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An M. E.

[Matliary, Januar/Februar 1921]
 

Liebe Minze, müde vom Tagwerk (es ähnelt der Gewächshausarbeit), das letzte Glas Milch ist noch nicht getrunken, die Temperatur zum letzten Mal noch nicht gemessen, das Thermometer steckt im Mund, liege ich auf dem Kanapee. Minze, wo laufen Sie in der weiten Welt herum? Ich glaube, wenn Sie ein Mann wären, wären Sie Robinson geworden oder Sindbad der Seefahrer und die Kinder würden Bücher über Sie lesen.

Wie kamen Sie von Ahlem fort? Im Guten oder im Bösen? Und die Gärtnerschule dort besteht nicht mehr? Und Ihre jetzige Firma nahm Sie als Lehrling ohne Vorbildung an? Auf 2 Jahre (worin besteht die 2jährige Verpflichtung?) gogen Kost und Wohnung?

Das sind noch einige Unklarheiten, aber sonst scheint das, was Sie gemacht haben, ausgezeichnet, tapfer und stolz zu sein. Ihr Brief besteht aus 2 Briefen, einem langen fröhlichen und einem kurzen traurigen, schon das zeigt, dass Sie auf eigenen Füßen gehn, denn der allgemeine Lauf der Welt, wie er sich etwa auf den Teplitzer Gassen abrollt, ist weder fröhlich noch traurig, sondern, ob er nun fröhlich oder traurig aussieht, immer nur eine trübe verzweifelte Mischung.


Ihr Brief kam gerade am letzten Tag eines verhältnismäßig guten Zeitabschnittes, ich las ihn noch auf dem Balkon, der ganz ähnlich ist dem in Schelesen, nur dass er ganz nahe den Schneebergen ist und dafür ein wenig ärmlicher und baufälliger, ich las den Brief also dort, glücklich über Ihr Glück, nicht ganz so unglücklich über Ihr Traurigsein, machte, die Füße allerdings im Fußsack, Ihre Fußwanderung auf den Brocken mit (einmal vor Jahren war ich wochenlang am Fuß des Brocken, im Sanatorium Jungborn, vielleicht sind Sie daran vorübergekommen, es ist nicht weit von Harzburg, wochenlang war ich dort und bin, trotzdem ich im Ganzen gesund war, doch nicht auf den Brocken gekommen, ich weiß nicht warum. Einer von dort machte einmal in einer warmen Nacht die Besteigung ganz nackt, nur den Mantel hatte er auf den Rücken geschnallt. Ich aber schlief lieber in meiner Lufthütte den damals noch süßen Schlaf und die Wanderin Minze war noch kaum auf der Welt oder doch, sie war schon paar Jahre da und ein mehr minder braves Teplitzer Schulmädchen).

Ja das war also der letzte gute Tag, aber dame wurde es schlimmer, allerlei, zuletzt Verkühlung und Bettlägerigkeit, drei Wochen eines wenig unterbrochenen Sturmwinds, jetzt ist es schon besser, im Himmel und auf Erden.


Liebe Mieze, wieder eine Unterbrechung viele Tage lang, mir war nicht ganz gut, aber auch durchaus nicht schlecht, nor ein wenig zu müde, um die Hand zum Schreiben zu heben. Vielleicht war der Storm daran schuld, immer wieder Sturm, in den Wäldern rauschte es wie wenn es die Ostsee wäre. Jetzt aber ist es paar Tage lang schön , starke Sonne bei Tag und Abend solcher Frost, dass, wenn man ohne Ohrenschutz paar Minuten draußen herumgeht, die Ohren plötzlich so zu brennen anfangen, dass man nicht mehr das Haus erreichen zu können glaubt, auch wenn man nor 200 Schritte davon entfernt ist. Mag es so bleiben.

Und Sie, Mieze, Sie arbeiten so viel? Werden Sie es aushalten? Im pomologischen Institut in Prag bin ich mit vielen Gärtnern beisammen gewesen, die von ihren Erfahrungen erzählten. Alle waren darin einig, in Handelsgärtnereien sei die größte Arbeit. Dann war ich allerdings in der größten Handelsgärtnerei von Böhmen (Maschek, Turnau) und dort war es nicht gar so schlimm, es waren hauptsächlich Baumschulen und außerhalb der Expeditionszeit im Frühjahr und Herbst führten die Leute sogar ein sehr gutes Leben. Allerdings dieser Betrieb war schon ein wenig im Niedergang und weit eetfernt von deutscher Präcisionswirtschaft.

Bücher? Haben Sie zum Lesen von Nicht-Gartenbaubüchern Zeit? Ich lasse Innen ein kleines Buch schicken, dort haben Sie das Leben dieser kleinen Ostseeorte im vorigen Jahrhundert wunderbar. Und ich schreibe Innen wieder bald. Mut, Minne, Mut!

Ihr Kafka


[seitliche Randbemerkung:] Was bedeutet das: "wenn die Ärzte recht behalten".




Sanatorium Jungborn : Siehe "Tagebücher", Seite 651 ff.


Buch: Theodor Fontane, Meine Kinderjahre.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at