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An Milena Jesenská

[Prag, Januar/Februar 1923]
 


Liebe Frau Milena, ich habe den "Teufel" gelesen, er ist bewunderungswürdig, zuerst nicht einmal als Lehre, nicht einmal als Entdeckung, aber als das Dastehn eines unbegreiflich mutigen Menschen und um die Unbegreiflichkeit noch zu steigern eines Menschen der wie der Schlußsatz zeigt, noch von andern Dingen weiß als von Mut und der dennoch mutig ist. Ich sage ungern diesen Vergleich, aber er drängt sich zusehr auf: das was man hier liest, ist selbst wie eine Ehe oder wie das Kind, [. . .] [ca. 3 Wörter unleserlich gemacht] einer Ehe zwischen einem Judentum, das knapp vor der Selbstzerstörung ist und in diesem Augenblick ergriffen wird von der starken Hand eines - jetzt nicht mehr genau sichtbaren, von der Ehe irdisch getrübten, aber früher wahrscheinlich irdisch überhaupt unmöglichen, für Menschenaugen zu großen - also von der starken Hand eines Engels, der um jenes Judentum nicht zugrunde gehn zu lassen, allzu sehr liebt er es, sich mit ihm vermählt. Und nun steht es hier, das Kind dieser Ehe und sieht sich um und das erste was es sieht, ist der Teufel auf dem Herd, eine schreckliche Erscheinung und doch etwas was vor der Geburt dieses Kindes überhaupt nicht vorhanden war. Die Eltern kannten es jedenfalls nicht. Das an seinem Ende - fast hätte ich gesagt: glücklich - angekommene Judentum kannte diesen Teufel nicht, es hätte nicht mehr die Fähigkeit in teuflischen Dingen zu differenzieren, die ganze Welt war ihm ein Teufel und er des Teufels Werk - und jener Engel? Was hat ein Engel, solange er nicht gefallen ist, mit dem Teufel gemein? Aber das Kind das sieht nun den Teufel auf dem Herd sehr genau. Und nun beginnt in dem Kind der Kampf der Eltern, der Kampf der elterlichen Überzeugungen wie dem Teufel beizukommen wäre. Immer wieder schleppt der Engel das Judentum in die Höhe, dorthin wo es Widerstand leisten soll und immer wieder fällt das Judentum zurück und der Engel muß mit zurück wenn er es nicht ganz versinken lassen will. Und keinem von beiden kann man einen Vorwurf machen, beide sind, wie sie sind, der jüdisch, der engelhaft. Nur beginnt der Letztere seine hohe Herkunft zu vergessen und der erstere wird übermütig, da er sich für den Augenblick geborgen fühlt. Das endlose Gespräch zwischen ihnen ist etwa in derartige Sätze zusammenzufassen, wobei es nicht zu vermeiden ist, dass das Judentum möglicher Weise engelhafte Sätze in seinem Munde verdreht, also:


Judentum: Msti-li se něco na tomto světě, jsou to čty a cifry v duševních zaležitostech. [l]

Engel: Dva lidá mohou mít jen jediný rozumný důvod proto aby se vzali, a to je ten že se nemohou nevzít.[2]

Judentum: Nun also, hier ist das Rechnen. Engel: Rechnen?


oder


Judent.: v hloubce člověk klame, ale na povrchu ho poznáš.[3]

Engel Proč si lidá neslibují, že nebudou třeba křičet, když se spálí pěceně atd.[4]

Judentum: Also auch noch an der Oberfläche soll er lügen! Übrigens muß man das nicht verlangen, er hätte es längst freiwillig getan, wenn er es könnte.


oder


Judentum: Du hast völlig recht: Proč si neslibují, že si vzájemně ponechají svobodu mlčení, svobodu samoty, svobodu volnáho prostoru? [5]

Engel: Das hätte ich gesagt? Das habe ich nie gesagt, das würde ja alles aufheben, was ich gesagt habe.


oder


Engel: buď přijmout svůj osud . . pokorně . . anebo hledat svůj osud . .[6]

Judentum: . . na hledání je zapotřebí víry![7]


Jetzt endlich, endlich, lieber Himmel, stößt der Engel das Judentum zurück und befreit sich.

Ein wunderbarer aufregender Aufsatz, aus dem besonders das Blitzartige Ihres Denkens trifft und schlägt. Wer nicht schon geschlagen ist - und das sind freilich die meisten - duckt sich, wer schon erschlagen ist, dehnt sich noch einmal im Traum. Und im Traum sagt er sich: So irdisch diese Forderungen sind, sie sind nicht genug irdisch. Es gibt keine unglücklichen Ehen, es gibt nur unfertige und unfertig sind sie, weil unfertige Menschen sie geschlossen haben, in der Entwicklung steckengebliebene Menschen, Menschen, die vor der Ernte aus dem Felde ausgerissen werden sollen. Solche Menschen in die Ehe zu schicken, ist so, wie der ersten Volksschulklasse Algebra aufgeben. In der entsprechenden höheren Klasse ist Algebra leichter als das Einmaleins dort unten, ja es ist das eigentliche Einmaleins hier unten aber es ist unmöglich und bringt die ganze Kinderwelt und vielleicht noch andere Welten in Verwirrung. Aber hier scheint Judentum zu sprechen und wir wollen ihm lieber den Mund stopfen.


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Dann kam Ihr Brief. Es ist mit dem Schreiben jetzt sonderbar. Sie müssen - wann mußten Sie das nicht? - Geduld haben. Ich habe seit Jahren niemandem geschrieben, ich war in dieser Hinsicht wie tot, ein Fehlen jeden Mitteilungsbedürfnisses, ich war wie nicht von dieser Welt, aber auch von keiner andern, es war als hätte ich alle Jahre hindurch nur nebenbei alles was verlangt wurde getan und in Wirklichkeit nur darauf gehorcht, ob man mich riefe, bis dann die Krankheit aus dem nebenzimmer rief und ich hinlief und ihr immer mehr und mehr gehörte. Aber es ist dunkel in dem Zimmer und man weiß gar nicht ob es die Krankheit ist.

Jedenfalls wurde mir das Denken und Schreiben sehr schwierig, manchmal beim Schreiben lief die Hand leer über das Papier, auch jetzt noch, vom Denken will ich gar nicht reden (immer wieder staune ich das Blitzartige Ihres Denkens an, wie sich eine Handvoll Sätze zusammenballt und der Blitz niederschlägt) jedenfalls müssen Sie Geduld haben, diese Knospe öffnet sich langsam und sie ist ja nur Knospe, weil man das Geschlossene Knospe nennt.

Die Donadieu habe ich angefangen, aber erst Sehr We nig gelesen, ich dringe noch wenig ein, auch das wenige, was ich sonst von ihm gelesen habe, ging mir nicht sehr nahe. Man lobt seine Einfalt, aber die Einfalt ist in Deutschland und Rußland zuhause, er ist lieb der Großvater, aber er hat nicht die Kraft zu hindern, dass man über ihn hinwegliest. Das Schönste in dem was ich bisher gelesen habe (ich bin noch in Lyon) scheint mir für Frankreich, nicht für Phillip charakteristisch, Abglanz Flauberts, etwa die plötzliche Freude an einer Straßenecke (erinnern Sie sich vielleicht an den Absatz?). Die Übersetzung ist wie von 2 Übersetzern gemacht, einmal sehr gut, dann wieder schlecht bis zur Unverständlichkeit. (Eine neue Übersetzung wird bei Wolff erscheinen.) jedenfalls lese ich es sehr gerne, ich bin ein leidlicher aber sehr langsamer Leser geworden. Bei diesem Buch hindert mich allerdings meine Schwäche, dass ich gegenüber Mädchen sehr verlegen werde, es geht so weit, dass ich dem Schriftsteller seine Mädchen nicht glaube, weil ich ihm nicht zutraue, dass er sich an sie herangewagt hat. So wie wenn etwa der Schriftsteller eine Puppe gemacht hätte und sie Donadieu nennen würde zu keinem andern Zweck als um die Aufmerksamkeit des Lesers von der wirklichen Donadieu abzulenken, die ganz anders ist und ganz anderswo. Und es sieht mich wirklich aus diesen Mädchenkinderjahren bei aller Lieblichkeit ein gewisses hartes Schema an, so als sei dieses was hier erzählt wird nicht wirklich geschehn, sondern nur das spätere und dieses sei nur als Ouvertüre nach musikalischen Gesetzen nachträglich erfunden und auf das Wirkliche abgestimmt. Und es gibt Bücher bei denen dieses Gefühl bis zum Ende andauert.

Na velká cestě [Auf großen Weg] kenne ich nicht. Čechov aber liebe ich sehr, manchmal ganz unsinnig. Auch Will von der Mühle kenne ich nicht, Stevenson gar nicht, nur als Ihren Liebling.

Franzi werde ich schicken. Es wird Ihnen aber gewiß bis auf kleine Ausnahmen gar nicht gefallen. Es ist das durch meine Teorie zu erklären, dass lebende Schriftsteller mit ihren Büchern einen lebendigen Zusammenhang haben. Sie kämpfen durch ihr bloßes Dasein für oder gegen sie. Das wirkliche selbstständige Leben des Buches beginnt erst nach dem Tod des Mannes oder richtiger eine Zeitlang nach dem Tode, denn diese eifrigen Männer kämpfen noch ein Weilchen über ihren Tod hinaus für ihr Buch. Dann aber ist es vereinsamt und kann nur auf die Stärke des eigenen Herzschlags sich verlassen. Deshalb z. B. war es sehr vernünftig von Meyerbeer dass er diesen Herzschlag unterstützen wollte und jeder seiner Opern Legate hinterließ vielleicht abgestuft nach dem Vertrauen, dass er zu ihnen hatte. Aber darüber wäre noch anderes, wenn auch nicht sehr wichtiges zu sagen. Auf Franzi angewendet bedeutet es dass das Buch des lebenden Schriftstellers wirklich das Schlafzimmer ist am Ende seiner Wohnung, zum Küssen wenn er zum Küssen ist und entsetzlich im andern Fall. Es ist kaum ein Urteil über das Buch wenn ich sage dass es mir lieb ist oder wenn Sie - vielleicht aber doch nicht - das Gegenteil sagen.


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Heute habe ich ein größeres Stück in der Donadieu gelesen, aber ich komme nicht damit zurecht. (Aber heute wohl auch nicht mehr mit der Erklärung, denn in der Küche nebenan unterhält sich die Schwester mit der Köchin, was ich zwar durch den ersten kleinen Husten stören könnte aber nicht will, denn dieses Mädchen - wir haben es erst paar Tage - eine 19 jährige, riesenhaft stark, behauptet das unglücklichste Wesen auf der Welt zu sein, ohne Grund, sie ist nur unglücklich, weil sie unglücklich ist, und braucht den Trost der Schwester, die übrigens seit jeher, wie der Vater sagt: "am liebsten bei der Magd sitzt".) Was ich auch immer an der Oberfläche gegen das Buch sagen werde, es wird ungerecht sein, denn alle Einwände kommen vom Kern her und nicht vom Kern des Buches. Wenn einer gestern gemordet hat - und wann könnte aus diesem Gestern jemals auch nur ein vorgestern werden - kann er heute keine Mordgeschichten ertragen. Sie sind ihm alles zugleich: peinlich, langweilig und aufreizend. Die feierliche Unfeierlichkeit, die befangene Unbefangenheit, die bewundernde Ironie des Buches - nichts will ich leiden. Wenn Raphael die Donadieu verführt, so ist das für sie sehr wichtig, aber was hat in dem Studentenzimmer der Schriftsteller zu tun und gar noch der Vierte, der Leser, bis aus dem Zimmerchen der Hörsaal der medicinischen oder psychologischen Fakultät wird. Und es ist außerdem sowenig anderes in dem Buch als Verzweiflung.

Ich denke noch oft an Ihren Aufsatz. Ich glaube nämlich merkwürdiger Weise - um die erfundenen Dialoge in einen wirklichen überzuführen: Judentum! Judentum! - dass es Ehen geben kann, die nicht auf die Verzweiflung des Einsamseins zurückgehn undzwar hohe bewußte Eheschließungen und ich glaube, der Engel glaubt es im Grunde auch. Denn diese Eheschließenden aus Verzweiflung - was gewinnen sie? Wenn man Verlassenheit in Verlassenheit legt, entsteht daraus niemals eine Heimat, sondern eine Katorga. Die eine Verlassenheit spiegelt sich in der andern selbst in der tiefsten dunkelsten Nacht. Und wenn man eine Verlassenheit zu einer Sicherheit legt, wird es für die Verlassenheit noch viel schlimmer (es wäre denn eine zarte mädchenhaft unbewußte Verlassenheit), Eheschließen heißt vielmehr, in der Voraussetzung scharf und streng definiert: sicher sein.


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Das augenblicklich Schlimmste aber ist - nicht einmal ich hätte es erwartet - dass ich diese Briefe, nicht einmal diese wichtigen Briefe weiter schreiben kann. Der böse Zauber des Briefschreibens fängt an und zerstört mir die Nächte, die sich ja schon aus eigenem zerstören, noch immer mehr. Ich muß aufhören, ich kann nicht mehr schreiben. Ach, Ihre Schlaflosigkeit ist eine andere als meine. Bitte nicht mehr schreiben.




[1] Judentum: Wenn sich etwas rächt auf dieser Welt, dann sind das Rechnungen und Ziffern in geistigen Angelegenheiten [rede: záležitostech].


[2] Engel: Zwei Menschen können nur einen einzigen vernünftigen Grund dafür haben, einander zu nehmen !zu heiraten], und zwar den, dass es ihnen unmöglich ist, einander nicht zu nehmen.


[3] Judent.: in der Tiefe trügt der Mensch, aber an der Oberfläche erkennst du ihn.


[4] Engel Warum versprechen die Menschen einander nicht, dass sie etwa nicht herumschreien werden, wenn der Braten anbrennt usw.


[5] Judentum: Warum versprechen sie einander nicht, sich gegenseitig die Freiheit des Schweigens, die Freiheit der Einsamkeit, die Freiheit des offenen Raums zu lassen?


[6] Engel: entweder sein Schicksal auf sich nehmen . . demütig . .oder sein Schicksal suchen . .


[7] Judentum: . . zum Suchen ist Glauben nötig!


1] den "Teufel" gelesen: Milenas Aufsatz "Ďábel u krbu" [Der Teufel am Herd] in der "Národní listy", 63. Jg., Nr.16 (18. 1. 1923), S. 1 f; deutsche Übersetzung im Anhang zu diesem Band, S. 394-401.


2] Donadieu: Vgl. Brief vom [29. Juli 1920] Montag, Anm. 2.


3] Čechov: Anton Tschechow, "Na velká cestě" [Auf großem Weg] war 1921 in der Übersetzung von Arnošt Dvořák in Prag im Verlag von St[anislava] Jílovská, von Milenas Freundin Staša, erschienen.


4] Will von der Mühle: Robert Louis Stevensons Erzählung war in der Übersetzung von Milena in der Zeitschrift "Cesta", V. Jg., Hefte 5 u. 6 (4. und 11. August 1922), S. 81-84, S. 103-106, S.124-126, erschienen.


5] Franzi: Max Brod, "Franzi oder Eine Liebe zweiten Ranges" (München: Kurt Wolff, 1922).


6] Ihren Aufsatz: "Ďábel u krbu" [Der Teufel am Herd]. Vgl. Anm. 1 zu diesem Brief.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at