Vorlesung Medienphilosophie

Doz. Dr. Frank Hartmann
Institut für Publizistik
Universität Wien

<<<  zur Hauptseite "Medienphilosophie"
2.2. Philosophie der symbolischen Formen
Von der Vernunftkritik zur Kulturkritik


Zur Inhaltsübersicht

 

Die Bewegung der modernen Philosophie von der Vernunftkritik (Kant) über Sprachphilosophie (Herder, Humboldt) und Sprachkritik (Nietzsche, Mauthner) hin zu einer Kulturkritik wird in Ernst Cassirers Werdegang nochmals vollzogen. Sein Denkweg fürhrt von den Kategorienlehre Kants zu den symbolischen Formen des Verstehens in einer Kultur, was bedeutet, dass zur Vernunft andere Ausdrucksformen wie Sprache, Geschichte und die Künste als Kategoriensysteme hinzutreten.
Nach dem Studium (bei Hermann Cohen in Marburg, wo die Schule des Neukantianismus herrschte, der eine an den Naturwissenschaften orientierte Erkenntnistheorie vertreten hat) geht Cassirer nach Berlin, wo er Philosophie lehrt und eine zehnbändige Edition von Kants Werken herausgibt. 1919 wird er nach Hamburg berufen, wo er erster jüdischer Rektor an einer deutschen Universität wurde, doch 1933 blieb ihm nur die Emigration. Cassirer lehrt zunächst im britischen Oxford, dann in Schweden an der Universität Göteborg, wird schließlich Gastprofessor in Yale und an der Columbia University in New York, wo er 1945 gestorben ist.  

Neben Philosophie beschäftigte sich Cassirer mit Literatur, Sprache und mythischem Denken, er war hier von der Ethnologie und Anthropologie seiner Zeit beeinflusst. nicht zu unterschätzen ist die Kooperation mit der > Bibliothek Warburg in Hamburg, wo er ethnologisches Material studieren konnte und Vorträge hielt.
Aby M. Warburg hatte diese kulturwissenschaftliche Bibliothek angelegt, um das Nachleben der Antike, die Formen von Überlieferung in der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte zu studieren.
Diese kunst- und kulturhistorische Sammlung umfasste auch ein > Fotoarchiv mit hundertausenden von Zeugnissen von der klassischen Antike bis ins neunzehnte Jahrhundert, auch > nichteuropäischer Kulturen. Warburgs Projekt einer Ikonologie oder Bildwissenschaft bedeutete eine der ersten signifikanten Erweiterungen der empirischen kulturwissenschaftlichen Basis. Diese Mischung von kunst- und formgeschichtlicher Forschung beeindruckte den Philosophen Cassirer nachhaltig. 

"Der Begriff der Vernunft ist höchst ungeeignet, die Formen der Kultur
in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen. Alle diese Formen sind
symbolische Formen. Deshalb sollten wir den Menschen nicht als
animal rationale , sondern als animal symbolicum definieren."
(Cassirer: An Essay on Man, 1944)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kulturphilosophie

Kulturphilosophie bedeutet hier zunächst die Konkretisierung der in der philosophischen Tradition des Idealismus stehenden Erkenntnislehre. Es geht um die Symbole, die das menschliche Leben in allen Formen beherrschen, und um deren Zusammenhang - vom Mythos bis zur Philosophie, vom primitiven Denken bis zur Wissenschaft. Der Mensch, so Cassirer, ist immer in einer besonderen Welt, er lebt in seine Ausdrucksform bestimmenden Symbolwelten.

Was Heidegger, mit dem Cassirer auch persönlich debattiert hat, damit meint, wenn er sagt: "Der Mensch entspricht dem Sein" ist diese bestimmte Auszeichnung, welche die Sprache dem Menschen gibt (Das Sein west im Menschen durch die Sprache, die Sprache ist das Haus des Seins, usw...). Heidegger zeichnet ein Bild der Dekadenz, die sich in der Kulturentwicklung seit der Antike entfaltet hat und die sich in einer verbrauchten Sprache zeigt, die nurmehr Kommunikationsmittel ist. Cassirers Ansatz steht vollkommen konträr zur heideggerschen Mythopoesie, indem er die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksmittel berücksichtigt und die spezifisch symbolische Intelligenz hervorhebt, die den Menschen zum Kulturwesen macht.

Animal symbolicum

Den Menschen als Symbolwesen aufzufassen heisst, die innere Logik der Erfahrung nicht allein in vernunftkritischen Kategorien (siehe > Vorlesung 1.3) zu analysieren, sondern die "Logiken" des mythischen, sprachlichen und alltagskulturellen Verstehens einzubeziehen. Der Mensch ist also nicht allein durch Vernunft und durch Sprache ausgezeichnet, sondern er verschafft sich seine Identität durch den allgemeinen Gebrauch von Symbolen:

"Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenübertreten; er kann sie nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die physische Realität scheint in dem Maße zurückzutreten, wie die Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt. Statt mit den DIngen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künbstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe." (Versuch über den Menschen, 1944)

Cassirer publiziert seine Philosophie der symbolischen Formen in drei Bänden:

  1. Erster Teil: Die Sprache (1923)
  2. Zweiter Teil: Das mythische Denken (1925)
  3. Dritter Teil: Phänomenologie der Erkenntnis (1928)

Diese Gliederung entspricht den unterschiedlichen Formungen des Lebens bzw. des menschlichen Weltbildes, wobei Mythos und Religion neben der Sprache gleichgestellt sind mit Kunst, Geschichte, Wissenschaft und Technik. Die menschliche Weltsicht ist geprägt von (u. a. sprachlichen) Zeichen und ihrer Verwendung, wie Cassierer dies in Analogie zur Semiotik bei Peirce (siehe > Vorlesung 1.9) faßt. Die Frage nach der Kultur wird in diesem Zusammenhang gegen die Tradition gewendet - nicht was ist, sondern wie ist Kultur. Die Form einer Kultur wird durch heterogene Kräfte gesetzt, nicht das subjektive Individuum ist hier wichtig, sondern die im Kollektiv wirksamen kulturellen Symbole.

Cassirer faßt diese Gedanken für das amerikanischen Publikum in seinem 1944 erschienenen An Essay on Man nochmal zusammen. Freilich geht es ihm immer noch um die klassische philosophische Frage: Was ist der Mensch?  Es wird auch hier die Krise der menschlichen Selbsterkenntnis in der Moderne thematisiert. Aber der Mensch wird hier in einen Zusammenhang mit seiner Kultur gesetzt, die wesentlich durch ihre Medien und ihre entsprechenden Kommunikationen bestimmt ist. 

 

Ernst Cassirer

Ernst Cassirer (1874-1945):
"Ohne Symbolik gliche das Leben des Menschen dem der Gefangenen in der Höhle aus Platons berühmtem Gleichnis."

>>> Cassirers Publikationen

Textlinks:

>>> Der Begriff der symbolischen Formen
im Aufbau der Geisteswissenschaften


>>> Symbolische Formen - Religion, Kunst und Mythos

>>> Die Sprache

>>> zu den Literaturangaben
< Zur Hauptseite: Medienphilosophie >