Aus dem zur Zeit (2013) leider vergriffenen Band: Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972). Wien : Inlibris, 2003.

1. Franz Kafka an Robert Klopstock

Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (29 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Tatranské-Matliary | posta Tatranská Lomnica | Slovensko“) und eh. Absender („Dr Kafka Praha | Staromestské námestí | 6“). Mit schwacher vertikaler Knickspur. 8vo (9:13,8 cm). Prag, 7. IX. [ 19]21 (Dat. nach Poststempel). - Beiliegend ein von R. Klopstock beschr. Umschlag mit irrtümlicher Datierung: „Oct. 7. 1921 Prag Anmerkung über Ernst Weiss.“.

Lieber Robert, wie ist denn das; ich hätte gar | nicht geschrieben? 2 Briefe und eine Karte, es | kann doch nicht alles verloren sein. In dem | einen Brief schrieb <ich> von Prof Münzer, zu dem | ich einen guten Weg gefunden habe und ich | fragte, wann ich anfangen soll etwas zu tun | und in welcher Richtung und mit welchen | Dokumenten. - Ich bin müde und schwach | und alle sind hier stark und frisch. Eben | ist Ernst Weiss hiergewesen, gar nicht böse, | freundlich, und auch im Ganzen sanfter || als sonst. Er erhält | sich sichtbar nur durch | seinen Willen gesund | und sehr gesund. | Wenn er wollte, könnte | eb er ebenso krank | sein, wie nur irgend- | jemand sonst. | Viele Grüsse |

K

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (41/2 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 351

1] wie ist denn das; ich hätte gar nicht geschrieben? 2 Briefe, in Br: wie ist denn das: ich hätte gar nicht geschrieben? Zwei Briefe

2] es kann doch nicht alles verloren sein: Zumindest eines der hier von Kafka verloren geglaubten Schreiben dürfte lediglich verspätet zugestellt worden sein, da jener Brief, auf den sich die Zusammenfassung schrieb <ich> von Prof Münzer [...] bezieht, überliefert ist: Im ersten erhalten gebliebenen Brief an Klopstock nach seiner Rückkehr aus Matliary schildert Kafka unterm 2. September (dat. nach Br) seine Fahrt nach Prag und teilt ihm mit, daß er „durch Verwandte eine sehr gute Verbindung mit Professor Münzer habe. Wenn überhaupt die Möglichkeit einer derartigen Anstellung besteht, wird sie für Sie zu erreichen sein, gar wenn man es rechtzeitig - also z. B. jetzt für Feber - vorzubereiten anfängt. Schicken Sie mir nur irgendwelche Dokumente, den Brief des Professors udgl. [...]“ (Br 349, vgl. auch 514, Anm. 24).

3] In dem einen Brief schrieb <ich> von Prof Münzer, zu dem ich einen guten Weg gefunden habe und ich fragte, wann ich anfangen soll etwas zu tun und in welcher Richtung und mit welchen Dokumenten: Fehlt in Br. — Nachdem Kafka sich vergeblich darum bemüht hatte, Klopstock eine Stelle in Jakob Hegners Druckerei in Hellerau zu verschaffen (vgl. Nr. 2, Anmerkung 13), versuchte er ihm durch einen ihm entfernt bekannten Arzt eine Stelle in Prag zu verschaffen, da Klopstock, der sich abwechselnd in Ungarn und Matliary aufhielt, aus mehreren Gründen daran interessiert war, in Prag zu studieren. Obgleich Kafka ihm anfangs noch sehr persönlich gefärbte Bedenken mitteilte (vgl. Nr. 8), gediehen Klopstocks Pläne weiter, und Kafka unternahm in der Folge mehrere, tls. auch erfolgreiche Versuche, Klopstock beim Beschaffen eines Passes, einer Aufenthaltserlaubnis, einer Unterkunft u. a. behilflich zu sein. Im Mai 1922 schließlich immatrikuliert Klopstock an der Deutschen Universität Prag, wohnt vorübergehend im Hause von Kafka bzw. von dessen Eltern am Altstädter Ring und findet später ein Quartier in der Bolzanogasse 7/III/12 (vgl. Nr. 19; eine Abbildung von Klopstocks „Nationale“ (Personalakte) an der Karlsuniversität findet sich in KLJ 83).

4] Prof Münzer. Die Verbindung zu Egmont Münzer (1865-1924), seit 1907 a.o. Professor an der Deutschen Universität Prag, war, wie Kafka in einem im Dezember des Jahres verfaßten Brief an Klopstock schreibt, durch seinen Cousin Robert (1881— 1922) zustande gekommen, „der mit Münzer durch seine Frau verwandt ist“ (Nr.

11). Der Zweitälteste Sohn von Filip Kafka (1846—1914) - dem Onkel väterlicherseits -, der nach seiner Promotion eine Advokatur in Kolin, später in Prag geführt hatte, war seit Juli 1916 mit Elsa Robicek verheiratet (vgl. WKC 132; zu Robert Kafka KM 66f. sowie hier Nr. 10, 11 und 13). — Der Internist Egmont Münzer selbst, der überwiegend mit neurologischen Studien beschäftigt und nebenbei auch auf dem Gebiet der Stoffwechsel- und Gefäßpathologie tätig war, entdeckte zusammen mit Jakob Singer (1853-1926) u. a. den Aufbau der Hinterstränge des Rückenmarks aus den hinteren Wurzeln. Ihm zu Ehren wurde eine Stiftung seines Namens errichtet. Vgl. auch Nr. 3, 8, 11, 13, 25 und 29.

5] Eben ist Ernst Weiss hiergewesen: in Br: Eben ist Ernst Weiß hier gewesen — Der aus Brünn (Mähren) stammende Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß (1882—1940) war seit 1913 mit Kafka befreundet. Er war es, der Kafka nachdrücklich von einer Ehe mit Felice Bauer (1887-1960) abriet. Gemeinsam mit ihm, „F. s Feind“ - wie er ihn in einem Brief an Felices Freundin Grete Bloch (1892—1944) vom 18. V. 1914 nennt (BF 579) -, und dessen Freundin, der Tänzerin und Schauspielerin Rahel Sanzara (1894—1936), verbringt Kafka nach der gelösten Verlobung mit Felice einige Tage im dänischen Ostseebad Marielyst, wo sie gemeinsam an der Korrektur von Weiß’ Roman Der Kampf arbeiten (vgl. WKC 119). Nachdem Franz und Felice Ende Oktober/Anfang November einander wieder nähergekommen waren, notiert Kafka unterm 24. Jänner 1915 am Ende einer langen Eintragung über seine Beziehung zu Felice: „Diese Gruppe: Dr. Weiß sucht mich zu überzeugen, daß F. hassenswert ist, F. sucht mich zu überzeugen, daß auch W. hassenswert ist. Ich glaube beiden und liebe beide oder strebe danach“ (TKAI 724).

2 Eigenh. Brief mit U. („K“). 1 Seite (39 Zeilen in Bleistift auf 1 Bl. [Rückseite eines gedr. Formulars der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt]). Mit mehrfacher horizontaler und vertikaler Faltspur. Mittig und am oberen Rand zwei kl. Papierdurchbrüche in der Faltung; am rechten Rand Perforationsspuren. Folio (21:33,2 cm). [Prag], [Mitte September 1921] (Dat. nach Br, abweichend hiervon die Datierung von R. Klopstock am beiliegenden Umschlag „Febr. 1922?“).

Lieber Robert, es ist ja nicht so schlimm, es ist bloss nicht | gut und ich fahre gewiss, wahrscheinlich nach Görbersdorf, | es scheint dort nicht teuerer zu sein als in Matlar, freilich | wäre ich lieber irgendwohin weiter gefahren an den Rhein | oder nach Hamburg, ich habe aber keine richtigen Antworten | von dort bekommen. Über 37'3 geht die Temperatur nicht, | aber über 37 ist sie täglich. |

Warum schreiben Sie nichts von sich? Gesundheit, Smokovec, | Empfehlungsbrief, Aussee udgl. |

Ilonka hat Chokolade geschickt, das ist sehr lieb von ihr; wie | eine kleine Vasallin schickt sie den Tribut und wagt | gar nichts dazu zu sagen. Wie still sie war und in der | Erinnerung ist sie noch stiller geworden. | Max hat in [i>I]hres Bruders Sache nichts Neues gebracht, der | Krasnojersker

an Robert Klopstock 13

14 Franz Kafka


Kat.-Nr. 2


kennt Ihren Bruder nicht, übrigens war Max | in Karlsbad in einem äusserst quälenden unaufhörlichen | Hin-und-Her, es ist möglich, dass sonst mehr zu erfahren | gewesen wäre. Die von Diamantstein mir geschickte Adresse | Ihres Bruders, an die ich telegraphiert habe, ist: Moskau, | Narodní Komissariat pro technicesko upravlenie | (Im Telegramm war es ein wenig verdruckt, Max hat | von einem Russen überprüfen lassen) |

[E>L]etzthin war Janouch hier, nur für einen Tag vom Land, | er hat sich brieflich angezeigt, er ist gar nicht böse und | Ihr Brief besonders hat ihm viel Freude gemacht. Er | kam zu mir ins Bureau, weinend, lachend, schreiend, | brachte mir einen Haufen Bücher, die ich lesen soll, dann | Äpfel und schliesslich seine Geliebte, eine kleine freundliche | Försterstochter, er wohnt draussen bei ihren Eltern. Er nennt | sich glücklich, macht aber zeitweise einen beängstigend | verwirrten Eindruck, sieht auch schlecht aus, will einen | Maturakurs machen und dann Medicin („weil es eine stille beschei- | dene Arbeit ist“) oder Jus („weil es zur Politik führt“) studieren. | Welcher Teufel heizt dieses Feuer? |

Holzmann wird in Heidelberg studieren? <Bei Hegner war er also nicht? Schade. > Dann gehört er schon zum | Teil Stefan George, es ist kein schlechter, aber ein strenger Herr. | Was machen die Matlarer, Glauber vor allem, seine Poprader Pläne, | wie hat die Münchner Akademie geantwortet? Ist Szinay schon dort? | Viele Grüsse    Ihres    K.

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (9 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 352

1] Görbersdorf. Im schlesischen Görbersdorf (poln. Sokolowsko) hatte Hermann Breh-mer (1826-1889) noch mit auf Alexander von Humboldt (1769—1859) und Johann Lukas Schönlein (1793-1864) zurückgehender Unterstützung 1863 das erste, ausschließlich für tuberkulöse Lungenkranke bestimmte ,Luftkursanatorium‘ gegründet, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs so zahlreich frequentiert wurde, daß „Gör-bersdorf" und „Lungenheilanstalt“ für lange Zeit als synonym gegolten haben. - Vor der Abreise aus Matliary waren Kafka von seinem behandelnden Arzt Dr. Leopold Strelinger deutliche Genesungsfortschritte konstatiert worden, kurze Zeit nach seinem Eintreffen in Prag jedoch informiert er sich erneut über die Möglichkeit eines Sanatoriumsaufenthalts, am 13. September legt der zuständige Arzt der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (AUVA) eine Fortsetzung der Behandlung nahe. Am 17. Oktober schließlich läßt er sich auf Veranlassung seiner Eltern erneut untersuchen, und am 29. wird ihm seitens der AUVA ein dreimonatiger Genesungsurlaub bewilligt, der Ende Jänner 1922 noch einmal um weitere drei Monate bis Ende April verlängert wird. Am 27. Jänner reist Kafka gemeinsam mit Dr. Otto Hermann — der ihn im Oktober untersucht hatte - denn doch nicht nach Görbersdorf, sondern nach Spindelmühle ins Riesengebirge (vgl. WKC 179ff. sowie Nr. 14), von wo er am 17. Februar wieder nach Prag zurückkehrt (vgl. TKA | 907 sowie Nr. 18, Anmerkung 3).

2] weiter gefahren an den Rhein: in Br: weiter gefahren, an den Rhein

3] Smokovec. In dem nur eine Wegstunde von Matliary entfernten Novy Smokovec befand sich das Sanatorium Dr. Szontaghs, wo Kafka sich gleichfalls untersuchen ließ und eine Zeitlang gar in Behandlung zu gehen beabsichtigte (vgl. BKFB 284, Br 283, 291, 320 sowie BO Nr. 88, 89 und 95), da u. a. Heinrich Kral, der Hausarzt der Familie Kafka, Max Brod gegenüber geäußert habe, daß Matliary - wie Brod Kafka mitteilt -

an Robert

„überhaupt nicht das Richtige für dich war und daß er Dir stets ein spezifisches Lungenheilsanatorium empfohlen hat. Solche gibt es in Wien, bei Berlin, auch in Schlesien eines und Ples in Böhmen [...]“ (Max Brod, Franz Kafkas Krankheit. In: Therapeutische Berichte 39, Nr. 264 [1967], S. 270; zit. n. BO 203f., Hervorhebung i. O.)

4] Ilonka: vgl. Anm. 14

5] Max hat in [i>I]hres Bruders Sache [...]Max hat von einem Russen überprüfen lassen: Fehlt in Br. - Über Klopstocks Bruder Hugo Georg (geb. 1891) erfährt man näheres in einem Brief an Max Brod (dat. Ende April 1921): „Dieser Bruder, 28 Jahre alt, Ingenieur, seit 5 Jahren glaube ich in Rußland, zuerst kriegsgefangen, seit der Sowjetherrschaft zwangsweise in Rußland zurückgehalten, als Ingenieur und Sowjetbeamter in einer Fabrik beschäftigt, übrigens während der Kriegsgefangenschaft Zionist geworden, Gründer eines Vereins in Krasnojarsk. Während Briefe von ihm zwar selten, aber doch immerhin noch regelmäßig herkommen, ist es, ich verstehe nicht warum, schon seit 2 Jahren unmöglich Briefe von hier zu ihm zu bringen [...] Nun wird aber die Sache dringender. Durch einen aus Rußland Zurückgekehrten hat man erfahren, daß der Bruder bald nachhause, also nach Budapest zurückzukehren beabsichtigt. Der Mediciner hält das aber wegen des Horthy-Regimes für sehr gefährlich. Die Spionage in dieser Hinsicht ist in Ungarn sehr ausgebildet, viele Ungarn haben den Bruder in Moskau gesehn, er ist Sowjetangestellter, vielleicht organisiert, verdächtig ist auch daß er solange in Rußland geblieben ist. Der Mediciner fürchtet nun daß bei seiner Rückkehr zumindest Verhöre, Untersuchungen, wenn nicht ärgeres stattfinden wird. Davor will er den Bruder bewahren und schreibt ihm also den beiliegenden Brief. Wüßtest Du Max eine Möglichkeit ihn zu befördern. Es gibt ja eine tschechoslowakische Mission in Moskau, wäre es vielleicht durch sie möglich?“ (BKFB 340). Zu Klopstocks Bruder vgl. auch Nr. 4, 11 und 12.

6] übrigens war Max in Karlsbad in einem äusserst quälenden unaufhörlichen Hin-und-Her. Seinem Tagebuch zufolge (vgl. BKFB 506, Anm. 78) war Max Brod von 31. August bis 5. September als Teilnehmer des XII. Zionistenkongresses (1.-11. September) in Karlsbad; die Wendung quälende[s] unaufhörliche[s] Hin-und-Her bezieht sich auf Brods Dreiecksverhältnis zwischen ihm, seiner Gattin Elsa (geb. Taussig, 1883— 1942) und seiner Geliebten Emmy Salveter, die ihn nach Karlsbad begleitet hatte (vgl. BFKB 365). — An besagtem Kongreß nahm übrigens auch Martin Buber teil (vgl. Nr. 27, Anmerkung 5), der in seiner Rede für ein friedliches Zusammenleben mit der arabischen Bevölkerung Palästinas eintrat, die durch die jüdische Besiedlung nicht verdrängt werden dürfte.

7] Diamantstein: n. e.

8] Moskau, Narodní Komissariat pro technicesko upravlenie. n. e.

9] war Janouch hier. Gustav Janouch (1903—1969), der Sohn von Kafkas Arbeitskollegen Gustav Kubasa in der AUVA, war seit April 1919 mit Kafka bekannt; seine u. a. hinsichtlich ihrer Authentizität nicht unumstrittenen Gespräche mit Kafka erschienen

1951.

10] und Ihr Brief besonders hat ihm viel Freude gemacht, in Br: und besonders Ihr Brief hat ihm viel Freude gemacht

11] eine stille bescheidene Arbeit in Br: eine stille, bescheidene Arbeit

12] Holzmann wird in Heidelberg studieren: Rotraut Hackermüller zufolge war Holzmann ein junger Medizinstudent, „der später Chefarzt in Matliary wird, dann das Sanatorium Bellevue in Oberschmecks gründet und als Dr. Horny den Freitod wählt“ (KLJ 66).

13] Hegner. Im Juni desselben Jahres schrieb Kafka, der den Verleger Jakob Hegner

(1882-1962) ersucht hatte, Robert Klopstock in seiner Druckerei in Hellerau zu beschäftigen, seinem Freund, daß bislang keine Antwort gekommen sei: „Von Hellerau kommt nichts, es macht mich trübsinnig. Wenn Hegner nachdenkt, so hätte er doch gleich eine Karte schicken können mit der Mitteilung, daß er nachdenkt. Unser Interesse an Hellerau ist unlöslich eines“ (zit. n. Br 334, vgl. auch 513, Anm. 17). Ein letztes Mal noch, Anfang September des Jahres, kommt Kafka in der Frage von Klopstocks Beschäftigung darauf zu sprechen: „Mit Pick habe ich gesprochen, er weiß sogar von meinem Brief an Hegner. Hegner hat - was man nicht voraussehn konnte

— die gute, den andern allerdings etwas nervös machende Gewohnheit, wenn er nicht ,Ja‘ sagen kann, überhaupt zu schweigen. Nebenbei hat er einmal zu Pick gesagt: .Kafka schreibt mir, ich soll einen Freund von ihm ein Jahr lang in der Druckerei anstellen. Was soll ich auf so etwas antworten?' Mit dieser rhetorischen Frage war unsere Angelegenheit erledigt. Holzmann hat aber - wie Pick sagt — gar nichts zu fürchten, wird sogar herzlich empfangen werden [...]“ (Br 350). - Jakob Hegner war auch ein enger „Freund und Diskussionsgegner“ (PK 97) des seit 1912 in Hellerau lebenden Schriftstellers Paul Adler (vgl. Nr. 3, Anmerkung 3 und Nr. 7, Anmerkung 2).

14] Was machen die Matlarer, Glauber vor allem [...]: Dr. Glauber — von Beruf vermutlich Zahnarzt oder -techniker (vgl. EaFK 156 und BO 207, Anm. zu Brief 100)

- war neben Arthur Szinay, Ilonka Roth und Susanne Galgon einer von Kafkas Mitpatienten in Matliary, nach denen Kafka sich nach seiner Abreise Ende August 1921 wiederholt erkundigte. Einer Postkarte von Kafka an Robert Klopstock (Poststempel 27. VIII. 1923; Nr. 27) ist zu entnehmen, daß Dr. Glauber im Sommer des Jahres 1923 verstarb (nicht alt an Jahren, wie eine erhalten gebliebene Ansichtspostkarte von Juni 1921 zeigt [vgl. BO Tafel 19 zu Brief Nr. 100 und WB 179]); in besagter Postkarte nennt Kafka ihn als einen der „fröhlichsten Menschen“, die er damals kennengelernt habe (Nr. 27 sowie Br 443 und 517, Anm. 8; zu Glauber vgl. auch Nr. 7, 8, 10, 11 und 27, Anmerkung 2).

3 Eigenh. Brief mit U. („K“). 21/2 Seiten (53 Zeilen in Tinte auf blau kariertem Doppelblatt). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur. Gr.-8vo (14,4:22,9 cm). [Prag], [Ende September 1921] (Dat. nach Br, abweichend hiervon die Datierung von R. Klopstock am beiliegenden Umschlag „Anf. November 1921“).

Lieber Robert, gut dass ich noch paar Tage | Zeit habe zum Professor zu gehn. Der | Pommersche Besuch ist recht gut abge- | laufen, war auch ganz kurz, nun aber | ist etwas Grösseres geschehn, die Briefschreiberin, | deren scharfe regelmässige Schrift Sie kennen, | ist in Prag und es beginnen die schlaflosen | Nächte. |

Wenn Frl. Irene es so auffasst, wie Sie im | letzten Brief, dann ist es ja gut, bleibt | nur die Trauer um den Zipser Ehemann, aber | sie wäre wohl für ihn zu zart gewesen. Ich | freue mich ja sehr dass sie hinauskommt. | Es war wie ein Würfelspiel, zuerst schien es es, dass | Ihr Schüler Hellerau gewinnen werde, dann | hatte mein Neffe Aussichten, dann Sie (mit | mir als Anhang) dann Holzmann und | schliesslich gewinnt es Frl. Irene, von der wir | gar nicht wussten, dass sie mitspiele. I

Ist ein Telegramm von Dresden schon gekommen? |

Ihre Kousine bleibt längere Zeit in Berlin? | Malt dort? || Nach Barl, komme ich nicht, Robert. Ich | hätte noch lange in der Tatra bleiben können, | aber wieder zurückzukommen, das wäre mir | so, wie wenn ich mich mit meiner eigenen | Krankheit, die dort geblieben ist (ohne dass ich | deshalb weniger hätte) wieder anstecken wollte. | Ich will die Krankheit wieder anderswo tragen. | Auch wollen die Ärzte ein regelrechtes Sanatorium | mit Abreibungen, Packungen, Quarzlampe, | und besserer Kost, dabei ist es in Görbersdorf nicht teuerer als in Matlar, freilich auch | nach Görbersdorf zu fahren, freut mich nicht. | Unser Genferseeplan war doch der beste. |

Wunderbar ist es wie der Wille mit | der Krankheit spielt, freilich auch wie schreck | lich mit dem Willen gespielt wird. Seit 2 | Tagen huste ich kaum, das wäre nicht so | merkwürdig, aber ich spucke auch kaum | und habe in Mengen gespuckt. Aber | ich wäre lieber, ich hustete ehrlich, statt | diesen „Pneumothorax“ zu tragen. |

Mit der Selbstwehr und der Kongresszeitung || geht es mir so wie Ihnen, ich bekomme sie | auch nicht. Kommen sie nicht nach Matlar? |

Ist denn Szinay lungenkrank? Wohin | geht er nach Unterschmecks? <Ach so, Unterschmecks, das ist | ja kein Lungenkurort?> Und Frau | Galgon? Fahrt Frl. Ilonka irgendwohin? |

Leben Sie wohl | Ihr |

K

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 353f.

1] gut dass ich noch paar Tage: in Br: gut, daß ich noch ein paar Tage - Professor. Egmont Münzer, vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 8, 11, 13, 25 und 29

2] Der Pommersche Besuch. Minze Eisner (1901-1972), die „Gärtnerin aus Pommern“, wie Kafka sie an anderer Stelle (Br 353) nennt, lernte Kafka im November 1919 während seines zweiten Aufenthaltes in Schelesen (4.-20. November) kennen. Nachdem eine Heirat mit Julie Wohryzek (geb. 1891) Ende Oktober/Anfang November schlußends gescheitert war und er in der Pension Stüdl den Brief an den Vater begonnen hatte, begegnete er dem neunzehnjährigen, aus einer reichen jüdischen Familie in Teplitz stammenden Mädchen, das nach dem Tod seines Vaters ein unstetes Wanderleben begonnen hatte und nun gleichfalls in Schelesen Erholung (nur seinerseits „nach langer Krankheit“, Br 511, Anm. 8) suchte. Nach ihrer Abreise aus Schelesen häufig schriftlich miteinander verkehrend, hielten sie den Kontakt bis zu Min-zes Hochzeit im März 1923 (vgl. Br 429) aufrecht. Wohl unter dem Einfluß Kafkas, der ihr gelegentlich als väterlicher Freund zuriet, nahm sie Anfang 1921 eine Stelle als Lehrling in einer Gärtnerei an (vgl. auch Br 300f. und 310). Zu einer Abb. Minze Eisners vgl. WB 175. - Zu Kafkas Aufenthalt in Schelesen und seiner Bekanntschaft mit dem jungen, „mit schwerem Seelenerbe und leerem Leben belastet[en]“ Mädchen vgl. auch Dora Geritts Kleine Erinnerungen an Franz Kafka (in Deutsche Zeitung Bo-hemia vom 27. II. 1931, S. 6; wiederabgedruckt in EaFK 144f. unter dem Titel Kafka

Kat.-Nr. 3 (Seite 1)

in Schelesen), wo die von Hartmut Binder als Olga Stüdl identifizierte Leiterin von Kafkas Pension besonders die pädagogischen Bemühungen ihres Gastes hervorhebt: „Er warnte, beschwor, lehrte sie, sich der Zukunft in Arbeit zu ergeben und alle Besserung in Wirken und Leisten zu erhoffen. - Als er abreiste, blieb sie lange in Briefwechsel mit ihm und wurde selbständige Landwirtin“. Zu H. Binders Nachweis der Identität von Olga Stüdl und Dora Geritt vgl. KinS 422f.

3] die Briefschreiberin [...] ist in Prag. Irene Bugsch - Tochter von Aladár (Alexander) Bugsch, einer der Mitinhaber des Sanatoriums in Matliary - gehörte neben ihrer Schwester Margarete und Robert Klopstock zu Kafkas engerem Freundeskreis während seines halbjährigen Kuraufenthalts (18. Dezember bis etwa 26. August 1921) in der Tatra. Als „Frl. Irene“ findet sie wiederholt in seinen Briefen an Klopstock Erwähnung. Damals sechsundzwanzigjährig, bewarb sie sich um die Aufnahme an der Dresdner Kunstakademie (später Staatliche Akademie für Kunstgewerbe) und

wurde dabei von Kafka unterstützt. So ersuchte er zwar den Schriftsteller Paul Adler (1878-1946) um Empfehlungsschreiben, war selbst aber von ihren künstlerischen Fähigkeiten nicht überzeugt und fürchtete das Schlimmste: „[...] selbst wenn gar kein lebendiges Talent hier aufzufinden wäre - und das scheint, nicht so sehr für meine unwissenden Augen als für meine Menschenkenntnis tatsächlich der Fall zu sein -wäre es [d. i. die Aufnahme in die Akademie und der damit einhergehende Wechsel in ihren Lebensumständen] an sich nicht so schlimm, die Zucht der Schule, der Einfluß des Lehrers, die Verzweiflung des eigenen Herzens könnten doch etwas Brauchbares erreichen, das alles aber nur in früher Jugend, im Alter Frl. Irenes nicht mehr [...] Gerade jetzt in den Jahren, in denen sie sich noch durch eine Heirat retten könnte, wird sie im Ausland sein, erkennen, daß diese Hoffnung auch vergeblich war, beschämt zurückkommen und erst jetzt sehn, daß wirklich alles verloren ist. Ich bin unglücklich bei der Vorstellung, daß sie auf der Reise nach Dresden hier durchkommen wird, ich sie sehen werde (zum Zeigen der Stadt bin ich übrigens zu schwach) und so werde tun müssen, als hätte ich Zuversicht. Und wenn ich mir vorstelle, wie der Kunstakademieprofessor [d. i. Richard Dreher, 1875-1932], der gute Sachse, sagt: ,Nun also liebes Fräulein, zeigen Sie uns Ihre Arbeiten' und die Frau Kunstakademieprofessor steht auch dabei, möchte ich mich schon jetzt, trotzdem ich auch dann örtlich weit von der Szene entfernt sein werde, vor den Schrecken der Welt in ein Erdloch verkriechen. Die Empfehlungsbriefe sind schön, noch schöner wäre es, sie zu zerreißen“ (Brief an Robert Klopstock von September/Oktober 1921, in: Br 356f.). Kurz darauf kam es zu dem von Kafka gefürchteten Besuch der jungen Frau (vgl. Nr. 4), die im November des Jahres in die Akademie aufgenommen werden sollte (vgl. Nr. 9). Zu zwei weiteren Begegnungen mit Irene Bugsch vgl. Nr. 18 und 33. -Zwei Aufnahmen aus dem Jahr 1921 zeigen sie neben Kafka und anderen „Matla-rer[n]“ (Nr. 2; abgebildet in: WB 179 ).

4] Zipser Ehemann: n. e.

5] freue mich ja sehr dass sie. in Br: freue mich ja sehr, daß sie

6] Es war wie ein Würfelspiel [...]: Bezieht sich vermutlich auf den weiteren Verbleib von Mitpatienten aus Matliary - Ihr Schüler [...], dann Sie mit (mir als Anhang), dann Holzmann und schließlich gewinnt es Frl. Irene — sowie auf seinen Neffen Felix (1911-1940), den Sohn seiner Schwester Elli (verh. Hermann, 1889-1941), die er im Frühling und Sommer des Jahres davon zu überzeugen versucht hatte, den Knaben auf die Hellerauer Schule von Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950) zu schicken. Diese 1911 von dem aus Wien stammenden Musikpädagogen und Komponisten gegründete Bildungsanstalt stand bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs unter dessen eigener Leitung, 1915 übersiedelte das heute noch bestehende .Institut Jaques-Dal-croze’ nach Genf, wo es Jaques-Dalcroze bis zu seinem Tod als Arbeitszentrum der Rhythmischen Gymnastik führte. Kafkas Interesse an Jaques-Dalcrozes Schaffen, gar seine Begeisterung - wie sie in den Briefen an seine Schwester durchklingt - dürfte auf einen Vortrag zurückgehen, den er im März 1911 im Prager Rudolfinum gehört hatte, wo der Pädagoge einen Vortrag über ,Musik und Rhythmus' hielt (vgl. WKC 64); das Institut und die Gartenstadt besuchte er gemeinsam mit Otto Pick (vgl. Nr. 7, Anmerkung 2) im Juni 1914 (vgl. TKA | 541 f. und III 134). - Die Schulfeste der Hellerauer Bildungsanstalt waren vor dem Ersten Weltkrieg alljährlicher Treffpunkt von Künstlern aus aller Welt; 1913 etwa kamen zur Aufführung von Glucks Orpheus und Eurydike George B. Shaw, Max Reinhardt, Konstantin Stanislawskij und Upton Sinclair; Martin Buber, Ferrucio Busoni, Le Corbusier, Oskar Kokoschka, Vaslaw Nijinsky, Emil Nolde (der Mary Wigman, die große Schülerin Jaques-Dalcrozes, hier

Kat.-Nr. 3 (Seiten 2 u. 3)

malte), Anna Pawlowa, Hans Poelzig, Hans Pfitzner, Sergej Rachmaninow, Rainer Maria Rilke (der Franz Werfel hier traf), Igor Strawinski, Stefan Zweig u. a. waren gleichfalls in der ersten deutschen Gartenstadt zu Gast. - Die Schule, auf die Kafka sich hier bezieht, war Ostern 1920 als „Neue Schule Hellerau“ und Nachfolgeinstitut im Geiste Jaques-Dalcrozes in dem 1911 eigens von Heinrich Tessenow errichteten Festspielhaus wiedereröffnet worden; der große britische Pädagoge und spätere Gründer von Summerhill, A. S. Neill, der hier ein halbes Jahr lang Englisch unterrichtet hat, gründete im zweiten Nebenflügel des Gebäudes 1921 seine erste eigene Schule (vgl. Axel D. Kühn, Alexander S. Neill. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1995 (= rowohlts monographien 549), 51 ff. - Vgl. auch Nr. 20, Anmerkung 7.

7] Telegramm von Dresden?: vgl. Anmerkung 3

8] Ihre Kousine. in Br: Ihre Cousine - In seine Cousine Rószi Szilárd, eine junge Kunst-studentin aus Budapest, war Klopstock zu dieser Zeit sehr verliebt, „hoffnungslos allerdings, denn sie macht sich ganz und gar nichts aus ihm, hält ihn schlichtweg für einen Komödianten“ (KLJ 60; siehe auch die Abb. S. 61). Als er in Prag studierte, zog sie nach Berlin, das sie aber schon kurze Zeit später wieder zu verlassen beabsichtigte (vgl. Nr. 10).

9] Barl.: Barlangliget (auch Berlangliget, Br 351), der Bélaer Höhlenhain in der Nähe

der Gemeinde Béla (auch Szepes-Béla) im ungarischen Komitat Zips. In 720 Meter Seehöhe am Kobuly Vrch in der Hohen Tatra gelegen, war Barlangliget seinerzeit ein beliebter Luftkurort.

10] (ohne dass ich deshalb weniger hätte) wieder anstecken wollte: in Br: (ohne daß ich deshalb weniger hätte), wieder anstecken wollte

11] Quarzlampe, und besserer Kost in Br: Quarzlampe und besserer Kost

12] Görbersdorf. vgl. Nr. 2, Anmerkung 1

13] Genferseeplan: n. e.

14] Seit 2 Tagen: in Br: Seit zwei Tagen

15] Aber ich wäre lieber, in Br: Aber mir wäre lieber

16] Mit der Selbstwehr und der Kongresszeitung [...] geht es mir so wie Ihnen, ich bekomme sie auch nicht. In der 1913-1918 vom Juristen und Verleger Siegmund Kaz-nelson (1893-1959) und seit Herbst 1919 von Kafkas Freund Felix Weltsch (1884-1864, vgl. Nr. 13, Anmerkung 1) herausgegebenen zionistischen Wochenschrift Selbstwehr waren Kafkas Erzählungen Vor dem Gesetz (Jg. 9, Nr. 34 vom 7. IX. 1915, Neujahrs-Festnummer, S. 2f.), Eine kaiserliche Botschaft (Jg. 13, Nr. 38/39 vom 24. IX. 1919, Neujahrs-Festnummer, S. 4), Die Sorge des Hausvaters (Jg. 13, Nr. 51/52 vom 19. XII. 1919, Chanukkah-Nummer, S. 5 f.) und zuletzt Ein altes Blatt (Jg. 15, Nr. 37/38 vom 30. IX. 1921, Rosch-haschanah-Nummer, Literatur-Beilage, S. 5) erschienen. Kafka, der die seit 1907 erscheinende Zeitschrift seit 1911 gelesen und seit etwa 1917 abonniert hatte, ließ sie sich nach Meran und Matliary, später auch nach Berlin nachschicken. (Eine ausführliche Darstellung von Kafkas Lektüre und Beziehung zur Selbstwehr findet sich in KS; vgl. auch Nr. 8, 13 und 31.) - Die seit dem XII. Zionistenkongreß in Karlsbad 1921 herausgegebene Kongreßzeitung (ZDB-ID 770987-0) erschien während der Kongreßzeiten täglich und stellte nach dem XX. Kongreß in Zürich 1937 ihr Erscheinen ein. Zunächst nur auf Deutsch, erschien sie nach 1935 auch in hebräischer Sprache. - Zu beiden Zeitschriften erläutert Binder: „Die Kongreßausgabe der Selbstwehr des Jahres 1921 enthielt das gleiche redaktionelle Material wie die vom Büro des Kongresses herausgegebene offizielle Kongreßzeitung und wurde allen Abonnenten zugestellt. Jede Nummer enthielt einen ausführlichen Bericht über die Verhandlungen des vorhergehenden Tages“ (KS 286); als Folge dieser geänderten Umstände erschien „die Normalausgabe [der Selbstwehr\ einen Monat lang nicht“ (ebd.).

17] Kommen sie nicht nach Matlar?: in Br: Kommen Sie nicht nach Matlar?

18] Wohin geht er nach Unterschmecks?: Das in 890 m Seehöhe gelegene Dolný Smokovec wurde 1881/82 gegründet und ist ein beliebter Wintersportort in der Hohen Tatra. Daneben beherbergt die Ortschaft heute die größte Lungenheilanstalt der Region.

19] Wohin geht er nach Unterschmecks? <Ach so, Unterschmecks, das ist ja kein Lungen-kurort?>: in Br: Wohin geht er, nach Unterschmecks? (Ach so, Unterschmecks, das ist ja kein Lungenkurort?)

20] Und Frau Galgon? Fahrt Frl. Ilonka irgendwohin?: in Br: Und Frau G.? Fährt Frl. Ilonka irgendwohin?

4 Eigenh. Brief mit U. („K“). 2 Seiten (49 Zeilen in Bleistift auf blau kariertem Blatt). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur; minimal knittrig. Gr.-8vo (14,3:22,8 cm). [Prag], [nach dem 3. Oktober 1921] (Dat. nach Inhalt und der Randbemerkung [„Wo bleibt Frl. Irene?“] zu zwei Postkarten mit Poststempel 3. X. 1921, vgl. Br 357f., 358). - Beiliegend ein von R. Klopstock beschr. Umschlag „October 1921 Frl. Irene Bugsch“.

Lieber Robert es geht nicht, meine | Schwester war dort. Ein neuer Pass | würde 191 Kc kosten, abgesehen davon | aber, dass dies, für ein Nichts gezahlt, | ein ungeheuerer Preis wäre, wollten [Sie>sie] | nicht einen neuen Pass ausstellen, der | alte sei noch sehr gut, sie hätten | schon schon viel schlechtere Pässe gehabt | u.s.f. Allerdings es sei nicht rich- | tig gewesen, die Blätter einzunähn, | aber auch das mache nichts, übrigens | haben sie jetzt zur Sicherheit alle | Blätter mit Stampiglien versehn, mehr | war nicht zu erreichen. Man hätte | höchstens die Wahrheit sagen können | aber dann hätte man eben den grossen | Preis zahlen müssen |

Gestern war Frl. Irene hier, mein | Verdacht gegen die Angelegenheit ist | nicht beseitigt, es ist ein wahnwitziges | Unternehmen, so wahnwitzig, dass es | nicht einmal schön ist zuzuschauen. | Ich werde entzückt sein, wenn es | halbwegs gut ausgeht, ich werde || nicht nur im Einzelfall widerlegt | sein, mein ganzes Weltbild wird | beeinflusst sein. Heute mittag ist | sie weggefahren, vielleicht war sie | vormittag noch mit Hardt beisam- | men und hat von ihm eine | Empfehlung bekommen. - Ich | denke ja bei dem Ganzen sehr an | mich, es ist so, wenn ich etwa | heute meinem Traum nachgeben | Xund mich bei einer Skauts- | truppe 10jähriger Jungen anmelden | wollte. | Von Ihnen wusste Frl. Irene kaum | etwas zu erzählen, nichts von Barl. | nichts von Matlar, nichts von Frau | Galgon. - Aber lieb und zart ist <sie> natür- | lich, daran will ich mit meinem groben | Urteil nicht rühren. | Ein wenig Ruhe habe ich schon | bin aber jetzt sehr müde <von den Anstrengungen der letzten Tage>, Gesamtzu- | stand nicht zu schlecht. |

Alles Gute! | Ihr K

40 K lege ich bei, auch den Brief | des Bruders

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (2 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 359f

1] Lieber Robert es geht nicht, meine Schwester war dort. Ein neuer Pass würde 191 Kc kosten: vgl. Nr. 1, Anmerkung 3

2] sagen können aber dann [...]: in Br: sagen können, aber dann [...]

3] Gestern war Frl. Irene hier. vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

4] mit Hardt beisammen: in Br: mit Hardt zusammen - Der Schauspieler und Rezita

tor Ludwig Hardt (1886-1947), der nach dem Ersten Weltkrieg als Lektor für Vortragskunst am Deutschen Theater in Berlin tätig war, trug seit März 1921 auch wiederholt Texte von Kafka vor. Während einer Vortragsreise nach Prag im Oktober kam Kafka mehrfach mit ihm zusammen und schenkte ihm nach dessen Lesung am 14. d. M. im Prager Mozarteum einen Band von Johann Peter Hebels Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes (vgl. WKC 179), am Tag darauf setzt er nach mehr als ein-

einhalbjähriger Unterbrechung sein Tagebuch fort: „Alle Tagebücher, vor einer Woche etwa, M. gegeben. Ein wenig freier? Nein. Ob ich noch fähig bin eine Art Tagebuch zu führen? Es wird jedenfalls anders sein, vielmehr es wird sich verkriechen, es wird gar nicht sein, über Hardt z. B. der mich doch verhältnismäßig sehr beschäftigt hat, wäre ich nur mit größter Mühe etwas zu notieren fähig. Es ist so, als hätte ich schon alles längst über ihn geschrieben oder was das gleiche ist, als wäre ich nicht mehr am Leben [...]“ (Eintragung v. 15. X. 1921; zit. n. TKAI 863). - Über Ludwig Hardt kam auch Thomas Mann mit Kafkas Werk in Berührung. „Zum Thee mit L. Hardt, der mir Prosa eines Pragers, Kafka, vorlas, merkwürdig genug“, notiert er unterm 1. VIII. 1921 in sein Tagebuch, und am 22. IX. heißt es über seine Lektüreerfahrung: „Sehr interessiert war ich von den Schriften Franz Kafkas, die der Recitator Hardt mir empfahl“ (TMTB 1918-1921, 542 und 547).

5] es ist so, wenn ich etwa: in Br: es ist so, wie wenn ich etwa

6] X: 1 Wort unlesbar gestrichen

7] bei einer Skautstruppe 10jähriger Jungen: in Br: bei einer Skautstruppe zehnjähriger Jungen

8] nichts von Barl, nichts von Matlar, nichts von Frau Galgon: in Br: nichts von Barl, nichts von Matlar, nichts von Frau G., zu Barl. vgl. Nr. 3, Anmerkung 9, zu Frau Gal-gon vgl. Nr. 2, Anmerkung 14

9] 40 K lege ich bei, auch den Brief des Bruders-, fehlt in Br; zu Klopstocks Bruder vgl. Nr. 2, 11 und 12, Anmerkung 1

5 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (30 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn Robert Klopstock | Tatranské Matliary | posta Tatranské Lomnice | Slovensko“) und eh. Absender („Dr Kafka | Praha Staromestské | námestí 6“). Mit vertikaler Knickspur. 8vo (9:14 cm). Prag, 8. X. [19]21 (Dat. nach Poststempel). - Beiliegend ein von R. Klopstock beschr. Umschlag „Oct. 8. 1921 Prag“.

Lieber Robert, um einen Tag wurde es | verlängert, nun ist es vorüber. Jetzt | ist noch H. da, bewunderungswürdig | in vielem, sehr liebenswert in manchem. | Dienstag fährt er weg, dann wird es | still sein, ich bin in diesen Tagen | während des Tages kaum gelegen, | bin aber nicht sehr müde, im | Husten sogar sehr kräftig. Morgen | fahre ich ein tschechisches Sanatorium | mir ansehn, in Görbersdorf wird | erst Ende November ein Zimmer | frei, auch sind sie antivegetarianisch | Nun muss es ja hinsichtlich | Barl, endlich entschieden sein? Und | Frl. Irene? | Sie mögen Leid haben Robert, natürlich,

| aber dann können Sie andern die || Schuld geben und wenn Sie | wollen, müssen Sie niemandem | die Schuld geben, desto besser, | was für ein freies, schönes | Leben |

Ihr K

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (2 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 360

1] um einen Tag wurde es verlängert, n. e.

2] Jetzt ist noch H. da: in Br: Jetzt ist noch Hardt da; zu Ludwig Hardt vgl. Nr. 4, Anmerkung 4

3] Morgen fahre ich ein tschechisches Sanatorium mir ansehn: n. e.

4] Görbersdorf. vgl. Nr. 2, Anmerkung 1

5] Nun muss es ja hinsichtlich Barl.: vgl. Nr. 3, Anmerkung 9

6] Und Frl. Irene?: vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

7] Sie mögen Leid haben Robert, natürlich: in Br: Sie mögen Leid haben, Robert, natürlich

6 Eigenh. Brief mit U. („K“).  1/2 Seite (15 Zeilen in Tinte auf 1 Blatt). Mit horizontaler Knickspur und kl. Einrissen am rechten Rand sowie kl. Ausriß in der oberen rechten Ecke (kein Textverlust). Minimal knittrig. Gr.-8vo (14,4:22,8 cm). [Prag], [Oktober 1921] (Dat. nach Br).

Lieber Robert hier ist der Pass, ich war auch | wieder krank, darum ist auch das wieder verspätet. | Hoffentlich können Sie ihn schon bald gebrauchen. | Das Schlimmste ist ja in Ihrem Fall nicht die | Krankheit, so traurig und unbegreiflich das | Fieber auch ist, sondern dass sie zusammentrifft | mit jenen manchmal Sie überkommenden Ver- | zweiflungsanfällen, die wiederum her-kommen aus | dem Nichts, aus der Jugend, aus dem Judentum | und aus dem allgemeinen Leid der Welt. Trost | gibt im gewöhnlichen Tagesleben eigentlich nur | die Erfahrung, dass man, so unglaublich es ist, | doch wieder hinauskommt aus den bodenlosen | Abgründen manchen Augenblicks. |

Ihr K

Abgedruckt in Br 362

1] Lieber Robert hier ist der Pass: in Br: Lieber Robert, hier ist der Pass-, vgl. auch Nr. 4, Anmerkung 1

7 Eigenh. Brief mit U. („K“). 2 Seiten (43 Zeilen auf 1 Blatt, davon 10 Zeilen Nachschrift an Dr. Glauber). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur. Tinte stellenweise unbedeutend verwischt. Gr.-8vo (14,4:20 cm). [Prag], [November 1921] (Dat. nach Inhalt).

Lieber Robert, Ihr Brief war wohl in der | ersten Aufregung geschrieben, es sah ja sehr | schlimm aus und ist noch bei weitem nicht | gut, aber man kann doch schon ruhiger | zusehn. Ich habe mich jetzt bei der Prager | Presse erkundigt, ob man von Internierungen | weiss oder von beabsichtigten Internierungen | und besonders hinsichtlich der Slowakei, man | hat mir bestimmt geantwortet, dass es nichts | dergleichen gibt und das ist ja auch wahr- | scheinlich. Ich kann und will deshalb noch | nichts unternehmen, besonders da meine Hilfs- | mittel beschränkt sind (mit Pick z. B. habe ich | seit den Adler'schen Empfehlungsbriefen nicht | mehr gesprochen) und ich sie deshalb für | den Notfall aufsparen will. Das Unglück ist | ja auch, dass die einflusslosen Leute wie ich | Zeit, die einflussreichen aber keine haben; es | hängt ja zusammen, eben weil jene Leute niemals | Zeit hatten, haben sie Einfluss bekommen, aber | bei Bittgängen ist es trotz seiner Natürlichkeit | ärgerlich. Deshalb also nur für den Notfall. || Wenn etwas wirklich drohte, telegraphieren | Sie und ich werde mich dann anstrengen. Die | Bewahrung vor dem, für einen Kranken gewiss | schrecklichen, Interniertwerden scheint mir

Kat.-Nr. 7

leichter | erreichbar,, als irgendeine Einflussnahme dann, | wenn sie als hiesiger Staatsbürger eingerückt | wären. Wie verhält es sich übrigens mit Ihrer | Matlarer Stellung? Wie ist sie? Und ist | sie für die Dauer gesichert? |

Alles Gute! | Ihr K |

Lieber Glauber viele Grüsse. Noch in Matlar? | Und die Poprader Pläne? Und

26 Franz Kafka


die Liebe? | (deren Füsse ich noch in meiner Brieftasche | habe) Und die Gesundheit? Noch immer | der angefressene Apfel? Angefressen von Liebe | oder Krankheit? Es ist ja alles nur Verhältnis- | mässig; was für eine schreckliche Krankheit | wäre z. B. die Liebe, wenn sie nicht allgemein | üblich wäre. | Viele Grüsse auch für Szinay Ihr |

K

Unveröffentlicht

1] Ihr Brief war wohl in der ersten Aufregung geschrieben, es sah ja sehr schlimm aus und ist noch bei weitem nicht gut [...]: Bezieht sich vermutlich auf den im Oktober von Karl I. (1887-1922) in Ungarn unternommenen Restaurationsversuch, der ebenso wie der im Frühjahr unternommene nach wenigen Tagen von den Regierungstruppen des Reichsverwesers Admiral Miklós Horthy (1868-1957) niedergeschlagen wurde. - Die Prager Presse war im März 1921 als halboffizielles Organ der tschechoslowakischen Regierung gegründet worden; am Feuilletonteil der Zeitung waren u. a. Max Brod, Otto Pick (vgl. Anmerkung 2), Rudolf Fuchs (1890-1942) und Kafka selbst beteiligt.

2] mit Pick z. B. habe ich seit den Adler’schen Empfehlungsbriefen nicht mehr gesprochen: Der seit langem mit Kafka befreundete Schriftsteller und Übersetzer Otto Pick (1887-1940) war zu dieser Zeit Feuilletonredakteur der Prager Presse, zu Adler vgl. Nr. 3, Anmerkung 3.

3] leichter erreichbar, als irgendeine Einflussnahme, so im Original

4] wenn sie als hiesiger Staatsbürger, sie im Original klein

5] Lieber Glauber, zu Dr. Glauber vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, sowie Nr. 8, 10, 11, und 27, Anmerkung 2

8 Eigenh. Brief mit U. („K“). 4 Seiten (70 Zeilen in Bleistift auf 2 eh. num. Blatt, weitere 3 1/2 Zeilen unlesbar gestrichen). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur und unbedeutenden Randläsuren. 4to (14,4:20 cm). [Prag], [November 1921] (Dat. nach Br).

Lieber Robert, ich verstehe den Brief vielleicht | nicht ganz; heisst es dass die Engländer | auch zu einer Kur in der Tatra kein | Geld geben, trotzdem doch der Professor, | soweit ich mich erinnere, Ihnen fast die | Zusage machte, dass Sie in der Tatra | bleiben können? Und wollen Sie nun | sofort nach Prag, in die Stadt? | X An einem warmen Nach- | mittag durch die innere Stadt zu gehn | und sei es noch so langsam, ist für | mich so, wie wenn ich in einem lange | nicht gelüfteten Zimmer wäre und nicht | einmal mehr die Kraft hätte, das | Fenster aufzustossen, um endlich Luft | zu bekommen. Und hier ständig sein? || Im Seziersaal? Im Winter, in geheizten, un- | gelüfteten Zimmern? Und dies ohne Über- | gang gleich aus der reinen Bergluft? | Meinen Sie es so, dass Sie gleich kommen | wollen? Dann fange ich natürlich | gleich beim Prof. Münzer zu arbeiten an, | zunächst also ohne Empfehlungsbrief. | Des Mädchens Brief ist schön, | ebenso schön, wie abscheulich, das | sind die verführerischen Nachtstimmen; | die Sirenen haben auch so gesungen, | man tut ihnen unrecht, wenn man | glaubt, dass sie verführen wollten, | sie wussten dass sie Krallen hatten | und keinen fruchtbaren Schoss, darüber |

klagten sie laut, sie konnten nicht | dafür dass die Klage so schön | klang. || Mit Mädchenbriefen sind Sie also | gut versehn. Wer Heddy ist, weiss ich | gar nicht. Armer Glauber. Aber vielleicht | beschleunigt es eine günstige Ent-wick- | lung, das Mädchen muss sich doch | eigentlich seiner annehmen, sich also | gegen den Vater stellen, dabei ihre | eigenen Bedenken gegen die Hauptsache | zurückstellen u.s.f. |

Die Selbstwehr ist seitdem noch | nicht erschienen, die Kongresszeitung | geht manchmal zu mir, manchmal | nach Matlar, sie war bis auf die | letzte Nummer (aber auch die <würde Sie kaum> interessieren | es handelt sich um Vorschläge für inten- | sive Bodenbearbeitung) nicht lesenswert, | trockene Auszüge der Reden. |

Die Kinder machen mir Freude. || Gestern z. B. sass die vorletzte Nichte | (ihr Bild habe ich Ihnen einmal gezeigt) | auf dem Fussboden, ich stand vor ihr. | Plötzlich bekam sie aus äusserlich | unerkennbarem Grund grosse Angst | vor mir und lief zu meinem Vater, | der sie aufs Knie nehmen musste. Die | Augen hatte sie voll Tränen und | zitterte. Da sie aber sehr sanft und | zart und freundlich ist, beantwortete | sie <doch>, durch des Grossvaters Arm allerdings | auch schon ein wenig gesichert, alle Fragen, | also z. B. dass ich der Onkel Franz bin, | dass ich brav bin, dass sie mich sehr | gern hat udgl., aber immerfort zitterte | sie dabei noch, von Angst. |

Herzliche Grüsse |

Ihr |

K

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (3 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 362f

1] heisst es dass die Engländer, in Br: heißt es, daß die Engländer

2] trotzdem doch der Professor [...] Ihnen fast die Zusage machte: n. e.

3] X 31/2 Zeilen im Original durch Schraffur unlesbar gestrichen

4] ohne Übergang gleich aus der reinen Berglufr. in Br: ohne Übergang, gleich aus der reinen Bergluft

5] Dann fange ich [...] Empfehlungsbrief. Fehlt in Br; zu Egmont Münzer vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 3, 11, 13, 25 und 29

6] Des Mädchens Brief ist schön, n. e.

7] sie wussten dass sie Krallen hatten: in Br: sie wußten, daß sie Krallen hatten

8] sie konnten nicht dafür dass die Klage, in Br: sie konnten nicht dafür, daß die Klage

9] Wer Heddy ist: n. e.

10] Armer Glauber, zu Dr. Glauber vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, sowie Nr. 7, 10, 11 und 27, Anmerkung 2

11] Die Selbstwehr ist seitdem noch nicht erschienen, die Kongresszeitung geht manchmal zu mir. vgl. Nr. 3, Anmerkung 16

12] aber auch die <würde Sie kaum> interessieren es handelt: in Br: aber auch die würde Sie kaum interessieren, es handelt

13] die vorletzte Nichte [...]: Da Kafkas bis dahin letzte Nichte Vera, die Tochter von Ottla und Josef David, am 27. März 1921 geboren wurde (vgl. BO 241), kommt als vorletzte Nichte nur die im Jahr zuvor geborene Hanne, die Tochter von Elli und Karl Hermann, in Frage.

14] also z. B. dass ich der Onkel Franz bin in Br: also z. B., daß ich der Onkel Franz bin

15] zitterte sie dabei noch, von Angst, in Br: zitterte sie dabei noch, vor Angst

9 Eigenh. Brief mit U. („K“). 1 Seite (20 Zeilen in Bleistift auf blau liniertem Papier). Mit horizontaler Knickspur. Gr.-8vo (14,5:22,3 cm). [Prag], [Mitte November 1921] (Dat. nach beiliegendem Umschlag von R. Klopstock „An-Mitte November 1921“; nach Br Anfang Dezember 1921).

Lieber Robert, was sind Sie | doch für ein Mensch! Fräulein | Irene ist aufgenommen. Ein Mädchen, | das in 26 Jahren (offenbar entspre- | chend ihren Anlagen) keine andere | Kunstarbeit gemacht hat, als die | schlechte Kopie einer schlechten Ansichts- | karte, keine andere Ausstellung ge- | sehn hat als die von Hauptmann | Holub, keinen Vortrag gehört hat, | ausser den von Saphir, keine Zei- | tung gelesen hat ausser die Karpathen | post - dieses Mädchen ist aufgenom- | men, schreibt halbglückliche Briefe | nicht ohne Feinheit, ist die Freundin | eines offenbar bedeutenden Mädchens. | Wunder über Wunder und von Ihnen | heraufgezaubert. Ich wärme mich | daran in diesem traurigen Winter |

Ihr K

Abgedruckt in Br 364

1] Fräulein Irene, vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

2] Hauptmann Holub. Robert Klopstock merkt hierzu am beiliegenden Umschlag an: „Ausstellung von Hauptmann Holub4: Eine dilettantische Ausstellung von Landschaftsbildern eines Berufsoffiziers der tschechischen Armee - mal veranstaltet in Matlar | Karpathenpost: ein kleines deutsches Wochenblättchen des Zipser Deutschtums für den [sic] Kafka eine kleine Recension schrieb über [!] dieselbe Ausstellung.

| Saphir: ein modischer Vortrag reisender Plauderer in den kleinen Stadtchen [!] der Zipser Gegend.“ Vgl. auch Max Brods darauf Bezug nehmende Anmerkung in Br 514, Anm. 30. - In der erwähnten Rezension (Aus Matlárháza. In: Karpathen-Post. Politisches Wochenblatt zur Förderung der gesamten Interessen des Zipser Deutschtums. Jg. 42, Folge 17 vom 23. April 1921, Wiederabdruck in KKAD 443) äußert sich Kafka jedoch, anders als Klopstock, anerkennend über den malenden Hauptmann und Mitpatienten: „[...] Gerade solche treue, dabei persönlich betonte Bilder sind mehr als alles andere imstande, den Blick für die Schönheit unserer Berge zu öffnen [...]“ (ebd). Wie aus einem Brief an Ottla hervorgeht, hatte Klopstock gleichfalls eine Besprechung der Ausstellung des malenden „Generalstabshauptmann[s]“, der nur „2 Beschäftigungen, Zeichnen und Aquarellmalen“ besäße (BO 120, Nr. 96), verfaßt: „[...] der Mediciner schrieb eine Besprechung in eine ungarische Zeitung, ich in eine deutsche, alles im Geheimen. Er [d. i. Hauptmann Holub] kam mit der ungarischen Zeitung zum Oberkellner, damit er es ihm übersetze; diesem war es zu compliciert, er führte daher in aller Unschuld den Hauptmann zu dem Mediciner, er werde es am besten übersetzen [...]“ (ebd., 121). Der Akademieaspirantin Irene Bugsch gegenüber äußert Kafka einmal mit Blick auf die erwähnte Besprechung: „[...] ich habe, trotzdem ich einmal Kunstkritiker der Karpathenpost war, überhaupt, wie ja viele Menschen wahrscheinlich, keinen primären Blick für die bildende Kunst“ (unveröffentlichter Brief aus Privatbesitz, zit. n. KKAD App 542).

3] Saphir: n. e.

4] Karpathenpost. 1880 erstmals als Wochenblatt in Käsmark erschienen, vertrat die Zeitschrift bis zu ihrer erzwungenen Einstellung 1942 die Interessen des Zipser sowie des gesamten Karpatendeutschtums. Vgl. auch Nr. 32.

5] Winter, in Br: Winter.

10 Eigenh. Brief mit U. („K“). 4 Seiten (80 Zeilen in Tinte auf 2 Blatt; davon 5 Zeilen in Bleistift auf Bl. 2 verso). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur. Tinte stellenweise unbedeutend verwischt. Gr.-8vo (14,5:22,8 cm). [Prag], [Anfang Dezember 1921] (Dat. nach Br).

Lieber Robert, merkwürdig die Geschichte Ihres | X Onkels, wie von Pallenberg gespielt. Die | Luft des Zimmers spürt man in Ihrem Brief. Was | aber nachher kam haben Sie mir nicht geschrieben, | nur was die Staatsbürgerschaft betrifft. |

Die Berufswahl - nun, dass Sie etwas | anderes als Arzt werden sollten, daran habe | ich nie gedacht, seit dem ich Sie nur ein | wenig kenne. Dass das eine Beschäftigung nur | für Wohlhabende sei, stimmt wahrscheinlich für | Mitteleuropa, für die übrige Welt und beson- | ders für Palästina, das sich so erfreulich | in Ihren Gesichtskreis zu schieben beginnt, nicht. | Und eine physische Beschäftigung ist es doch | auch. Und dann 1/10 und 1/) Berufe d. h. Berufe | ohne Ernst sind abscheulich ob sie physisch | oder geistig sind und werden, wenn sie | menscherfassend sind, herrlich, ob physisch | und geistig. Das ist schrecklich einfach zu | erkennen und es ist schrecklich schwer, den lebendi- | gen Weg hindurch zu finden. Für Sie übrigens | nicht einmal so schwer, denn Sie sind Arzt. | Hauptsächlich gilt es ja nur fÜr die | Durchschnittsmasse der Juristen, dass sie erst || erst zu Staub zerrieben werden müssen, ehe | sie nach Palästina dürfen, denn Erde braucht | Palästina, aber Juristen nicht. Ich kenne flüch- | tig einen Prager, der nach paar Jahren Jus- | Studium es gelassen hat und Schlossereilehrling | geworden ist (gleichzeitig mit dem Berufs- | Wechsel hat er geheiratet, hat auch schon einen | kleinen Jungen), ist jetzt fast ausgelernt und | fährt im Frühjahr nach Palästina. Freilich | gilt bei solchem Berufswechsel gewöhnlich, | dass die Lehrzeit Unstudierter 3 Jahre | die Lehrzeit Studierter 6 und mehr Jahre | beträgt. Übrigens war ich letzthin in einer | Ausstellung von Lehrlingsarbeiten, wo aus | allen Handwerken nach 1 bis 2 jähriger | Lehrzeit schon erstaunliche Leistungen | (allerdings Unstudierter) zu sehen waren. |

Dass Ihre Kousine nicht in Berlin | bleibt, ist merkwürdig; es bedeutet doch etwas | als halbwegs freier Mensch Berlin zu ver- | kosten. Es spricht sehr für die Kunst Ihrer | Kousine oder sehr gegen sie, dass sie so | leicht Berlin verlässt. Das andere aber, dass | sie nicht über die Tatra fährt und nicht || mit mir sprechen will, das ist nicht merk- | würdig und wundert mich nicht. |

Wenn Sie „Jawne und Jerusalem“ von | Bergmann nicht haben, werde ich es Ihnen | schicken. |

Wie leben Sie jetzt? Was arbeiten | Sie? Bei meinem Kousin war ich noch | nicht wieder. Ich fange auch an zu den | Leuten zu gehören, die keine Zeit

haben. Der | Tag ist genau eingeteilt zwischen Liegen, | Spazierengehn unddgl., nicht einmal zum | Lesen habe ich Zeit und Kraft. Nach paar fie-ber- | freien Tagen jetzt wieder Fieber. Der Arzt | hat mir einen Tee verschrieben, der, wenn | ich den Arzt richtig verstanden habe, kiesel- | säurehaltig ist, und Kieselsäure soll, wie | er irgendwo (hoffentlich in keiner hu-mori- | stischen Zeitschrift) gelesen hat, die Vernarbung | befördern soll. Vielleicht versuchen Sie ihn | auch. Ich schreibe Ihnen das Recept ab, wenn | ich hinauf in meine Wohnung komme, ich | schreibe jetzt in der Wohnung meiner Schwester, | mein Zimmer, die kalte Höhle, ist ungeheizt. |

Herzlichste Grüsse, auch | Glauber und Steinberg Ihr | Schreiben Sie mir von Ilonka |    K

und Frau Galgon. |

Einen Brief und das Lehrbuch müssen Sie von mir bekom- | men haben. || Der Tee: | Herba equiseti | " Geopsidis | " Poly goni I

2 mal täglich

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (5 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 364f.

1] [...] merkwürdig die Geschichte [...] wie von Pallenberg gespielt, n. e. - Den aus Wien stammenden Schauspieler Max Pallenberg (1877-1934) hatte Kafka schon mehrere Male auf der Bühne gesehen, zuletzt wohl am 30. Oktober 1921 in Paul Schirmers Komödie Der Herr Minister im Neuen deutschen Theater. Vgl. WKC 180.

2] seit dem ich Sie nur ein wenig kenne: in Br: seitdem ich Sie nur ein wenig kenne

3] 1/10 und 1/9 Berufe d. h. Berufe ohne Ernst sind abscheulich ob sie physisch oder geistig sind und werden, wenn sie menscherfassend sind, herrlich, ob physisch und geistig: in Br: Halb-und-Halb-Berufe, d. h. Berufe ohne Ernst sind abscheulich, ob sie physisch oder geistig sind, und werden, wenn sie menscherfassend sind, herrlich, ob physisch oder geistig

4] dass sie erst erst zu Staub zerrieben werden müssen: in Br ohne das zweite erst

5] Prager, der nach paar Jahren: in Br: Prager, der nach ein paar Jahren, n. e.

6] Schlossereilehrling. in Br: Schlosserlehrling

7] dass die Lehrzeit [...] 3 Jahre die Lehrzeit Studierter 6 und mehr Jahre: in Br: dass die Lehrzeit [...] drei Jahre, die Lehrzeit Studierter sechs und mehr Jahre

8] 1 bis 2 jähriger Lehrzeit: in Br: ein- bis zweijähriger Lehrzeit

9] Dass Ihre Kousine nicht in Berlin bleibt: in Br: Daß Ihre Cousine nicht in Berlin bleibt, vgl. Nr. 3, Anmerkung 8

10] es bedeutet doch etwas als halbwegs freier Mensch: in Br: es bedeutet doch etwas, als halbwegs freier Mensch

11] Wenn Sie Jawne und Jerusalem von Bergmann nicht haben: Die Sammlung von Aufsätzen des Philosophen und Zionisten Hugo Bergmann (später Schmuel Hugo, 1883-1975) - Kafkas lebenslanger Freund und schon Klassenkollege in der Schule am Fleischmarkt (1889-1893) und am Altstädter Gymnasium (1893-1901) - war 1919 im Jüdischen Verlag, Berlin erschienen. Bergmann selbst war Mai 1920 nach Palästina ausgewandert und dort als Direktor der Hebräischen Nationalbibliothek in Jerusalem tätig; während eines Besuches in Prag trifft Kafka im April/Mai 1923 mehr-

an Robert Klopstock 31

mals mit ihm zusammen „und faßt den Plan, ebenfalls nach Palästina auszuwandern und zunächst bei Bergmann und seiner Familie in Jerusalem zu wohnen“ (WKC 193; zu Bergmann vgl. auch Nr. 26).

12] Bei meinem Kousin: in Br: Bei meinem Cousin — Zu Robert Kafka vgl. Nr. 1, Anmerkung 4.

13] Der Tag ist genau eingeteilt zwischen Liegen, Spazierengehn unddgl: in Br: Der Tag ist genau eingeteilt zwischen Liegen, Spazierengehn und dgl. — Kafka hatte sich am 17. Oktober auf Veranlassung seiner Eltern untersuchen lassen; am 29. wurde ihm seitens der AUVA ein dreimonatiger Genesungsurlaub bewilligt, der Ende Jänner 1922 schließlich noch einmal um weitere drei Monate bis Ende April verlängert wurde (vgl. WKC 179ff.; vgl. auch Nr. 2, Anmerkung 1).

14] Nach paar fieberfreien Tagen: in Br: Nach ein paar fieberfreien Tagen

15] hat mir einen Tee verschrieben: in Br: hat mir nur einen Tee verschrieben

16] kieselsäurehaltig ist, und Kieselsäure soll: in Br: kieselsäurehaltig ist und Kieselsäure soll

17] die Vernarbung befördern soll: in Br: die Vernarbung befördern

18] Herzlichste Grüsse. in Br: Herzliche Grüße

19] Einen Brief und das Jahrbuch müssen Sie von mir bekommen haben: am oberen Rand über der Zeile mit mir sprechen will, das ist nicht merk- eingefügt und durch einen über die Blattbreite gehenden Querstrich von dieser getrennt

20] Der Tee [..] 2 mal täglich: fehlt in Br; in Bleistift über die Verso-Seite von Bl. 2 quergeschrieben

21] -X-: 1 Wortteil unlesbar gestrichen

22] Glauber und Steinberg: zu Dr. Glauber vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, sowie Nr. 7, 8,

11 und 27, Anmerkung 2; Steinberg. n. e.

Eigenh. Brief mit U. („K“). 3 1/2 Seiten (46 Zeilen in Tinte auf blau kariertem Doppelblatt). Mit horizontaler Knickspur. Gr.-8vo (14,4:22,8 cm). [Prag], [Dezember 1921] (Dat. nach beiliegendem Umschlag von R. Klopstock „Dec. 1921“).

Lieber Robert, übertreiben Sie nicht ein wenig im | Urteil über Ilonka? Sie ist ängstlich, von der | Welt bedrückt, traut ihrem Urteil nicht, | hat aber genug gute Nerven, um sich nach | fremdem Urteil zu verhalten, hoffentlich hat | sie diese Nerven. Und ist freilich zart genug, | daraus keine Heldentat zu machen, sondern | den Jammer sich und andern einzugestehn, | leider hat sie diese Zartheit. Übrigens halte | ich es nicht durchaus für ein Unglück, dass | sie dem Vater gefolgt hat; wer seinem Urteil | traut, muss nicht immer recht haben, wer aber | seinem Urteil nicht traut, hat wohl immer | Recht. Und ausserdem ist die Ehe meistens | wenigstens ein verhältnismässiges Glück, nur | den Brautstand muss man überstehn. Darin | habe <ich> Ilonka in meinem Brief zu bestärken | gesucht. Wissen Sie etwas Neues von ihr? | Und warum schreiben Sie kein Wort von | Frau Galgon? | Sie übertreiben hinsichtlich Ilonkas, ich hin- | sichtlich Irenens. Ich übertreibe vor Glück, | dass ein solcher Kindertraum irgendwie in | meiner Nähe wenigstens der Form nach || gelebt wird, dass es soviel Naivität, infolge- | dessen soviel Mut, infolgedessen soviel Möglich- | keiten auf der Welt gibt. Bei den Einzelnheiten | müsste-n- man sich aber nicht so aufhalten, | trotzdem ge-

Kat.-Nr. 11

rade sie es sind, die mich glück- | lich machen. Was ist denn hier Kraus, Ko-kosch- | ka u.s.w.? Diese Namen nennt man in diesen | Kreisen Dresdens täglich so oft wie in Matlar | die Lomnitzer Spitzen und besten Falls im | gleichen Sinn: die ewige Monotonie der Berge | müsste einen verzweifeln lassen, wenn man | sich nicht manchmal zwingen könnte, sie | schön zu finden. <Die „wundertätigen“ Briefe (Robert!) | waren 3 Bleistiftzettel, in denen ich | ihr und mir gratulierte.)> |

an Robert Klopstock 33

Mein Zustand ist nicht schlechter als in | Matlar <im Winter>; Temperatur und Gewicht sind nicht | ganz so gut wie in Matlar, -sondern- sonst | aber ist keine Verschlechterung, gewiss nicht. | Als Werfel hier war, war mir wohl etwas | schlechter, als jetzt, das war aber nicht der | Grund des Verbotes. Der Arzt ist überhaupt | gegen den Semmering, weil er zu rauh ist, über- | haupt gegen jeden dauernden gewaltsamen | Wechsel; ausserdem gegen eine Unterbrechung | seiner Behandlung. In gewissem Wider- || spruch dazu steht allerdings, dass er Ende | Jänner mit seiner Familie nach Spindelmühle | fährt (Riesengebirge) und mich mitnehmen | will, allerdings nur für 14 Tage. I

Haben Sie in der Prager Presse den Artikel | von Upton Sinclair über Dr. Abram <gelesen>, ich | hielt es für einen Spass, aber man leugnet es. |

Den Brief des Bruders lege ich bei. Ein | wenig merkwürdig ist er, nicht? So als ob | er etwas verschweigen würde, vielleicht wirklich | ein Heirat oder anderes. Seine Gründe für | das Dortbleiben sind doch eigentlich keine. | Oder schreibt er nur nach Ungarn so vor- | sichtig? Ihren Brief und das Telegramm hat | er also nicht bekommen. Von Palästina | kein Wort. |

In Ihrer Sache ist teils durch meine Nach- | lässigkeit, teils ohne meine Schuld noch | nichts geschehn. Zuerst hat es mein Cousin | übernommen, der mit Münzer durch seine | Frau verwandt ist, aber der Cousin kränkel-| te immerfort und ist jetzt ernstlich krank. | Ich nahm <-sie-> also <die Papiere> von dort und gab sie || Felix Weltsch, vielleicht höre ich Sonntag | etwas darüber |

Ihr|

K|

Grüssen Sie Glauber, Szinay, Steinberg. | Und Holzmann? Er hat Ihnen George | geschickt? |

Unter den Zeitungen die ich Ihnen schicke ist | ein „Reformblatt“ mit einem Aufsatz über Röntgen | behandlung. Sollte etwas Bemerkenswertes darin | sein, schreiben Sie mir bitte gelegentlich paar | Worte darüber, die Zeitungen sind schon einge- | packt, ich will sie nicht auseinandernehmen.

Mit Abweichungen bzw. unvollständig 8 1/2 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 366f.

1] übertreiben Sie nicht ein wenig im Urteil über Ilonka?: vgl. Nr. 2, Anmerkung 14

2] warum schreiben Sie kein Wort von Frau Galgon?: vgl. Nr. 2, Anmerkung 14

3] Sie übertreiben hinsichtlich Ilonkas, ich hinsichtlich Irenens: vgl. Nr. 2, Anmerkung 14 bzw. Nr. 3, Anmerkung 3

4] irgendwie in meiner Nähe, in Br: irgendwo in meiner Nähe

5] Bei den Einzelnheiten: in Br: Bei den Einzelheiten

6] Was ist denn hier Kraus, Kokoschka usw.: In einem Essay für Das Kunstblatt schrieb der Kunstkritiker Paul Westheim 1921 über Kokoschka, der sich seit 1916 wieder-

holt in Dresden aufgehalten und 1919 eine Professur an der dortigen Kunstakademie angetreten hatte: „Inzwischen ist Kokoschka nicht nur dieser berühmte Künstler geworden; jede Äußerung seiner Hand, wie das nun einmal unvermeidlich war, ist zu einem Marktwert geworden“ (PW 322; zit. n. BD 28). Diese Präsenz und Popularität des Malers, auf die Kafka hier wohl anspielt, dürfte - wie die Formulierung „in diesen Kreisen“ andeutet - gleichermaßen Karl Kraus für sich in Anspruch nehmen, der seinerseits mit anderen in Dresden ansässigen und mit Kokoschka bekannten Künstlern zumindest in Verbindung stand, darunter der Kritiker und Schriftsteller Camill Hoffmann (1878-1944) und der Wiener Schriftsteller und Regisseur Berthold Viertel (1885-1953; vgl. auch Nr. 34, Anm. 2). Letztgenannter war zwischen 1918 und 1922 am Sächsischen Landestheater in Dresden tätig und veröffentlichte 1921 im Dresdner Verlag Kaemmerer den Essay Karl Kraus. Ein Charakter und die Zeit (1916/1917 bereits als Vorabdruck in der Berliner Zeitschrift Die Schaubühne erschienen). In einem Brief an Karl Kraus vom 8. April 1919 berichtet Viertel von einem Besuch bei Kokoschka, der sein „Nachbar“ sei (vgl. Berthold Viertel (1885—1953). Eine Dokumentation. Hrsg. von Friedrich Pfäfflin. München, Kösel, 1969, S. 18-22). Kafka selbst war persönlich mit Viertel bekannt, der im Jänner 1918 Feuilletonredakteur und Theaterkritiker des Prager Tagblatts wurde und um diese Zeit, nach einem Bericht von Johannes Urzidil, zur „Tafelrunde“ im Cafe Arco gehörte (vgl. Die Weltfreunde. Konferenz über die Prager deutsche Literatur. Hrsg. von Eduard Goldstücker. Berlin und Neuwied, Luchterhand, 1967, S. 92, Anm. 195). In einer Postkarte vom 17. Dezember 1923 an Max Brod erwähnt Kafka neben Franz Blei auch „Viertel [...] es sind doch fast Freunde“ (Br 468). - Der aus Kolin stammende Camill Hoffmann war bis 1911 in Wien als Feuilletonredakteur der Zeit tätig gewesen und war dann für mehrere Jahre als Redakteur der Dresdner Neuen Nachrichten nach Dresden übersiedelt; 1918 wurde er vom tschechischen Staatspräsidenten Tomäs G. Masaryk für den Aufbau der Prager Presse in die Tschechoslowakei zurückgerufen.

7] Als Werfel hier war. Auch im Jahr darauf lud Werfel Kafka ein, ihn am Semmering bzw. in Venedig zu besuchen. In dem vermutlich nicht abgeschickten Brief von Dezember 1922 (vgl. auch Nr. 38, Anmerkung 2) heißt es: „Hindernisse sind die Krankheit, der Arzt (den Semmering lehnt er wieder unbedingt ab, Venedig im Vorfrühling nicht unbedingt) [...]“ (Br 425).

8] war mir wohl etwas schlechter, als jetzt: in Br: war mir wohl etwas schlechter als jetzt

9] Der Arzt ist überhaupt gegen den Semmering [...]: Zu Dr. Otto Hermann und der Reise ins Riesengebirge vgl. auch Nr. 2, Anmerkung 1 und Nr. 14, Anmerkung 1.

10] Haben Sie in der Prager Presse den Artikel von Upton Sinclair über Dr. Abram <ge-lesen>: Unter dem Titel Das Haus der Wunder veröffentlichte die Prager Presse einen Bericht Sinclairs „über Dr. Albert Abrams revolutionierende Entdeckung: Die Feststellung der Diagnose vermittels der Radioaktivität des Blutes“ (Morgen-Ausgabe v. 4. XII. 1921, Nr. 249, Sonntagsbeilage, S. 11f.). Kafka selbst setzt sich eingehend damit auseinander und bekennt wenig später Klopstock gegenüber: „Solche Dinge, solche Bekenntnisse sind es, die mir die Welt seit jeher fern halten [...]“ (Br 367). -Nach Auffassung des amerikanischen Mediziners Albert Abrams (1863-1924) bildeten Elektronen (und nicht Zellen) die kleinsten Baueinheiten des menschlichen Körpers; Krankheit definierte er als Störung der Harmonie der Elektronenschwingungen (New Concepts in Diagnosis and Treatment, San Francisco, 1916). Um diese „Disharmonie“ zu bestimmen und zu behandeln, ersann er spezielle Apparate, die er auch selbst vertrieb. Seine heiß umstrittenen Lehren griffen rasch um sich; im Jahre 1923

an Robert Klopstock 35

gab es weltweit etwa 3500 Spezialisten für „E. R. A.“ (oder „Elektronen-Relation nach Abrams“). Vgl. Upton Sinclair, In Defense of Albert Abrams, in: Survey, 15. III. 1923 (keine frühere Veröffentlichung nachgewiesen) sowie LtF 480, Anm. 121. — Zur Prager Presse vgl. Nr. 7, Anmerkung 1.

11] Den Brief des Bruders lege ich bei [...] Von Palästina kein Wort: Fehlt in Br; zu Klopstocks Bruder vgl. Nr. 2, 4 und 12, Anmerkung 1; Von Palästina kein Wort bezieht sich vermutlich auf Kafkas Jugendfreund Hugo Bergmann (vgl. Nr. 10, Anmerkung 11).

12] ein Heirat: so im Original

13] teils ohne meine Schuld noch nichts geschehn: in Br: teils ohne meine Schuld, noch nichts geschehn

14] mein Cousin übernommen, der mit Münzer durch seine Frau verwandt ist. Robert Kafka, vgl. Nr. 1, Anmerkung 4; zu Egmont Münzer vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 3, 8, 13, 25 und 29.

15] Ich nahm also <die Papiere> von dort und gab sie Felix Weltsch: zu Felix Weltsch vgl. Nr. 13, Anmerkung 1

16] Grüssen Sie Glauber, Szinay, Steinberg Und Holzmann? Er hat Ihnen George geschickt?: zu Dr. Glauber vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, sowie Nr. 7, 8, 10 und 27; Anmerkung 2; zu Szinay vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, und Nr. 12; Steinberg. n. e.; zu Holzmann vgl. Nr. 2, Anmerkung 12, sowie Nr. 3 und 11. — Bei dem von Kafka erwähnten Buch Stefan Georges, das Holzmann Klopstock geschickt habe, handelt es sich möglicherweise um Der siebente Ring (Berlin, Georg Bondi, 51920), dessen Titelblatt der Namenszug Robert Klopstocks ziert (vgl. KB 65, Nr. 72) und das Kafka augenscheinlich von Klopstock geliehen, jedoch nicht zurückgegeben hat.

17] Unter den Zeitungen die ich Ihnen schicke ist ein: in Br: Unter den Zeitungen, die ich Ihnen schicke, ist ein

18] Reformblatt. Das von dem Warnsdorfer Fabrikanten Moriz Schnitzer (1861— 1939) herausgegebene Reformblatt für Gesundheitspflege. Organ des Vereins für Naturheilkunde in Warnsdorf erschien seit 1897. Kafka, der den „Naturheilapostel Fabrikant Schnitzer“ (FK 114) 1911 kennengelernt hatte, begeisterte sich für dessen Heilmethode und übersandte die Zeitschrift auch seiner Schwester Ottla (vgl. BO 72, Nr. 71). In einem von Mitte/Ende Oktober 1917 datierten Brief an Felix Weltsch heißt es über die Persönlichkeit des Mannes, der ihm auf einen wohl im Monat zuvor verfaßten Brief nicht geantwortet hatte (vgl. Br 171): „[...] man unterschätzt doch solche Leute leicht. Er ist ganz kunstlos, daher großartig aufrichtig, daher dort, wo er nichts hat, als Redner, Schriftsteller, selbst als Denker nicht nur unkompliziert, wie Du sagst, sondern geradezu blödsinnig. Setze Dich ihm aber gegenüber, sieh ihn an, suche ihn zu überschauen, auch seine Wirksamkeit, versuche für ein Weilchen Dich seiner Blickrichtung zu nähern — er ist nicht so einfach abzutun“ (Br 187).

19] schreiben Sie mir bitte gelegentlich paar Worte darüber: in Br: schreiben Sie mir bitte gelegentlich ein paar Worte darüber

12 Eigenh. Brief. 3/4 Seite (16 Zeilen in Bleistift auf blau kariertem Papier). Mit horizontaler Knickspur. Kl.-4t0 (14,5:19,6 cm). [Prag], [Dezember 1921] (Dat. nach Inhalt).

Dank für das Bild. Eigentliches | kann ich allerdings in Photographien | nicht sehn. Ihnen ist er wenig ähnlich | der Mutter wohl sehr. Aber erstaun- | lich ruhig, männlich, kühl, beobach | tend scheint er, sieht auch wohl | gut aus

für moskauer Verhältnis- | se, und auch elegant genug, ein | sehr vertrauenswürdiger Bräutigam |

Mein Zustand ist schwankend | aber der Durchschnitt ist, was die | Länge betrifft, nicht schlecht, zu- | mindest verschlechtert er sich nicht. | Nur gegenüber der anstürmenden | Kraft Szinays fühlte ich mich | besonders elend.

Unveröffentlicht

1] Ihnen ist er wenig ähnlich: Gemeint ist wohl Klopstocks Bruder; vgl. auch Nr. 2, 4 und 11 sowie das Portrait in Nr. 411.

2] Nur gegenüber der anstürmenden Kraft Szinays: vgl. Nr. 2, Anmerkung 14

13 Eigenh. Brief mit U. („K“). 2 1/2 Seiten (46 Zeilen in Bleistift auf 2 Blatt). Mit horizontaler Knickspur und unbedeutenden Randläsuren. Gr.-8vo (12,4: 19,9 cm). [Prag], [Dezember 1921 oder Januar 1922] (Dat. nach Inhalt).

Lieber Robert, gestern waren wir | [abend> (Felix] und ich) abend bei | Münzer. Das Ergebnis ist, an | den Hoffnungen gemessen, gering: | ein Freiplatz in der mensa, | der Recht gibt auf tägliches | (angeblich sehr gutes, in einer | Selbstwehr stand auch einiges darü- | ber) Mittag- und Abendessen | und ferner von einer ameri- | kanischen Vereinigung etwa | 150 K monatlich. Das ist alles, | vielleicht wird sich, wenn Sie | hier sind, noch anderes ergeben, | vorläufig sind aber nur | die zwei obigen Dinge gesichert. | Vor allem Wohnung nicht. | Ich hatte schon früher davon | gehört, dass die Spital-Gehilfen || schaft, wie wir sie uns vor- | gestellt hatten, nicht zu errei- | chen ist, dass -X- [ar>fe]rtige Ärzte | glücklich wären, wenn sie etwas | derartiges bekämen, Münzer, | (der übrigens dank Felix sehr | freundlich war) bestätigte das, | der Vorstand seines Spitals | würde ihm etwas derartiges | nie bewilligen. Nun, Robert, das | ist wenig, nicht wahr? Und | wo sollen Sie wohnen? Ich werde | mich natürlich noch weiter er- | kundigen, aber das Sommersemester | beginnt ja wohl schon bald. |

Der Besuch bei Münzer war -XX- | in medicinischer Hinsicht noch | trostloser. Das was Sie von med. Unwissen | heit schrieben, wurde im Gespräch | an dem Beispiel einer offenbar || hoffnungslosen Erkrankung | jenes Kousins schrecklich deutlich. | Davon erzähle ich Ihnen näch- | stens. Ich leide seit einiger | Zeit sehr an Schlaflosigkeit | und ihren Folgen. |

Ihr K

Unveröffentlicht

1] gestern waren wir [...] bei Münzer. Felix Weltsch, seit etwa 1903 mit Kafka bekannt, war nach Abschluß von Jurastudium, Gerichts- und Advokaturspraxis seit 1909 an der Prager Universitätsbibliothek tätig. Von Herbst 1919 bis zu seiner Emigration 1938 leitete er überdies die Redaktion der von Kafka abonnierten jüdischen Wochenschrift Selbstwehr (vgl. auch Nr. 3, Anmerkung 16). - Zu Egmont Münzer vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 3, 8, 11, 25 und 29.

an Robert Klopstock 37

Kat.-Nr. 13

2] Selbstwehr. vgl. Nr. 3, Anmerkung 16

3] -X-: 1 Wort unlesbar gestrichen

4] -XX-: 1 Wort unlesbar gestrichen

5] an dem Beispiel einer offenbar hoffnungslosen Erkrankung jenes Kousins: der am 16. März 1922 verstorbene Robert Kafka (vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 10 und 11)

14 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (18 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Tatranské Matliary | posta Tatranské Lomnice | Slovensko“) und eh. Absender („Dr Kafka | Spindelmühle | Hotel Krone“). Mit unbedeutenden Knitterspuren. Qu.-8vo (8,9:14 cm). Spindelmühle, [Ende Januar 1922] (Dat. nach Br, abweichend hiervon die Datierung von R. Klopstock am beiliegenden Umschlag „Spindelmühle 1922 | Anfang Frühling“).

Lieber Robert, in Spindelmühle, unter äusserlich ausgezeichneten | Verhältnissen, in den ersten Tag auch sonst gut, jetzt schlaflos, | schlaflos bis zur Verzweiflung. Sonst aber kann ich rodeln | und bergsteigen, genug hoch und steil, ohne besondern | Schaden, das Termometer wird nicht beachtet. Ich komme | bald nach Prag. Ottla hat Ihnen wohl schon geschrieben | wann das Semester beginnt. Leben Sie wohl und auf Wieder- | sehn! Wie Sie jetzt nach 1 1/2 Jahren Bergleben und | wüstem Bergleben sich in die Stadt werfen werden! |

Ihr K

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (eine Zeile fehlt) abgedruckt in Br 370

1] in Spindelmühle, unter äusserlich ausgezeichneten Verhältnissen: Kafka war am 27. Jänner gemeinsam mit Dr. Otto Hermann auf dessen Anraten und Einladung nach Spindelmühle ins Riesengebirge gereist, wo er u. a. mit der Niederschrift des Romans Das Schloß beginnen sollte. Vgl. auch Nr. 2, Anmerkung 1.

2] in den ersten Tag. in Br: in den ersten Tagen

3] genug hoch und steil, in Br: hoch genug und steil

4] Termometer: in Br: Thermometer

5] Ich komme bald nach Prag: fehlt in Br

6] Ottla hat Ihnen wohl schon geschrieben wann das Semester: in Br: Ottla hat Ihnen wohl schon geschrieben, wann das Semester, vgl. auch Nr. 15

7] nach 1 1/2 Jahren: in Br: eineinhalb Jahren

15 Eigenh. Brief mit U. („K“). 1 Seite (26 Zeilen in Tinte auf blau kariertem Papier). Mit horizontalen Knickspuren. Gr.-8vo (14,7:23 cm). [Prag], [Mitte Februar 1922] (Dat. nach Inhalt).

Lieber Robert, ich blieb paar Tage länger, das [g>G]anze | war ein merkwürdiges Gemisch von allerschlimmsten <Schlaflosigkeit mit ihren Folgen | und Gründen> und | dann wieder gut erträglichen Tagen, wobei ich gar nicht | von der Lunge rede, die dauernd erträglich ist und | mir nur die grössern schönen Spaziergänge und das | Skifahren verbot. |

Dass das Semester so sehr spät erst anfängt, | hätte ich nicht erwartet, ich dachte es werde Ende Feber | schon beginnen. Ja, Ottla hat Ihnen nicht geschrieben, | kurz vor der Abreise bekam ich ihren Entschuldigungs- | brief, den ich beilege. So schwierig ist sie, ihre Kleine ist es | vorläufig nicht, ihr Lächeln macht mich manchmal | glücklich. |

Das Telegramm früh bekam meine Mutter und hat es | gleich selbst beantwortet. Es ist mir unmöglich meinem Abrei- | sen oder Kommen soviel Bedeutung beizulegen, dass ich es | gleich melden sollte. Es hat gar keine Bedeutung, auch | für Sie nicht, Robert. Eingesperrt in dieses kleine Matliary |

- um wie viel grösser, ich meine, mannigfaltiger, lebhafter, | anpassungsfähiger menschlichen Gedanken sind die | Wälder und Berge von Spindelmühle

- haben Sie sich | an unnatürliche Blickrichtungen gewöhnt, einmal in | Prag, von Matliary befreit, werden Sie sich auch von | diesem Zwang befreien. Mit herzlichsten Grüssen Ihr |

K|

Schreiben Sie mir bitte von Ihren Arbeiten

Kat.-Nr. 15

Unveröffentlicht

1] blieb paar Tage länge: so im Original

2] von allerschlimmsten Schlaflosigkeit: so im Original

3] ihren Entschuldigungsbrief: nicht überliefert

4] ihre Kleine. Wohl Vera, die 1921 geborene Tochter von Kafkas Schwester Ottla und Josef David.

5] Das Telegramm früh bekam meine Mutter: vgl. auch Nr. 16

6] Schreiben Sie mir bitte von Ihren Arbeiten: am rechten oberen Blattrand von unten nach oben

16 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (35 Zeilen in Tinte, davon 6 Zeilen Adr. und Name des Abs. von Robert Klopstock voradressiert). Mit Adresse („R. Klopstock | Matliary | p.p. Tatr. Lomnica | Slovensko“; das Wort Slovensko von Kafka ergänzt) und Absender („Dr. Kafka | Staromestské nám“) sowie Klopstocks Vermerk „Express“. Tinte vereinzelt minimal verwischt. 8vo (8,9:13,8 cm). Prag, [23. II. 1922] (Dat. nach Poststempel). — Beiliegend ein von R. Klopstock datierter Umschlag „Feb. 23. 1922 Prag“.

Lieber Robert, ich war eben einige Tage länger in | Spindelmühle, wollte von dort nicht mehr | schreiben, müde Tage, kurz nach meiner An- | kunft kam das Telegramm, die Mutter beant- | wortete es, daher der sonderbare Wortlaut, | dann kam das Telegramm von Pick (mit dem | ich böse bin oder er mit mir, er weiss von mir | nichts, als dass wir vorgestern auf der Gasse an | einander vorübergegangen sind), dann die | Briefe, alles eine quälende Beschämung für | mich, verzeihen Sie. - Heute vormittag kam | der Pass, ich ging gleich hin, es ist nicht so | einfach, nichts ist so einfach, man sagte mir | dieser Pass sei bis zur Höchstdauer der Geltung | eines Passes verlängert, es müsse daher ein neuer | Pass ausgestellt werden und für den sei eine | neue Photographie nötig. Ich behaupte nicht, | dass ein befehlshaberischer oder ein diplo- | matischer Mensch die Verlängerung dieses | Passes <nicht> doch erreicht hätte, meine Klage wegen | ihrer Budapester Reise, des direkten Zuges, | ihrer Armut wurde nur freundlich aber | ohne sonstige Wirkung angehört. Sie müssen | also Robert die Photographie schicken, Armuts- | Zeugnis haben Sie nicht? Was steht auf der Note || des Sanatoriums? Warum | haben Sie das beigelegt? | Herzliche Grüsse Ihres |

K

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 372

1] einige Tage länger in Spindelmühle: vgl. Nr. 14, Anmerkung 1

2] Telegramm von Pick: zu Otto Pick vgl. Nr. 7, Anmerkung 2

3] eine quälende Beschämung für mich, verzeihen Sie. — Heute vormittag in Br: eine quälende Beschämung für mich, verzeihen Sie. Heute vormittag

4] ihrer Budapester Reise [...] ihrer Armut: in Br: Ihrer Budapester Reise [...] Ihrer Armut

5] Sie müssen also Robert die Photographie schicken: in Br: Sie müssen also, Robert, die Photographie schicken

17 Eigenh. Brief mit U. („K“). 2 Seiten (47 Zeilen in Tinte auf blau kariertem Papier). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur. Gr.-8vo (14,6:23 cm). [Prag], [Ende März 1922] (Dat. nach KinS, lt. beiliegendem Umschlag von R. Klopstock „Prag 1922“).

Lieber Robert, lange nicht geschrieben, ich weiss, aber ich muss | erst der Beschämung, die Sie mir manchmal, lieb und | böse, in Ihren Briefen auflegen, Zeit geben, zu vergehn |

Kat.-Nr. 17

Am merkwürdigsten war mir immer, dass Sie hie | und da - im letzten Brief nimmt es aber ein zu grosses | Ausmass an, — über Ihre Stellung zu den Menschen „den lieben | guten“ wie Sie schreiben, klagten. Ich fühle übrigens für mich | dieses „lieb und gut“ sehr ähnlich wie Sie, lese ich es aber | geschrieben und nicht von mir geschrieben, kommt es mir | mehr lächerlich als wahr vor, ein der Menschheit darge- | brachter Geburtstagswunsch mit allen zugehörigen die | Worte überwältigenden Hintergedanken. |

Nun ist schon Ihr dritter Brief da, so vieles unbeantwortet | und ich weiss nichts und bin nur müde. Ich kann nur | sagen, kommen Sie, treten Sie aus dem Sie ausdörren- | den Matlar unter Menschen, unter Menschen, die Sie ja | weit über Ihre eigenen Feststellungen hinaus, wunderbar | zu behandeln, zu beleben, zu führen wissen und Sie | werden leicht erkennen, dass dieses Phantom, das sich | erst in Ihren Briefen gebildet hat, in Ihren Briefen | unter Ihrer Hand, das noch in Matlar nicht bestand, | das ich sein soll und vor dem ich zum Davon- | laufen, zum ewigen Schweigen erschrecke (nicht etwa | weil es schrecklich an sich wäre, aber in Bezug auf || mich), Sie werden ganz ohne Leid erkennen, dass es | nicht existiert, sondern nur ein schwer erträglicher, in | sich vergrabener, mit fremdem Schlüssel in sich ver- | sperrter Mensch der aber Augen hat, zu sehn und | sich über jeden Schritt vorwärts, den Sie machen | werden, sehr freuen wird und über Ihre grosse | Auseinandersetzung mit der auf Sie einströmenden | Welt. Sonst? Ich habe um mich, vor dem, was | man Nerven nennt, zu retten, seit einiger Zeit ein | wenig zu schreiben angefangen, sitze von 7 Uhr abends | etwa beim Tisch, es ist aber nichts, eine mit Nägeln | aufgekratzte Deckung im Weltkrieg und nächsten | Monat hört auch das auf und das Bureau | fängt an. | Frohe Tage in Budapest! | Und Grüsse für Ilonka! Traurig ist es trotz allem. | Diese negativen Heldentaten: entloben, verzichten, | den Eltern trotzen - es ist so wenig und ver- | sperrt so viel. |

Ihr K |

Ich habe einige Bücher, die ich Ihnen gern zu | lesen geben würde, aber es ist so umständlich und | riskant sie zu schicken, da sie nicht mir gehören.

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 373f.

1] Zur Datierung vgl. KinS 346; nach Br 373 „Frühjahr 1922“.

2] Zeit geben, zu vergehn: in Br: Zeit geben, zu vergehn.

3] Ich habe [...] ein wenig zu schreiben angefangen: Im Frühjahr war Kafka neben der Arbeit am Schloß auch mit anderen, teils abgeschlossenen (wie etwa die Erzählungen Erstes Leid, vgl. KKAD 317ff., und Ein Hungerkünstler, vgl. KKAD 333ff.), teils nur Fragment gebliebenen Prosatexten (vgl. KKANII 369ff.) beschäftigt.

4] mit allen zugehörigen die Worte überwältigenden Hintergedanken: in Br: mit allen zugehörigen, die Worte überwältigenden Hintergedanken

5] unter Menschen, die Sie ja weit über Ihre eigenen Feststellungen hinaus: in Br: unter Menschen, die Sie ja, weit über Ihre eigenen Feststellungen hinaus

6] nicht etwa weil es: in Br: nicht etwa, weil es

7] Mensch der aber Augen hat. in Br: Mensch, der aber Augen hat

8] Ich habe um mich, vor dem: in Br: Ich habe, um mich vor dem

9] 7 Uhr abends: in Br: sieben Uhr abends

10] Grüsse für Ilonka: vgl. Nr. 2, Anmerkung 14

18 Eigenh. Brief mit U. („K“). 1 1/2 Seiten (31 Zeilen in Tinte auf blau kariertem Papier). Mit horizontaler Knickspur und kl. Einriß in der Faltung. Gr.-8V0 (14,7:23,1 cm). [Prag], [April 1922] (Dat. nach Inhalt; nach Br Mai/Juni 1922).

Lieber Robert, die Übersetzung habe ich Felix gegeben, er | weiss aber nicht, ob er sie bringen wird, es stand angeblich | etwas ähnliches schon <allerdings ohne so viel interessante Einzelnheiten> im Prager Tagblatt, jedenfalls lässt | er danken. |

Eben habe ich einen Brief an ein Fräulein geschrieben, den | ersten seit langer Zeit, es handelt sich freilich nur um | eine demütige Bitte wegen ihres Klavierspiels, das mich | verzweifelt macht. So viel Ruhe [als>wie] ich brauche gibt es | nicht oberhalb des Erdbodens. Wenigstens für ein Jahr | wollte ich mich mit meinem Heft verstecken und mit | niemandem sprechen. Die kleinste Belanglosigkeit zerrüttet | mich. |

Das Bureau soll erst Ende des Monats beginnen. Aber | der Arzt macht jetzt Einwendungen, ich weiss nicht wie | es werden wird, freilich, die Lunge hat den Frühling | meinem Gefühl nach nicht so gut überstanden wie | den Herbst und Winter. |

Fräulein Irene, deutlich verjüngt, verschönt (bis auf eine hässliche Tatramütze, mit der <sie> ihr schönes Haar | verdeckt <auch in Matlar trug sie immer eine hässliche ich glaube weisse Mütze, diesmal eine graue>, ich wagte es ihr aber nicht zu sagen) war | hier und mag von meiner manchmal besinnungs- | losen Müdigkeit wenig Freude ge[macht>habt] haben. Ich || hatte aber Freude von Fräulein Irene und gratulierte | Ihnen im Stillen zu Ihrer Tat. |

Wie soll man es mit Ihrer Wohnung hier machen? | Ich habe noch immer keinen Ausweg gefunden; hoffentlich | gelingt es noch. |

Ihr K |

Vielleicht interessiert Sie die beiliegende Besprechung. | Freilich wenn sie Lust zum Lesen des Buches machen | will, verfehlt sie den Zweck, wenigstens bei mir.

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 374f.

1] die Übersetzung habe ich Felix gegeben: nicht nachweisbar; zu Felix Weltsch vgl. Nr. 13, Anmerkung 1

2] etwas ähnliches schon <allerdings ohne so viel interessante Einzelnheiten> im Prager Tagblatt: in Br: etwas ähnliches schon, allerdings ohne so viel interessante Einzelheiten, im Prager Tagblatt

3] Das Bureau soll erst Ende des Monats beginnen: Am 27. Jänner hatte die AUVA Kafkas Genesungsurlaub um weitere drei Monate verlängert. Kurz vor dessen Ende, also Ende April 1922, hatte Kafka — nach einer neuerlichen Untersuchung durch Dr. Kodym am 26. April - um die Erlaubnis angesucht, unmittelbar daran anschließend seinen fünfwöchigen Jahresurlaub antreten zu dürfen. Nach Genehmigung seitens der AUVA und einer weiteren Untersuchung durch Dr. Kodym im Monat darauf beantragt Kafka am 7. Juni die Versetzung in den vorübergehenden Ruhestand; per Erlaß vom 30. Juni wird ihm dies genehmigt, ab 1. Juli ist Kafka offiziell im vorläufigen Ruhestand. Vgl. WKC 183ff.

4] Fräulein Irene [...] war hier. vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

5] die beiliegende Besprechung: n. e.

19 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (40 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Praha II | Bolzanová 7/III, 12“) und eh. Absender („Dr. Kafka | n paní Hnilickové | Planá nad/Luznici“). 8V0 (9:13,8 cm). Planá, [30. VI. 1922] (Dat. nach Poststempel). Mit Datumsvermerk von R. Klopstock in Tinte oder mit Kugelschreiber auf der Adreßseite. - Beiliegend ein von R. Klopstock datierter Umschlag „Plana 30. 26. [!] 22.“.

Lieber Robert, besten Dank für die Zeitungen, | es ist aber nicht nötig sie zu schicken, das | Abendblatt bekomme ich täglich, eine aus- | reichende Zeitung und durch Maxens Auf- | sätze überreich und auch die Ausschnitte des | Romans bekomme ich wenigstens manch- | mal. Dagegen würde ich Sie wohl bitten, wenn | eine neue Fackel erscheinen sollte - sehr | lange ist sie schon ausgeblieben - und sie nicht zu teuer ist, nach dem Durchlesen | sie mir zu schicken, diese süsse Speise | aller guten <und> bösen Triebe will ich mir | nicht versagen. - Secessio Judaica, schreiben | Sie nicht darüber? Ich wäre sehr froh, wenn | Sie es täten, wenn nicht deutsch, dann un- | garisch. Ich kann es nicht; versuche ich | es, gleich sinkt mir die Hand, trotz- | dem natürlich ich, wie jeder, manches | dazu zu sagen hätte, irgendwo in meiner | Geschlechterfolge wird doch hoffentlich | auch ein Talmudist sitzen, aber er mun- | tert mich nicht genug auf, so tue ich || es bei Ihnen. Es muss sich | ja nicht um eine Widerle- | gung handeln, nur um | eine Antwort auf den An- | ruf, es muss doch sehr | locken und es lockt, ein- | mal auf dieser deutschen | und doch nicht ganz frem- | den Weide seine Tiere weiden | zu lassen, nach Judenart. |

Ihr K

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 380

1] III, 12: in KLJ 82 wohl irrtümlich „II/12“

2] es ist aber nicht nötig sie zu schicken: in Br: es ist aber nicht nötig, sie zu schicken -Kafka war, von Robert Klopstock zum Bahnhof begleitet (vgl. WKC 187), am 23. VI. zu seiner Schwester Ottla nach Planá an der Luschnitz gefahren, wo er, von einigen Unterbrechungen abgesehen, bis 18. IX. bleiben sollte.

3] das Abendblatt bekomme ich täglich. In einem Brief an Max Brod (Ankunftsstempel 30. VI. 1922) schreibt Kafka über das von ihm geschätzte Prager Abendblatt - das als gemeinsame Abendausgabe der zwei deutschnationalen Prager Zeitungen Prager Tagblatt und Deutsche Zeitung Bohemia erschien — und Brods Aufsätze: „Politische Nachrichten erreichen mich jetzt - wenn mir nicht ärgerlicherweise doch eine andere Zeitung geschickt wird, die ich verschlinge — nur in der ernstlich ausgezeichneten Form des Prager Abendblatt. Liest man nur dieses Blatt, so ist man über die Weltlage so unterrichtet, wie man etwa über die Kriegslage durch die Neue Freie Presse unterrichtet war. So friedlich wie damals der Krieg, ist jetzt nach dem Abendblatt die ganze Welt, es streichelt einem die Sorgen weg, ehe man sie hat. Jetzt erst sehe ich die wirkliche Stellung Deiner Artikel innerhalb des Blattes. Vorausgesetzt, daß man Dich liest, kannst Du Dir keine bessere Umgebung wünschen, von den Seiten her mischt sich

nichts Verwirrendes in Deine Worte, es ist völlig still um Dich. Und es ist eine so schöne Art des Verkehrs mit Dir, die Aufsätze hier zu lesen. Ich lese sie auch auf die Stimmung hin, Smetana und Strindberg schienen mir gedämpft, aber ,Philosophie’ klar und gut“ (Br 378; vgl. auch 515, Anm. 7: Brods Besprechungen von Smetanas Oper Das Geheimnis (Tajemství) und Strindbergs Drama Königin Christine waren im Prager Abendblatt vom 23. bzw. 27. Juni 1922 erschienen, die Philosophie des Grüßens am 26. Juni 1922).

4] wenn eine neue Fackel erscheinen sollte. Die Fackel war zuletzt im März erschienen, das nächste Heft, Nr. 595-600, erschien im Juli.

5] Secessio Judaica, schreiben Sie nicht darüber? [...] Ich kann es nicht; versuche ich es, gleich sinkt mir die Hand. Ein Ansatz zur Besprechung von Hans Blühers im selben Jahr erschienenem Buch Secessio Judaica. Philosophische Grundlegung der historischen Situation des Judentums und der antisemitischen Bewegung findet sich in Kafkas Tagebuch (vgl. TKA | 923f.). Vgl. auch Nr. 20, Anmerkung 2.

20 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (42 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Praha II | Bolzanová 7/III, 12“) und eh. Absender („Dr. Kafka | n pí Hnilickové | Planá nad/Luznici“). 8vo (9:14 cm). Planá, [Anfang Juli 1922] (Dat. nach Br, gering abweichend die Angabe am beiliegenden Umschlag von R. Klopstock: „Sommer 1922. Juni (1922)?“).

Lieber Robert, darin haben Sie natürlich | völlig Recht, beschäftigt Sie anderes in dieser | alleinherrschenden Weise, dann hat nichts | anderes daneben Platz und Sie und alle | andern haben zu -X-folgen. Mit meinem | Vorschlag wollte ich auch nicht zu einem | in jedem Fall entscheidenden Wettkampf | auffordern, etwa zum Kampf zwischen Goliath | und David, sondern nur zur seitlichen | Beobachtung des Goliath, zur bei[f>l]äufigen | Feststellung der Kräfteverhältnisse, zur | Revidierung der eigenen Bestände, also zu | einer Arbeit des Ausruhns, zu einer Arbeit | die immer gemacht werden kann und für | die gar keine Zeit ist in dem glückselig- | verzweifelten, morgendlichen Zustand in | dem Sie sich befinden. <und in dem alles notwen- | diger Weise aufs Repres[e>ä]ntative | geht.> |

Auch die Kritikerstellung wäre dafür wahr- | scheinlich nicht geeignet. Au-sserdem bei | einem christlich-socialen Blatt? Haben Sie | wegen der Übersetzung von Maxens Büchern | schon eine Antwort? | Sonderbar, dieser grosse Brief des so verschlosse- || ne[m>n] Mädchens. Ich kann mir keine | Vorstellung von ihm machen. |

Für die Prager Presse danke ich, den | Abendblattroman brauche ich nicht, | lesen Sie ihn? |

Die Schwester hält sich jedenfalls in | Hellerau auf, vielleicht ist sie heute | dort, Frau Neustädter hat ihr geant- | wortet. |

Von Oskar kommt kein Wort, er | hat mich in seinem Thüringer Glück vergessen | Ihr K. | Was schreibt Ilonka?

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 380f.

Kat.-Nr. 20

1] -X-: wohl ein Wortanfang unlesbar gestrichen

2] Mit meinem Vorschlag wollte ich auch nicht zu einem in jedem Fall entscheidenden Wettkampf auffordern [...]: Bezieht sich, wie auch aus dem Hinweis auf eine ins Auge gefaßte Anstellung als Kritiker bzw. durch den Hinweis auf die „Übersetzung von Maxens Büchern“ ersichtlich, auf Klopstocks literarische Vorhaben, die Kafka - hier wohl durch die Aufforderung zu einer literarischen Auseinandersetzung mit Hans Blühers Secessio Judaica (vgl. Nr. 19, Anmerkung 5) — zu fördern suchte. In einem Brief an Kurt Wolff vom 21. X. 1922 (Eingangsstempel) wird deutlich, daß Kafka auch eine Übersetzung seiner eigenen Arbeiten durch Klopstock ins Auge gefaßt hat: Nachdem er von dritter Seite von einer Übersetzung der Verwandlung, des Urteils und des Brudermords durch Sándor Márai (1900-1989) erfahren hat, ersucht er nun seinen Verleger, „weiterhin das Recht der Übersetzung ins Ungarische einem mir gut

bekannten ungarischen Literaten Robert Klopstock vorzubehalten, der gewiß vorzüglich übersetzen wird“ (KW 56). Einige Monate später, im März des darauffolgenden Jahres schreibt Klopstock selbst an Wolff mit der Bitte, „mir das Übersetzungsrecht in das Ungarische der bisher erschienenen Werke Franz Kafkas (encl.: die schon von Herrn Sándor Márai übersetzten Urteil und Verwandlung) einzuräumen [...] Ich möchte um baldige Rückantwort ersuchen, da ich bereits einiges in Kurzem in einer lit. Zeitschrift in Ungarn (,Nyngat’) [recte: Nyugat] zu veröffentlichen die Absicht habe und es dann in Buchform erscheinen zu lassen“. In einem Nachsatz von Kafka ersucht dieser neuerlich, „Herrn Klopstock, dessen ausgezeichnete literarische Fähigkeiten ich kenne, die Bewilligung zu geben. Ich habe schon vor längerer Zeit in dieser Sache Ihnen geschrieben, ohne eine Antwort bekommen zu haben“ (KW 56f., Brief v. 9. III. 1923; Hervorhebung i. O.). - Die oben erwähnte Übersetzung von Arbeiten Max Brods durch Klopstock wird auch in einem Brief Kafkas angesprochen, der unterm 31. X. 1923 (Poststempel) Brod erstaunt mitteilt, daß Klopstock „eine neue (!) Übersetzung von Klarissa [d. i. Brods 1923 im Verlag Kurt Wolff erschienenes Lustspiel Klarissas halbes Herz] gemacht hat und sie 4 Agenturen schicken wird“ (BKFB 440; vgl. auch Kafkas am selben Tag an Klopstock gerichtete Postkarte, Br 459f.). - Tatsächlich erhielt Klopstock die Übersetzungsrechte ins Ungarische (vgl. Nr. 98).

3] zu einer Arbeit die immer gemacht werden kann: in Br: zu einer Arbeit, die immer gemacht werden kann

4] in dem [...] Zustand in dem Sie sich befinden, in Br: in dem [...] Zustand, in dem Sie sich befinden

5] Represäntative: in Br Repräsentative

6] Für die Prager Presse danke ich, den Abendblattroman brauche ich nicht zur Prager Presse vgl. Nr. 7, Anmerkung 1; der Abendblattroman, n. e.; zum Abendblatt selbst vgl. Nr. 19, Anmerkung 3

7] Die Schwester hält sich jedenfalls in Hellerau auf [...]: Schon im Jahr zuvor hatte Kafka seiner Schwester Elli nachdrücklich geraten, ihren Sohn Felix auf die Schule in Hellerau zu schicken (vgl. auch Nr. 3, Anmerkung 6). Wie damals, so gelingt es ihm auch diesmal nicht, seine Schwester davon zu überzeugen: „Meine kleine Nichte [d. i. lt. WKC 188 Elli Hermanns 1912 geborene Tochter Gerti, lt. NR 417 wohl irrtümlich Valeries 1913 geborene Tochter Marianne]“, schreibt er im September des Jahres an Klopstock, „kommt nicht nach Hellerau, natürlich. Immerhin habe ich erreicht, daß meine Schwester mit dem Schwager und den Kindern in Hellerau waren, allerdings habe ich gerade durch diesen Zwischensieg jede Hoffnung auf den endgültigen Sieg verloren. Frau Neustädter hat sehr abgeschreckt, sie hatte boshafterweise an dem Tag gerade Schnupfen und Geschwüre im Gesicht, Herr Neustädter, der Engländer, eine Hilfslehrerin, eine Dalcroze-Schülerin haben zwar sehr gefallen, konnten aber gegen den Schnupfen nicht aufkommen [...]“ (Br 418). Der „Engländer“, den Kafka hier erwähnt, dürfte der schottischstämmige A. S. Neill gewesen sein (vgl. Nr. 3, Anmerkung 6).

8] Von Oskar kommt kein Wort. Den späteren Schriftsteller Oskar Baum (1883— 1941), der 1894 bei einer Schlägerei zwischen deutschen und tschechischen Schülern sein an sich schon schwaches Augenlicht endgültig verloren hatte (vgl. PK 142), hatte Kafka im Herbst 1904 kennengelernt (vgl. RF 67). 1908 trat der Cousin von Brods im April desselben Jahres verstorbenem Jugendfreund Max Bäumle als Schriftsteller hervor und war seit 1922 Kritiker der Prager Presse. Im Dezember 1938 in Anbetracht der drohenden, knapp drei Monate später zur Wirklichkeit gewordenen Gefahr eines

Einmarsches deutscher Truppen entlassen, scheiterte Baums Emigration nach Palästina an bürokratischen Hindernissen; Baum starb im März 1941 im Prager jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer Darmoperation, seine Gattin Margarete (geb. 1874) kam in Theresienstadt um, ihr einziger Sohn Leo starb am 22. Juli 1946 bei dem Bombenanschlag der vom späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin angeführten Untergrundorganisation Irgun Zwai Leumi („Nationale Militärorganisation“) auf das King David Hotel in Jerusalem.

9] Was schreibt Ilonka?: am rechten Rand normal zum Fließtext zwischen diesem und der Angabe des Absenders

21 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (32 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | bei Hr. Dr. Steinfest | Kupele Tatranská | Kot-lina | Spisska zupa | Slovensko“) und eh. Absender („Dr. Kafka | n pí Hni-lickové | Planá nad/Luznici | Cechy“). 8vo (9:14 cm). Plana, [zwischen dem 5. und 14. Juli 1922] (Dat. nach Inhalt und dem Vermerk von R. Klopstock am beiliegenden Umschlag: „Plana Anfang Juli 1922“; nach Br Mitte Juli 1922).

Lieber Robert, das ist es ja eben, ich bin | noch in Planá und bleibe hier, trotzdem | Oskar in wunderbarer Fürsorglichkeit | ein offenbar sehr schönes Zimmer | dort im Georgental gefunden hat. Aus | Angst, nicht aus Reiseangst, aus | allgemeiner Angst kann ich nicht | fahren, habe abtelegraphiert und | bleibe. Bleibe, trotzdem es bei sonsti- | ger grosser Schönheit für meine Ver- | hältnisse kopfschwirrend unru- | hig <hier> ist. Nun es gibt kein Aus- | weichen, in die Fläche nicht. |

Wie ging es Ihnen? Kolloquium? | Abschied von Hermann? | (Halb- | jahrs-rechnung 2700 K, für den | Vater 1900 K. Was man auch | gegen meine Lunge sagen mag, un- | ergiebig ist sie nicht) | Herzliche Grüsse von mir und Ottla |

Ihr K.

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 394

1] Robert Klopstock bei Hr. Dr. Steinfest: n. e.; vgl. auch Nr. 22

2] ich bin noch in Planá und bleibe hier, trotzdem Oskar [...] ein offenbar sehr schönes Zimmer dort im Georgental gefunden hat. Am 4. VII. schrieb Kafka an Oskar Baum, der zusammen mit seiner Frau Margarete in Georgental - einer kleinen Ortschaft im Kreis Gotha am Rande des Thüringer Waldes - Urlaub machte, daß er seiner Einladung folgen und „nicht gerade am Fünfzehnten, aber wohl vor dem Zwanzigsten“ (Br 381) kommen werde, doch schon unmittelbar danach heißt es in einem Brief (mit Poststempel vom 5. VII.) an Max Brod, daß er von einer solchen Reise doch lieber Abstand nehmen wolle, und zwar weniger aus ,Angst vor dem Reisen selbst“, sondern aus "Angst vor der Veränderung, Angst davor, die Aufmerksamkeit der Götter durch eine für meine Verhältnisse große Tat auf mich zu lenken“ (Br 384). Den nicht abgeschickten Brief vom 4. Juli legt er einem am Tag darauf geschriebenen Brief bei, in dem er Baum nun doch absagt: „Qualitativ ähnliches habe ich ja schon an mir erlebt, quantitativ noch nicht, es ist auch für mich eine schreckliche Steigerung und bedeutet zum Beispiel, daß ich aus Böhmen nicht mehr hinausfahren darf, morgen kann eine neue, übermorgen eine weitere, in einer Woche eine letzte Einschränkung kommen [...]“ (Br 387f.). In einem Brief vom 16. VII. kommt Kafka noch einmal auf die ausgeschlagene Einladung zurück und berichtet Baum, daß er am 14. aus Planá habe abreisen müssen, da sein Vater „in Franzensbad schwer erkrankt, nach Prag transportiert worden ist“ und sogleich operiert wurde (Br 394): „[...] äußerlich bin ich wegen meines Nichtfahrens gerechtfertigt, ich hätte, wie sich jetzt herausstellt, auf keinen Fall zu Euch fahren können [...]“ (ebd.). Vgl. auch Nr. 23, Anmerkung 2.

3] ([..] unergiebig ist sie nicht), in Br: ([...] unergiebig ist sie nicht.)

4] Abschied von Hermann?: Wohl Dr. Otto Hermann, der Hausarzt der Familie Kafka (vgl. Nr. 2, Anmerkung 1).

22 Eigenh. Postkarte mit U. („Dr. Kafka, Planá nad/Luznici | Cechy“). 2 Seiten (20 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Dr. Steinfest | Kupele Tatranská | Kot-lina | Spisska zupa | Slovensko“) und eh. Absender („Dr. Kafka | Planá nad/Luznici | Cechy“). Untere linke Ecke abgebrochen (minimale Buchsta-benberührung) und lose beiliegend. Qu.-8vo (9:14 cm). Planá, [21. VII. 1922] (Dat. nach Poststempel).

[An Dr. Steinfest.]

Sehr geehrter Herr Doktor,

Klopstock, mit dem | ich befreundet bin, hat mir am Anfang des Som- | mers regelmässig geschrieben, jetzt seit längerer | Zeit nicht mehr. Ich muss annehmen, dass er ernstlich | erkrankt ist und bitte Sie, sehr geehrter Herr | Doktor, herzlich, mir paar Worte darüber zu | schreiben. Sollte ich irren, desto besser, dann | schreibt mir Klopstock selbst. Jedenfalls danke | ich Ihnen sehr, für Auskunft oder Vermittlung. |

Hochachtungsvoll | Dr. Kafka, Planá nad/Luznici, Cechy

Unveröffentlicht

1] Dr. Steinfest vgl. Nr. 21

2] paar Worte: so im Original

23 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (30 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | Tatranská Kotlina | Spisska zupa | Slovensko“) und eh. Absender („Dr. Kafka | Planá nad/Luznici | Cechy“). Qu.-8vo. (9:13,9 cm). Plana, [Ende Juli 1922] (Dat. nach Br).

Lieber Robert, nun dann ist es also gut. Ich wäre gar nicht | zu meinen Befürchtungen gekommen (denn Nichtschreiben | an sich ist nichts Schlimmes, ich kann freilich auch nicht | sagen: etwas Gutes, denn meine Lust zum Nichtschreiben war | kaum jemals durch eine bessere Lust hervorgerufen, wie | es bei Ihnen zu sein scheint und sein möge) hätte nicht | immerfort die [Na>Zeitungsnachricht in mir gebohrt, dass | unter den Studenten, die bei der Imca gegessen haben, zum | Ende des Schuljahres eine Typhusepidemie ausgebrochen | ist und manche Studenten den (angeblich 4 Wochen zur | Entwicklung benötigenden) Keim mit in die Ferien ge- | nommen haben.

Kat.-Nr. 23

23

Nun also, davor sind wir bewahrt worden. || Dafür aufbewahrt für | Kämpfe, wie Sie sie an- | deuten Viel Glück dazu | und Ruhe und Wald | und Menschenleere! Mir | geht es — mit Unterbre- | chungen - leidlich. Meine | Karte, in der ich Ihnen von | der Operation meines Vaters | schrieb, haben Sie wohl be- | kommen?    Ihr    K

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 401 f.

1] Imca: in Br: Ymca; d. i. Young Men’s Christian Association

2] Meine Karte, in der ich Ihnen von der Operation meines Vaters schrieb, haben Sie wohl bekommen?: Am 14. VII. hatte Kafka - wie er in einem Brief an Oskar Baum schreibt - ein Telegramm erhalten, daß sein Vater in Franzensbad erkrankt und nach Prag gebracht worden sei, wo er am selben Abend noch operiert werden sollte (vgl. Br 394). Die erwähnte Karte hatte Kafka nach seiner Rückkehr nach Planá geschrieben (Poststempel 24. VII. 1922) und Klopstock darin berichtet: „[...] mein Vater ist operiert worden (Nabelbruch mit Darmklemmung), vor neun Tagen, es nimmt einen wunderbar guten Verlauf" (Br 398).

24 Eigenh. Postkarte mit U. („K“). 2 Seiten (30 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Tatranská Kotlina | Spisska zupa | Slovensko“) und eh. Absender („Dr. Kafka | Planá nad/Luznici | Cechy“). Mit kl. Durchrieb (geringfügiger Buchstabenverlust) und Knitterspur am rechten Rand (kl. Einriß). Qu.-8vo (9:13,9 cm). Plana, 5. IX. [1922] (Dat. nach Poststempel).

Lieber Robert, ich war paar Tage in Prag und finde | jetzt Ihre Karte hier. Ich bleibe in Planá wohl noch | einen Monat, man muss von Zeit zu Zeit nach Prag | um den Wert von Planá zu erkennen oder viel- | mehr man erkennt ihn immer, nur hat man nicht | immer die Kraft ihn zu würdigen. Sie schwanken, | ob Sie nach Prag kommen sollen? Nun jedenfalls | sollen Sie in eine Stadt, das ist ganz gewiss, ich fliehe | sie ja nur, weil ich ihr nicht gewachsen bin, weil | mich die paar winzigen Zusammenkünfte, Gespräche, | Anblicke, die ich dort habe, fast ohnmächtig machen. | Trotzdem werde ich Oktober und November wohl in | Prag bleiben, dann aber wollte ich gern zu einem | Onkel aufs Land, wenn es sich ermöglichen || liesse. Um zu Ihrer Zukunft | etwas zu sagen, müsste ich | wissen, was es für Angebote | sind, die man Ihnen macht. | Nicht unter allen Umständen, | nur unter vielen ist Prag | der beste Ort für Sie. - | Max ist schon in Prag, | seine Adresse Brehová ulice | 8. - Schreiben Sie mir | über die Angebote.    Ihr|

K

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 412

1] ich war paar Tage in Prag, in Br: ich war ein paar Tage in Prag— Kafkas Aufenthalt in Planá an der Luschnitz, wo seine Schwester Ottla (1892-1943) und ihr Gatte Josef David (1891-1962) mit ihrer Tochter Vera (geb. 1921) eine Ferienwohnung gemietet hatten, dauerte von 23. Juni bis 18. September. Der hier angesprochene Aufenthalt in Prag war der dritte und letzte vor seiner endgültigen Rückkehr nach Prag: Zu einer ersten Unterbrechung (14. bis 19. Juli) kam es wegen der Erkrankung und anschließenden Operation seines Vaters (vgl. auch Nr. 23 sowie Br 394f. an Oskar Baum); die aus unbekanntem Grund erfolgte zweite Unterbrechung fand - wie aus einem nach seiner Rückkehr verfaßten Brief an Max Brod hervorgeht — vom 7. bis 13. August statt (vgl. BKFB 406).

2] Ich bleibe in Planá wohl noch einen Monat, man muss von Zeit zu Zeit nach Prag: Bei Ich und muss geringfügiger Buchstabenverlust in | bzw. m durch ein beim Entfernen der Briefmarke entstandenes Loch.

3] zu einem Onkel aufs Land: Siegfried Löwy (1867-1942), der Stiefbruder seiner Mutter und Kafkas Lieblingsonkel, war Landarzt in Triesch, einer kleinen Stadt nahe Iglau in Mähren, rund 120 km südöstlich von Prag gelegen. Als Vorbild zu Kafkas Erzählung Ein Landarzt (1918) fand Löwy Eingang in das Werk seines Halbneffen, der als Schüler und später als Student wiederholt seine Sommerferien bei (1900,1902 und 1907 in Triesch) und mit ihm (auf Helgoland und Norderney im August 1901) verbrachte. Als sich Kafkas Gesundheit im Februar 1924 zusehends verschlechterte, reiste er auf Veranlassung Max Brods nach Berlin und drängte seinen Neffen zu einem Sanatoriumsaufenthalt (vgl. Nr. 34, Anmerkung 2).

4] ulice. in Br: ul. - Die Buchstaben ice in der Vorlage durch Schabstelle verblaßt.

5] Schreiben Sie mir. Die Buchstaben ir in der Vorlage durch Schabstelle verblaßt.

25 Eigenh. Brief mit U. („K“). 1 1/2 Seiten (30 Zeilen in Bleistift auf blau kariertem Papier). Mit horizontalen und vertikalen Knickspuren. Gr.-8vo (14,5:22,9 cm). [Prag], [Herbst 1922] (Dat. nach Br).

Lieber Robert, paar Worte, das Fräulein | wartet. Nach dem Bericht Frl. Irenes hatte | ich den Eindruck, dass das eigentlich | Schlimme vorüber ist und dass also das | Krankenhaus nicht mehr in Betracht | kommt. Immerhin, wenn Sie sich irgendwelche | allerkleinste Erleichterung vom Kranken- | haus versprechen, könnten wir es doch | versuchen (die Bedienung bei Ihnen zuhause | ist gewiss sehr schlecht) das wäre gar | kein Bittgang, ich würde zu meinem | Kollegen gehn und es durch ihn auf | sehr stolze Weise vermitteln lassen oder | was vielleicht noch besser wäre zu Prof | Münzer gehn. Also äus-sern Sie sich. | Von Dr. Hermann habe ich Auskunft | heute bekommen, aber sehr kurze undeutliche, | von leichter Grippe sprach er, morgen | gehe ich zu ihm. |

Wie hoch ist das Fieber? Genau, | Ihren Brief hatte ich schon beantwortet, | als Frl. Irene gestern hier war. Mit dem | Fieber war aber die Sache noch belang- | loser geworden, als sie früher gewesen war | die Antwort liegt bei mir.

Alles Gute Ihr K |

Sagen Sie offen, was Sie brauchen || Malostranske nàmesti | 38 | III | malir Jarych

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (5 Zeilen fehlen) abgedruckt in Br 419f.

1] Lieber Robert, paar Worte, in Br: Lieber Robert, ein paar Worte

2] Nach dem Bericht Frl. Irenes: vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

3] ([..] ist gewiss sehr schlecht): in Br: ([...] ist gewiß sehr schlecht),

4] oder was vielleicht noch besser wäre zu Prof Münzer gehn: fehlt in Br; zu Egmont Münzer vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 3, 8, 11, 13 und 29

5] Wie hoch ist das Fieber? Genau, Ihren Brief hatte ich schon beantwortet: in Br: Wie hoch ist das Fieber? Genau. Ihren Brief hatte ich schon beantwortet, Brod liest nach Genau. einen Absatz.

6] ab Frl. Irene gestern hier war. vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

7] belangloser geworden, ab sie früher gewesen war die Antwort in Br: belangloser geworden ab sie früher gewesen war, die Antwort

8] Sagen Sie offen, was Sie brauchen: Am oberen Blattrand auf dem Kopf stehend über der Zeile Lieber Robert, paar Worte, das Fräulein eingefügt und durch einen über die Blattbreite gehenden Querstrich von dieser getrennt.

9] Malostranske nàmesti 38 III malir Jarych: fehlt in Br — der Maler Jarych: n. e.

26 Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (34 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Budapest I | Kende utca | 12 14 16“). Mit vertikalen Knickspuren; Tinte vereinzelt unbedeutend verwischt. Qu.-8vo (8,9:13,7 cm). [Prag], [Mitte April 1923] (Dat. nach Br; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit "April 1923“ beschr. Umschlag).

Lieber Robert, ich muss Sie missverstanden haben, ich habe Sie | schon seit einigen Tagen zurückerwartet und darum vor | allem nicht geschrieben. Sagten Sie denn nicht, dass Sie zur | Pallenbergvorstellung am 12. gewiss schon hier sein werden | und nun sind die Vorstellungen verschoben, werden | Mittwoch, Donnerstag und Freitag sein und Sie werden | noch immer nicht in Prag sein und ich werde nicht | wie ich wollte, unter Ihrem Schutz ins Stehparterre gehn | können. Trotzdem ist es natürlich sehr gut, dass Sie länger | geblieben sind, das zeigt deutlich der Unterschied zwischen | den zwei Briefen. Weil sich nicht gleich die Tore aller | überraschten Herren geöffnet hatten waren Sie schon ver- | zweifelt. Das Hauptereignis hier ist die Ankunft Bergmanns || er bleibt 4 Wochen, Sie | werden ihn sehn, es ist | aufregend und verlockend | mit ihm beisammen zu | sein. - Der erwartete he- | bräi-sche Brief ist aus- | geblieben, auch deshalb | habe ich noch nicht ge- | schrieben. - Alle Gegrüssten | lassen grüssen, auf die Nach | richt von dem Grusse wollte | Vera in mein Zimmer, weil | sie noch nicht weiss, dass | man brieflich grüssen kann | und dachte, Sie wären bei | mir. - Das Paket ist gekommen. Dank.

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 433

1] Pallenbergvorstellung: Über dieses „Ensemble-Gastspiel des Wiener Raimund-Theaters im Neuen Deutschen Theater“ und insbesondere über Max Pallenberg in der Rolle des Dieners Theodor in Hugo von Hofmannsthals Der Unbestechliche urteilt die Prager Presse: „Pallenberg beherrscht das Stück und wir wollen nicht untersuchen, was aus dem Stück werden würde, ohne diesen schöpferischen Tyrannen“ (Morgen-Ausgabe v. 20. IV. 1923, Nr. 107, S. 6); zu Pallenberg vgl. Nr. 10, Anm. 1.

2] ich werde nicht wie ich wollte: in Br: ich werde nicht, wie ich wollte

3] Weil sich nicht gleich die Tore [...] geöffnet hatten waren Sie schon verzweifelt in Br: Weil sich nicht gleich die Tore [...] geöffnet hatten, waren Sie schon verzweifelt

4] Das Hauptereignis hier ist die Ankunft Bergmanns er bleibt 4 Wochen: in Br: Das Hauptereignis ist die Ankunft Bergmanns, er bleibt vier Wochen; vgl. auch Nr. 10, Anmerkung 11

5] Der erwartete hebräische Brief: Bezieht sich möglicherweise auf einen Brief der „Palästinenserin“ (Br 440), Kafkas Hebräischlehrerin Puah Ben-Tovim (vgl. Nr. 27, Anmerkung 7).

6] Vera: vgl. Nr. 15, Anmerkung 4.

27 Eigenh. Postkarte mit U. („F“). 2 Seiten (32 Zeilen in Bleistift bzw. Tinte [Adr. und Abs.], davon 6 Zeilen Adr. und Name des Abs. von Klopstock voradressiert). Mit Adresse („Klopstock Robert | Matliary | posta: Tatranská-Lomnicá | Slovensko | via Bohumen“) und Abs. („Dr. Kafka | bei Kaufmann Schöbl | Schelesen, P. Liboch a/Elbe“; die Zeilen bei Kaufmann ... Elbe von Kafka ergänzt). Qu.-8V0 (8,9:13,9 cm). Schelesen, [27. VIII. 1923] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock irrtümlich mit „July 27, 1923“ beschr. Umschlag).

So ist es also vorüber. Was mögen Sie, Robert | und was mag er durchgemacht haben. Merk- | würdig, dass (natürlich ohne sonstigen Vergleich) | die zwei

fröhlichsten Menschen, die es damals | in M. gab, zuerst gestorben sind. Übrigens ist | es unmöglich sich mit solchen Dingen wirk- | lich zu befassen, solange man noch auf- | recht bei Tisch sitzt und das Herz einen | noch knapp erträglichen Takt schlägt. | Darüber gibt es eine unmenschlich-grossarti- | ge Geschichte im Maggid, die von der | Ader, die nur in der Todesfurcht zu sehen | ist. — Ich war nicht in Karlsbad, bin jetzt || in Schelesen bei Ottla. Puas | Adresse: Berlin W-57 | Viktoria-Heim II | Steimetzstrasse 16. Max | ist in Prag. Hinsichtlich | Berlins schreibe ich | Ihnen. Wenn es dort nur | nicht immerfort ärger | würde. — Leben Sie wohl, | ruhn Sie sich aus, | grüssen Sie alle    F

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 443

1] Was mögen Sie, Robert: in Br: Was mögen Sie, Robert,

2] Merkwürdig, dass [...] die zwei fröhlichsten Menschen [...] zuerst gestorben sind. Einer der zwei Verstorbenen ist lt. Br 517, Anm. 8 der Arzt und Mitpatient Dr. Glauber (vgl. Nr. 2, Anmerkung 14, sowie Nr. 7, 8, 10 und 11).

3] in M. gab: in Br: in Matlar gab

4] unmöglich sich mit solchen Dingen wirklich zu befassen: in Br: unmöglich, sich mit solchen Dingen wirklich zu befassen

5] Geschichte im Maggid: Martin Bubers Sammlung chassidischer Erzählungen Der große Maggid und seine Nachfolge war 1922 erschienen; die von Kafka angesprochene

Geschichte entstammt dem Kreis von Erzählungen um den Rabbi Elimelech von Li-sensk.

6] Ich war nicht in Karlsbad, bin jetzt in Schelesen: Die Tage vom 5. Juli bis 9. August im Ostseebad Müritz (wo er am 13. Dora Diamant kennenlernte) und in Berlin zubringend, hatte Kafka vorgehabt, „von Berlin über Karlsbad nach Prag“ zurückzukehren (Br 442) und dabei auch den in Karlsbad von 6. bis 15. August tagenden XIII. Zionistenkongreß zu besuchen, was er dann aber verworfen hat. Nach einem zumindest zehntägigen Aufenthalt in Prag fuhr er nach dem 16. August mit seiner Schwester Ottla und ihren Kindern nach Schelesen.

7] Puas Adresse: Kafkas junge Hebräischlehrerin Puah Ben-Tovim (1904-1991) war nach ihrer Matura in Jerusalem (1921) auf Anraten Hugo Bergmanns nach Prag gezogen, wo sie noch im Wintersemester Mathematik zu studieren begonnen hatte. Im Schüler- und Freundeskreis des Orientalisten Isidor Pollak (1874-1922) verkehrend, erteilte sie Kafka, den sie im Frühjahr 1922 kennengelernt haben dürfte, im Winter 1922/23 Sprachunterricht; 1923 begann sie eine sozialpädagogische Ausbildung in Berlin, wo sie ihren späteren Gatten kennenlernte, den Pädagogen Josef Menczel, mit dem gemeinsam sie nach Palästina zurückkehrte. Kafkas Sprachunterricht dürfte spätestens im Sommer 1923 zu Ende gegangen sein, da er am 13. Juli in einer an Klopstock gerichteten Karte davon spricht, daß er sie in dem etwa 40 km nordöstlich von Berlin gelegenen Eberswalde (wo sie ein vierwöchiges Praktikum in einer jüdischen Kinderkolonie zum Auftakt ihrer Ausbildung absolvierte) besuchen wollte, zu ihrer „Kolonie“ aber „nicht Vordringen konnte. Ich wußte nicht, daß Eberswalde fast zwei Stunden von Berlin entfernt ist und fuhr erst Nachmittag hin [...], blieb dann in der Hälfte des Weges in Bernau stecken und schrieb von dort der Pua. Ich war nur einen Tag in Berlin, müde und ein wenig fiebrig“ (Br 435). Nicht ganz einen Monat später besuchte sie („eine gute Freundin, die Palästinenserin“, Br 440) ihn gemeinsam mit einer Bekannten im Ostseebad Müritz (seit 1938 Graal-Müritz), wo Kafka von 6. Juli bis 6. August auf Erholung war. Anfang Oktober besuchte Kafka sie im Berliner „Viktoria Heim II“ in der Steinmetzstraße, das als „Ausbildungsstätte für meist unehelich geborene Mädchen“ (vgl. KH 549) geführt wurde, und sie ihn zweimal in Steglitz. Gegen Mitte Oktober dürfte ihr Kontakt abgebrochen sein; im November 1923 heißt es in einem Brief an Klopstock, er habe „mit Pua seit 5 Wochen nicht [gesprochen], sie ist ganz verschollen, antwortet auf Karten nicht“ (Nr. 31). Zu Puah Ben-Tovim vgl. auch ihre Erinnerungen an Kafka in: EaFK 165ff. sowie KKANII App 131.

8] Steimetzstrasse: in Br: Steinmetzstraße

28 Eigenh. Postkarte mit U. („F“). 2 Seiten (29 Zeilen in Bleistift). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | Matliary | posta: Tatranská | Lomnice | Slovensko“). Qu.-8vo (8,9:13,9 cm). [Prag], [22. IX. 1923] (Dat. nach Inhalt; lt. Poststempel und dem beiliegenden, von R. Klopstock mit „Sept. 23. 1923 Einen Tag bevor seiner Abreise nach Berlin“ beschr. Umschlag jedoch der 23. IX.).

Lieber Robert es ging nicht gut länger, ich | fahre morgen, wenn nicht in den nächsten | 12 Stunden ein grosses Hindernis aus dem | finstern Hinterhalt mir entgegengewor- | fen wird, nach Berlin, aber nur für paar | Tage, wahrscheinlich bin ich, wenn Sie | herkommen auch wieder hier. Mit Max | konnte ich nur ganz flüchtig sprechen, er | ist nämlich heute Samstag nach Berlin ge- | fahren, vielleicht sehe ich ihn dort. Es fällt | mir jetzt nur noch

ein, von 2 Zeitschriften „Vers | und Prosa“ Verlag Rowohlt, Heraus || geber Hessel und | von Ha-Auhel | Das Zelt, Wien | | Christinengasse 4, Heraus | geber Höflich habe | ich Aufforderungen | bekommen, ihnen wert- | volle junge Schriftsteller | zu nennen. Hätten Sie | Lust? Leben Sie wohl! | Ich bin natürlich ein wenig | unruhig

F

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 446

1] Zur Datierung: Da Kafka davon spricht, daß Max Brod „heute Samstag nach Berlin gefahren“ sei und er selbst „morgen“ fahren werde, ist davon auszugehen, daß die Postkarte mit Sicherheit auf den 22. und nicht auf den 23. September zu datieren ist, zumal der am Poststempel vermerkte 23. September des Jahres ein Sonntag war.

2] Lieber Robert es ging nicht gut länger: in Br: Lieber Robert, es ging nicht gut länger

3] ich fahre morgen [...] nach Berlin: Am 23. September reiste Kafka nach Berlin, wo er mit Dora Diamant (vgl. Nr. 27, Anmerkung 6) bis 15. November bei Moritz Hermann in Berlin-Steglitz, Miquelstraße 8, von 15. November bis 31. Jänner 1924 bei Herrn Seifert in der Grunewaldstraße 13 und von 1. Februar bis 17. März bei der Witwe des Schriftstellers Carl Busse (1872-1918) in der Heidestraße 25/26 wohnt.

4] aber nur für paar Tage: in Br: aber nur für ein paar Tage

5] herkommen auch: in Br: herkommen, auch

6] 2 Zeitschriften: in Br: zwei Zeitschriften — Die von dem 1924-33 als Lektor bei Rowohlt in Berlin tätigen Schriftsteller Franz Hessel (1880-1941) herausgegebene Zeitschrift Vers und Prosa ist nur für das Jahr 1924 nachweisbar (ZDB-ID: 978113-4); die von dem aus Wien stammenden Schriftsteller Eugen Höflich (auch Mosheh Ya’aqov Ben-Gavriel, 1891-1965) herausgegebene jüdische Monatsschrift für Kunst, Literatur und Wissenschaft erschien gleichfalls nur 1924 (möglicherweise auch noch zu Beginn des Jahres 1925; vgl. ZDB-ID: 983687-1).

7] Hessel: in Br: Hessel,

8] Höflich: in Br: Höflich,

29    Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (29 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Robert

Klopstock | Matliary | Post: Tatranské | Lomnice | Tschechoslowakei“). Qu.-8vo (8,9:13,9 cm). [Berlin-Steglitz], [26. IX. 1923] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit „Sept. 26. 1923 Berlin-Steglitz“ beschr. Umschlag).

Lieber Robert, hier wäre ich also. Bestimmtes | ist natürlich noch nicht zu sagen. Mit Max | habe ich hier gesprochen. Beim Abendblatt ist | nichts, vier ungarische Redakteure sitzen | unbeschäftigt im Pressdepartement, dagegen | - und das wäre ja im Grunde auch viel | besser - ist Max bereit und gewiss auch fähig | bei der Mensa die Freikarten für Sie durch- | zusetzen, er wird es sehr gern tun, Sie sollen | gleich nach Ihrer Ankunft zu ihm kommen. | Wissen Sie übrigens dass Münzer schwer krank <ist>, Darm- || krebs? Wenigstens | sagte es mir meine | Mutter. |

Bis sich hier die | Verhältnisse, die person- | lichen, meine ich, ge- | klärt haben, schreibe ich | ausführlicher oder, | wahrscheinlicher, erzähle | es mündlich. Meine Karte | aus Prag haben Sie?

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 447

1] Lieber Robert, hier wäre ich also: vgl. Nr. 28, Anmerkung 3

2] Abendblatt: vgl. Nr. 19, Anmerkung 3

3] fähig bei der Mensa: in Br: fähig, bei der Mensa

4] Wissen Sie übrigens dass Münzer: in Br: Wissen Sie übrigens, daß Münzer, zu dem am 11. September 1924 verstorbenen Mediziner Egmont Münzer vgl. Nr. 1, Anmerkung 4, sowie Nr. 3, 8, 11, 13 und 25

5] Meine Karte aus Prag haben Sie?: am linken Rand von oben nach unten geschrieben; gemeint ist Nr. 28.

30 Eigenh. Postkarte mit U. („F“). 2 Seiten (42 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | bei Hermann Kafka | Prag | -Staromc stske námestí 6/II | Tschechoslowakei-“ [wohl von H. Kafka durchstrichen und überschrieben mit: „derzeit | Direktor Em. Steinberg | Frydek | Slesko“]). Mit schwacher horizontaler Knickspur. 8vo (8,9:13,9 cm). [Berlin-Steglitz], [14. X. 1923] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit „Steglitz 14. 10. 23“ beschr. Umschlag).

Lieber Robert, Frýdek, ein guter Aus- | weg; dass Sie ihn gefunden haben | freut mich sehr. Wann soll die | Prüfung geschehn? - Hinsichtlich | meiner, unnötige Besorgnisse: wenn | es nur irgendwie geht, will ich sehr | gern den Winter hier verbringen. | Wäre mein Fall ganz neu in der | Geschichte, wäre die Besorgnis berech- | tigt, aber es gibt ja Vorgänger, auch | Kolumbus z. B. hat die Schiffe nicht | gleich nach paar Tagen wenden | lassen. - Was mein Essen betrifft: ich | esse nicht in grosser Gesellschaft, | habe also nur Gelegenheit zu | innerer Scham. Übrigens ist hier in | Steglitz das Leben friedlich, die Kin- | der wohl aussehend, die Bettelei | nicht beängstigend, der Fundus aus | frühem reichen Zeiten immer noch || grossartig und in gegen- | teiligem Sinne beschä- | mend. Vor der innern Stadt freilich halte ich | mich zurück, war nur 3 mal dort, mein Potsda- | mer Platz ist der Platz | vor dem Steglitzer Rathaus, | noch er mir zu lärmend, | glücklich tauche ich dann | in die wunderbar stillen | Alleen.

Alles Gute    F |

An Max und Felix habe ich geschrieben, gehn Sie | zu ihnen

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 452

1] Frýdek, ein guter Ausweg: Über Klopstocks Situation berichtet Kafka in einem Brief an Ottla vom 8. Oktober, daß „der arme liebe unglückliche (augenblicklich wieder sehr unglückliche) Junge, ohne mir vorher davon zu schreiben, heute erschreckend hierherkommen soll. Nun vielleicht kommt er doch nicht; wenn man ihm doch nur äußerlich ein wenig helfen könnte, er hat kein Zimmer, sein Freitisch ist gefährdet, seine Hand verletzt, eine schwere Prüfung steht ihm bevor. Geld hat er wahrscheinlich auch keines und das alles ist für ihn ein Grund eine Besuchsfahrt nach Berlin zu machen. Nun, er wird wohl nicht kommen. Freilich, Prag ist auch nicht gut für ihn, aber die Studiermöglichkeiten in Berlin sind für ihn noch schwieriger als dort“ (BO 138f., Nr. 108). - Trotz seiner Bedenken war Kafka selbst, wenn auch vielleicht nur

für kurze Zeit, davon überzeugt, daß ein Wechsel des Studienorts Klopstocks Situation erleichtern würde: Knapp drei Monate vorher nämlich, am 24. Juli (Poststempel), hatte er ihm aus Müritz voller Begeisterung über das Leben der Ferienkolonie des Berliner Jüdischen Volksheims - wo er die dort als Küchenleiterin tätige Dora Diamant kennenlernte (vgl. Nr. 27, Anmerkung 6) - geschrieben, daß er an Mitteilbarem „eigentlich nichts“ habe, aber „zu Zeigendes viel, Mit-zu-Erlebendes viel. Um es zu ermöglichen, träumte ich Sie letzthin her. Die Kolonie, die Kolonie, diese jungen Menschen. Wie übertreiben Sie, Robert, den Wert Prags für Sie, den Wert der vereinzelten Menschen für Sie, die Sie dort kennen. Anders muß man leben, als wir dort. Sie müssen Ihr Leben anders einrichten im nächsten Jahr, vielleicht von Prag fortgehn z. B. in die schmutzigen Berliner Judengassen“ (Br 438). - Über Klopstocks Tätigkeit bzw. Aufenthalt in dem südlich von Ostrava gelegenen Frydek (seit 1943 Frydek-Mistek) ist nichts näheres bekannt.

2] dass Sie ihn gefunden haben freut mich sehr: in Br: daß Sie ihn gefunden haben, freut mich sehr

3] gleich nach paar Tagen wenden: in Br: gleich nach ein paar Tagen wenden

4] aus frühem reichen Zeiten: in Br: aus früheren reichen Zeiten

5] 3 mal dort in Br: dreimal dort

6] An Max und Felix habe ich geschrieben, gehen Sie zu ihnern am linken Rand von oben nach unten geschrieben

31 Eigenh. Brief mit U. („F“). 2 Seiten (51 Zeilen in Tinte bzw. Bleistift). Mit horizontaler Knickspur. 4to (17,1:21 cm). [Berlin-Steglitz], [Mitte November 1923] (Dat. nach Inhalt).

Lieber Robert, ich bekomme den Brief Mittwoch vormittag; wenn sie die | Geschichte Freitag haben sollen, müssen wir uns beeilen, ich und die | Post. Im übrigen macht es mir durchaus nur Freude, Ihre Übersetzun- | gen durch-zusehn, schicken Sie nur, was Sie haben. Die Geschichte selbst | scheint mir recht gut, nur habe ich bei diesen Geschichten von K. | meistens einen unangenehmen Nebeneindruck, so als ob dieser | Einfall, an sich erträglich gut, immer der letzte wäre, wie wenn der | arme Mann immer seinen letzten Kreuzer ausgeben würde und man | ausser der Münze auch noch die leere Tasche zu sehen bekäme. Ich | weiss nicht woran das liegt <da doch sein Reichtum zweifellos ist>. Die Übersetzung ist sehr gut. Nur | paar Bemerkungen: Der Titel ist richtig, wäre aber nicht stärker, | einfach: „Ohne Kopf.“ oder „Kopflos“ |

6) ich würde „schleppen“ wählen, auch „ziehen“ enthält Qual | und ist abseitiger. „bewegen“ wäre ohne diese Qual - Dieses Ganze: „ziehen“ und „Spur hinterlassen“ erinnert zu sehr an kriechende | Raupen | feinen Zeuges Stoff - klingt nicht schlecht, aber Zeug und | Stoff ist das gleiche |

was ist das: Glaubender? |

Die andern Dinge habe ich im Text eingetragen. |

Das Krausbuch habe ich bekommen, schön, lieb und verschwende- | risch war es dass Sie es geschickt haben, es ist lustig, wenn | es auch nur eine Nach-

Kat.-Nr. 31


geburt der „Letzten Tage“ ist. Sonst | lese ich nur wenig und nur hebräisch, keine Bücher, keine | Zeitungen, keine Zeitschriften oder doch: die Selbstwehr. | Warum schicken Sie nicht der Selbstwehr etwas, die Ihnen | weit of-fensteht. Ich hätte -sehr- gedacht, dass Sie schon am | 1. November in Prag sein wollten. Ja, Wien ist schön, nach der | Berliner Zeit, übersiedeln wir dann


60 Franz Kafka


nach Wien, ja? || Ich verkehre mit sehr wenigen Menschen, | mit Dr Weiss habe ich einmal gesprochen, | mit Pua seit 5 Wochen nicht, sie | ist ganz verschollen, antwortet | auf Karten nicht. | Mein Gesundheitszustand ist er- | träglich. |

Am 15 November übersiedle ich | in eine neue Wohnung, in der Nähe. | Die Adresse schicke ich nächstens. |

Leben Sie wohl, alles Gute Ihren | Träumen und Arbeiten |

Ihr F |

[Hebräisch] sind 2 | Worte, Hauptworte, die ich auch | nicht ganz verstehe, jedenfalls | versuchen sie den Inbegriff des | Unglücks darzustellen. [Hebräisch] heisst | wörtlich Kinderlosigkeit also vielleicht | Unfruchtbarkeit, Fruchtlosigkeit, sinn- | lose Anstrengung und [Hebräisch] heisst | wörtlich:

Straucheln, Fallen.

Mir wenigstens scheint es, unernst, solche unnützige Wortspiele | machen, nur weil sie sich bieten, ohne organischen Grund. - | 5 Seite I

- ) wörtlich -. Einmal später zeichne ich dich .... - | im Ungarischen: „schaue“ | 6. Seite

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (ohne 7 Zeilen von R. Klopstockj abgedruckt in Br 458f.

1] Zur Datierung: In einer Postkarte vom 25. Oktober 1923 (Poststempel) schreibt Kafka, daß er Puah „schon fast vierzehn Tage nicht gesehn“ habe (Br 456), in vorliegendem Brief sind es bereits „5 Wochen“. Da Kafka zudem davon spricht, daß er am „15. November [...] in eine neue Wohnung“ übersiedelt, ist das Datum - anders als in Br 458f. - mit Mitte November, jedenfalls aber vor dem 15. November festzusetzen.

2] wenn sie die Geschichte: in Br: wenn Sie die Geschichte

3] Im übrigen macht es mir durchaus nur Freude, Ihre Übersetzungen durchzusehn [...]: Klopstock übersetzte Frigyes Karinthys (1887—1938) Kurzgeschichten, darunter auch die im folgenden besprochene (Kopflos), aus dem Ungarischen ins Deutsche (vgl. auch Nr. 39-46); veröffentlicht wurde sie unter dem Titel Ohne Kopf in der Bohemia vom 15. Jänner 1925, S. 5.

4] Einfall, an sich erträglich gut: in Br: Einfall, an sich selbst erträglich gut

5] Ich weiss nicht woran das liegt <da doch sein Reichtum zweifellos ist>: in Br: Ich weiß nicht, woran das liegt, da doch sein Reichtum zweifellos ist, die Einfügung selbst in Bleistift

6] Nur paar Bemerkungen: in Br: Nur ein paar Bemerkungen

7] 6) ich würde „schleppen“ wählen: bezieht sich auf die Seite 6 aus Klopstocks Manuskript

8] Raupen: in Br: Raupen.

9] das gleiche: in Br: das gleiche;

10] Das Krausbuch habe ich bekommen: Kraus’ Untergang der Welt durch schwarze Magie erschien im Jahr zuvor.

11] verschwenderisch war es dass Sie es geschickt haben: in Br: verschwenderisch war es, daß Sie es geschickt haben

12] Selbstwehr [...] Selbstwehr: in Br: „Selbstwehr“ [...] „Selbstwehr“; vgl. auch Nr. 3, Anmerkung 16

13] nach der Berliner Zeit, übersiedeln wir. in Br: nach der Berliner Zeit übersiedeln wir

14] mit Dr Weiss habe ich einmal gesprochen, mit Pua seit 5 Wochen nicht. Zu dem Besuch von Ernst Weiß vgl. BKFB 433, zu Puah Ben-Tovim vgl. Nr. 27, Anmerkung 7.

15] Dr Weiss: in Br: Dr. Weiss

16] seit 5 Wochen nicht: in Br: seit fünf Wochen nicht

17] Am 15 November: in Br: Am 15. November, von 15. November bis 31. Jänner 1924 wohnten Kafka und Dora Diamant in Berlin-Steglitz bei Herrn Seifert in der Grunewaldstraße 13.

in hebräischer Kursivschrift; in Br transliteriert: „Schechol uchischa-lon": der gesamte Absatz [Hebräisch] [..]    Straucheln, Fallen. in Bleistift nachgetragen.

- Josef Chajim Brenners Roman Schechól uchischalón (Unfruchtbarkeit und Scheitern oder Buch des Ringens) war 1920 in Tel Aviv erschienen. Über die Lektüre berichtete Kafka schon kurz zuvor in einer Karte an Klopstock: „Ein für mich in jeder Hinsicht schweres Buch und nicht sehr gut. Pua hat mir zweimal beim Lesen geholfen“ (Br

456).

19] 2 Worte, Hauptworte: in Br: zwei Hauptworte

20] in hebräischer Kursivschrift; in Br transliteriert: „Schechol“

21] [Hebräisch]: in hebräischer Kursivschrift; in Br transliteriert: „Kischalon “

22] Mir wenigstens [...] 6. Seite: In der Hand Klopstocks entlang des rechten Blattrandes der Verso-Seite, von oben nach unten verlaufend, in Tinte. Die Zeilen dürften Werkstattnotizen Klopstocks zu seinen Karinthy-Übersetzungen darstellen, die er Kafka zur Kritik vorlegte. Offenbar hat Kafka einen mit diesen wenigen Notaten bereits beschriebenen Bogen zur Abfassung seines Briefes verwendet. Entsprechend findet sich auf der Recto-Seite am rechten Rand, von oben nach unten geschrieben, der Text -3 Soite- von Klopstocks Hand. Die Notiz ist von Kafka gestrichen und mit einem Federstrich von seinem Brieftext abgegrenzt.

23] -...) wörtlich ... Einmal später zeichne ich dich-: Im Original mit weichem Bleistift gestrichen. Die Streichung dürfte auf Klopstock selbst zurückgehen, könnte aber auch von Kafkas Hand stammen, zumal seine Nachschrift mit Bleistift verfaßt ist. Vor Einmal beginnt eine geschweifte Klammer, die bis ins | des Wortes Ungarischen der darauffolgenden Zeile reicht

24] -"-) im Ungarischen: „schaue“: Das Unterführungszeichen und die Klammer im Original in Bleistift

32 Eigenh. Brief mit U. („F“). 2 Seiten (54 Zeilen in Tinte). Mit horizontaler Knickspur und Einrissen in der Faltung (etwas Textberührung). 4t0 (17:21 cm). [Berlin-Steglitz], [vor dem 19. XII. 1923] (Dat. nach Inhalt).

Lieber Robert, Ihr Brief hat mich trotz mancher Traurigkeiten, die darin | stehn, sehr gefreut, weil er mir Ihre Situation sehr begreiflich macht und | mich an Ihrem Leben teilnehmen lässt. Ich kann die meinige nicht so | begreiflich machen, konnte es niemals, bitte, nehmen Sie es mir nicht | übel und hören Sie deshalb nicht auf, an meinem Leben teil[n>z]unehmen, es | ist auch so möglich und es ist wahrscheinlich besser möglich, als wenn ich | lange Berichte über mich schreiben würde, denn diese langen Berichte wären | meiner Natur nach sehr ärmlich. |

Kat.-Nr. 32

Es ist sehr gut, dass Sie öfters zu uns kommen, die Mutter hat sie sehr | gern, immer wieder steht irgendein Lob [üb>in] ihren Briefen. Sie waren auch | dabei, wie das Päckchen an mich geschickt wurde, nicht? Ich fand dort | Ihren Namen und fühlte den Gruss. |

Der Zahnarzt scheint leider doch nicht gar so vortrefflich zu sein. Wir haben | noch einen andern Zahnarzt Dr Kraus in der Pflastergasse, um die Ecke | beim Cafe Arco, Sie könnten hingehn und sich auf unsere Familie oder || auf mich berufen, es sind 2, Vater und Sohn, besonders der Sohn ist | lieb. | Wie ist es mit der Mensa? Keine Karten? Kann Max, kann | Felix nicht helfen

an Robert Klopstock 63

oder jemanden nennen, der helfen kann? Zahlt | Schmolka? Warum übersetzen Sie nur Carinthy, der soviel sich | zahlen lässt? Und wahrhaftig gar nicht so sehr gut, nur ein- | fallsreich und in gewissem Sinn kindlich-jüdisch oder jüdisch- | di[ll>l]ettantisch ist. - Ich bekam von Wolff ein Carte, wonach er | von der „Firma Kloppstock“ für „Betrachtung“ 50 K be- | kommen hat, wovon er mir 75 % überweist, ich ersuche die | Firma Kloppstock sich das Geld von uns (ich habe noch nicht | darüber geschrieben, werde es aber morgen tun) zu holen und | nächstens nicht zwecklos die Post und die Banken zu nähren | und die Schreibmaschinen in Bewegung zu setzen. - Zahlt | Schmolka noch? | Das Zimmer scheint schön zu sein, auch eine gute Abwechslung | nach der Kleinseite. Erzählen Sie mir nächstens noch ein wenig | davon. Auch in der Nacht ist das Fenster geschlossen? Lässt sich | die Öffnung nicht doch irgendwie erreichen, etwa auf Art des | „Gesprächsmusters“ | Soll ich Ihretwegen an Pick schreiben? Ich tue es gern, wenn es auch | einige Schwierigkeiten hat wegen der schrecklichen Feindschaft die | sich zwischen Max und ihm entwickelt zu haben scheint. |

Mit der Iwriah haben Sie wahrscheinlich wegen der Prüfungen keine | Verbindung noch? Ich gehe ein wenig, selten, aber immerhin, in die Hoch- | schule für die Wissenschaft des Judentums, vielleicht erzähle ich nächstens | davon. |

Bis Feber wird das ja eine entsetzliche Arbeit werden, mein armer | lieber Robert. Die Taxen. Die Mutter wollte Ihnen Geld borgen, Sie haben | abgelehnt. Wenn aber kein anderer | Ausweg wäre - Herzlichste |

Grüsse F

(Sollte der dritte Herr, auch darauf<hin> nicht | fortgehen, so stehen die zwei -miteinander- <sich unterhaltenden> | -sprechenden H-erren auf, <und> gehen anderswo hin[.>,] <ihre> | -Übrigens kann- Geschäfte mit einander fortzusetzen. | Übrigens -das <(tdiest)>- kann man tt <das> auch gleich tun. In diesem | Falle entfällt das ganze Gespräch.) |

wäre nicht besser: Übrigens hätten sie das auch gleich | tun können.

5] Zahlt Schmolka: n. e.

6] Warum übersetzen Sie nur Carinthy: vgl. Nr. 31, Anmerkung 3

7] Ich bekam von Wolff ein Carte, so im Original. - Klopstock hatte am 9. März 1923 Kafkas Verleger gebeten, „mir das Ubersetzungsrecht in das Ungarische der bisher erschienenen Werke Franz Kafkas (encl.: die schon von Herrn Sándor Márai übersetzten Urteil und Verwandlung) einzuräumen. - In dieser Angelegenheit habe ich den Autor gesprochen, der Ihnen gleichzeitig schreibt. Ich möchte um baldige Rückantwort ersuchen, da ich bereits einiges in Kurzem in einer lit. Zeitschrift in Ungarn (,Nyngat’ [recte: Nyugat]) zu veröffentlichen die Absicht habe und es dann in Buchform erscheinen zu lassen [...]“ (KW 56; Hervorhebung im Original)“. Im erwähnten Nachsatz zu Klopstocks Brief betont Kafka Klopstocks „ausgezeichnete literarische Fähigkeiten“ und erinnert den Verleger daran, daß er „schon vor längerer Zeit in dieser Sache Ihnen geschrieben“, bislang aber noch keine Antwort erhalten habe (KW 57; das erwähnte Schreiben datiert von Oktober 1922, vgl. KW 56). In Wolffs Antwortschreiben vom 12. März werden Klopstock daraufhin „gegen die bescheidene Pauschalvergütung von 10.000 ungarischen Kronen für jeden Band die Uebersetzungsrechte für die in unserem Verlag erschienenen Bücher Franz Kafka's für die ungarische Sprache“ erteilt (unveröffentlichter Brief, Kurt Wolff Archive, Yale University; freundliche Mitteilung von Leo A. Lensing. Hervorhebung im Original), die dieser - wie aus unserem Schreiben hervorgeht - nicht, wie gefordert, pauschal, sondern in Raten überwiesen haben dürfte. Entgegen Klopstocks ursprünglichen Absichten wurden seine Übersetzungen nicht in Nyugat- der seit ihrer Gründung 1908 wohl führenden literarischen Zeitschrift Ungarns - veröffentlicht, sondern erst im Frühjahr 1926 in der Prágai Magyar Hírlap (vgl. die biographische Skizze, S. 83f.). - Kloppstock: so im Original

8] Soll ich Ihretwegen an Pick schreiben?: zu Otto Pick vgl. Nr. 7, Anmerkung 2

9] Mit der Iwriah haben Sie wahrscheinlich wegen der Prüfungen keine Verbindung noch?: Aus der Erkenntnis heraus, daß der mit dem jüdischen Religionsunterricht gewöhnlich verbundene Unterricht in hebräischer Sprache unzulänglich sei, war 1919 in Berlin von privater zionistischer Seite die erste hebräische Sprachschule „Iwriah“ gegründet und als „Hebräische Lehranstalt“ 1925 von der jüdischen Gemeinde übernommen worden.

10] Ich gehe ein wenig, selten, aber immerhin, in die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums: Wie aus einer Karte an Felix Weltsch vom 18. November (Poststempel; Br 466) hervorgeht, besuchte Kafka seit dieser Zeit „[zjweimal in der Woche und nur bei gutem Wetter“ die 1870 gegründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums - „das ist schon das Äußerste, was ich zustandebringe“ - und hört dort, wie Max Brod berichtet, „in der Präparandie Professor [Harry] Torczyner und Professor [Julius] Guttmanns Vorträge über den Talmud. Er liest leichtere hebräische Texte“ (FK 213). In einer Karte an Klopstock vom 19. XII. 1923 (Poststempel) beschreibt er (wie hier angekündigt) diese erste Ausbildungsstätte für Rabbiner mit Universitätsniveau, an der auch Frauen zugelassen waren, als einen „Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern [...] Ein ganzes Haus schöne Hörsäle, große Bibliothek, Frieden, gut geheizt, wenig Schüler und alles umsonst. Freilich bin ich kein ordentlicher Hörer, bin nur in der Präparandie und dort nur bei einem Lehrer und bei diesem nur wenig, so daß sich schließlich alle Pracht wieder fast verflüchtigt, aber wenn ich auch kein Schüler bin, die Schule besteht und ist schön und ist im Grunde gar nicht schön, sondern eher merkwürdig bis zum Grotesken und darüber hinaus bis zum unfaßbar Zarten (nämlich das Liberalreformerische, das Wissenschaftliche des Ganzen)“ (Br 470).

11] (Sollte der dritte Herr [...] das ganze Gespräch.): Werkstattnotizen Klopstocks zu seinen Übersetzungen, die er Kafka zur Kritik vorlegte. Wie bei Nr. 31 hat Kafka den bereits so beschriebenen Papierbogen zur Abfassung seines Briefs verwendet; zusätzlich nimmt Kafka hier an Klopstocks Notizen sprachliche Korrekturen vor und macht Gegenvorschläge zur Formulierung. Der Abschnitt ist von Kafka mit Federstrichen vom eigentlichen Brief und von seiner Nachschrift abgesetzt. Die schließende Klammer nach Gespräch, in Bleistift

12] Der Rat [...] was soll sie damit in: Nachschrift am linken oberen Blattrand von unten nach oben

13] der Zips? [...] der Kurorte füllen: Am oberen Blattrand fortgesetzt.

14] Irene: vgl. Nr. 3, Anmerkung 3

15] Karpathenpost: vgl. auch Nr. 9

33 Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (50 Zeilen in Tinte, davon 19 Zeilen und Adresse von Dora Diamant). Mit Adresse („Herrn | Robert Klopstock | Prag-Vino-hrady | Na Svihance 11 III“). Vereinzelt minimal knittrig. 8vo (10,4:15 cm). [Berlin-Steglitz], [26. I. 1924] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit „January 26, 1924 Berlin-Steglitz“ beschr. Umschlag).

Lieber Robert, ich vermutete Sie noch immer in B., erst | aus einem Brief von Max erfuhr ich dass Sie schon in | Prag sind, auch von 4 Übersetzungen schrieb er, die | von Ihnen erschienen sind und von denen ich nichts | wusste. Auch schicken Sie mir keine mehr zur | Durchsicht; wer hat mir die Arbeit weggenommen? | Inzwischen war Irene hier und hat ein wenig von | Ihnen erzählt; was war das für eine Prüfung, die | Sie ihr gegenüber Weihnachten als gut bestanden | erwähnten? Bei Midia war ich nicht, abend habe | ich fast immer Temperaturerhöhung, bei solchen | Gelegenheiten geht dann immer der „andere Schüler“, | er war entzückt von Midia. Von mir ist wenig zu | erzählen, ein etwas schattenhaftes Leben, wer’s nicht | geradezu sieht, kann nichts davon merken. Augen- | blicklich haben wir Wohnungssorgen, eine Überfülle | von Wohnungen, aber die prachtvollen ziehn un- | erschwinglich an uns vorüber und der Rest ist | fragwürdig. Wenn man etwas verdienen könnte! | Aber für Bis-12-im-Bett-liegen gibt hier nie- | mand etwas. Ein Bekannter, ein junger Maler, hat | jetzt einen schönen Beruf, um den ich ihn schon | manchmal beneidet habe, er ist Strassenbuchhänd- | ler, gegen 10 Uhr vormittag bezieht er den Stand | und bleibt bis zu Dämmerung; und es gab schon | 10° Frost und mehr. Um die Weihnachtszeit verdiente er | 10 M täglich, jetzt 3-4. ||

Darf ich die Karte zu | Ende schreiben? Franz ist nicht | ganz wohl, so würde sie heute noch | nicht weggehen, und sie möchte schon | sehr an Robert Klopfstock abge- | schickt werden. Ich benutze die Ge- | legenheit. Es ist ein guter Vorwand | um auch mal anschreiben zu können. | Ich bin bloss ein bisschen zu dum | (oder: schüchtern?) da wird ja nichts ge- | scheites heraus-komen. Wenigstens aber | das, dass ich sehr gern mal von Robert | Klopfstock mehr gehört hätte, so direkt | an mich gerichtet. Sonst — weiss ich?! | bin ich

vielleicht manchmal ein bisschen | neidisch, wenn Franz so schöne lange | Briefe bekomt, und ich garnicht gemeint | bin. Ich grüsse Sie herzlich. Ich heisse: | Dwojre (Dora)

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (ohne 19 Zeilen Nachschrift und Adresse von Dora Diamant) abgedruckt in Br 474f.

1] Lieber Robert, ich vermutete Sie noch immer in B.: möglicherweise Barlangliget (vgl. Nr. 3, Anmerkung 9)

2] erfuhr ich dass Sie schon in Prag sind: in Br: erfuhr ich, daß Sie schon in Prag sind

3] 4 Übersetzungen: in Br: vier Übersetzungen; n. e.

4] wer hat mir die Arbeit weggenommen?: in Br: wer hat die Arbeit weggenommen?

5] Inzwischen war Irene hier [...] Bei Midia war ich nicht. Die Rezitatorin Midia Pinez - eine Freundin von Irene Bugsch (vgl. Nr. 3, Anmerkung 3) - „kommt für ein paar Tage nach Berlin“, schreibt Kafka Mitte Jänner 1924 an Max Brod, „wird im Graphischen Kabinett Neumann einen Vortrag haben (sie spricht auswendig die Lebensgeschichte des Einsiedlers aus den Brüdern Karamazof) und mich wahrscheinlich besuchen“ (BKFB 450). Zu einem Besuch von Irene Bugsch kam es vor dem 26. Jänner; die Rezitatorin dürfte Kafka jedoch nicht persönlich kennengelernt haben, da er selbst nicht bei dem Vortragsabend war und auch den Besuch Irene Bugschs nur kurz erwähnt. An seiner Statt dürfte jedoch Dora Diamant, „der ,andere Schüler'“, zugegen und „entzückt von Midia“ gewesen sein (ebd.).

6] Augenblicklich haben wir Wohnungssorgen: Noch am selben Abend oder am Abend danach erhielt Kafka einen Anruf der Witwe des Schriftstellers Carl Busse, in deren Wohnung er und Dora Diamant ab 1. Februar wohnen sollten (vgl. WKC 201 und Nr. 28, Anmerkung 3). Nicht ohne Selbstzweifel schreibt er — dem als ,,arme[n] zahlungsunfähige[n] Ausländer“ von Hrn. Seifert gekündigt wurde - kurz vor dem Umzug an Felix Weltsch: „Ich tue vielleicht Unrecht (und bin schon von vornherein durch die entsetzlich hohe, für die Wohnung zwar nicht ungebührliche, für mich aber in Wirklichkeit unerschwingliche Miete gestraft), in das Haus eines toten Schriftstellers zu ziehn, des Dr. Carl Busse (1918 gestorben), der zumindest zu Lebzeiten gewiß Abscheu vor mir gehabt hätte“ (Br 475).

7] fiir Bis-12-im-Bett-liegen: in Br: für Bis-zwölf-im-Bett-Liegen

8] 10 Uhr. in Br: zehn Uhr

9] bis zu Dämmerung: in Br: bis zur Dämmerung

10] 10°: in Br: zehn Grad

11] 10 M: in Br: zehn Mark

12] Darf ich die Karte zu Ende schreiben: ab hier von Dora Diamant

13] Klopfstock. Dora Diamants eigentümliche Schreibweise von „Klopstock“. Vgl. auch Nr. 37 (Adresse) und BE 77f., Nr. 31.

14] Dwojre (Dora): von unten nach oben quer zum Fließtext geschrieben

34 Eigenh. Postkarte mit U. („F“). 2 Seiten (42 Zeilen in Tinte, davon 2 Zeilen von Dora Diamant). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | Prag-Vinohrady | Na Svihance | Nr. 11 /III/18 | Tschechoslowakei“). 8V0 (8,9:13,9 cm). [Ber-lin-Zehlendorf], [29. II. 1924] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit „Steglitz 29. 2. 24“ beschr. Umschlag sowie Klopstocks gleichlautende Notiz in blauer Tinte oberhalb der Adr.).

Mein lieber Robert, es geht nicht, ich kann | nicht schreiben, kann Ihnen kaum danken | für alles Gute, womit Sie mich überhäufen | (die prachtvolle Chokolade, die ich erst | vor paar Tagen bekam oder vielmehr, um | die Wahrheit nicht zu verschleiern, die wir | bekamen und dann die Fackel, mit der | ich die Ihnen schon bekannten entnervenden | Orgien abendelang getrieben habe, einmal | während der Onkel und Dora entzückt, | anders wohl entzückt als ich, bei einer Kraus- | Vorlesung waren) und unter welchem die | Geschenke noch das Geringste sind. Zwei | angefangene Briefe und eine Karte treiben | sich schon längst irgendwo in der Wohnung | herum, Sie werden sie nie bekommen. Letzt- | hin suchte ich Ihren vorletzten Brief, konnte | ihn nicht finden, nun fand er sich in einem | hebräischen Buch, in dem ich ihn aufge- | hoben hatte, weil ich in dem Buch täglich | ein wenig las, nun aber hatte ich es schon | einen Monat lang nicht aufgemacht, in | der Hochschule war ich noch länger nicht || Hier freilich draussen habe ich es sehr | schön, werde aber wohl fortmüssen. Sehr | schade, dass es auch Ihnen nicht sehr gut | geht, das ergibt dann keinen Ausgleich. | Es ist mir unbegreiflich wovon [s>S]ie leben. | Zahlt wenigstens Schmolka? Und gibt die | mensa Karten? Sehr unrecht, dass Sie den | Auftrag fur D. durchstrichen haben. Auf- | träge machen uns glücklich. - Ihre Gesund- | heit scheint trotz aller Plage — fassen wir das | Zarte zart an — wenigstens nicht allzu | schlecht zu sein. Mit diesem Besitz lässt es sich doch vor- | wärts gehn. | Leben Sie recht wohl Ihr |

[K>F]

Bitte lieber Robert schreiben Sie mir doch bitte, was das Durchstrichene | heissen soll, sonst bin ich traurig. D.

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (ohne 2 Zeilen Nachschrift von Dora Diamant) abgedruckt in Br 477

1] erst vor paar Tagen: in Br: erst vor ein paar Tagen

2] dann die Fackel, mit der ich die Ihnen schon bekannten entnervenden Orgien abendelang getrieben habe, einmal während der Onkel und Dora entzückt, anders wohl entzückt als ich, bei einer Krausvorlesung waren: Siegfried Löwy (vgl. Nr. 24, Anmerkung 3) war auf Betreiben Max Brods hin am 21. Februar abends in Berlin angekommen, um Kafka von der Notwendigkeit eines Sanatoriumsaufenthalts zu überzeugen. — Die erwähnte Vorlesung von Karl Kraus war eine von insgesamt zwölf Vorlesungen, die Kraus am 21., 22., 25., 26. und 27. Februar sowie am 1., 2., 3., 5., 6., 9. und 21. März im Berliner Lustspielhaus auf Einladung des von Berthold Viertel (1885-1953) 1923 zusammen mit Fritz Kortner (1892-1970) gegründeten Schauspielensembles „Die Truppe“ hielt (vgl. F 649-656, Juni 1924, 74ff.). Daß Kafka selbst diese neuerliche Gelegenheit, eine Vorlesung von Karl Kraus - den er im März 1911 in Prag gehört hatte (vgl. TKA | 159 und III 50f.) - zu besuchen, nicht wahrnahm und stattdessen nur in der Fackel las, mag als eindeutiger Ausdruck seines kritischen Zustandes gelten.

3] abendelang: in Br: abendlich

4] unbegreiflich: in Br: unbegreiflich,

5] in einem hebräischen Buch: n. e.

6] in der Hochschule war ich noch länger nicht: vgl. Nr. 32, Anmerkung 10

7] Schmolka?: in Br: S.?; n. e.

8] mensa: in Br: Mensa

9] durchstrichen haben: in Br: durchtrieben haben

10] Leben Sie recht wohl Ihr K. im Original von unten nach oben am Blattrand quer zum Fließtext geschrieben

11] Bitte lieber Robert schreiben Sie nur: ab hier von Dora Diamant; im Original von oben nach unten am linken Blattrand quer zum Fließtext geschrieben

35 Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (39 Zeilen in Tinte). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | Tatranské Matliary | Tschechoslowakei“) und eh. Absender („Dr Kafka | Sanatorium Wiener Wald | Ortmann Niederösterreich“). 8vo (9:13,8 cm). Sanatorium Wiener Wald, Ortmann/Niederösterreich, [7. IV. 1924] (Dat. nach Poststempel; vgl. auch den beiliegenden, von R. Klopstock mit „vor dem 18. 4. 1924“ beschr. Umschlag sowie Klopstocks davon abweichende Notiz in blauer Tinte oberhalb der Adr. „7. 4. 24“).

Lieber Robert, nur das Medicinische, alles | andere ist zu umständlich, dieses aber - | sein einziger Vorteil - erfreulich einfach. | Gegen Fieber 3 mal täglich flüssiges Pyra- | midon — gegen Husten Demopon (hilft | leider nicht) - und Anästesinbonbons: | Zu Demopon auch Atropin, wenn ich nicht | irre. Hauptsache ist wohl der Kehlkopf. | In Worten erfährt man freilich nichts | bestimmtes, da bei Besprechung der Kehl- | kopftuberkulose jeder in eine schüchterne | ausweichende starräugige Redeweise ver- | fällung. Aber „Schwellung hinten“, | „Infiltration“ „nicht bösartig“ aber „Bestimm- | tes <kann> man noch nicht sagen', das in | Verbindung mit sehr bösartigen Schmerzen | genügt wohl. Sonst: gutes Zimmer, schönes | Land, von Protektion habe ich nichts | bemerkt. Pneumothorax zu erwähnen | hatte ich keine Gelegenheit, bei dem || schlechten Gesamtzustand (49 kg | in Winterkleidern) kommt er | ja auch nicht in Betracht. | — Mit dem übrigen Haus komme | ich gar nicht in Verkehr, | liege im Bett, kann ja auch | nur flüstern (wie schnell das | ging, etwa am dritten Tag in Prag | begann es andeutungsweise zum | erstenmal) es scheint ein grosses | Schwatznest zu sein von Balkon | zu Balkon, vorläufig stört es mich | nicht.

Mit Abweichungen abgedruckt in Br 479f

1] Sanatorium Wiener Wald. Nachdem Kafka am 17. März Berlin verlassen hatte und nach Prag zurückgekehrt war, war er am 5. April in Begleitung Dora Diamants in das etwa 75 km südlich von Wien gelegene Sanatorium Wienerwald im niederösterreichischen Ortmann gefahren.

2] das Medicinische: in Br: das Medizinische

3] 3 mal: in Br: dreimal

4] nichts bestimmtes: in Br: nichts Bestimmtes

5] Redeweise verfällung: in Br: Redeweise verfällt

6] noch nicht sagen': in Br: noch nicht sagen “

7] ([...] zum erstenmal) es scheint: in Br: ([...] zum erstenmal), es scheint

Kat.-Nr. 36 (recto)

36 Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (47 Zeilen in Tinte, davon 21 von Dora Diamant). Mit eh. Adresse („Robert Klopstock | Tatranské Matliary | P. Tatranské Lomnica | Tschechoslowakei“]). 8vo (9:13,8 cm). [Sanatorium Wiener Wald, Ortmann/Niederösterreich], [9. oder 10. IV. 1924] (Dat. nach Inhalt bzw. KLJ 100, Abb. 185; Poststempel v. 13. IV.).

Lieber Robert, ich übersiedle in | Universitätsklinik des Prof Dr. M. | Hajek, Wien IX Lazarethgasse 1 [8>4] | Der Kehlkopf ist nämlich so ange- | schwollen, dass ich nicht essen kann, | es müssen (sagt man) Alkoholinjekti- | onen in den Nerv gemacht werden, | wahrscheinlich auch eine Resektion. | So werde ich einige Wochen in | Wien bleiben. |

Herzliche Grüsse F |

Ich fürchtete mich vor Ihrem | Kodein, heute habe ich das Fläschchen | nicht nur schon verbraucht, sondern | nehme nur Codein 0'03. „Wie mags | drin-

Kat.-Nr. 36 (verso)

nen ausschauen?“ fragte ich | jetzt die Schwester. „Wie in der Hexen- | küche“ sagte sie aufrichtig. ||

Robert! Helfen was zu helfen | ist! Die Medizin-Ärzte sind | am Ende ihrer Macht. Absolut | aufgegeben. Die Verzweiflung | brachte mich auf den Gedan- | ken der Homöopathie oder | ähnlicher Heilmetoden. Ist | nichts mehr zu verlieren. | Bin allein in Wien, ganz auf | mich angewiesen (Geld hab ich.) Die | Klinik in der Franz kommt, ist ent- | setzlich. Sie wird sein Ende beschleu- | nigen. | Er liegt mit zwei schrecklich leidenden | Menschen (Auch Kehlkopf mit Appara | ten) in einer Zelle. Bett-e- an Bett | Er kann nicht essen, nicht sprechen | Robert helfen! Raten was anfangen. || In geschlossenem Brief auf obige Adresse | unter meinen Namen | antworten

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (ohne 21 Zeilen Nachschrift von Dora Diamant) abgedruckt in Br 480f.

1] ich übersiedle: Da die vermutete Kehlkopftuberkulose im Sanatorium Wiener Wald nicht entsprechend hätte behandelt werden können und Kafka zudem auf die ihm verabreichten Medikamente nicht angesprochen hatte, wurde ihm empfohlen, die Laryngologische Klinik von Prof. Markus Hajek (1861—1941) in Wien aufzusuchen. Am 10. April dorthin abreisend, wird er anfangs in der von Arthur Schnitzlers Schwager geführten Klinik mit Mentholöl-Bespritzungen erfolgreich behandelt, ist aber in einem Mehrbettzimmer mit sterbenskranken Patienten untergebracht, deren einer, der Schuhmachermeister Josef Schrammel (vgl. KLJ 110 und passim), am Abend des

18. April verstirbt - „Den Mann neben mir haben sie getötet [...] Mit Lungenentzündung haben sie ihn herumgehn lassen 41 stark“, heißt es an einer Stelle der Gesprächsblätter (Br 487) was Kafka schließlich zum vorzeitigen Abbruch seines Aufenthaltes bewegen sollte, obgleich er kurze Zeit später wohl in ein Einzelzimmer verlegt worden wäre (vgl. Nr. 38, Anmerkung 1).

2] in Universitätsklinik: in Br: in die Universitätsklinik

3] Prof Dr.: in Br: Prof. Dr.

4] Lazarethgasse 1[8>4] Der: in Br: Lazarettgasse 14. Der

5] Codein 0'03: in Br: Codein 0.03

6] Robert! Helfen was zu helfen: ab hier von Dora Diamant

7] Heilmetoden: so im Original

8] Klinik in der Franz kommt: so im Original

9] Die Klinik in der Franz kommt [...] Raten was anfangen: Nach beschleunigen am oberen Blattrand von links nach rechts bis helfen fortgesetzt und nach wiederholtem Drehen der Karte die Worte Raten was anfangen nach beschleunigen hinzugefiigt.

10] Auch Kehlkopf: so im Original

11] In geschlossenem Brief auf obige Adresse unter meinen Namen antworten: auf der Textseite der Postkarte um Kafkas Grußzeile herum hinzugefügt - meinen: so im Original

37 Eigenh. Postkarte. 2 Seiten (34 Zeilen, davon 16 1/2 Zeilen von Kafka in Tinte und 17 1/2 Zeilen sowie 4 Zeilen Adr. von Dora Diamant in Bleistift). Mit Adresse („Robert Klopfstock | Tatranské Matliary | Post Tatranské Lom-nice | Tschechoslowakei“). 8vo (9:13,9 cm). [Wien], [18. IV. 1924] (Dat. nach Poststempel).

Robert, lieber Robert, keine Gewalttaten, | keine plötzliche Wiener Reise, Sie kennen | meine Angst vor Gewalttaten und | fangen doch immer wieder an. Seit- | dem ich aus jenem üppigen, bedrücken | den und doch hilflosen (allerdings | wunderbar gelegenen) Sanatorium | weggefahren bin, geht es mir besser, | der Betrieb in der Klinik (bis auf | Einzelnheiten) hat mir gut getan,

| die Schluckschmerzen und das Brennen | sind geringer, es wurde bisher keine | Injektion gemacht, nur Menthol- | Öl-Bespritzungen des Kehlkopfs.

| Samstag will ich, wenn kein beson- | deres Unglück dazwischen fährt |

in Dr Hoffmanns Sanatorium | Kierling b. Klosterneuburg | Niederösterreich ||

Robert Sie lieber guter. | Eben Ihr Telegram bekomen. | Franz geht es einwenig besser. | Wenn ich bloss die Hoffnung hätte, | dass es gut werden kann. Wann | ich ihn anschaue, -D-in dies muntere | lebhafte lachende Gesicht, glaube | ich wieder an alles Gute. Diese | von Leben und Lustigkeit -strot- | strotzenden Augen können nur | Schöpfen und leben verheissen. | Da glaube ich den Ärzten kein Wort | Ich wäre nicht dagegen dass Sie kommen | aber vielleicht nicht sofort. Noch einwenig abwarten | Inzwischen Franz an den Gedanken gewöhnen

Kat.-Nr. 37    

Mit Abweichungen bzw. unvollständig (ohne 15 Zeilen Nachschrift [Adresse in Br übernommen] von Dora Diamant) abgedruckt in Br 481.

1] Klopfstock: vgl. auch Nr. 33, Anmerkung 13

2] Einzelnheiten: in Br: Einzelheiten

3] Dr Hoffmanns: in Br: Dr. Hoffmanns; Hugo Hoffmann (1862-1927)

4] in Dr Hoffmanns Sanatorium [..]: ab dem Wortteil anns von Dora Diamant fortgesetzt

5] Wann ich ihn anschaue. -D-in: so im Original

38 Eigenh. Notiz. 1/2 Seite (7 Zeilen in Bleistift auf grau kariertem Papier). Mit horizontaler und vertikaler Knickspur. Kl.-4to (13,9:17,4 cm). [Kierling], [Mai 1924] (Dat. nach Inhalt).

Lesen Sie auch die Episode aus Werfels | Roman. Es geht mir wieder so nah <wie Schweiger>, ich | kann darüber nichts sagen. |

Ihrem Kousin hat Dora telephoniert, | er hat das Geld bekommen und | wird Ihnen schreiben. Er hätte eine sehr | angenehme Stimme, hat Dora vermerkt.

Unveröffentlicht

1] die Episode aus Werfels Roman: Franz Werfel - der durch seine Bekanntschaft mit Julius Tandler (1869-1936), Mitglied des Wiener Gemeinderats und Amtsführender Stadtrat für Wohlfahrtspflege, versucht hatte, zumindest Kafkas äußere Situation (durch einen Freiplatz in einem Sanatorium etwa) zu verbessern (vgl. KLJ 118f. und BKFB 454) — hatte Kafka ein mit Widmung versehenes Exemplar seines jüngsten Werkes Verdi. Roman der Oper „und Rosen geschickt und trotzdem ich ihn hatte bitten lassen, nicht zu kommen (denn für Kranke ist es hier ausgezeichnet, für Besucher und in dieser Hinsicht auch für die Kranken abscheulich) scheint er nach einer Karte heute doch noch kommen zu wollen“ (BKFB 454; zu Werfels Roman vgl. auch KB 56, Nr. 59). Werfel selbst schreibt hierzu in einem Brief an Max Brod: „Ich bin drei Tage lang in Wien gewesen und habe alles mir mögliche getan, das Schicksal Kafkas zu erleichtern, d. h. ich habe befreundete Ärzte dringendst gebeten, sich seiner anzunehmen. Kafka hat dringend gewünscht, daß ich nicht zu ihm komme, so bin ich einmal schon vor der Spitaltür zurückgekehrt. - Die Sache selbst ist nun so. Professor Hájek hat behauptet, es wäre für K. die einzige Möglichkeit, daß er im Spital bleibt, weil alle Heilberufe und Kurmöglichkeiten bei der Hand sind. Er hat sich geradezu gesträubt, ihn wegzulassen. - Meine Freundin Fr. Dr. Bien hat mir versichert, daß er binnen kürzester Zeit ein eigenes Zimmer bekommen wird. Wie mir aber Dr. Weltsch am Tag meiner Abreise erzählt hat, ist K. in ein Sanatorium in Klosterneuburg gebracht worden. Bitte schreib mir ein paar Zeilen wie es ihm geht. Das ist ein entsetzliches Unglück. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Vielleicht ist es aber keine Kehlkopftuberkulose. Weltsch hat mir erzählt, daß K. relativ gut ausgesehen hat [...]“ (Brief v. 28. IV. 1924 aus Venedig; zit. n. FK 172, Hervorhebung i. O.).

2] Es geht mir wieder so nah <wie Schweiger>: Bezieht sich auf Werfels im Winter 1922 erschienenes Trauerspiel Schweiger. Nach der Lektüre hatte Kafka an Max Brod über das ihn eigentümlich berührende Stück und über einen Besuch seines Autors geschrieben: „Gestern war Werfel mit Pick bei mir, der Besuch, der mich sonst sehr gefreut hätte, hat mich verzweifelt gemacht. W. wußte ja, daß ich ,Schweiger' kenne, ich sah also voraus, daß ich von ihm werde reden müssen. Wenn es nur ein gewöhnliches Mißfallen wäre, um ein solches kann man sich herumwinden; für mich aber bedeutet das Stück viel, es geht mir sehr nahe, trifft mich abscheulich im Abscheulichsten [...]“ (Br 423; vgl. auch den kurz danach verfaßten, lt. Br jedoch vermutlich nicht abgeschickten Brief Kafkas an Werfel in Br 424f.).

3] Ihrem Kousin: n. e.

Editorische Notiz

Die Textwiedergabe der Briefe erfolgt innerhalb typographischer Grenzen getreu dem Autortext der Vorlage. Uberschreibungen, Einfügungen und Durchstreichungen werden als solche markiert; Unregelmäßigkeiten in Wortlaut, Orthographie und Interpunktion werden nicht berichtigt. Abweichungen gegenüber der zum Zeitpunkt der Drucklegung für den Zeitraum 1921-24 maßgeblichen Referenzausgabe

Franz Kafka, Briefe 1902—1924. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt a. M.,

S. Fischer, 1958 (zitiert mit der Sigle Br)

werden im Kommentar vermerkt. Dabei nicht berücksichtigt wird die „ss“-Schrei-bung, da diese Abweichung von Kafkas Schreibung durch Anwendung der bis zum 1. August 1999 gültigen Orthographie vollständig rekonstruierbar ist. Orthographische Unregelmäßigkeiten in Briefen und Passagen, die in Br nicht enthalten sind, werden im Kommentar mit dem Vermerk „so im Original“ gekennzeichnet. Offenkundig der Kommentierung Bedürftiges, zu dem keine Information ermittelt wurde, ist im Kommentar mit dem Vermerk „n. e.“ gekennzeichnet.

Zeilenwechsel Seitenwechsel

||

<nicht>

[m>n]icht

tdiest kann man tt tun


„nicht“ im Original gestrichen „nicht“ im Original eingefügt Buchstabe „m“ durch Uberschreibung in „n“ verwandelt

dies durch Verweisungszeichen umgestellt vor tun

Durch Streichung unlesbar gemachte Buchstabenfolge im Umfang eines Wortes oder Wortfragments von mehr als Buchstabenlänge. Der Umfang der Streichung wird im Kommentar vermerkt. Eine allfällige weitere Streichung innerhalb desselben Briefes wird durch gekennzeichnet.

Zeilen- und Seitenwechsel werden stets vermerkt. Nicht vermerkt wird unlesbar Uberschriebenes in der Länge eines Buchstabens oder Wortfragments. Innerhalb der Brieftexte bezeichnet Helveticasatz die Handschrift Robert Klopstocks. Von Klopstock ausgeführte Streichungen werden hier durch =doppelte= Durchstreichung gekennzeichnet.

an Robert Klopstock 75

Konkordanz: Kafkas Briefe an Robert Klopstock

Lfd. Nr.

Ort und Datum

Br

Bemerkungen

Kat.-Nr.

1

Matliary, Juni 1921

332ff.

mit kleinen Auslassungen in GS

2

Prag, 2. IX. 1921

348f.

3

Prag, Anfang September 1921

350f.

4

Prag, 7. IX. 1921

351

in Br unter Auslassung von 4 1/2 Zeilen

1

5

Prag, Mitte September 1921

351

6

Prag, Mitte September 1921

352

in Br unter Auslassung von 9 Zeilen

2

7

Prag, 16. IX. 1921

352f.

8

Prag, 23. IX. 1921

353

9

Prag, Ende September 1921

353f.

3

10

Prag, September/Okt. 1921

354ff.

11

Prag, 3. X. 1921

357f.

12

Prag, 4. X. 1921

358f.

13

Prag, nach dem 3. Oktober 1921

359f.

nach Br "Anfang Oktober 1921“ und unter Auslassung von 2 Zeilen

4

14

Prag, 8. X. 1921

360

in Br unter Auslassung von 2 Zeilen

5

15

Prag, Mitte Oktober 1921

361

16

Prag, Oktober 1921

362

6

17

Prag, November 1921

unver

öffent

licht

43 Zeilen

7

18

Prag, November 1921

362f.

in Br unter Auslassung von 3 Zeilen

8

19

Prag, November 1921

363f.

20

Prag, Mitte November 1921

364

nach Br "Anfang Dezember 1921“

9

21

Prag, Anfang Dezember 1921

364f.

in Br unter Auslassung von 5 Zeilen

10

22

Prag, Dezember 1921

366f.

in Br unter Auslassung von 8 1/2 Zeilen

11

23

Prag, Dezember 1921

unver

öffent

licht

16 Zeilen

12

Lfd. Nr.

Ort und Datum

Br

Bemerkungen

Kat.-Nr.

24

Prag, Dezember 1921/ Januar 1922

unver

öffent

licht

46 Zeilen

13

25

Prag, Dezember 1921/ Januar 1922

367f.

26

Prag, Ende Januar 1922

369f.

27

Spindelmühle, Ende Januar 1922

370

in Br unter Auslassung von 1 Zeile

14

28

Prag, Mitte Februar 1922

unver

öffent

licht

26 Zeilen

15

29

Prag, 23. II. 1922

372

16

30

Prag, 1. III. 1922

372f.

31

Prag, Ende März 1922

373f.

nach Br „Frühjahr 1922“

17

32

Prag, April 1922

374f.

nach Br „Mai/Juni 1922“

18

33

Planá, 26. VI. 1922

376

34

Planá, 30. VI. 1922

380

19

35

Planá, Anfang Juli 1922

380f.

20

36

Planá, zwischen dem 5. und 14. Juli 1922

394

nach Br „Mitte Juli 1922“

21

37

Planá, 21. VII. 1922

unver

öffent

licht

20 Zeilen

22

38

Planá, 24. VII. 1922

398

39

Planá, Ende Juli 1922

401 f.

23

40

Planá, 5. IX. 1922

412

24

41

Planá, September 1922

4l7f.

42

Prag, Herbst 1922

4l9f.

in Br unter Auslassung von 5 Zeilen

25

43

Prag, 22. XI. 1922

422f.

44

Prag, Ende März 1923

429f.

45

Prag, Ende März 1923

430ff.

auszugsweise in GS

46

Prag, Mitte April 1923

433

26

47

Müritz, 13. VII. 1923

435

\

48

Müritz, 24. VII. 1923

438

an Robert Klopstock 77

Lfd. Nr.

Ort und Datum

Br

Bemerkungen

Kat.-Nr.

49

Müritz, 2. VIII. 1923

438

50

Müritz, Anfang August 1923

441 f.

51

Schelesen, 27. VIII. 1923

443

27

52

Schelesen, 13. IX. 1923

445

53

Prag, 22. IX. 1923

446

nach Br „23. IX. 1923“

28

54

Berlin-Steglitz, 26. IX. 1923

447

29

55

Berlin-Steglitz, 14. X. 1923

452

nach Br „16. X. 1923“

30

56

Berlin-Steglitz, 25. X. 1923

456

57

Berlin-Steglitz, 31. X. 1923

459f.

58

Berlin-Steglitz,

Mitte November 1923

458f.

nach Br „Oktober 1923“ und unter Auslassung von 7 Zeilen aus der Hand R. Klopstocks

31

59

Berlin-Steglitz, vor dem 19. XII. 1923

unver

öffent

licht

54 Zeilen

32

60

Berlin-Steglitz, 19. XII. 1923

469f.

in GS

61

Berlin-Steglitz, 26.1. 1924

474f.

in Br unter Auslassung von 19 Zeilen und Adresse aus der Hand Dora Diamants

33

62

Berlin-Zehlendorf, 29. II. 1924

477

in Br unter Auslassung von 2 Zeilen aus der Hand Dora Diamants

34

63

Berlin-Zehlendorf, Anfang März 1924

477ff.

in GS

64

Sanatorium Wiener Wald, Ortmann/Niederösterreich, 7. IV. 1924

479f.

35

65

Sanatorium Wiener Wald, Ortmann/Niederösterreich, 9. oder 10. IV. 1924

480f.

nach Br „13. IV. 1924“ und unter Auslassung von 21 Zeilen aus der Hand Dora Diamants

36

66

Wien, 18. IV. 1924

481

in Br unter Auslassung von 15 Zeilen aus der Hand Dora Diamants (Adresse übernommen)

37

67

O. O. u. D.

nur in GS 320; Auszug eines Briefes mit Beginn „Tolstoi pflegte in seinem Tagebuch [...]“

Kierling, Mai 1924

unver

öffent

licht

Gesprächszettel mit 7 Zeilen

38