Hubert Philipp Weber
Forschungsprojekte
 
Dissertation

Sünde und Gnade bei Alexander von Hales

Ein Beitrag zur Entwicklung der theologischen Anthropologie im Mittelalter

Dissertation, Wien, April 2001

ALEXANDER VON HALES, geboren um 1185 in Hales, England, seit Beginn des 13. Jh. in Paris, zunächst Student und Lehrer an der Artistenfakultät, dann Magister regens an der Theologischen Fakultät der Pariser Universität; 1236 Eintritt in den Franziskanerorden; 1245 Teilnahme am I. Konzil von Lyon; August 1245 plötzlicher Tod in Paris.

Werke: Sentenzenkommentar (Glossa in IV libros Sententiarum), Einzelne Fragen (Quæstiones disputatæ), Exoticon (kleines Griechisch-Lehrbuch aus der Zeit als Lehrer an der Artistenfakultät), Bibelkommentare, Predigten; gemeinsam mit anderen entstanden eine Erklärung der Franziskusregel (Expositio quatuor magistrorum) und die Summa theologica (auch Summa Halensis oder Summa fratris Alexandri genannt).

Die Theologie des Alexander von Hales steht im Kontext der Entwicklung einer universitären Schultheologie. Sie ist gleichzeitig eines der Fundamente, auf denen später die franziskanische Denkform aufbauen wird. Dem Menschen kommt in diesem Denken eine zentrale Stellung zu. Nach dem Offenbarungszeugnis ist er Bild Gottes, vom Schöpfer dazu berufen, Gott immer ähnlicher zu werden. Von Anfang an ist der Mensch mit Gnadengaben ausgestattet, um sein Leben in Freiheit selbst auszurichten. Durch den Fall Adams und die Erbsünde ist die menschliche Freiheit gestört. Er ist jetzt von der Sünde bestimmt. In Menschwerdung, Kreuzestod und Auferstehung Jesu Christi erlöst Gott den Menschen aus dieser Verflochtenheit in die Sünde, beschenkt ihn neu mit Gnaden und eröffnet ihm dem Weg in die ewige Herrlichkeit. Der Mensch ist gerufen, die Gnade zu ergreifen, Verdienste zu erwerben und so zur endgültigen Gottesbegegnung, zur Gottesschau zu gelangen.

Im Anschluß an Hugo von St. Viktor (†1141) teilt Alexander die Heilsgeschichte in die Grundlegung (opus creationis) und die Wiederherstellung (opus recreationis). Der Mensch mißbraucht die von Gott geschenkte Freiheit und fällt so in Sünde. Nur Gott kann die Situation, die daraus entsteht, wieder ordnen. Diesem Dreischritt, Schöpfung - Sünde - Erlösung, entsprechen die drei Teile der Arbeit. 

Der erste Teil, "Der Mensch als Geschöpf Gottes", ist der Erschaffung des Menschen als Bild Gottes gewidmet. Freiheit, Gewissen und personale Würde zeichnen den Menschen ebenso aus wie die ursprünglich rechte Ausrichtung auf Gott und das Gute. Im zweiten Teil, "Der Mensch unter der Sünde", folgt die Wendung vom Ideal zur Wirklichkeit, die der Mensch erfährt. Der Mensch sündigt, aber er wird auch in die Sünde getrieben und sie bestimmt sein Leben von Beginn weg, von der Sünde Adams bis hin zu jeder einzelnen Sünde. Der dritte Teil, "Der Mensch unter der Gnade", wendet den Blick auf die Zukunft. Jesus Christus hat durch die Menschwerdung, sein Leben und Sterben der Macht der Sünde ihre Endgültigkeit genommen und die Freiheit des Menschen wieder eingesetzt. Dies geschieht konkret durch die Gnade, die in ihm allen Menschen zuteil wird und alle, die sich von Gott führen lassen, durch ihre eigene Freiheit in die Seligkeit führt.

Mit seiner Arbeit als theologischer Lehrer setzt Alexander neue Maßstäbe. Er führt die Sentenzen des Petrus Lombardus als Lehrbuch in den universitären Unterricht ein. Die großen Autoritäten, auf die er sich beruft, sind vor allem Augustinus (†430), Anselm von Canterbury (†1109) aber auch Aristoteles (4. Jh. v. Chr.). An seine franziskanischen Schüler gibt er vieles weiter, was für die "Franziskanische Denkform" noch typisch werden soll: die Betonung von Freiheit und Verdienst oder den Primat der Gnade. In den vielen schwierigen theologischen Argumentationen ist er stets auf Ausgleich bedacht, was ihm bald nicht zu Unrecht den Titel "doctor irrefragabilis" (Lehrer ohne Widerspruch) eingetragen hat.

 

Gliederung

§1 Leben und Werke

Leben und geistige Entwicklung, der Kreis der Theologen, Werke und Grundzüge der Textkritik, kritische Würdigung.

§2 Aufbau und Methode

Die Frage nach der Methode und nach dem sachlich logischen Aufbau der Theologie bei Alexander von Hales und die Frage nach Inhalt und Aufbau dieser Arbeit.

Erster Teil: Opus Creationis - der Mensch als Geschöpf Gottes

§3 Gott und die Schöpfung

Gott der Dreifaltige als Ursprung von allem, trinitarische Grundlegung der Heilsgeschichte; die Schöpfung als Werk Gottes sowie der Mensch als Teil der göttlichen Schöpfungsordnung.

§4 Der Mensch als Ebenbild Gottes

Die Bestimmung des Menschen, theologische Anthropologie, der Mensch als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, der freie Wille; Gewissen als synderesis und conscientia.

§5 Der Mensch als Person

Philosophischer Exkurs über die Metaphysik der Person. Die dreifache Definition der Person nach Boethius, Richard von St. Victor und den 'magistri' und die Bedeutung des Begriffes für die Trinitätstheologie, die Christologie und die Rede vom Menschen.

§6 Der Mensch vor dem Fall - Der erste Stand

Über den Status des Menschen vor dem Fall, die Unsterblichkeit, die damit verbundenen Gnadengaben Gottes und die ursprüngliche Rechtheit des Menschen.

Zweiter Teil: Der Mensch unter der Sünde

§7 Der Fall

Über den Sündenfall des ersten Menschen, wie es dazu kam, was die Sünde war und über deren unmittelbare Folgen.

§8 Die Erbsünde

Das peccatum originale nimmt als Sünde eine eigenartige Stellung ein, prägt aber das Menschsein ganz. Ursprung und Wesensbestimmung, Übertragung von den Stammeltern sowie die Wirkung der Erbsünde und deren Tilgung durch die Taufe.

§9 Die Sünde

Das Übel und die Sünde im allgemeinen, die Sünde im besonderen und die Unterscheidung von schwerer und leichter Sünde.

§10 Freiheitstat und Macht der Sünde

Das liberum arbitrium auf die Sündenverflochtenheit des Menschen hin betrachtet; einzelne Sünden und die Macht des Bösen über den gefallenen Menschen.

§11 Sünde und Theodizee

Eine dem Begriff nach neuzeitliche, der Sache nach stets aktuelle Frage an einen mittelalterlichen Denker: Woher das Böse? Wie kann der gute Gott das Böse in der Schöpfung zulassen? Wenn alles von Gott stammt, gilt das etwa auch für das Böse?

Dritter Teil: Opus recreationis - Der Mensch unter der Gnade

§12 Menschwerdung und Erlösung

Über die Motive der Menschwerdung, deren Notwendigkeit und Ziel, über die hypostatische Union im einzelnen sowie über die Erlösung durch Leid und Tod Christi, seine Sendung und sein Verdienst.

§13 Der Mensch unter der Gnade

Trinitarische Grundlegung des göttlichen Gnadenwirkens, das Wirken der Gnade im Menschen sowie die Einteilung des Begriffsfeldes.

§14 Das Verdienst des Menschen

Fortführung der Gnadenlehre zur Frage nach Möglichkeit, Notwendigkeit und Grenzen eines menschlichen Beitrags zum eigenen Heil.

§15 Das Ziel

Abriß der Eschatologie im Gesamtzusammenhang, einzelne Eschata und die Frage nach dem Stand der Herrlichkeit.

§16 Epilog: Zwerge auf den Schultern von Riesen

Alexanders Platz in der mittelalterlichen Entwicklung, seine präfranziskanische Theologie als Grundlegung der franziskanischen Denkform, aufgenommene und vergessene Aspekte.

 

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