Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

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2.4. Neue Medien und Reproduzierbarkeit
Frühe Theoriebildung zu Film und Fotografie (Walter Benjamin)


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Film und Foto

1895 als medienhistorischer Wendepunkt: in diesem Jahr stellen die Brüder Lumière in Frankreich ihr Kinetoscope en projection vor; im selben Jahr geht in Amerika die erste Fotokamera in Massenproduktion, die mit einem Rollfilm versehene Pocket Kodak. Die folgenden Jahrzehnte brachten das, was später als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet werden sollte: den Einbruch der Maschinen und Apparate in den Alltag.

Welche Rolle spielen Film und Fotografie für die Theoriebildung? Walter Benjamin schreibt über den Wahrnehmungs-Schock, den diese neue Kunstform als Begegnungs-raum von Mensch und Technik ausgelöst hat. Die Kamera macht in der Wahrnehmungs-welt ein Optisch-Unbewußtes erfahrbar, sie bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern durchdringt sie (Benjamin: Kleine Geschichte der Philosophie, 1931)

Die neue Ästhetik beschäftigte damals weniger die Philosophie als die fortschrittliche Kunsttheorie. Der am Warburg-Institut (vgl. Vorlesung 2.2) tätige Erwin Panofsky hat 1930 einen Essay über "Original und Faksimilereproduktion" publiziert, in dem er sich skeptisch gegenüber dem Echtheitserlebnis der Kunst äußert und den Wert von Nachbildungen oder Reproduktionen von Kunstwerken für Studium und Analyse anerkennt. Wenige Jahre hielt Pansofky Vorträge über Film, unter anderem anläßlich der Eröffnung der Film Library am Museum of Modern Art in New York. Dabei wurde erstmals die neue mediale Ästhetik gewürdigt, die er als eine Dynamisierung des Raums und eine Verräumlichung der Zeit bezeichnete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die technische Reproduzierbarkeit

Die hier anschließenden medienphilosophischen Fragen betreffen vor allem die veränderten technischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Apperzeption (philosophischer Ausdruck für den bewußten Wahrnehmungsvorgang). Die mediale Technik bedingt nicht nur eine eigene Form der Wahrnehmung. Sie bildet auch eine jeder menschlichen Wahrnehmung vorgängige kategoriale Differenz.

Dass Film und Foto als technische Medien einer durch Apparate bestimmten Wirklichkeit angehören, war Thema des vielzitierten aufsatzes von Walter Benjamin, der 1936 in Horkheimers "Zeitschrift für Sozialforschung" auf französisch publiziert worden ist: L'oeuvre d'art à l'epoche de sa reproduction mécanisée (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit). 

Benjamin hat sich bereits in früheren Schriften mit der medialen Realität auseinandergesetzt, so finden sich etwa in der Aphorismensammlung "Einbahnstraße" aus dem Jahr 1928 ( > Kurzdarstellung) scharfsinnige Bemerkungen zum Ende der Druckkultur und dem Aufkommen einer neuen "Bilderschrift". Klar erkannt wird auch die erforderliche Medienkompetenz, die den neuen Zuständen entspricht. "Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein" - wie es in dem Artikel Kleine Geschichte der Photographie von 1931 heißt.

Benjamin vergleicht in diesem Artikel zur Photographie frühe Fotokunst bzw. die Spannung zwischen Fotografie und Kunstwerk. An den frühen Fotografien (Benjamin bespricht hier eigentlich einige 1931 publizierte Fotobildbände) bemerkt er eine gewisse Qualität, die kein ästhetisches Kriterium ist, sondern ein technisches: eine gewisse Aura als etwas, das durch lichtstärkere Objektive verdrängt wird. Sie verschwindet mit der fortgeschrittenen Technik, die eine Aura zwar noch vortäuschen möchte, was ihr aber nicht mehr gelingt. Das unterscheidet die Abbilder als Produkte der Reproduktion von den früheren Bildern.

Dieser Verfall der Fotografie seit ihrer Frühzeit wird nicht unbedingt als ein Verlust gezeichnet, Benjamin spricht hier von einer "Befreiung des Objekts von der Aura" (was in der Sekundärliteratur beharrlich ignoriert wird - sie stellt Benjamin dar, als würde er den Verfall der Aura beklagen, was natürlich Unsinn ist: Benjamin war im marxistischen Sinne einer Entfaltung von Produktionsmitteln fasziniert von den Möglichkeiten, welche die neue mediale Technik bot). Abschließend wird noch die moderne Reproduktionstechnik näher erörtert. Es geht weniger darum, ob eine fotografische Reproduktion auch Kunst sein kann, sondern um die Frage, was die Fotoreproduktion aus einem Kunstwerk macht. Die Antwort: sie macht aus der Hervorbringung einzelner kollektive Gebilde. Durch die Verkleinerung der Kamera kommt sie in einem breiteren Anwenderkreis zur Verwendung und so steigert sich in dieser neuen Medienwirklichkeit die allgemeine Verfügbarkeit.

"Jeder wird die Beobachtung haben machen können, wieviel leichter ein Bild, vor allem aber eine Plastik, und nun gar Architektur, im Photo sich erfassen lassen als in der Wirklichkeit. (...) Im Endeffekt sind die mechanischen Reproduktionsmethoden eine Verkleinerungstechnik und verhelfen dem Menschen zu jenem Grad von Herrschaft über die Werke, ohne welchen sie gar nicht mehr zur Verwendung kommen." (Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie, 1931)

Alle diese medientheoretischen Motive werden im erwähnten Kunstwerk-Aufsatz wieder aufgenommen, in dem Fotografie als Reproduktionstechnik und Film als neue Produktionstechnik diskutiert werden. Die Kunsttheorie braucht hier neue Begriffe, die Benjamin in diesen Diskurs einführt. Technische Reproduktionsmittel hat es immer schon gegeben (Guss, Prägung, Kupferstich, Lithographie oder jetzt eben Fotografie), nur haben sie jetzt eine neue Qualität in der bildlichen Reproduktion erreicht: Benjamin erwähnt die Entlastung der Hand zugunsten des ins Objektiv blickenden Auges. Vor allem mit dem Film kommt es zu neuen Wahrnehmungsformen, aber auch zur Produktion neuer Wirklichkeiten. Der Kunstwerk-Aufsatz gewinnt durch diese Überlegungen und Analysen eine wichtige medienanthropologische Dimension, die auf mindestens vier Ebenen entfaltet wird:

  • Medien und Menschen stehen in einem Verhältnis der Ko-Evolution . Technik und Mensch stehen einander nicht unveränderlich gegenüber, sondern Wahrnehmungsorgane einschließlich Medien haben ebenso ihre Geschichte wie das Objekt der Wahrnehmung.

    "Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektive auch die Art und Weise ihrer Sinneswahnehmung. Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert - das Medium, in dem sie erfolgt - ist nicht nur natürlich sondern auch geschichtlich bedingt." (Benjamin: Das Kunstwerk..., Abs. III)

  • Wirklichkeit wird medial nicht abgebildet, sondern neu produziert. Der neue Zusammenhang medialer Rezeption ist das Kollektiv, die stets neu produzierte kollektive Erfahrung - das Subjekt der massenmedialen Produktion und Rezeption ist nicht mehr das Individuum. Die involvierte Technik zerstört weiter die ästhetische Autonomie; sie bildet eine jeder Wahrnehmung vorgängige kategoriale Differenz. Es macht angesichts dieser Medienwirklichkeit keinen Sinn mehr, "den Menschen" und "die Wirklichkeit" gegenüberzustellen.

    "Eine Film- und besonders eine Tonfilmaufnahme bietet einen Anblick, wie er vorher nie und nirgends denkbar gewesen ist. (...) Im Filmatelier ist die Apparatur derart tief in die Wirklichkeit eingedrungen, daß deren reiner, vom Fremdkörper der Apparatur freier Aspekt das Ergebnis einer besonderen Prozedur, nämlich der Aufnahme durch den eigens eingestellten photographischen Apparat und ihrer Montierung mit anderen Aufnahmen von der gleichen Art ist. Der apparatfreie Aspekt der Realität ist hier zu ihrem künstlichsten geworden und der Anblick der unmittelbaren Wirklichkeit zur blauen Blume im Land der Technik." (Benjamin: Das Kunstwerk..., Abs. XI)

  • Medientechnik enthüllt neue Wirklichkeitsaspekte. Als technische Produkte gehören Foto und Film einer durch Apparate bestimmten Wirklichkeit an. Gleichzeitig dringt die Kamera auf neue Art in die Wirklichkeit ein und enthüllt an ihr das Optisch-Unbewußte, analog zur Enthüllung des Triebhaft-Unbewußten durch die Psychoanalyse.

  • Veränderung der menschlichen Apperzeption. Neben der optischen gibt es eine taktile Seite der Wahrnehmung. Film spielt einerseits mit dem Wirkungskalkül, verführt andererseits zur taktilen Rezeption und erwirkt über die Gewöhnung eine Veränderung des menschlich-sensorischen Wahrnehmungs-apparats.

    In einer Nachbemerkung stellt Benjamin dann noch fest, dass Massenbewegungen eine der technischen Apparatur besonders entgegenkommende Form menschlichen Verhaltens darstellt. Die veränderte Sinneswahrnehmung könnte dann die vollendete künstlerische Befriedigung im Krieg finden, befürchtet Benjamin nicht ohne Grund (vgl. die zeitgenössischen Fantasien von Ernst Jünger bis Filippo Tommaso Marinetti):

    "Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben läßt." (Benjamin: Das Kunstwerk..., Nachwort)

 

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Walter Benjamin


Walter Benjamin:
EINBAHNSTRASSE, 1928

"Die Schrift, die im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes Dasein führte, wird unerbittlich auf die Strasse hinausgezerrt und den brutalen Heteronomien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt."

 

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