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Franz Dinghofer war KEIN Mitglied der NSDAP

Zur Rechtfertigung von Franz Dinghofer als „Mentor“ einer freiheitlichen „Denkwerkstatt“ –
Dokumentation einer Kontroverse

Bearbeitet von Christian Neschwara

Der Anlass

Anfang Mai ist in der Samstagbeilage der Tageszeitung Die Presse ein Beitrag des bekannten österreichischen Sozial- und Wirtschaftshistorikers Roman Sandgruber über den Namenspatron unserer Studiengesellschaft für Politikforschung erschienen, in welchem Franz Dinghofer das Etikett eines Ariseurs, Antisemiten und bekennenden Nationalsozialisten verpasst wurde. Die darin – nach einem „Blick in die Archive“ – aufgestellten Behauptungen sollen im Folgenden durch Konfrontierung mit Tatsachen, die Peter Avancini, ein Enkel von Dinghofer, aus von seinem Großvater hinterlassenen sowie aus anderen, öffentlich zugänglichen Papieren bezogen hat, in das rechte Licht gerückt werden. Mitte Juli hatte Peter Avancini die Gelegenheit zu einer kurzen Replik in einer online-Ausgabe der Presse1, zuvor aber hatte er seine Einwendungen bereits im Juni dieses Jahres wesentlich umfassender in einem persönlichen Brief an Roman Sandgruber ausgeführt. Dieser Brief wurde von Peter Avancini an Herrn Abgeordneten Dr. Martin Graf, Mitglied des Dinghofer Instituts-Vorstandes, übermittelt, von welchem er dem Wissenschaftlichen Beirat – für eine geeignete Publikation – zur Verfügung gestellt wurde.

[…] Inhaltliche Anmerkungen bzw Ergänzungen zu den beiden Texten wurden von Christian Neschwara2 beigefügt – sie stützen sich auf jüngst publizierte biographische Würdigungen Franz Dinghofers3 und auf weitere aus Archiven in Wien4 und Berlin5 erhobene Tatsachen über seinen Werdegang und seine Einstellungen: Das Ergebnis kann hier schon vorweg genommen werden: Franz Dinghofer war weder ein bekennender Nationalsozialist noch ein profitgieriger, antisemitischer Ariseur!

[… Seite 3 bis 26 …] *

Fazit: Franz Dinghofer –
ein politisch integrer und moralisch redlicher freiheitlicher Protagonist

Aufgrund der über Franz Dinghofer erhobenen Befunde über seine politischen Tätigkeit und sein persönliches Verhalten liegt als Ergebnis vor:
– dass von ihm keine persönliche Erklärung über eine Mitgliedschaft zur NSDAP vorliegt;
– dass sein Verhalten in der Causa KAMIG ihn keineswegs als einen profitgierigen Ariseur charakterisieren lassen37;
– dass von einem rassistisch motivierten Antisemitismus in seinem Handeln keine Spur zu finden ist;
– dass der von ihm als Geschäftspartner der jüdischen Aktionäre der KAMIG vermittelte Verkauf des Geschäftskapitals die bestmögliche Lösung darstellte;
– dass die von ihm als Ariseur vermeintlich geschädigte jüdische Familie Götzl mit Dinghofer bis zu dessen Tod im bestem Einvernehmen stand und ihm mit geradezu freundschaftlicher Hochachtung begegnete;
– dass er 1946 auf Weisung des (von den Nationalsozialisten aus rassischen Gründen verfolgten) Justizministers Josef Gerö38 wegen der von den Nationalsozialisten bewirkten vorzeitigen Entlassung aus dem Richterdienst völlig schadlos gehalten wurde: Dinghofer konnte sich daher durchaus als „Opfer“ des Nationalsozialismus bezeichnen, denn er wurde ja von höchster Stelle der Justizverwaltung auch als solches behandelt.Franz Dinghofer ist somit als politisch integrer und moralisch redlicher Parteigenosse der groß­deutschen „Volkspartei“ wie kaum ein anderer aus den Reihen dieser Vorfahren der Freiheitlichen Partei prädestiniert, als „Mentor“ einer „freiheitlichen Denkwerkstatt“ zu fungieren. Weitere, tiefer gehende „Blicke in die Archive“ widerlegen die von den Kritikern39 der Person Dinghofers bloß oberflächlich recherchierten Befunde und bestätigen nachdrücklich das in der freiheitlichen Bewegung über ihn bestehende Bild als „Mann der Mitte, österreichischen Patrioten, aufrechten Demokraten“40, weswegen er von freiheitlich gesinnten Österreichern daher auch zu Recht als „Baumeister der Republik“ gewürdigt wird.

 

* Der Beitrag erscheint Ende 2019 in einem Sammelband mit den seit 2010 im Rahmen der Symposien des Dinghofer-Instituts präsentierten wissenschaftlichen Beiträgen.

1 https://www.diepresse.com/5661049/das-falsche-bild-von-franz-dinghofer (vom 17.7.2019).
2 Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien, stellvertretender Obmann des Wissenschaftlichen Beirates im Dinghofer-Institut. Für ergänzende Hinweise zu einzelnen Anmerkungen habe ich Herrn ao.Univ.-Prof. Lothar Höbelt, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats im Dinghofer-Institut, zu danken.
3 Lothar Höbelt, Anmerkungen zur politischen Laufbahn Franz Dinghofers (im vorliegenden Band); Erstveröffentlichung in Christian Neschwara / J. Michael Rainer (Hrsg), 100 Jahre Republik Österreich. Die Provisorische Nationalversammlung und ihre Rolle bei der Entstehung der Republik Deutschösterreich, Graz 2018, 204–213. – Hierin, 82–92, auch erschienen: J. Michael Rainer, Dr. Franz Dinghofer – Eine Würdigung; siehe auch oben seinen Beitrag zum Dinghofer-Symposium 2018. – Ferner: Stefan Wedrac, Die Richter des Obersten Gerichtshofes vom Anschluss 1938 bis zur Eingliederung in das Reichsgericht 1939, in: (Österreichische Richterzeitung 2014, 152–158, hier 156f (über Franz Dinghofer).
4 Aus dem Österreichischen Staatsarchiv (ÖStA): Archiv der Republik, Zivilakten NS-Zeit, BMI, Gauakt 9195 (Franz Dinghofer), das Original war aktuell nicht auffindbar, von Seiten des Archivs wurde aber der Sicherheits-Scan des Aktes zur Verfügung gestellt; ferner: ebda, Bundespensionsamt, Zentralbesoldungsamt, Pensionsakt 782133 (Franz Dinghofer. – Aus dem Archiv des Obersten Gerichtshofes: Präsidialakten 1938, Pensionsgesuch 411 (Franz Dinghofer vom 28.4.1938); ferner ebda: Präsidialakten 1946, Rehabilitierungsakt 332 (Justizminister Gerö vom 31.7.1946).
5 Dazu unten FN  28 und 30.

[… FN 5 bis 36 …]

37 Hier ist auch auf eine Intervention des späteren Bundespräsidenten Adolf Schärf zugunsten Dinghofers in der Angelegenheit Kamig hinzuweisen:  Institut für Zeitgeschichte (Wien), Do 909, Nachlass 87 Eugen Margaretha,   Tagebuch 1.3.1950.
38 Sein Name steht auch auf der oben in FN 23 angeführten „Liste A“ der von den Nationalsozialisten nach dem Anschluss entlassenen Justizbeamten.
39 So entlarvt sich ein vermeintlich „investigativ“ motivierter Journalismus rasch als Produkt „inventorischer“ Relotius-Presse oder eines „dichterischer Freiheit“ entsprungenen Essayismus à la Menasse.
40 So das Fazit, das Roman Sandgruber in seinem Beitrag für Die Presse am 4.5.2019 (oben FN 7) aus den Interviews aktueller Parteifunktionäre der FPÖ aus Anlass der ORF-Dokumentation über Dinghofer (am 23.2.2019 in ORF2: <https://tv.orf.at/orf3/stories/2965891/>) gezogen hat. Ein „aufrechter Demokrat“ war Dinghofer jedenfalls in der Republik, und zwar ungeachtet der 1938/45 von Seiten der Nationalsozialisten und nach 1945 seitens der österreichischen Sozialisten vorgebrachten Kritik an seiner als Beamter dem ständestaatlichen Regime geschuldeten Loyalität, weil er als Präsident des OGH die Unabhängigkeit der Rechtsprechung zu wahren wusste und seine Unparteilichkeit auch in keinem Fall zugunsten von strafrechtlich verfolgten Nationalsozialisten aufgab, weswegen er von den neuen Machthaben schon im Mai 1938 enthoben wurde, und zwar wegen „politischer Unzuverlässlichkeit“ (nach nationalsozialistischem Verständnis). Die Bedeutung der Begriffe „österreichisch“ und „Patriot“ sind wohl vielfältig auslegbar. Ein „Mann der Mitte“ war Dinghofer zweifellos innerhalb seiner Partei und auch im Hinblick auf die Zurückstellung parteipolitischer Zielsetzungen zugunsten der Staatsräson in Verbindung mit der internationalen Annäherung Österreichs an die ehemaligen Kriegsgegner in Verbindung mit der Aufnahme der Genfer Anleihe 1922 sowie zur Tschechoslowakischen Republik und zu Ungarn 1921/22.