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[An Max Bord]
[Prag, ca. Mitte März 1906]

a) Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt ästhetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sphäre des Willens fällt, erweckt ästhetische Freude. Sagt man es aber doch, dann würde es bedeuten, nur eine neue Vorstellung können wir derart aufnehmen, daß unsere Willenssphäre nicht berührt wird. Nun ist es aber sicher, daß es neue Vorstellungen gibt, welche wir nicht ästhetisch werten. Welchen Teil der neuen Vorstellungen werten wir also ästhetisch? Die Frage bleibt.
b) Es wäre notwendig, die "ästhetische Apperception", einen bisher vielleicht nicht eingeführten Ausdruck, ausführlicher oder eigentlich überhaupt zu erklären. Wie entsteht jenes Lustgefühl und worin besteht seine Eigenart, wodurch unterscheidet es sich von der Freude über eine neue Entdeckung oder über Nachrichten aus einem fremden Land oder Wissensgebiet.
c) Der hauptsächliche Beweis für die neue Ansicht ist eine allgemeine physiologische, nicht nur ästhetische Tatsache, und das ist die Ermüdung. Nun ergibt sich einerseits aus deinen vielen Einschränkungen des Begriffes "neu", daß eigentlich alles neu ist, denn da alle Gegenstände in immer wechselnder Zeit und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders, so müssen wir ihnen immer an einem andern Ort begegnen. Andererseits aber ermüden wir nicht nur beim Genießen der Kunst, sondern auch beim Lernen und Bergsteigen und Mittagessen, ohne daß wir sagen dürften, das Kalbfleisch sei keine uns entsprechende Speise mehr, weil wir heute ihrer müde sind. Vor allem aber wäre es unrecht zu sagen, daß es dieses doppelte Verhältnis zur Kunst gebe. Lieber also: der Gegenstand schwebt über der ästhetischen Kante und Müdigkeit (die es eigentlich nur zur Liebhaberei der knapp vorhergehenden Zeit gibt), also: der Gegenstand hat das Gleichgewicht verloren, und zwar im üblen Sinn. Und doch drängt deine Folgerung zum Arrangieren dieses Gegensatzes, denn Apperception ist kein Zustand, sondern eine Bewegung, also muß sie sich vollenden. Es entsteht ein wenig Lärm, dazwischen dieses bedrängte Lustgefühl, aber bald muß alles in seinen gehöhlten Lagern ruhen.
d) gibt es einen Unterschied zwischen ästhetischen und wissenschaftlichen Menschen.
e) Das Unsichere bleibt der Begriff "Apperception". So wie wir ihn kennen, ist es kein Begriff der ństhetik. Vielleicht läßt es sich so darstellen. Wir sagen: ich bin ein Mensch ganz ohne Ortsgefühl und komme nach Prag als einer fremden Stadt. Ich will dir nun schreiben, kenne aber deine Adresse nicht, ich frage dich, du sagst sie mir, ich appercipiere das und brauche dich niemals mehr zu fragen, deine Adresse ist für mich etwas Altes, so appercipieren wir die Wissenschaft. Will ich dich aber besuchen, so muß ich bei jeder Ecke und Kreuzung immer, immer fragen, niemals werde ich die Passanten entbehren können, eine Apperception ist hier überhaupt unmöglich. Natürlich ist es möglich, daß ich müde werde und ins Kaffeehaus eintrete, das am Wege liegt, um mich dort auszuruhn, und es ist auch möglich, daß ich den Besuch überhaupt aufgebe, deshalb aber habe ich immer noch nicht appercipiert.
"So erklärt sich zwanglos" ... das darf nicht wundern, denn schon vom Anfang an wird vorgreifend alles gezwungen, sich an die Apperception zu halten wie an ein Geländer. "Aus derselben Theorie erklärt" ... das ist ein Kunststückchen. Auf diesen Satz folgt nämlich, soweit ich es überblicke, ihr einziger Beweis, den du also zuerst und nicht als Folgerung erfahren mußtest. "Man hütet sich instinktiv" - der Satz ist ein Verräter.

(Das Manuskript bricht hier ab, obwohl auf der 5. Seite noch einiger Raum und die 6. Seite ganz unbeschrieben ist.)


Max Brod schreibt über dieses Manuskript: "Es handelt sich um die Ausarbeitung eines polemischen Gedankens gegen mich, um Kafkas Antwort auf zwei Artikel von mir, die in der Berliner Wochenschrift "Gegenwart" (Herausgeber Ernst Heilborn) am 17. und 24. Februar 1906 unter dem Titel "Zur ństhetik" erschienen sind. In diesen Artikeln hatte ich schlicht und in jugendlichem Leichtsinn (damals war ich noch nicht 22 Jahre alt) behauptet, die Kategorie "schön" sei einfach durch die Kategorie "neu" zu ersetzen. Die "neue Apperzeption" oder "Wahrnehmung plus innerliche Verarbeitung des neuen Eindrucks", wie ich sie im Anschluß an Herbart und Wundt definierte, stelle das Wesen der Schönheit dar.
Meine Freunde Felix Weltsch und Kafka protestierten heftig. ...
Kafka aber war durch mein Postulat gereizt. Und schrieb, wiewohl damals gerade an seinen juristischen Schlußprüfungen laborierend (Brief vom 16. März 1906), die folgenden Seiten nieder, die er dann wohl mir überreicht hat. - Die Schrift ist gotisch, sogenanntes Kurrent. Der Duktus genau wie in der "Beschreibung des Kampfes", an die auch die schulmäßige Einteilung a), b), c) usw. erinnert. ...
Das Manuskript besteht aus drei Oktavblättern, jedes zwei Seiten umfassend, mit Bleistift geschrieben, stellenweise verwischt, schwer lesbar. Eines der Worte konnte nicht mit Sicherheit entziffert werden. - Auf dem letzten Blatt ist nur eine Seite beschrieben und der Text bricht ab. Die Größe der Blättchen: 17 cm hoch, 10,5 cm breit. Das letzte Blatt um 2 cm weniger hoch." [Max Brod: Der Prager Kreis. - Stuttgart u.a. : Kohlhammer, 1966. S. 93 - 95.]

Letzte Änderung: 10.12.2015werner.haas@uibk.ac.at