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100 Jahre Republik. Die Provisorische Nationalversammlung und ihre Rolle bei der Entstehung Deutschösterreichs, Ares-Verlag Graz 2018, 240 Seiten Text und LXIV Seiten Bildteil

Im Auftrag des Dinghofer-Instituts (Studiengesellschaft für Politikforschung) gemeinsam herausgegeben mit J. Michael Rainer, im November 2018 erschienen

Autorenverzeichnis

Dr. Karlheinz Weißmann, Studienrat im Dienst des Landes Niedersachsen, Historiker und Publizist.

Konrad Markward Weiß, Pressesprecher im Kabinett des Vizekanzlers der Republik Österreich, Publizist und Übersetzer.

JUDr. Jaromír Tauchen, Ph.D, LLM, Dozent am Institut für Geschichte von Staat und Recht der Juristischen Fakultät der Masaryk-Universität Brünn.

DDr. DDr. h.c. J. Michael Rainer, o. Univ.-Prof. im Fachbereich Privatrecht der Juristischen Fakultät der Universität Salzburg.

Dr. Christian Neschwara, ao. Univ.-Prof. am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Juristischen Fakultät der Universität Wien.

Dr. Reinhard Mußgnug, em. Univ.-Prof. am Institut für Finanz- und Steuerrecht der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Dr. Lothar Höbelt, ao. Univ.-Prof. am Institut für Geschichte der Historisch- Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Dr. Wolfgang Etschmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Human- und Sozialwissenschaften der Landesverteidigungsakademie Wien.

Dr. Manfred Andexinger, Fachreferent im Kabinett des Innenministers der Republik Österreich.

 

Inhalt

Im Fokus des – von Christian Neschwara redigierten – Sammelbandes steht die Provisorische Nationalversammlung Deutschösterreichs: Ihr war es Mitte Oktober 1918 zunächst als Aufgabe zugefallen, die nationalen Interessen der Deutschen in ihren Siedlungsgebieten im Rah­men eines letztendlich doch gescheiterten Plans zu einem bundesstaatlichen Umbau der Öster­reichischen Monarchie zu vertreten, um dann – von einem Augenblick zum anderen – als Volksvertretung der Deutschen Österreichs auf Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker am 30. Oktober 1918 einen eigenständigen deutschösterreichischen Staat ins Leben zu rufen.

Der Anteil der deutschen Abgeordneten an der durch die slawischen Nationalitäten erzwungenen „Liquidierung“ des alten Österreich und ihr Beitrag an der Ent­stehung des neuen Deutschösterreichs ist Gegenstand einer umfangreichen Einleitung.
Daran schließt ein Block von Beiträgen an, welche sich mit der personellen Struktur der National­versammlung und ihrem institutionellen Umfeld befassen. Besondere Aufmerksam­keit gilt dem Staatsrat, der als „Haupt“-Ausschuss der Nationalversammlung provisorischer Träger der Regierungsgewalt Deutschösterreichs war. Die Rolle der Mitglieder der deutschfreiheitlichen Parteien wird dabei in den Vordergrund gerückt. Franz Dinghofer als Leiter der stärksten Fraktion der Nationalversammlung, und damit faktisch ihr „erster“ Präsident, ist eine besondere Würdigung als deutschfreiheitlicher Politiker gewidmet. Spezielle Beiträge sind außerdem den Landtagen (und ihrem Anteil an der Staatsgründung) sowie der Volkswehr (und ihrer Rolle zum Schutz der Republik) zugedacht – sie waren wichtige innenpolitische Stützen in der Gründungsphase Deutschösterreichs.
Ein zweiter Block von Beiträgen befasst sich sodann mit dem Staat Deutschösterreich in seinem Selbstbild und seinem Erscheinungsbild nach Außen, wobei Fragen der Staats­symbolik und anderer identitätsstiftender Merkmale, vor allem die Anschluss-Idee, in den Mittelpunkt gestellt sind; sie erfassen Deutschösterreich aber auch in der Sicht des Auslandes, wobei die Einstellungen der Tschechoslowakei wegen der konkurrierenden Ansprüche auf die Siedlungsgebiete der Deutschen als Staatsgebiet und die des Deutschen Reiches wegen des geplanten Beitritts von Deutschösterreich als Sonderbundesstaat am wichtigsten erschienen. Mit Streiflichtern aus den Debatten der Nationalversammlung sowie der Wiedergabe der Erinnerungen ihres ersten Präsidenten an die Ereignisse vom Herbst 1918 sollen die Leser auch persönliche Eindrücke von Zeitgenossen über Deutschösterreich gewinnen.
Der Sammelband schließt mit politisch pointierten Kommentaren, welche sich in essayistischer Manier über Einstellungen und Ideen, von welchen die Ereignisse im Herbst 1918 geleitet wurden, äußern – sie stehen in bewusstem Kontrast zum wissenschaftlich-nüchtern Ton der Beiträge für die ersten beiden Themenblöcke.

Der Anteil der deutschfreiheitlichen Fraktionen in der Nationalversammlung macht Eindruck: Die Deutschfreiheitlichen bildeten auch nach der Sitzordnung das „Zentrum“ des Parlaments; links von ihnen saßen die Sozialdemokraten, rechts die Christlich-Sozialen. Fast die Hälfte gehörte dem Deutschen Nationalverband an – mit weiteren kleineren Fraktionen mit verwandter politischer Gesinnung hatte die deutschfreiheitliche Bewegung sogar die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung.  Die Hochburgen der Deutschfreiheitlichen lagen 1918 in den böhmischen Ländern: Mehr als ein Drittel der Abgeordneten der Nationalversammlung kam aus Böhmen, Mähren und Schlesien; wenn man die zahlreichen vor 1918 aus den böhmischen Ländern nach Wien zugewanderten sozialdemokratischen Mitglieder hinzu rechnet, entsteht der Eindruck eines „sudetendeutschen“ Parlaments; dasselbe gilt auch für die Zusammensetzung des Staatsrats und dem von ihm ernannten Kabinett der Staatssekretäre: So erscheint die 1918 angebahnte Schaffung einer provisorischen Verfassungsordnung für die Republik zwar vornehmlich als eine „freiheitliche“ Leistung, ihr Erfolg ist aber zugleich aber auch einer solcher der „sudetendeutschen“ Abgeordneten der Provisorischen Nationalversammlung!

In der Buchmitte enthält der vorliegende Band ein vollständiges Verzeichnis der Mit­glieder der Provisorischen Nationalversammlung mit Angaben zu ihren Lebensdaten, ihrer weltanschaulichen Zuordnung sowie ihren politischen Funktionen. Für nahezu alle konnte auch Porträt gefunden werden, sodass sich die Leser auch ein persönliches Bild von den „Gründungsvätern“ unseres Staates machen können. Eine weitere Visualisierung der Ent­stehung Deutschösterreichs bietet eine separate Bildergalerie, welche dem Leser die Ereignisse vom Herbst 1918 in der Sicht der Zeitgenossen wirklichkeitsnahe vor Augen führt.

Es ist das bleibende Verdienst des provisorischen Parlaments den gegenwärtigen öster­reichischen Staat nicht nur ins Leben gerufen zu haben, sondern ihn auch mit verfassungs­rechtlichen Grundlagen ausgestattet zu haben, an welche das Bundes-Verfassungsgesetz von 1920 als Grundgesetz der Republik Österreich bis heute anknüpfen konnte.

Rezensionen:Buchanzeige – 100 Jahre der Republik-1

Buchpräsentation, Graz-Landhaus 13.11.2018