Wie man Fragen in politischen Interviews nicht beantwortet

Peter Bull & Date Mayer

University of York, United Kingdom

Political Psychology, Vol. 14, No.4, 1993, p.651-666

Zusammengefasst von Christina Pfeiffer

 

 

In der heutigen Zeit sind politische Interviews  im TV zu einer der wichtigsten Instrumente politischer Kommunikation geworden. Deshalb, wird den Kommunikationsfähigkeiten der Politiker immer mehr Bedeutung beigemessen und sie werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Die Konversation die in politischen Interviews statt findet, ist von besonderer Art. Es erscheint wie ein normales Gespräch, ist aber tatsächlich eine arrangierte Performance um ein potentielles Publikum zu erreichen. Um ein besseres Verständnis für politische Interviews zu bekommen, wurden an der Universität von York einige Studien durchgeführt. Gegenstand der Untersuchungen war die soziale Interaktion, im besonderen die Entwicklung von fein abgestimmten Codiersystemen im Hinblick auf die Transkription von Sprache und nonverbalem Verhalten.

In einer vorangegangenen Studie wurde zuerst ein System entwickelt um die Unterbrechungen zu analysieren (Roger, Bull & Smith, 1988). In einer zweiten Untersuchung wurden acht politische Interviews mit diesem System analysiert (Bull & Mayer, 1988).

Die Entwicklung solcher Codierverfahren ist notwendig, um die feinen persönlichen Stile zwischen den Politikern zu identifizieren. Auf lange Sicht erwartet man sich auch ein besseres Verständnis, wie Informationen in ausgestrahlten politischen Interviews,  ausgetauscht werden. Der Austausch von Informationen in politischen Interviews wird durch Regeln beeinflusst, die die Interaktion regulieren. Der Interviewer, zum Beispiel, beginnt und beendet das Interview, es wird von ihm erwartet, dass er Fragen stellt. Dasselbe gilt auch für den Interviewten, man erwartet, zum Beispiel, dass er die Fragen beantwortet. Politiker tun das oft nicht. Greatbatch (1986) beschreibt die „agenda-shifting procedures“, womit er meint dass Politiker das Thema wechseln entweder bevor oder nachdem sie geantwortet haben.

Wie auch immer, dieses ausweichende Verhalten hat schon viele Diskussionen ausgelöst und einige meinen es sei die Natur politischer Interviews. Politiker werden immer wieder in einen so genannten Vermeidungs-Vermeindungskonflikt gebracht. Dieser Konflikt tritt dann auf:

 ·        wenn der Zeitdruck zu groß ist, die Antwort auf ein komplexes Thema verlangt wird, er sich aber kurz halten soll

Ø       eine vereinfachte, unvollständige Antwort geben oder

Ø       der Frage ausweichen

·        Wenn er Informationen geheimgehalten muß

Ø       die Wahrheit sagen und sich damit angreifbar machen oder

Ø       dementieren

·        Wenn er die Antwort darauf nicht weiß

Ø       zugeben dass er es nicht weiß oder

Ø       eine Antwort fabrizieren

Ein weiterer zu beachtender Punkt ist die Frequenz der Unterbrechungen in politischen Interviews. Beattie (1982; Beattie et al.,1982) stellte in seiner Untersuchung fest, dass Margaret Thatcher sehr oft in politischen Interviews unterbrochen wurde, da sie „misleading turn-yielding cues“ gab. Der Interviewer bekam den falschen Eindruck, sie sei bereits fertig und begann weiter zu sprechen, obwohl sie noch nicht fertig war. Die Ergebnisse zeigten, dass der häufigste Grund für eine Unterbrechung seitens des Interviewers eine Umformulierung der Frage war.

In der nun folgenden Studie wollten Bull & Mayer das Ausmaß an ausweichendem Verhalten messen und eine Typologie des Nicht-Antwortens entwickeln.

 

Methode

 

Untersuchungsgegenstand

Politische Interviews von der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher und dem damaligen Oppositionsführer Neil Kinnock. Die TV-Interviews wurden von Sir Robin Day (50 Minuten), Jonathan Dimblebly (25 Minuten), David Dimbleby (7 Minuten) und David Frost (25 Minuten) geführt. Jeder Interviewer führte mit beiden Politikern ein gleich langes Gespräch.

 

Technik

 

Die Interviews wurden off-air aufgezeichnet und dann über Video analysiert.

 

Vorgehensweise

 

Die Interviews wurden off-air während er Genaral Election campaing 1987 aufgenommen. Zu jedem Interview wurde ein Protokoll erstellt und die Fragen der Interviewer waren identisch.

Die Antworten der Politiker wurden kodiert:

·       Antworten (die Frage wurde beantwortet)

·       Nicht-Antworten ( die Frage wurde nur teilweise oder nicht beantwortet)

·       answer by implication ( Politiker legt seine Sicht er Dinge dar, bezieht aber explizit keinen Standpunkt)

 

Weiters wurde eine Typologie des Nicht-Antwortens entwickelt. Sie besteht aus 11 Kategorien, die in 30 Subkategorien geteilt wurden.

  

Ergebnisse und Diskussion

 

 

Margret Thatcher

Neil Kinnock

t values

Nicht-Antworten

56

59

0,4637

Antworten

37

39

0,938

Answers by implication

6

1

1,578

 

Die Ergebnisse in bezug auf Antwort, Nicht-Antwort und answer by implication zeigen, dass beide Politiker auf mehr als die Hälfte der gestellten Fragen nicht geantwortet haben. Es gibt keine signifikanten Unterschiede zwischen Ihren Antwortmustern.

 

Typologie des Nicht-Antwortens

 

1.      Die Frage wird ignoriert

2.      Die Frage wird als solche akzeptiert, aber nicht beantwortet

3.      Frage wird hinterfragt

·       Verlangt eine Präzisierung der Frage

·       Gibt die Frage zurück

4.      Attackiert die Frage

·       Frage verfehlt den Inhalt

·       Frage ist spekulativ bzw. hypothetisch

·       Frage geht von falschen Voraussetzungen aus

·       Frage ist eindeutig unangebracht

·       Frage beinhaltet eine Fehlinterpretation

·       Frage beinhaltet einen Sachverhalt, der aus dem Zusammenhang gerissen wurde

·       Frage ist stellenswert

·       Frage beinhaltet eine falsche Alternative

5.      Attackiert den Interviewer

6.      verweigert die Antwort

·       verweigert Antwort aufgrund von Unwissen

·       will nicht antworten

7.      Politisches Statement wird abgegeben

·       externe Attacke (gegen Opposition oder rivalisierende Gruppen)

·       präsentiert politische Handlung

·       rechtfertigt politische Handlung

·       Bestätigung

·       verweist auf Nationalismus

·       bietet eine politische Analyse an

·       rechtfertigt sich

·       lobt die eigenen politischen Handlungen

8.      Unvollständige Antwort

·       unvollständige Antwort auf einfache Frage

·       unvollständige Antwort auf zweifache Frage

·       beginnt zu Antworten aber bringt die Antwort nicht zu Ende

·       negative Antwort (es wird erwähnt was NICHT passieren wird)

 

9.      Antwortet auf die vorhergehende Frage nochmals

 

10.   Behauptet, dass die Frage schon beantwortet wurde

 

11.   Entschuldigt sich

 

Das Profil des Nicht-Antwortens der beiden Politiker ist hoch signifikant mit einer Korrelation von .93 und das Antwortmuster der beiden ist auch sehr ähnlich. Ein politisches Statement abgeben war bei beiden die am häufigsten registrierte Strategie. Obwohl die beiden Politiker ein sehr ähnliches Muster aufweisen, gibt es doch stilistische Einzelheiten, die von dem einen verwendet werden, vom anderen aber nicht.

In 13% ihrer Nicht-Antworten hat Margaret Thatcher den Interviewer attackiert. Diese Taktik, den Interviewer durch eine aggressive Strategie anzugreifen, ist konsistent mit Ergebnissen aus vorangegangenen Studien.

Die häufigsten Strategien die Neil Kinnock verwendet hat waren negative Antworten (7%), behaupten dass die Frage schon beantwortet wurde      (7%), und die Frage zurückzugeben (3,5 %).

Die defensive Taktik von Neil Kinnock unterscheidet sich drastisch von der aggressiven Taktik Margaret Thatchers.

Eine Möglichkeit die Effizienz der Taktiken zu messen, ist die Antwort der Interviewer zu betrachten. Wenn Margaret Thatcher den Interviewer attackiert, dann formuliert er eher eine neue Frage, als dass er die alte umformuliert (in 83% der Fälle). Die Nicht-Antwort Strategien von Neil Kinnock hingegen führen in den meisten Fällen zu Umformulierungen. Die defensive Taktik von Kinnock lädt die Interviewer förmlich ein an dem Thema „dran“ zu bleiben.

Die Ergebnisse zeigen, dass bei einer groben Analyse die Nicht-Antwort Strategien der beiden Politiker sehr ähnlich sind, geht man allerdings tiefer, kann man den persönlichen Stil des einzelnen sehr wohl deutlich erkennen.

Die Autoren merken trotz den vorliegenden Ergebnissen an, dass diese Studie eine Einführung in die Analyse von Ausweichendem Verhalten in politischen Interviews sein soll. Es gibt noch viele Punkte die hinterfragt werden müssen.

Es ist zu eruieren, ob das Codiersystem generalisierbar ist, die Typologie des Nicht-Antwortens wurde induktiv an Hand von vier Interviews mit zwei Politikern entwickelt. Weiters stellt sich die Frage warum gerade in politischen Interviews ausweichendes Verhalten so häufig auftritt und ob bzw. wann es gerechtfertigt ist. Es wird sinnvoll sein, in einem weiteren Schritt die Fragestrategien der Interviewer zu untersuchen, um herauszufinden ob es Fragen gibt die effektiver sind als andere um ausweichendes Verhalten einzuschränken.

Den Theoretischen Wert dieser Studie sehen die Autoren darin, dass durch die Analyse erkannt werden kann wodurch der Informationsaustausch in politischen Interviews erleichtert bzw. behindert wird. Es ist anzumerken das in der Praxis das Risiko besteht, dass solche Studien von den Politikern einfach als eine Möglichkeit gesehen werden ihre Fähigkeiten zu verbessern. Gleichzeitig weisen diese Untersuchungen die Menschen auf ausweichendes Verhalten hin und ihre Aufmerksamkeit wird solchen Strategien gegenüber erhöht. Außerdem sind Studien dieser Art für politische Interviewer auch sehr nützlich, da diese ihre Fähigkeiten gezielt entwickeln können.