSE“ vom 2. Mai erschien, daß die derzeit in Wien (wieder) gezeigte Ausstellung („Verbrechen der Wehrmacht“) „richtig“ heißen müßte: „Verbrechen in der Wehrmacht“. Dem muß entschieden widersprochen werden. Es lag nicht in der Intention der Ausstellung, einzelne Verbrechen, die von Wehrmachtsangehörigen begangen wurden, herauszustellen und anzuprangern, sondern nüchtern, detailliert und sachlich klar zu dokumentieren, dass die Deutsche Wehrmacht an der Planung und Durchführung hinsichtlich der folgenden sechs Dimensionen des im Osten geführten Vernichtungskrieges teils führend, teils unterstützend beteiligt war: „Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportation und Zwangsarbeit, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen“ (dem Faltprospekt zur Ausstellung entnommen). Die Grundaussage der Ausstellung ist die, daß die Wehrmacht als solche in den bewusst geplanten und gezielten Vernichtungskrieg involviert war. Die Formulierung „die Wehrmacht als solche“ ist von der Formulierung „alle Wehrmachtsangehörigen“ klar zu trennen. Letzteres wird in der Ausstellung in keiner Weise formuliert oder „suggeriert“.

Im Gegenteil! Gleich beim Eingang ist das Kriegsschicksal des in der Wehrmacht dienenden Österreichers Anton Schmid dokumentiert, der als Leiter einer „Versprengtensammelstelle“ in Litauen einer jungen Jüdin erfolgreich half, dann aber bei einer anderen, größeren Aktion für Juden Mißerfolg hatte. Von einem Kriegsgericht in Wilna zum Tod verurteilt, schreibt Schmid seiner Ehefrau noch einen ergreifenden Abschiedsbrief. Auch dieser ist in der Ausstellung dokumentiert.

Auch von Zweifeln und Gewissensqualen von Angehörigen der Wehrmacht, auch von solchen, die der NSDAP oder der SS angehörten, wird berichtet, wie es manchem von ihnen zum Beispiel einerseits gelingt, eine kleine Gruppe von Menschen trickreich und mutig vor dem Tod zu bewahren, wie aber andererseits, in einer anderen Situation, der Betreffende keinen Ausweg findet und er den Befehl zur Erschießung von hunderten Menschen gibt.

Die Ausstellung vermittelt in keiner Weise den Eindruck, in der Deutschen Wehrmacht habe es ausschließlich „böse Menschen“ gegeben. Die verschiedensten Episoden werden erzählt, zum Beispiel wie deutsche Soldaten der Bevölkerung in den besetzten Gebieten Brot und andere Lebensmittel zuschanzten oder wie sie Gefangene entkommen ließen.

Um so klarer bleibt das Faktum: Die Deutsche Wehrmacht „als solche“ war – ebenso wie die SS, die SA und die Polizei – ein Teil der Vernichtungsmaschinerie. Eine Aussage, die in der historischen Forschung schon seit etlichen Jahren nahezu unumstritten ist. „Die Resonanz in der breiten Öffentlichkeit zeigte hingegen, daß das Bild der 'sauberen Wehrmacht’ auch 50 Jahre nach Kriegsende in Teilen der deutschen Gesellschaft immer noch verwurzelt war“ (Begleitbroschüre zur Ausstellung, S. 34).

Vor diesem Hintergrund wird der Satz, mit dem Fritz Schwind seinen Gastkommentar beginnt, „Die Wehrmachtsausstellung wäre verzichtbar“, völlig unverständlich. Vor dem Hintergrund der Aufmärsche rechtsgerichteter Gruppierungen am 8. Mai wirkt der eben zitierte Satz nicht nur unverständlich oder vielleicht „weltfremd“, sondern auch ausgesprochen provokant.

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