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Referat im Dipl-Seminar Dr. Hartmann, Uni Wien, Sommersemester 2002

Peter Steinberger

Das Konzept der Noosphäre

Vgl. Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. München 1959

Abstract

Der Begriff "noosphere" (frz., eng.) stammt von Pierre Teilhard de Chardin SJ (Paläontologe, Theologe, Evolutionstheoretiker). Im Weltbild Teilhard de Chardins wird die Evolution als Vollendung der göttlichen Schöpfung gedacht, die sich auf einen Ziel-Punkt Omega bei Gott hin entwickelt. Eine Zwischenstufe stellt bei ihm die Kollektivierung des Geistes das, der sich wie eine Membran um den Globus legt.
Durch den Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan und einige Physiker, die dem bereits verflossenen New Age nahestanden, wurde dieser Begriff enttheologisiert und für die Deutung der digital vernetzten Geisteswelt verwendet.
Eine gewisse esoterische Komponente ist dem Begriff inhärent.

Biografischer Abriss

Noosphäre

Teilhard de Chardin beschreibt die Entwicklung der Erde von Anfang an als ein Prozess von zweiseitiger Struktur, nämlich die Zunahme an Komplexität auf materieller Ebene sowie die Zunahme an Zentriertheit auf geistiger Ebene. Er bestreitet weder die Erkenntnisse Lamarcks, wonach die Evolution aufgrund von Gebrauch bzw. Nichtgebrauch eines Organs sowie durch Vererbung erfolgt, noch die Selektrionstheorie Darwins explizit, setzt den Akzent jedoch anders, indem er im ersten Teil seiner Theorie vor allem die Entstehung des Bewusstseins zurückverfolgt. Ebenso hat er die Erkenntnisse der Vererbungswissenschaft zur Kennntis genommen und setzt diese seiner Theorie zugrunde. Teilhard de Chardin geht von einer gerichteten Evolution aus, wonach die zunehmende Komplexität der Elemente in eine Richtung streben. Weshalb sie das tun, aufgrund eines Willens im Sinne der Psycholamarckisten, erklärt er nicht explizit.
Im Vergleich mit Darwin lassen sich zwei Punkte ausmachen, die von Bedeutung sind. Die Erkenntnisse aus der Selektionstheorie nimmt Teilhard als gegeben, er spricht sich gegen die Rassenlehre aus, die jedoch lediglich eine Folge der Selektionstheorie ist und nicht genuin darwinistisch. Ein markanter Unterschied zwischen Darwin und Teilhard liegt in der Auffassung vom Gang der Evolution. Während Darwin von einer graduellen Entwicklung im Sinne der natürlichen Auslese ausgeht, betrachtet Teilhard die Evolution als sprunghaft Diese Auffassung teilt Teilhard mit den Neodarwinisten. Der zweite Unterschied betrifft die Evolutionsmechanismen: Während Darwin davon ausgeht, dass die Evolution durch natürliche Auslese vorangetrieben wird, also quasi von unter her, liegen bei Teilhard die Triebkräfte der Evolution im Punkt Omega, der die Entwicklung der Elemente bewirkt, indem er sie zu sich hinaufzieht.
Was macht de Chardin aber nun so interessant das ihn Cybernauten von John Perry (You weary giants of flesh and steel) Barlow bis Al Gore immer wieder zitieren?
Gore schreibt z.b.: "Armed with such faith, we might find it possible to resanctify the earth, identify it as God´s creation, and accept our responsibility to protect and defend it."
In Teilhards gerichteter Evolution war eine Evolutionsstufe charakterisiert von einer Art komplexen Membran aus Information die die Welt umhüllt und deren Motor das menschliche Bewustsein ist. Jetzt ist klar warum die erste Welle der Cyberpropheten so aufgeschlossen den Ideen de Chardins waren.
Sie sehen eine Welt die umhüllt ist von Telefonkabeln, Satellitennetzen, Computernetzwerken; eine Welt in der es problemlos möglich ist in sekundenbruchteilen von Wien nach Südkorea zu reisen.
Die Evolution war ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in der Philosophie de Chardins. Die Evolution ist aber bekanntlich etwas mit dem die Kirche nicht viel anfangen will. Weshalb ihm eben immer wieder Prügel vor die Beine geworfen wurden. Für Freud gehört ja Darwins Evolutionslehre zu den drei großen Kränkungen der Menschheit. Erstens dass die Erde nur ein kleiner Teil des Universums ist und kein Zentralgestirn. Zweitens das der Mensch vom Affen abstammt und nicht nach dem Abbild Gottes entstanden ist. Und drittens, in einer der bescheidensten Beahuptungen der Geistesgeschichte eben, das von Freud entdeckte Unterbewustsein.
Die Evolution ist heute noch ein umstrittener Punkt, vor allem wenn es darum geht ob der Mensch nun wirklich die Krone der Schöpfung ist. Der kürzlich verstorbene Stephen Jay Gould stellt das insofern in Frage als er der Evolution abspricht in irgend einer Art und Weise einem inhärenten Drang zu höherer Komplexität zu folgen. Und das nur der Mensch, der eben komplexer mit besser und fortschrittlicher gleichsetzt zu diesem Schluss kommen kann. Wenn nämlich Verbreitung und Dauer als Kriterien verwendet werden, steigt der Mensch schlecht aus. Ist der Motor der Evolution nur das "survuival of the fittest"? Ist es Zufall?
Worauf ich hinaus will ist, dass die Evolutionstheorie in den 30 und 40ern noch heftiger diskutiert wurde als heute wo DNA Tests diese Theorie stark stützen.
Teilhard versuchte beides Evolution und Gott unter einen Hut zu bringen. Allerdings ging er nicht den einfachen weg und sagte, dass Gott derjenige ist der direkt die Evolution vorantreibt sondern Teilhard beschreibt 2 Typen von Energie.
Radiale Energie ist die Energie der Physik newtonscher Prägung. Diese Energie gehorchte den Gesetzen der Mechanik und konnte gemessen werden. Sie war die Energie ohne dem göttlichem Funken.
Dem gegenüber steht die "Tangentiale Energie"; jene mit dem göttlichen Funken. Hier unterscheidet Teilhard drei Arten: In leblosen Objekten nannte er sie "pre-life". In Lebewesen die nicht selbstrefelktiv waren, nannte er es "leben". Und bei Menschen nannte er es "Bewußtsein".
In Objekten in denen die radiale Energie die Tangentiale dominiert ist es angebracht sie mit den Gesetzen der Physik zu beschreiben. Steine zum Beispiel. Bei Tieren ist die Beschreibung schon komplexer, schließlich findet man in ihnen beide Energieformen. Insofern sind die Gesetze der Physik nicht ausreichend. Teilhard kommt daher zu dem Schluss, dass wenn die radiale Energie in einem Objekt oder Lebewesen überwiegt, kann der evolutionäre Prozess am besten mit den Gesetzen von Nützlichkeit und Zufall. In jenen Lebewesen in denen jedoch viel mehr tangentiale Energie vorhanden ist, sind es die Kräfte von "Leben" und "Bewußtsein" die die Evolutionsgesetze leiten.
Auf diese Erkenntnis aufbauend erkannte Teilhard dass die tangentiale Energie im Laufe der Evolution zunimmt. Ein ansteigen des Bewußtseins geht einher mit komplexeren Organismen. Daraus leitete er ab dass es eine natürliches Gesetz der Bewustseinssteigerung gibt.

Was hat es nun mit der Noospäre auf sich?

Teilhard unterscheidet drei große Evolutionsphasen. Eigentlich 4 wenn man noch die Geogenesis dazu zählt. Hier gibt es aber noch kein Leben. Die erste große wäre also die Biogenesis, also die Geburt des Lebens aus der Entwicklung der Biosphäre. Die zweite Phase begann mit dem Auftauchen des Menschen als selbstreflexives Wesen. Und dieser Mensch der dann beginnt vernetzt zu kommunizieren befindet sich in der dritten Phase. In Analogie zur Biosphäre denkt Teilhard die Noospäre. Noo kommt vom griechischem Geist.
Das Neolithikum ist ein entscheidungsreiches und folgendschweres Zeitalter, da es die Kultur gebar. Die Zahl der Individuen wächst rasant an, infolge dessen wird der Raum enger. Es entsteht die Notwendigkeit, am Aufenthaltsort selber zu produzieren und zu konservieren, was man früher in der Ferne suchte. So treten Viehzucht und Ackerbau anstelle des Sammelns. Zudem entsteht im Menschen die Neigung zum Forschen. Der Warenaustausch und die Übermittlung von Ideen erhöht die gegenseitige Aufnahmefähigkeit. So bilden sich Traditionen heraus und ein kollektives Gedächtnis bildet sich. Gleichzeitig entsteht Assimilation anstelle von Ausrottung. In Teilhards Worten begegnen wir "der Synthese des Homo Sapiens". Er nennt fünf Brennpunkte, wo die Mischung der Rassen anstelle der Ausrottung entstand: "die Mayakultur in Zentralamerika, die polynesische Kultur bei den Meeren des Südens, die chinesische Kultur im Becken des Gelben Flusses, die indische Kultur in den Tälern des Ganges und des Indus sowie die Ägypter und Sumeren am Nil und in Mesopotamien". Für Teilhard verläuft die Hauptachse der Anthropogenese jedoch durch die Kultur des Abendlandes.

Omega

Die Evolution hat eine Richtung. Ebenso strebt das Bewusstsein in eine höhere Richtung. Ohne Ziel, wäre dieser Prozess sinnlos. Daher führt Teilhard de Chardin an dieser Stelle das Konzept des Punktes Omega ein, ein Zentrum, das alles zu sich heraufzieht.
Omega addiert und vereinigt die Menge des auf der Erde durch die Noogenese freigewordenen Bewusstseins. Man könnte es auch Gott nennen, ein "im Herzen des Systems strahlendes Zentrum" (ebd: 256). Teilhard de Chardin stellt sich vehement gegen den Individualismus. Nach ihm liegt der Irrtum in der heutigen Zeit in einer Verwechslung von Individualität und Persönlichkeit. Der Gipfel unserer Einzigartigkeit, damit auch Unabhängigkeit und Mobilität, ist nicht unsere Individualität, sondern unsere Person. Die Persönlichkeit, im Gegensatz zur Individualität, kann man nur in der Vereinigung finden. Nur wenn ein Element universell wird, gewinnt es Persönlichkeit, nach dem Vorbild und dank der Anziehungskraft von Omega.
Teilhard geht davon aus, dass zwischen dem Endzustand der Erde und der modernen Erde von heute viel Zeit liegt, die nicht durch Verlangsamung, sondern gerade durch eine Beschleunigung und das endgültige Aufblühen der Evolutionskräfte gekennzeichnet sein wird. Drei Bedingungen sind dabei zu erfüllen:
  1. Zum Ersten ist dies die Organisation der Forschung. Für Teilhard steckt die Wissenschaft von Heute in den Kinderschuhen. Er sieht in ihr jedoch eine der führenden Kräfte für die zukünftige Entwicklung.
  2. Die zweite Bedingung für die weitere Entwicklung in der Noogenese ist die Konzentration der Wissenschaft auf das Objekt Mensch. Seine Forderung ist, den Menschen in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Forschung zu stellen.
  3. Die dritte Bedingung schliesslich ist die Verbindung von Wissenschaft und Religion, deren Beziehung in der Vergangenheit vom Gegenteil - von gegenseitiger Bekämpfung - gekennzeichnet ist.
Teilhard glaubt, dass wir noch keine Vorstellung von der Grösse der Noosphäre haben. Sie ist in ständigem Wachstum begriffen. Die wichtigsten Elemente sind, um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Annäherung der denkenden Elemente; Synthesen von Individuen und Synthesen von Nationen und Rassen; die Notwendigkeit eines persönlichen, autonomen und höchsten Brennpunkts (Omega), um die Einzelpersönlichkeiten zu verbinden, ohne sie zu beeinträchtigen. Dies unter vereinter Wirkung von zwei Krümmungen: Rundung der Erde und kosmische Konvergenz des Geistes - in Übereinstimmung mit dem Gesetz von Komplexität und Bewusstsein.
McLuhan hat sich der Idee der Noosphäre angenommen, passt es doch sehr gut in sein Konzept Technik und Gesellschaft zusammen zu denken.
Er nahm das theologische Konzept von Teilhard de Chardin auf und enttheologisierte es. Als Schlüsselfigur der Medientheorie verhalf er besonders dem Begriff der "Noosphäre" zu einer großen Verbreitung bei den Theoretikern und Praktikern der Virtual Reality. McLuhan spricht selbst von einer "kosmische[n] Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat. Diese Hinausstellung unserer Sinne schuf das, was Teilhard de Chardin die "Noosphäre" nennt: ein technisches Gehirn für die Welt."
Von diesem Transfer McLuhans ausgehend scheint nun der Begriff in der Digitalszene rezipiert worden zu sein, ohne die theologische Herkunft noch mitzutransportieren. "Noosphere" ist so zum Zentralbegriff der Esoterik der Digitalnetze geworden.

Literatur (Auswahl)

Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. Beck 1994
Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Fischer 1998
Frank Hartmann: Medienphilosophie. WUV 2000
Jennifer Cobb Kreisberg: A Globe, Clothing Itself with a Brain. In: Wired 3.06
Herbert Marshall McLuhan: Die Gutenberg Galaxis, Addison-Wesley 1995
Günther Schiwy: Das Teilhard de Chardin Lesebuch. Ausgewählt von Günther Schiwy. Walter 1995