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[An die Eltern]

[Berlin-Steglitz, Ende Januar 1924]
 


Liebste Eltern nur paar Zeilen in Eile, Max, der mich telephonisch angerufen hat, wird nachmittag zu mir kommen und den Brief wohl mitnehmen. Freilich wozu jetzt noch an Porto sparen, da ich ja in Überfülle von Geld plätschere und nicht weiß, ob ich mich darüber freuen oder trostlos sein soll darüber, dass ich die Pension genau genommen schon für April von Euch beziehe, dass ich -conto- Zahlungen auf nicht bestehende Schulden angenommen habe und jetzt auch noch die ganze nicht bestehende Schuld einkassieren soll, dass ich ferner von Ottla 100 K bekomme, ich weiß nicht wofür (vielleicht weil ich vom Telephon geschrieben habe, aber ihr Telephongespräch war das allergeringste in der Rechnung, ein ganz unbedeutender Betrag) und dass ich schließlich von Elli stillschweigend 500 K bekomme, das Geschenk ja trotzdem auffange, aber doch gern wüßte, was es bedeutet und gar nicht nachfragen will, weil ich mich vor Carl schäme, der hier unschuldig in eine solche Geldausgabe gezogen wird und weil ich mit dem Ganzen doch, nachdem ich Věras Mitgift angebissen habe, jetzt auch noch nach der von Gerti die Fänge ausstrecke.

Aber jetzt von anderem: Das Paket ist heute angekommen, schön und reich. Ohne Rücksicht auf Tageszeit und Sättigung habe ich michdaran gemacht. Die Äpfel scheinen diesmal unverletzt, nicht ganz so die Eier, die Äpfel lagen wohl zu schwer auf ihnen. Vielen Dank für die sich nähernde Wollweste, ist das aber nicht allzuviel Arbeit, stört es nicht beim Kartenspiel, im Nach-dem-Tisch-liegen, im Zeitungs-Lesen, im Mit-der-Věra-spielen und allen Deinen 1000 Beschäftigungen, die ich durch meine Paketbedürfnisse um weitere 1000 vermehrt habe.

Die Anstalt verlangte jeden Monat von mir eine Bestätigung der Polizei, dass ich da bin, ich habe ihnen geschrieben, dass ich sie jeden Monat schicken werde. Aber vielleicht ist diese Forderung doch nur formal, denn im Jänner haben sie, wie Du schriebst, das Geld doch geschickt, ohne dass ich die Bestätigung beigebracht habe. Vielleicht tun sie es im Feber wieder, schreib mir bitte darüber; tun sie es nicht, schicke ich dann die Bestätigung.

Du klagst über Materialmangel fürs Schreiben, soll ich Dir in Eile nur ganz oberflächlich, wie es mir im Augenblick einfällt, nachhelfen? Also wenn Du einmal nichts zu schreiben weißt, dann schreibe - und es wird immer äußerst interessant für mich sein: Was Ihr an dem Tag zu Mittag und zu Abend gegessen habt, was Du vormittag gegessen hast, was der Vater gemacht hat, vormittag, nachmittag, ob er auf mich gezankt hat (hat er nicht gezankt, dann den Grund angeben, hat er gezankt, dann kenne ich den Grund), wann und welche Kinder bei Euch waren, was Elli Valli Ottla erzählt hat, was das Frl. macht, der Onkel, was Du liest, was der Vater liest u.s.w. Nun, da hast Du schon einen riesigen Brief für jeden Tag. Ich aber muß jetzt noch ein wenig an die Sonne und dabei von Steglitz Abschied nehmen.

Herzlichste Grüße Euch und allen

F


Aber vielleicht gehören die 500 K gar nicht mir, vielleicht ist es ein Misverständnis [sic], es wäre ja auch zu sonderbar, warum sagt nicht Elli ein Wort dazu.




Brief, 1 Doppelblatt, 22 x 14,2 cm, 3 Seiten mit Tinte beschrieben.

Undatiert; Zuordnung nach dem Inhalt bestimmt ("Ich aber muß jetzt noch ein wenig an die Sonne und dabei von Steglitz Abschied nehmen."). Am 28. Januar 1924 teilt Kafka Felix Weltsch und auf einer undatierten Postkarte Lise Kaznelson mit (Br, 476), dass er ab 1. Februar eine neue Adresse habe: "Berlin-Zehlendorf, Heidestraße 25-26, bei Frau Dr. Busse." Vgl. auch Anm.10.


1] Max: Es handelt sich wahrscheinlich um einen Besuch von Max Brod, den dieser in der Biographie (Bi, 177) erwähnt. Nach Prag zurückgekehrt, machte Brod offensichtlich Onkel Siegfried auf den Ernst von Kafkas Gesundheitszustand aufmerksam (vgl. Nr. 16, Anm.1).


2] trotzdem: Dahinter gestrichen: sehr gern.


3] Carl: Karl Hermann, Ellis Ehemann (vgl. Nr. 1, Anm. 13).


4] Věras... Gerti: Vgl. Nr. 1, Anm.2 und 21.


5] die Äpfel lagen wohl zu schwer auf ihnen: Es folgen 27 Wörter, die einzeln durchgestrichen wurden, von Ausnahmen abgesehen bis zur Unleserlichkeit.


6] die sich nähernde Wollweste: Vgl. Nr. 14, 18 und 19.


7] Die Anstalt verlangte... eine Bestätigung: Vgl. Nr. 11, Anm. 3. Am 18. Januar 1924 mahnt der Vorstand der ArbeiterUnfall-Versicherungs-Anstalt bei Franz Kafkas Eltern die zur Überweisung seiner Pension notwendigen Formalitäten an (siehe das Konzept der Zuschrift vom 18.1.1924 im LA PNP, FK, Kart.-Nr.2, das Kafkas Gesuch vom 20.12.1923 unter der lfd. Nr. 1152/1923 beigefügt war).


8] das Frl.: Vgl. Nr. 3, Anm.9.


9] der Onkel: Vgl. Nr. 9, Anm.6.


10] von Steglitz Abschied nehmen: Der Weggang von Steglitz war nicht freiwillig. In einem Brief, den Max Brod auf Mitte Januar 1924 datiert, teilt Kafka Brod mit: ". . . dass wir aus unserer wunderschönen Wohnung am 1. Feber, als arme zahlungsunfähige Ausländer vertrieben werden." (BRK II, 450) Am 26. Januar 1924 schreibt er an Robert Klopstock: "Augenblicklich haben wir Wohnungssorgen, eine Überfülle von Wohnungen, aber die prachtvollen ziehn unerschwinglich an uns vorüber und der Rest ist fragwürdig." (Br, 474) Und an Felix Weltsch am 28. Januar: "Ich tue vielleicht Unrecht..., in das Haus eines toten Schriftstellers zu ziehn, des Dr. Carl Busse (1918 gestorben), der zumindest zu Lebzeiten gewiß Abscheu vor mir gehabt hätte . . . Ich tue es trotzdem, die Welt ist überall voll Gefahren, mag diesmal aus dem Dunkel der unbekannten noch diese besondere hervortreten. Übrigens entsteht merkwürdiger Weise selbst in einem solchen Fall ein gewisses Heimatgefühl, welches das Haus verlockend macht. Verlockend macht allerdings nur deshalb, weil ich in meiner bisherigen schönen Wohnung als armer zahlungsunfähiger Ausländer gekündigt worden bin." (Br, 475)

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at