[An Ottla Kafka]
[Berlin-Steglitz, 1. Januarwoche 1924]

Liebe Ottla, ein schönes Bild, Vera, die alte Unschuld und Ruhe, übrigens Du hast Recht, ich fühlte mich von ihrem Blick gleich wiedererkannt. Ist sie nicht ein wenig schmäler im Gesicht oder ist es das kurze Haar, das diesen Eindruck macht. Großartig wie sich Helene (die deutsche Sprache nimmt fremde Vergleiche ohne weiters auf) zum Leben meldet. Und was Fini betrifft, so machte D. beim ersten flüchtigen Hinsehn die richtige Bemerkung, dass Du kaum wiederzuerkennen bist. - Die Marmelade ist wirklich Deine? Also ein weit vom Ziel abgelenktes und doch gut angekommenes Kompliment und wirklich aufrichtig, aber Linzer Torten kannst Du freilich nicht machen. Übrigens eine wirklich uneigennützige Frage: wie sind die Reineclauden ausgefallen? Ich frage nur weil ich doch gewissermaßen mitgearbeitet habe. - Noch eine andere viel traurigere Frage liegt mir am Herzen: wie ist Fräuleins Weihnachtsabend (die Schrift wird unwillkürlich klein, verkriecht sich) ausgefallen? Voriges Jahr hat sie mir die Hälfte des Geschenkes mit Bitten wieder aufgedrängt, ich habe es genommen und dieses Jahr muß man mir nichts mehr wiederaufdrängen. Schande? - Der Brief der Anstalt, den ich Dir verdanke, ist sehr freundlich und gar nicht kompliciert, zwei kleine Übersetzungen sind notwendig, diese: "Im Sinne der geschätzten Zuschrift der löblichen Anstalt vom -, für die ich ergebenst danke, erkläre ich, dass ich meine Eltern Hermann und Julie Kafka bevollmächtige meine Pensionsbezüge in Empfang zu nehmen." Dann noch ein kleiner Dankbrief: "Sehr geehrter Herr Direktor! Erlauben Sie mir noch, sehr geehrter Herr Direktor, für die günstige und so freundlich gefaßte Erledigung meines Ansuchens persönlich von Herzen zu danken, insbesondere auch für die liebenswürdige Aufnahme meiner Schwester und für die gütige Einsicht mit der Sie die nach außen hin vielleicht etwas sonderbare nach innen hin nur allzu wahre Geschichte meines letzten Jahres beurteilen.

Ihr herzlich ergebener

Das wären die zwei Übersetzungen, sie sind nicht groß, nicht wahr? (dafür war allerdings die vorige wohl eine schreckliche Arbeit? Was soll ich aber armer Junge - das gilt sowohl mir als Pepa - jetzt tun, nachdem ich nun schon einmal die Lüge meines prachtvollen Tschechisch, eine Lüge, die wahrscheinlich niemand glaubt, in die Welt gesetzt habe) und da sie nicht groß sind, könnte ich sie bald haben? Als Honorar schließe ich einen Zeitungsausschnitt über "mein schönstes Goal" bei. - Was macht Klopstock? Schlecht, schlecht geht es ihm wohl. Bei dieser Kälte sich noch nach unsicherem Verdienst herumzutreiben, was für Helden, die das können. Außerdem hat er in seiner Not immer das verständliche Bedürfnis nach irgendeinem phantastischen Luxus, etwa der Vera ein Spielzeug zu kaufen oder - diesmal - nach Berlin zu fahren. Soll ich ihn aufmuntern? Ihm umsonst irgendwo ein Nachtlager für 2 Tage verschaffen wäre nicht schwer, sagt D., das Essen wäre auch leicht zu beschaffen, zwei Tage, aber soll ich ihn in die Riesenausgabe für die Reise treiben (wenn er auch bis Bodenbach ermäßigt fährt), nein ich werde es wohl nicht tun. - Meine Ernährung, nach der Du fragst, ist weiter glänzend und mannigfaltig (nur wird sich diesen Monat das Wunder des Auskommens mit 1000 K wohl nicht wiederholen trotz der großartigen Unterstützungen von zuhause) es gibt auch sonst keine Hindernisse. Kochen ist so leicht, um Sylvester herum gabs keinen Spiritus, trotzdem verbrühte ich mich fast beim Essen, es war auf Kerzenstümpfen gewärmt.

F

Alles Gute

Nur einen recht, recht herzlichen Gruß. So müde! Ich schlafe schon. Gute Nacht.


Datierung: Spätestens am 8.I. war Kafka im Besitz der Übersetzungen Davids.
D.: Dora Dymant, die auch die Nachschrift des Briefes schrieb.
Fräuleins: Marie Werner, eine nur tschechisch sprechende Jüdin und dem Vater ergeben, war bald nach der Heirat Hermann Kafkas als Wirtschafterin ins Haus gekommen; Erzieherin der Schwestern Kafkas.
verkriecht sich: Vgl. Briefe an Ottla und die Familie. - Frankfurt am Main, Januar 1981, Abb. 24.
Schrift wird klein
den ich Dir verdanke: Vgl. Briefkonzept; der Direktor hatte Kafka auf seinen Brief hin ein in herzlichem Ton gehaltenes dienstliches Schreiben übersandt (vgl. J. Louzil, Dopisy Franze Kafky delnické urazové pojist'ovne pro cechy v Praze, in: Sbornik. Acta Musei Nationalis Pragae 8 (1963), Series C, Nr. 2, S. 81).
ein kleiner Dankbrief: Die tschechische Fassung ist in: Sbornik. Acta Musei Nationalis Pragae 8 (1963), Series C, Nr. 2, S. 81 abgedruckt.
die Lüge meines prachtvollen Tschechisch: Vgl. Brief an Josef David (4. Januarwoche 1921).
mein schönstes Goal: erschien vermutlich in der "Illustrierten Beilage" des "Steglitzer Anzeigers" , die sich in den Berliner Archiven nicht erhalten hat.
Bodenbach: Eisenbahn-Grenzstation zwischen der Tschechoslowakei und Österreich.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at