Gruppenverhalten

In diesem Kapitel sollen nun die psychologischen Gründe und Bedingungen zur Teilnahme an Gruppenveranstaltungen, insbesondere an kollektiven Protestmaßnahmen und  Demonstrationen, erläutert werden. Besonderes Augenmerk wird hier auf all jene Verhaltensweisen gelegt, die durch Unzufriedenheit mit der derzeitigen sozialen Lage innerhalb der Gesellschaft entstehen. In weiterer Folge soll auch auf das Verhalten des Einzelnen in der Masse eingegangen werden.

 

Definitionen der Verhaltenskategorien

Für die weitere Diskussion des Gruppenverhaltens ist es notwendig, zwischen verschiedenen Verhaltenskategorien zu unterscheiden. Global können wir zuerst unterscheiden, ob ein Verhalten auftritt oder nicht. Tritt nun ein Verhalten auf, so kann dieses als kollektives oder individuelles Verhalten kategorisiert werden. Ein kollektives Verhalten tritt auf, wenn eine Person als Mitglied einer Gruppe agiert und einen Nutzen (oder Schaden) für die gesamte Gruppe erreichen will. Individuelles Verhalten zielt auf die Verbesserung der eigenen Position ab, unabhängig davon, ob man ein Gruppenmitglied ist oder nicht. Andere Personen dienen hierbei nur als Vergleich. Martin (1986) führte eine weitere Distinktion des Verhaltens ein. Sie ist an den Normen einer Gruppe bzw. eines sozialen Systems orientiert. Somit kann das Verhalten entweder normkonform oder nicht konform sein. Aus diesen Unterscheidungen lassen sich fünf Verhaltenskategorien darstellen, die angewandt werden können, wenn sich die eigene Gruppe in einer benachteiligten Position befindet: (1) Die benachteiligte Position wird von der Person akzeptiert und sie führt daher kein Verhalten aus, das zu einer Veränderung (Verbesserung) beitragen könnte. (2) Die Person versucht, ihre Position individuell zu verbessern. D. h. sie sucht nach Möglichkeiten, im sozialen System aufzusteigen bzw. zu einer anderen Gruppe zu wechseln. Dies geschieht im Einklang mit den Normen des sozialen Systems. (3) Weiters gibt es die Möglichkeit, sich jenseits der Normen der Gesellschaft zu bewegen und individuell eine Veränderung anzustreben. (4) Man kann sich natürlich auch einem kollektiven Verhalten, welches sich im Rahmen der gesellschaftlichen Normen bewegt, anschließen. Hierbei werden die Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Wettbewerbs akzeptiert. (5) Im Gegensatz dazu stehen nonkonforme kollektive Verhaltensweisen, die die soziale Ordnung in Frage stellen und gefährden.

Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit eine der fünf Verhaltensweisen eingesetzt wird? Dubé und Guimond (1986) konnten in einem Experiment nachweisen, dass eine Deprivation auf Gruppenebene (d.h. die gesamte Gruppe wurde nachteilig behandelt) zu kollektiven Aktionen und eine persönliche Deprivation (man ist mit der individuellen Behandlung durch andere unzufrieden) zu individuellen Verhaltensweisen führt. Die Theorie zur sozialen Identität geht davon aus, dass die Wahrnehmung einer illegitimen und instabilen Gruppenbeziehung zu kollektiven Maßnahmen führt (Tajfel & Turner, 1979). Wenn es keine Möglichkeit gibt, die eigene Gruppenposition zu verbessern, streben die Gruppenmitglieder danach, die Gruppe in Richtung einer besseren Gruppe zu verlassen oder akzeptieren die benachteiligte Position. Wie Wright, Taylor und Moghaddam (1990) kritisch anmerken, kann die Theorie der sozialen Identität keine genaue Vorhersage abgeben, welche der fünf Verhaltenskategorien angewandt wird.

 

 

Das Fünf-Stufen-Modell der Intergruppen-Beziehung

 

Das Fünf-Stufen-Modell der Intergruppenbeziehung von Taylor und McKirnan (1984) postuliert, dass es fünf aufeinander aufbauende Stufen des Verhaltens in den Beziehungen zwischen Gruppen gibt. Es wird in diesem Modell angenommen, dass die Wahrnehmung der Gruppenbeziehung das Verhalten des Einzelnen insbesonders in ungerechten oder benachteiligenden Situationen beeinflusst. Wenn eine Person annimmt, dass die Gruppenmitgliedschaft nur auf die eigene Leistung zurückzuführen ist, und sie meint, mit einer besonders guten Leistung zu einer anderen Gruppe überwechseln zu können, so wird die benachteiligende Position auf die eigenen Eigenschaften attribuiert werden. Durch interindividuelle Vergleiche wird versucht, die eigene Position zu verbessern. Dazu werden individuelle Anstrengungen unternommen. Werden diese Versuche, zu einer anderen Gruppe zu wechseln, blockiert, wird man zur Meinung gelangen, dass nicht die individuellen Leistungen die Gruppenmitgliedschaft determinieren, sondern externe Charakteristika, die durch individuelle Anstrengungen nicht verändert werden können (z.B. Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Geschlecht). Interindividuelle Vergleiche nützen in diesem Falle nichts mehr, sodass man nun Vergleiche zwischen den Gruppen anstellt. Das wachsende Unbehagen bzw. die zunehmende Unzufriedenheit lässt das Interesse an kollektiven Maßnahmen, die das soziale System öffnen, größer werden.

Zuerst wird man also individuelle Anstrengungen unternehmen, um seine Position zu verbessern, erst wenn diese nichts nützen, werden kollektive Maßnahmen gesetzt. Das Modell gibt auch Auskunft, welche Personen sich bei kollektiven Maßnahmen beteiligen. Mitglieder, die einer benachteiligten Gruppe angehören, werden dann individuelle Vergleichsprozesse durchführen, wenn sie sich auch in der Lage fühlen, diese Prozesse für sich zu entscheiden (d.h. wenn sie glauben, dass sie knapp an der Grenze zur besseren Gruppe liegen). Erst wenn dieser individuelle Vergleichsprozess negativ ausgefallen ist, werden diese Mitglieder kollektive Maßnahmen durchführen.

Wright, Taylor und Moghaddam (1990) überprüften empirisch das Fünf-Stufen Modell in einem Experiment, an dem 136 Studenten teilnahmen. Den Versuchspersonen wurde mitgeteilt, dass sie an einem Gruppenexperiment teilnehmen würden, das zur Überprüfung ihrer Fähigkeit, Personen richtig einzuschätzen, diente. Da dieses Experiment möglichst realitätsnah gehalten sei, würden sie einer Gruppe mit einem niedrigen Status zugeordnet. Sie würden aber die Möglichkeit erhalten, in eine Gruppe mit höherem Status zu wechseln, wenn sie einige Entscheidungen korrekt durchgeführt haben werden. Weiters wurde den Vpn mitgeteilt, dass die Mitglieder der Gruppe mit höheren Status die Beispiele für die Tests der unteren Gruppen auswählen, die Leistungen der Gruppenmitglieder bewerten und letztendlich bestimmen welche neuen Mitglieder in die Gruppe mit höherem Status aufgenommen werden. Daraufhin wurde den Versuchspersonen ein Kriminalfall vorgelegt, den sie innerhalb einer Viertelstunde bearbeiten mussten. Die Ergebnisse wurden danach eingesammelt und das Experiment für ca. 12 Minuten unterbrochen. Den Vpn wurde gesagt, dass in dieser Zeit die Ergebnisse ausgewertet würden. Tatsächlich aber waren die Rückmeldungen nach folgenden Gesichtspunkten manipuliert: (1) Die Offenheit der Gruppe mit höherem Status war entweder (a) gegeben und die Versuchspersonen wurden nur aufgrund ihrer schlechten Leistung nicht aufgenommen, (b) nur bedingt gegeben. Diese Bedingung wurde durch die Mitteilung, dass eine Aufnahmsquote bereits erfüllt sei, realisiert. Die Aufnahmsquote betrug entweder 2%, 30% oder 0% (d.h. es bestand gar keine Möglichkeit mehr in die bessere Gruppe aufgenommen zu werden). (2) Die Leistung und die Erfüllung einer bestimmten Grenze, um in die bessere Gruppe aufgenommen zu werden, wurden ebenfalls manipuliert. Einer Hälfte wurde mitgeteilt, dass sie nur ganz knapp die Leistungsgrenze nicht erreicht hat, während der anderen Hälfte gesagt wurde, dass sie sehr weit von der Leistungsgrenze entfernt lag.

Daraufhin wurde ihnen ein Fragebogen überreicht und sie mussten angeben, welche Handlungen sie als nächstes setzen werden. Es standen insgesamt 5 Handlungsalternativen zur Auswahl (Akzeptieren des Ergebnisses, Forderung nach einer Wiederholung des Tests, gegen die Entscheidung mittels einer individuellen Protestnote Einspruch erheben, Forderung nach einer nochmaligen Gruppentestung, ein gemeinsamer Protest aller Gruppenmitglieder gegen die Entscheidung).

Die Ergebnisse zeigten, dass bei Vorliegen einer offenen Gruppe und bei der Verfehlung der Aufnahme aufgrund der schlechten eigenen Leistung individuelle Handlungsalternativen bevorzugt wurden. Diese wurden ganz besonders von jenen bevorzugt, die die Leistungsgrenze ganz knapp verfehlt haben. Nichtnormative kollektive Verhaltensweisen (d.h. ein gemeinsamer Protest aller Gruppenmitglieder) wurden dann bevorzugt, wenn die Gruppe mit höherem Status komplett geschlossen wurde. In den beiden Bedingungen, in der eine zumindest geringe Chance auf Aufnahme bestand, wurde von den Versuchspersonen eine individuelle Vorgehensweise bevorzugt. Dieses letzte Ergebnis lässt darauf schließen, dass ein kollektiver Protest abgewendet werden kann, wenn zumindest eine ganz geringe Chance besteht, die Gruppe zu wechseln.

Ellemers, Wilke und van Knippenberg (1993) fanden in einer ähnlichen Untersuchung eine größere Identifikation mit der eigenen Gruppe, einen geringeren Wettbewerb zwischen den Mitgliedern der eigenen Gruppe und eine größere persönliche Opferbereitschaft in Situationen, die keinen Gruppenwechsel zuließen als in Situationen mit offenen Gruppengrenzen. Ebenso gab es in Situationen ohne möglichen Gruppenwechsel einen größeren Wettbewerb zwischen den Gruppen. Ellemers, Wilke und van Knippenberg schlossen aus diesen Ergebnissen, dass bei offenen Gruppengrenzen die Gruppenmitglieder egoistisch nach einem Aufstieg in die besser gestellte Gruppe streben. Nur wenn dieses Streben aufgrund der geschlossenen Gruppen nicht zum Ziel führt, beteiligen sie sich an kollektiven Protestmaßnahmen und versuchen, die Position der eigenen Gruppe zu verbessern.                      

Lalonde und Silverman (1994) untersuchten die Hypothese, ob die Salienz der Gruppenzugehörigkeit einen Einfluss auf die Wahl der Handlungsalternativen (individuelle oder kollektive Handlungen) hat. Die Autoren verwendeten ein ähnliches Design wie Wright, Taylor und Moghaddam (1990). Es wurde wiederum die Gruppenpermeabilität manipuliert, und in diesem Experiment hatten die Versuchspersonen insgesamt vier Handlungsalternativen zur Auswahl (Verlassen der Situation, Akzeptieren der ungerechten Situation, Forderung nach einer individuellen Wiederholung und Verfassen einer Petition gemeinsam mit anderen Gruppenmitgliedern). Die Salienz der Gruppenzugehörigkeit wurde durch den Hinweis manipuliert, aus welchen Mitgliedern die Gruppe mit dem besseren Status bestand. In der Bedingung ohne Salienz wurde darauf hingewiesen, dass die Gruppenmitglieder Studenten waren, während in der Bedingung mit Salienz darauf hingewiesen wurde, dass die Gruppenmitglieder von einer ganz bestimmten Fakultät stammen. Die Ergebnisse dieser Studie bestätigten die Hypothese, dass bei nicht vorhandener Permeabilität und einer erhöhten Salienz der Gruppenzugehörigkeit kollektive Protestmaßnahmen bevorzugt werden. Weiters zeigte sich, dass erst dann für das Wohl der Gruppe gearbeitet wird, wenn die persönlichen Ambitionen nicht realisiert werden können.

 

 

Die Theorien der Intergruppen-Beziehungen

 

Eine erste, klassische Untersuchung zu Intergruppen-Beziehungen wurde von Muzafer Sherif und seinen Mitarbeitern in einem Ferienlager für Jugendliche durchgeführt (Sherif, Harvey, White, Hood & Sherif, 1961; Sherif, 1966a). Im Sommer 1954 nahmen 22 elfjährige Buben an einem dreiwöchigen Ferienlager in Oklahoma teil. Die Buben wussten nicht, dass sie an einem Feldexperiment teilnahmen. Sie kamen alle aus der weißen Mittelschicht und kannten einander von der Schule oder von Freizeitaktivitäten. Zu Beginn des Camps wurden sie willkürlich in zwei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe lebte in separaten Lagern, die in einiger Entfernung voneinander eingerichtet waren. Während der ersten Tage unternahmen die beiden Gruppen getrennte Aktivitäten, damit sich die Gruppenmitglieder besser kennenlernen konnten. Sie wurden von den Untersuchungsleitern auch aufgefordert, sich einen Gruppennamen auszudenken. Die eine Gruppe nannte sich „Rattlers“, die andere „Eagles“. In der zweiten Woche wurden mehrere sportliche Wettkämpfe ausgetragen, an denen beide Gruppen teilnahmen. Diese sportlichen Wettkämpfe wie z.B. Seilziehen waren so aufgebaut, dass es immer eine Verlierer- und eine Gewinnergruppe gab. Während dieser Woche bildeten sich Aggressionen zwischen den Gruppen aus. Die Gruppen beschimpften und verspotteten sich gegenseitig und es kam auch zu Gewalttätigkeiten. Die aggressiven Verhaltensweisen dehnten sich auf nicht-sportliche Ereignisse aus. Zum Beispiel verbrannte die unterlegene Gruppe die Fahnen des Sieger-Teams nach einer Sportveranstaltung. Die Gruppen separierten sich zusehends voneinander und wollten nichts mehr mit der anderen Gruppe unternehmen, selbst wenn dadurch angenehme Aktivitäten, wie z.B. Kinofilme ansehen, verbunden gewesen wären. Die Gruppen pflegten zusehends nur mehr Kontakt untereinander, eine ausgeprägte Gruppenkohäsion war feststellbar. Dieses erste Ergebnis zeigt, dass Buben, die aus der selben Schicht stammen, denselben kulturellen Hintergrund besitzen und ein freundschaftliches, nicht-aggressives Verhältnis pflegen, zu aggressiven, sich gegenseitig bekämpfenden Gruppen zusammengeschlossen werden können, wenn man durch kompetitive Spiele und Verhaltensweisen die Unterschiede zwischen den Gruppen verstärkt. Die Verhaltensweisen wurden auf andere Situationen generalisiert, sodass Aggressionen bei jeder Gelegenheit auftraten. Um zu zeigen, dass Aggressionen zwischen Gruppen auch wieder abgebaut werden können, mussten die Buben in der dritten Woche alle gemeinsam Probleme lösen, die im Ferienlager aufgetreten waren. So war z.B. die Wasserleitung zum Camp unterbrochen worden, und es musste das lecke Teil gefunden und ausgetauscht werden. Ebenso musste ein Lkw repariert werden. Diese Aufgaben konnten nur gelöst werden, wenn beide Gruppen gemeinsam kooperativ zusammenarbeiten würden. Es zeigte sich, dass durch diese Aufgaben die Aggressionen zwischen den Gruppen vermindert wurden und in den letzten Tagen ganz verschwanden. Bei der Rückreise wurde das übriggebliebene Geld, das eine Gruppe aus den Wettkämpfen erhalten hatte, gleichwertig auf alle Buben aufgeteilt. Dieses letzte Drittel des Feldexperiments zeigte, dass die Definition von übergeordneten Zielen ausreicht, um die Gruppenkonkurrenz aufzuheben.

Wenn die Gruppen voneinander wechselseitig abhängig sind, hat dies auch Einfluss auf ihr wechselseitiges Verhalten. Sherif (1966a) unterscheidet zwischen zwei Arten von Abhängigkeiten: positive und negative Abhängigkeiten. Bei positiven Abhängigkeiten können die beiden Gruppen nur dann ihr Ziel erreichen, wenn sie zusammenarbeiten. Genau umgekehrt verhält es sich bei negativer Abhängigkeit: Eine Gruppe erreicht nur dann ihr Ziel, wenn dies auf Kosten der anderen Gruppe geht. Dies führt natürlich zu verschiedenen Formen von Interaktion zwischen den Gruppen. Bei positiver Abhängigkeit gehen die Mitglieder verschiedener Gruppen freundlich miteinander um. Es besteht eine ausreichende Kommunikation zwischen den Gruppen. Negative Abhängigkeit führt zu einer verstärkten Kommunikation innerhalb der Gruppen. Die eigene Gruppe wird auch verstärkt bevorzugt. Im Vergleich mit einer fremden Gruppe wird versucht, die eigene Gruppe positiv darzustellen und eine positive Bewertung herbeizuführen. Objektive oder realistische Interessenskonflikte verursachen einen Konflikt zwischen den Gruppen, während gemeinsame, gruppenübergreifende Ziele die soziale Harmonie verstärken.

 

 

Das klassische Experiment von Tajfel, Billig, Bundy und Flament (1971)

 

Das Feldexperiment von Sherif und seinen Mitarbeitern zeigte klar, welche Faktoren für die Gruppenkompetition verantwortlich sind. Jedoch blieb offen, ob es überhaupt notwendig ist, kompetitive Elemente zu formulieren, um eine Gruppendiskrimination zu erzeugen. Dieser Frage wurde in einem Experiment von Tajfel, Billig, Bundy und Flament (1971) nachgegangen. Zu Beginn des Experiments wurden die Vpn in zwei Gruppen geteilt. Dies geschah, indem sie ihre Kunst-Präferenzen bekannt geben mussten. Es waren den Vpn zwei Bilder zur Beurteilung - eines von Klee und eines von Kandinsky - vorgelegt worden. Je nachdem, ob sie das eine oder das andere bevorzugten, wurden sie in die Klee- oder Kandinskygruppe eingeteilt. Im zweiten Schritt mussten die Vpn Geldbeträge auf die Mitglieder der beiden Gruppen aufteilen, wobei sie selbst keinen Geldbetrag erhalten sollten. Da sie nicht mit den anderen Mitgliedern der Gruppe kommunizieren durften und diese auch nicht kannten, war eine minimale Informationsbedingung geschaffen. Es zeigte sich, dass die Vpn, obwohl sie nicht mehr Informationen als das Wissen um die Gruppenmitgliedschaft der einzelnen Mitglieder besaßen, die Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugten. Dieses Ergebnis wird als Ingroup-Bias bezeichnet. Außerdem zeigte sich, dass die Vpn eine möglichst klare Differenzierung der beiden Gruppen in der Gewinnaufteilung anstrebten. D.h. es wurde in manchen Versuchsbedingungen auf die bestmögliche Dotierung verzichtet, wenn nicht klar zwischen den Gruppen differenziert wurde. Diese Ergebnisse konnten auch in Versuchsbedingungen repliziert werden, in denen die Gruppenzuweisung explizit und für die Vpn erkennbar nach Zufall oder trivialen Kriterien erfolgte (z.B. wurde vor den Augen der Vp eine Münze geworfen oder gewürfelt; Billig & Tajfel, 1973).

Mittels dieses Untersuchungsdesigns wurde das minimal group paradigm geschaffen. Dieses zeichnet sich durch (a) das Fehlen jeglicher Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern, (b) die Anonymität der Versuchspersonen (nur die Gruppenmitgliedschaft war bekannt), (c) das Fehlen jeder rationalen bzw. logischen Verknüpfung zwischen Gruppenmitgliedschaft und Verhalten der Vpn, (d) das Fehlen eines persönlichen Nutzens für die Vpn und (e) reale und bedeutsame Entscheidungen aus. Dieses Design reicht vollkommen aus, um die Eigengruppenfavorisierung nachzuweisen (Brewer, 1979; Brewer & Silver, 1978). 

Die gefundene Eigengruppenfavorisierung und die verstärkte Differenzierung zwischen den Gruppen wird bei expliziten, realen Konflikten und in kompetitiven Situationen noch extremer (Brewer, 1979; Turner, 1978).

Für die verstärkte Differenzierung der Gruppen gibt es zwei Erklärungen. Doise (1978) nimmt an, dass durch die Kategorisierung die Welt einfacher zu interpretieren ist. Die Kategorisierung strukturiert die Welt, und das einzelne Individuum kann sich besser orientieren. Tajfel (1982) nimmt hingegen an, dass es neben dieser rein kognitiven Sichtweise auch eine motivationale gibt. Seine Forschungen legen nahe, dass Individuen nicht nur die Welt strukturieren, sondern auch wissen wollen, wo sie stehen, d.h. sie möchten sich mit anderen vergleichen können. Soziale Kategorisierung dient also auch zur Evaluation des eigenen und des gruppalen Verhaltens (Tajfel & Turner, 1986).

 

 

Die Theorie der sozialen Identität

 

Die Theorie der sozialen Identität (Tajfel, 1982; Tajfel & Turner, 1986) geht davon aus, dass zur Wahrnehmung einer Gruppe zwei Faktoren notwendig sind: (a) die Existenz einer sozialen Kategorie und (b) die Identifikation der Personen mit dieser Kategorie. Diese soziale Kategorie muss sowohl von Personen, die der Gruppe angehören als auch von Personen, die keine Mitglieder dieser Gruppe sind, wahrgenommen werden. Brown (1988, S. 2f.) führt eine etwas pragmatischere Definition der Gruppe ein: "... that a group exists when two or more people define themselves as members of it and when its existence is recognized by at least one another". Die Wahrnehmung der Gruppe kann sich ständig verändern. "Gruppe stellt also einen Aspekt der sozialen Realität dar, die konsensual konstruiert wird, die in diesem Sinne jedoch nicht statisch, sondern in dynamischer Weise Veränderungen unterworfen ist, je nachdem wie und unter welchen Einflüssen sich die sozialen Konsense verändern" (Mummendey, 1985, S. 192f).

Mit Hilfe der sozialen Kategorisierung gewinnt das Individuum Informationen über seine Position in der sozialen Realität und über die Position der eigenen Gruppe, die mit anderen Gruppen verglichen wird. Bei der induktiven Kategorisierung schließt ein Individuum von den Merkmalseigenschaften eines Vertreters einer Gruppe auf eine ganze Gruppe. Zum Beispiel wenn Herr Strologo aus Italien gerne Pasta isst und nach dem Essen zum Singen anfängt, schließt man, dass alle Italiener nach dem Essen singen und fröhlich sind. Beim deduktiven Kategorisieren hingegen schließt eine Person von einem Merkmal der Gruppe auf die Eigenschaft eines bestimmten Individuums. Z.B. „Amerikaner verstehen nichts vom guten Essen“, daraus folgt: „Herr Reagan aus Virginia versteht nichts vom guten Essen“. Außerdem treten bei der Wahrnehmung von Differenzen zwischen verschiedenen Gruppen Urteilsverzerrungen auf. „Je höher die Wertdifferenz zwischen sozialen Kategorien (wahrgenommen) wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass einer negativ bewerteten Kategorie zuviel zugeordnet wird und einer positiv bewerteten Kategorie zuwenig“ (Tajfel, 1975, S. 358).

Um besser zwischen dem Verhalten zwischen Personen und dem zwischen Gruppen unterscheiden zu können, schlägt Tajfel (1978, 1982) die Unterscheidung der Situationen auf vier Kontinua vor, die voneinander abhängig sind:

Auf dem ersten Kontinuum wird zwischen interpersonellem und intergruppalem Verhalten unterschieden. Wird eine Situation durch interpersonelles Verhalten bestimmt, spielt die Gruppenzugehörigkeit der interagierenden Personen keine Rolle. In solchen Situationen werden die individuellen Eigenschaften der Personen wahrgenommen und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen Rücksicht genommen. Eine typische Situation für interpersonelles Verhalten ist das intime Gespräch zwischen zwei Liebenden (Brown & Turner, 1981). In Situationen, die durch intergruppales Verhalten determiniert sind, achten die Personen auf die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Kategorien. Persönlichkeitseigenschaften und persönliche Beziehungen haben keinen Einfluss auf das Verhalten. Ein Beispiel für solche Interaktionssituationen ist eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Streikenden während einer Demonstration. Die Mitglieder der einen Gruppe teilen sich das Bewusstsein, eine eigene Gruppe zu sein, und wissen außerdem, was diese Zusammengehörigkeit bedingt und wie man sich als Gruppenmitglied in ganz bestimmten Situationen zu verhalten hat. Intergruppales und interpersonelles Verhalten werden als Gegenpole des ersten Kontinuums betrachtet. Es gibt sowohl extreme Ausprägungen als auch Vermischungen der zugrundeliegenden Interpretationen einer Situation und den daraus resultierenden Verhaltensweisen.  

Das zweite Kontinuum, auf dem Situationen unterschieden werden können, beschreibt die individuelle Variabilität des Verhaltens. Verhaltenshomogenität liegt zum Beispiel vor, wenn Fußballfans ihre Heimmannschaft anfeuern oder Polizisten eine nichtgenehmigte Demonstration auflösen. Auf der anderen Seite des Kontinuums versuchen sich alle Personen individuell darzustellen.

Auf dem dritten Kontinuum wird die Wahrnehmung der individuellen Merkmale und Eigenschaften beschrieben. In manchen Situationen ist es sehr einfach, die Persönlichkeitsmerkmale jeder einzelnen Person der Gruppe wahrzunehmen, z.B. in einem Selbsterfahrungsseminar für Therapeuten, in anderen Situationen ist dies nicht möglich (z.B. ob ein Fußballfan introvertiert oder extravertiert ist). In Situationen, in denen eine Outgroup verstärkt auftritt, kann es zu Stereotypisierung, Depersonalisierung und Dehumanisierung der Gruppenmitglieder kommen. Die Gruppenmitglieder der Outgroup werden auch als untereinander austauschbar erlebt.

Auf dem vierten Kontinuum wird schließlich zwischen sozialen Situationen unterschieden, in denen eine soziale Mobilität möglich ist oder nicht. Unter sozialer Mobilität versteht man die Möglichkeit, dass ein Individuum einer Gruppe zu einer anderen Gruppe überwechseln kann, und dies von allen Mitgliedern nach einiger Zeit richtig wahrgenommen werden kann. Ist ein Gruppenwechsel nicht möglich, und sind die Mitglieder der einen Gruppe mit der Situation unzufrieden, kommt es zur sozialen Veränderung. Die unzufriedenen Gruppenmitglieder werden somit versuchen, den Einfluss der sozialen Kategorie, die die Ungerechtigkeiten „legitimieren“ soll, abzuschwächen und andere soziale Kategorien in den Vordergrund zu stellen. Ein Beispiel für soziale Veränderung ist die Menschenrechtsbewegung der schwarzen amerikanischen Bevölkerung während der 60er Jahre. Damals wurde z.T. erfolgreich gegen die Rassendiskriminierung bei Besetzungen von Führungspositionen demonstriert und eine faire Auswahl durch Leistungstests gefordert.

 

 

Die Definition der sozialen Identität

 

Die soziale Identität ist Bestandteil der Identität einer Person. Turner (1985) nimmt an, dass sich jedes Individuum auf drei Abstraktionsebenen beschreibt. Auf der untersten Abstraktionsebene beschreibt es sich als Individuum, das eine persönliche Identität besitzt, die sich von anderen Personen unterscheidet. Zur Überprüfung, ob die persönliche Identität der Realität entspricht, vergleicht sich jedes Individuum mit anderen Individuen. Auf der zweiten Abstraktionsebene sieht sich die Person zu ganz bestimmten Gruppen zugehörig (z.B. zur Gruppe der Frauen, der Schwarzen, der Rapid-Anhänger, etc.). Um sich von anderen Gruppen abzugrenzen, werden soziale Vergleiche durchgeführt. Auf der dritten Abstraktionsebene sieht sich die Person der Gattung Mensch zugehörig. Je nachdem, welche Abstraktionsebene in einer Situation wichtig ist, wird sich die Person unterschiedlich verhalten. 

Die soziale Identität besteht aus jenen Aspekten des Selbstbildes, die sich aus den sozialen Kategorien ableiten lassen, zu der sich das Individuum zugehörig fühlt (Tajfel & Turner, 1986). Die soziale Identität bestimmt die Selbsteinschätzung. Je nachdem, ob die eigene Gruppe in einem sozialen Vergleich mit einer anderen, ähnlichen Gruppe gut oder schlecht abschneidet, wird auch die soziale Identität positiv oder negativ ausgeprägt sein. Tajfel und Turner (1986) nehmen an, dass es ein Bedürfnis zur Aufwertung der Selbsteinschätzung und damit auch ein Bedürfnis zu einer positiven sozialen Identität gibt. Erst wenn eine Person eine soziale Kategorie akzeptiert, wird das Intergruppenverhalten Einfluss auf die soziale Identität der Person haben (Wagner, 1994). Durch die Identifikation mit einer sozialen Kategorie steigt auch die Attraktivität und die wahrgenommene oder vermutete Ähnlichkeit der anderen Gruppenmitglieder. Außerdem wächst die Identifikation mit der Gruppe, wenn die Salienz der sozialen Kategorie stärker wird.

Die Mitglieder einer Gruppe werden daher versuchen, sich von anderen Gruppen positiv zu differenzieren. Sie treten mit anderen, ähnlichen Gruppen auf ganz bestimmten, für die Gruppe wichtigen Vergleichsdimensionen in einen sozialen Wettbewerb. Während eines sozialen Wettbewerbs werden Unterschiede verstärkt wahrgenommen. Tajfel (1959) konnte z. B. zeigen, dass Unterschiede zwischen zwei Klassen von Stimulusserien überschätzt und Unterschiede in den Klassen unterschätzt werden. In den ersten Untersuchungen wurden ganz einfache Linien zur Längenschätzung vorgegeben. Im ersten Teil der Untersuchung sollten die Vpn die Längen der Linien schätzen. Diese Aufgaben lösten sie korrekt. Als aber die Linien zu Klassen zusammengefasst wurden (z.B. wurde ein Teil der Linien mit A und der andere Teil mit B bezeichnet), kam es zu einer Überschätzung der Unterschiede zwischen den Klassen A und B und zu einer Unterschätzung der Unterschiede in den Klassen A und B. Dieses Forschungsergebnis der Untersuchungen im Rahmen der Theorie der Reizklassifikation wird auch als Erklärung für den Ingroup-Bias (d.h. die Differenzierung der Gruppen und die Bevorzugung der eigenen Gruppe durch die Vpn im Untersuchungsdesign des minimal group paradigm) verwendet (Tajfel, Billig, Bundy & Flament, 1971).

Die soziale Identität wird in jenen Situationen salient, in denen intergruppales Verhalten gezeigt wird. Die Gruppen vergleichen sich miteinander immer dann, wenn sie sich ähnlich sind und die Vergleichsdimensionen für beide Gruppen wichtig sind. Außerdem spielt die zeitliche und räumliche Nähe der Gruppen eine Rolle. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich eine australische Jugendbande mit einer österreichischen misst, auch wenn sie in bestimmten, z.B. inhaltlichen Aussagen übereinstimmen.

Wird nun ein sozialer Wettbewerb ausgetragen und werden weiters Unähnlichkeiten der beiden Gruppen festgestellt, dann kann dies zu verschiedenen Verhaltensweisen der unterlegenen Gruppe führen (für die überlegene Gruppe besteht kein Handlungsbedarf). Wird die Unähnlichkeit der beiden Gruppen als instabil wahrgenommen, kann ein neuer Vergleich nach einiger Zeit angestrebt werden. Kommt aber die unterlegene Gruppe zur Ansicht, dass diese Differenz als stabil und illegitim angesehen werden muss, wird sie versuchen, durch eine soziale Veränderung die Gruppenhierarchie zu ändern oder diese ganz abzuschaffen. Durch dieses Verhalten steigt die gegenseitige Unterstützung in der Gruppe, neue Vergleichsdimensionen werden geschaffen und eine Neuinterpretation der ursprünglichen Vergleichsdimension (z.B. durch die Umkehrung der Bewertung) wird vorgenommen. Es kann z.B. auch „erkannt“ werden, dass sich die Gruppen doch nicht so ähnlich sind, und eine andere Gruppe wird für den sozialen Vergleich gesucht. Der „sozialen Kreativität“, die die soziale Identität und damit den Selbstwert schützen soll, sind keine Grenzen gesetzt (Tajfel & Turner, 1979). In solchen Krisensituationen rücken die Personen, die sich mit der Gruppe hoch identifizieren, enger zusammen, während jene Personen, die sich eher weniger mit der Gruppe identifizieren, die unterlegene Gruppe   verlassen, und versuchen, in die bessere Gruppe überzuwechseln.

 

 

Status-Wettbewerbe in Meetings

 

Gruppenbesprechungen dienen nicht nur der Entscheidungsfindung oder Aufgabenverteilung, sondern auch dem Wettbewerb zwischen den Gruppenmitgliedern. In Besprechungen wird explizit (Sitzungseröffnung, Moderation, Protokollführung) oder implizit (z.B. Sitzordnung) der Status der Gruppenmitglieder sichtbar. Die Gruppenmitglieder sind oft mehr damit beschäftigt, ihren eigenen Status in der Gruppe zu erhöhen oder gleich zu halten, als ein übergeordnetes Gruppenziel umzusetzen. Bloch (1971) beschreibt sehr illustrativ, wie dabei vorgegangen werden kann:

The actual time of the meeting was always set three or four hours too early, and as for many Merina occasions, great skill was required by those who wanted to arrive at the right time, in the right place. Nobody wanted to arrive too early, but obviously it would not do to arrive too late. The influence of a person is at stake in manoeuvres of this kind, and his effectiveness at such a meeting depends on his appearing at the right time to give the impression that the meeting is starting because of his arrival. This involves a lot of waiting about in nearby houses and sending children to spy out the land and report back. [Then] as if by magic the raiamandreny [elders] all appear at once at a time little related to the originally appointed hour.(Bloch, 1971, S. 48).            

Im beruflichen Alltag kommen diese Statuswettbewerbe ebenso vor. Sutton und Hargadon (1996) untersuchten in einer Design-Abteilung Gruppenbesprechungen, die Brainstorming-Sequenzen beinhalteten. Hier gab es zwischen den Gruppenmitgliedern einen Wettbewerb, um die meisten und kreativsten Ideen. Erreichte ein Gruppenmitglied nicht die von ihm selbst erwartete Anzahl, so erarbeitete es nach der Sitzung weitere kreative Ideen, obwohl die Entscheidungsfindung bereits abgeschlossen war.

Dass es Statusunterschiede in Gruppen gibt, wurde schon sehr früh in der sozialwissenschaftlichen Forschung erkannt (Wegener, 1992; Owens & Sutton, 2001). Der Status wird von den einzelnen Gruppenmitgliedern auf einer Skala von niedrig bis hoch eingeschätzt und diese Einschätzungen werden zwischen den Gruppenmitgliedern verglichen. Der Austausch der Statusinformationen erfolgt meistens über die Beobachtung von Verhaltensweisen, die dazu dienen, einen bestimmten Status zu erreichen, und über die Beobachtung der Reaktion anderer Gruppenmitglieder auf dieses Verhalten. Durch die Wahrnehmung der Belohnung und Bestrafung von bestimmten Verhaltensweisen wird auf den Status der einzelnen Person in der Gruppe geschlossen. Der Wert einer Person für die Gruppe wird durch die anderen Gruppenmitglieder festgelegt. Er hängt von den erwünschten und besonderen Charakteristiken (Eigenschaften) der Person ab. Manche Eigenschaften können nicht verändert werden (wie z.B. Geschlecht oder Abstammung), andere Eigenschaften wiederum können bis zu einem gewissen Grad willentlich beeinflusst werden (Kreativität, Wissen). Diese veränderlichen Charakteristiken können strategisch in Gruppenprozessen eingesetzt werden und dienen der Statuserhöhung. Wenn das eigene, der Gruppe unbekannte Wissen strategisch eingesetzt wird, so kann dies zu einer Neubewertung des Status führen. Gruppenmitglieder mit einem hohen Status haben die Möglichkeit, am Gruppengeschehen zu partizipieren, eine Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern anzuregen, die Ergebnisse der Gruppe zu evaluieren, und sie besitzen einen größeren Einfluss auf die Gruppenentscheidungen (Berger, Rosenholtz & Zelditch, 1980). Wie man auf Statusverletzungen reagiert und wie man sie erkennt, wird durch Beobachtung und Selbsterfahrung gelernt (Strauss, 1978).

Owens und Sutton (2001) nehmen an, dass bei Eintritt in eine neue Gruppe ein geringer Status vergeben wird. Dies bedeutet, dass der Neueintretende nicht alle Verhaltensalternativen benutzen darf, die den älteren Gruppenmitgliedern zustehen. Er wird versuchen, jene Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die seine Integration in die Gruppe stärken. Hierzu zählen dem Gruppenführer Schmeicheln und sich Unterordnen bzw. Einnehmen einer peripheren Position (Jones & Pittman, 1982). Durch diese beiden Verhaltensweisen bedroht er nicht das Gruppengefüge, d.h. er akzeptiert den Gruppenstatus. Durch Schmeicheln verstärkt er auch die Position des Gruppenführers. Dies führt weiters dazu, dass er von ebendiesem gemocht wird. Eine positive Rückmeldung des Gruppenführers kann natürlich auch zu einer Statuserhöhung führen. Die Person mit niedrigem Status wird versuchen, öffentlich das positive Ergebnis einer Gruppenarbeit auf die Verantwortung des Gruppenführers zu attribuieren. Obwohl die Attribution der Verantwortung auf den Gruppenführer ein weitverbreitetes Phänomen ist (Meindl, Ehrlich & Dukerich, 1985), ist die öffentliche Verbalisierung während einer Gruppensituation eine Taktik, den Status in der Gruppe zu verstärken. Durch diese Verbalisierung kann das Mitglied mit dem niedrigen Status versuchen, Aufmerksamkeit zu erlangen und somit eine Kommunikation innerhalb der Gruppe zu beginnen. Eine weitere sinnvolle Taktik für Neueinsteiger kann die Einnahme von extremen Gruppenpositionen sein. Hierzu zählen die Rollen des Kritikers, des Konservativen, des Radikalen, des Freiwilligen und des Possenreißers. Diese Gruppenpositionen werden zumeist bewusst nicht sehr geschätzt, sie sind aber für das Funktionieren einer Gruppe sehr wichtig (Gouran, 1982). Sie dienen der Spannungsreduzierung in Gruppenkonflikten. Witze lockern die Atmosphäre auf und können zu einer kurzen Pause (und somit zur Reflexion) der Konfliktsituation führen. In Form von Witzen kann auch harsche Kritik an einzelnen Gruppenmitgliedern geübt werden, ohne dass diese Kritik Konsequenzen für den Possenreißer hat. Mit lustigen Anekdoten dürfen auch Gruppennormen verletzt werden, um damit mögliche Entscheidungsalternativen aufzuzeigen. Konservative und Radikale verdeutlichen hingegen die Normen und Werte der Gruppe, sie dienen auch als Referenzpunkte, an denen sich die Gruppenmeinungen orientieren (bzw. nicht orientieren) sollen. Freiwillige helfen die Gruppenarbeit zu erleichtern und bauen durch ihr Angebot der Mithilfe den Stress der einzelnen Gruppenmitglieder ab. Mit fortlaufendem Engagement wird man von den einzelnen Gruppenmitgliedern respektiert und integriert. Die einzelnen Rollen in der Gruppe werden einige Zeit beibehalten, oft so lange, bis ein neues Gruppenmitglied aufgenommen wird. Die vorher beschriebenen Taktiken können aber auch von Gruppenmitgliedern mit mittlerem und höherem Status angewandt werden. In Stress- und Konfliktsituationen erscheint es gerade für ein Gruppenmitglied mit höherem Status sinnvoll, eine extremere Position einzunehmen, um die Gruppe wieder zu homogenisieren (Ancona, Caldwell & O’Reilly, 1992).

Personen, die bereits in die Gruppe integriert wurden, beteiligen sich weiterhin an den Statuswettbewerben. Entweder werden sie versuchen, ihren mittleren Status zu halten, d.h. nicht aus der Gruppe ausscheiden zu müssen, oder ihren Status innerhalb der Gruppe zu verbessern. Sie orientieren sich in ihrer Position an den mittel- und langfristigen Zielen der Gruppe und setzen alles daran, dass die Gruppe diese Ziele auch erreicht. Wenn man nämlich einen Anteil an der Zielerreichung hat, festigt man seinen Status und hat die Möglichkeit, in der Gruppenhierarchie auch aufzusteigen. Eine erfolgreiche Taktik ist in diesem Falle der Hinweis auf und der Einsatz der eigenen, spezifischen Kompetenz zum Wohle der Gruppe. Gruppenmitglieder in mittlerer Position sind somit motiviert, dass andere Mitglieder der Gruppe ihre Einzigartigkeit wahrnehmen und anerkennen. In Gruppen mit klarer Aufgabenorientierung (task-performance group) und genauen Zieldefinitionen sowie transparenten Beiträgen zur Zielerreichung dient die spezifische Kompetenz auch als Basis der Statusgenerierung. Personen mit hoher Kompetenz, Probleme zu lösen werden mit einem hohen Status in der Gruppe belohnt (Pfeffer & Salancik, 1978). In Gruppen mit unklarer Zieldefinition ist es leichter die Wahrnehmung der Kompetenz durch andere Gruppenmitglieder mittels rhetorischen Fähigkeiten zu manipulieren. Oftmals wird versucht, jene Gruppenmitglieder, die ebenfalls eine Statuserhöhung anstreben und in den Wettbewerb eingetreten sind, mittels abfälligen Bemerkungen zu diskreditieren. Eine weitere Taktik, die Gruppenmitglieder auf seine Kompetenzen aufmerksam zu machen, ist die Re-definition der Problemsituation (shifting frame). Die Aufmerksamkeit der Gruppe wird hierbei auf Aspekte des Problems gelenkt, in denen das betreffende Gruppenmitglied die größte Kompetenz besitzt. Mit Fachtermini weist das Gruppenmitglied auf Lösungsmöglichkeiten hin. Der Einsatz der technischen Sprache schließt alle Mitglieder von der Entscheidungsfindung aus, die den Fachjargon nicht kennen. Für außenstehende Beobachter erscheint der verstärkte Einsatz der Fachsprache als Versuch der Gruppe eine rationale Lösung auf hohem Niveau zu finden. Eine weitere Taktik ist der Einsatz von externen Referenzen, die darauf hinweisen sollen, dass das betreffende Gruppenmitglied über die geeigneten Kompetenzen verfügt (z.B. „als ich damals in Harvard war, ...“). Diese Referenzen müssen nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun haben, sie dienen einzig der Aufmerksamkeitsgewinnung. So können auch Hinweise auf frühere Ausbildungen, andere Arbeitsstellen oder gar Hobbies als Referenzen dienen. Der Status-Wettbewerb in der mittleren Hierarchie-Stufe kann gefährliche Auswirkungen auf die Gruppenleistung annehmen. Die einzelnen Gruppenmitglieder dieser Hierarchie-Stufe versuchen, die Aufgaben so zu re-definieren, dass ihre eigene Kompetenz zum Tragen kommt und sie somit in der Hierarchie aufsteigen können. Die Hierarchie als Gesamtes kann hierbei in Frage gestellt werden.

Personen, die an der Spitze der Gruppenhierarchie stehen, haben in die momentane Hierarchie die meiste Arbeit investiert und sind somit motiviert, diese weiterhin aufrecht zu erhalten. Der Statuswettbewerb zwischen den Gruppenmitgliedern wird von ihnen definiert und kontrolliert. Insbesondere wird der Kommunikationsfluss zwischen den Gruppenmitgliedern initiiert oder verhindert (Kelley, 1951). Wenn eine statushöhere Person einer anderen das Wort erteilt, wird damit auch signalisiert, dass man Mitglied der Gruppe ist und zumindest angehört wird. Die angesprochene Person kann dann nämlich auch eigene Handlungen setzen, um ihren Status zu erhöhen. Die ranghöhere Person hat aber die Möglichkeit, den Kommunikationsprozess zu stören und somit den Statuswettbewerb zu unterbinden. Dieses Verhalten kann zu einer geringeren Gruppenleistung führen, da nicht mehr das Ergebnis der Gruppe sondern die Erhaltung der Hierarchie im Vordergrund steht (Owens & Sutton, 2001).

Das Eingreifen in den Kommunikationsprozess kann verbal oder nonverbal erfolgen. Nonverbale Gesten scheinen dieselben – wenn nicht sogar bessere – Möglichkeiten zu bieten, um Untergebene in ihre Schranken zu weisen. Ein starkes Kopfschütteln oder Augenverdrehen des Vorgesetzten führt meistens zu einem Abbruch der Argumentation durch den Untergebenen. Außerdem spielt die Kontrolle der Ressourcen eine Rolle. Wer den Flipchart-Stift oder die Overhead-Folien verteilt, ist in einer weit besseren Position. Als Vorgesetzter hat man auch die Möglichkeit zu einem Meeting zu spät zu kommen. Diese Verspätung hat den Vorteil, dass man beim Eintritt in den Raum die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gruppe genießt. Wenn man nun weiters anmerkt, dass man die Gruppe gleich wieder verlassen muss, bringt man die Untergebenen unter Druck und verdichtet die Kommunikation. Die Verspätung zeigt an, dass man eine gefragte Person ist und auch mit externen Personen, die nicht der Gruppe angehören, im ständigen Kontakt steht. Neue technische Spielereien (z.B. neue Pocket-Computer, Handys etc.) symbolisieren, dass man sich solche Dinge leisten kann – und wenn diese auf Firmenkosten angeschafft wurden – dass die Firma den Besitzer wertschätzt. Aufmerksamkeit erregt man, wenn diese Geräte akustische oder visuelle Signale abgeben, die nicht ignoriert werden können und die explizit vom Besitzer abgestellt werden müssen.