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Referat im Dipl-Seminar Dr. Hartmann, Uni Wien, Sommersemester 2005

Oliver Heissenberger

Max Bense, Metatechnik

Vgl. Max Bense: Kybernetik oder die Metatechnik einer Maschine (1951)
In: Ausgewählte Schriften, Bd.2: Philosophie der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik Stuttgart 1998, S.429-446 und 473f.

Benses Essay wurde 1951 der Zeitschrift "Merkur" veröffentlicht. Ziel von Max Bense war die Entwicklung einer ontologischen Theorie der Computer, eine geistige Bewältigung der in ihnen verkörperten technischen Form. Er bezog sich auf den 1946 an der Universität von Pennsylvania fertiggestellten ENIAC, die erste vollektronische Rechenanlage (Electronic Numerical Integrator And Calculator). In einem Brief an den Chefredakteur heißt es:
"Natürlich interessiert Sie die Eniac besonders. Ich verrate Ihnen, daß diese Maschine einen Raum mit 150 m Kantenlänge einnimmt, daß sie mit 15000 Röhren (Radioröhren) arbeitet, auf 150 Kilowatt läuft, 30 Tonnen wiegt und 320 Kilometer Draht aufweist. C'est tout. - Die jüngste elektronengesteuerte Maschine - ein Bericht über sie steht im Technischen Lesebuch (das bis heute nicht erschienen ist) - arbeitet mit einem Ja-Nein Prinzip. macht also vom Grundsatz der chrysippischen und russellschen Aussagenlogik Gebrauch, danach eine Aussage ein Gebilde ist, das die Eigenschaft hat, entweder wahr oder falsch zu sein. D.h. logische Prinzipien sind in technische umgesetzt worden!"

Techno-Logik

Seit Galileis Fallgesetzen werden Vorgänge in der Natur nicht mehr als solche beobachtet (im Gegensatz zu Aristoteles freiem Fall), sondern abstrahiert und als Zusammenspiel verschiedener mathematischer Größen analysiert. Die zunächst theoretische Annahme wird dann als praktischer Versuch in einem konstruierten Umfeld, der "Natur des Laboratoriums" untersucht. Die Berechnungen (= Mathematische Physik) und das Experiment (=Technische Physik) geben der Philosophie eine zweite, eine technische Natur zur Betrachtung.
Die wichtigste Überlegung die man aus daraus gewinnen kann, ist die, dass man geistige Prozesse (die theoretischen Überlegungen) in technische Prozesse (den praktischen Versuch) umwandeln (und damit auch reproduzieren) kann - das Grundprinzip für die Entwicklung von logischen bzw. intelligenten Maschinen.

Relaistechnik

Einen weiteren Schritt ging man mit der Umsetzung der - keineswegs neuen - binären Logik in das Zählsystem der Maschinen. "Die beiden Zeichen" (z.B.0,1), so Bense, seien "mit Hilfe von Relais zu verwirklichen". Das geschlossene Relais entspricht der einen, das geöffnete der anderen Ziffer. "Jeder einzelne Kontakt kann also zählen". Solche Maschinen arbeiten bereits nach der Erkenntnis, dass das "Mathematische" in ihren Anleitungen, den Prozessen liegt, nicht in ihren vermeintlichen Gegenständen. Der technische Prozess der Steuerung, der "raum-zeitlichen, rhythmischen Beherrschung elektromagnetischer und -mechanischer Vorgänge" müsse demnach "für die maschinenmäßige Reproduktion bestimmter intellektueller Aktionen unseres Bewusstseins entscheidend sein", so Bense.

Norbert Wiener schrieb dazu mit "Cybernetics - or Control and Communication in the Animal and the Machine" unter Einbeziehung sämtlicher moderner Wissenschaften ein "Paradigma dessen, was wir Metatechnik nennen möchten", begeistert sich Bense. Technik bleibt nicht nur mehr an der Oberfläche, sie dringt in die Feinstrukturen, ins Immaterielle ein, "wo dementsprechend ihre pathologischen Züge verborgener und gefährlicher sind".
"Die kybernetische Erweiterung der neuzeitlichen Technik bedeutet also ihre Erweiterung unter die Haut der Welt" - sie wird zur Tiefentechnik. Damit kann sie nicht mehr objektiviert betrachtet werden. Sie hat einen "verstärkt konsumierenden Charakter" bekommen, bezieht alles ein: Kunst und Kultur passen sich ihren Strukturen an. Die Metatechnik verwischt zunehmend die Grenzen zwischen materiellen und nicht-materiellen Bereichen.

Technische Eistenz

Aus diesen Überlegungen soll sich eine Theorie der Maschinen entwickeln lassen: Das Seinsverhältnis der Maschinen entspricht nicht mehr dem klassischen der Dinge (die von ihm distanzierbare Geschöpfe Gottes sind) , sondern sie sind Geschöpfe des Menschen; von diesem aber nicht trennbar - alles bezieht sich auf ihn. Das Näherkommen (und Ineinander -übergehen) von Mensch und Technik berge dabei vielleicht die Möglichkeit, das anthropologisch immer wieder festgestelltes Missverständnis zwischen Mensch und Natur auszuräumen. Der Mensch konnte bisher als sowohl Natur- wie Geistwesen nicht eindeutig aus der Natur expliziert werden. Schafft er sich nun eine neue, technische Natur, so sollte er aus dieser idealerweise auch explizierbar sein. Zudem umfasst die technische Sphäre, wie bereits erwähnt, mehr als die Natur oder der Geist alleine. Sie umschließt beide - in ihr hat der Mensch eine "seinsmäßig zu rechtfertigende Chance seines Daseins." Daraus folgert Max Bense die große Aufgabe einer Anthropologie von morgen: Der Mensch als technische Existenz.

Link: Stuttgarter Schule