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Brief an Max Brod

[Matliary, Anfang April 1921]


Liebster Max, wie könnte Dir jetzt die Novelle nicht gelingen, da Du die Ruhe hast um die Spannung zu ertragen und die Novelle geboren werden muß als ein gutes Kind des Lebens selbst. Und wie verständig ordnet sich Dir alles an, auch im Amt. Im früheren Amt warst Du ein fauler Beamter, denn Deine Arbeit außerhalb des Amtes galt nicht, konnte höchstens geduldet und verziehen werden, diesmal aber ist sie die Hauptsache, gibt erst dem, was Du im Amt arbeitest, den eigentlichen, keinem andern Beamten erreichbaren Wert, so dass Du immer auch im Amtssinne sehr fleißig bist, selbst wenn Du dort gar nichts tust. Und schließlich und vor allem, wie Du, wirklich mit mächtiger Hand Deine Ehe führst und Leipzig daneben und hindurch und Dich in beiden, überzeugt durch die Kraft der Wirklichkeit, auch wenn man es nicht begreift. Alles Gute auf Deinen schweren, hohen, stolzen Weg!

    Ich? Wenn sie so aneinandergereiht sind, die Nachrichten über Dich, Felix und Oskar, und ich mich damit vergleiche, so scheint es mir, dass ich umherirre wie ein Kind in den Wäldern des Mannesalters.

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    Wieder sind Tage vergangen in Müdigkeit, im Nichtstun, im Anschauen der Wolken, auch in Ärgerem. Es ist wirklich so, alle seid Ihr in den männlichen Stand aufgerückt. Unmerklich, die Eheschließung entscheidet hier nicht einmal, es gibt vielleicht Lebensschicksale mit historischer Entwicklung und solche ohne sie. Manchmal stelle ich mir zum Spiel einen anonymen Griechen vor, der nach Troja kommt, ohne dass er jemals dorthin wollte. Er hat sich dort noch nicht umgesehn, ist er schon im Getümmel, die Götter selbst wissen noch gar nicht, um was es geht, er aber hängt schon an einem trojanischen Streitwagen und wird um die Stadt geschleift, Homer hat noch lange nicht zu singen angefangen, er aber liegt schon mit glasigen Augen da, wenn nicht im trojanischen Staub so in den Polstern des Liegestuhles. Und warum? Hekuba ist ihm natürlich nichts, aber auch Helena ist nicht entscheidend; so wie die andern Griechen, von Göttern gerufen, ausgefahren sind und, von Göttern beschützt, gekämpft haben, ist er infolge eines väterlichen Fußtritts ausgefahren und unter väterlichem Fluch hat er gekämpft; ein Glück, dass es noch andere Griechen gegeben hat, die Weltgeschichte wäre eingeschränkt geblieben auf zwei Zimmer der elterlichen Wohnung und die Türschwelle zwischen ihnen.

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    Die Krankheit, von der ich schrieb, war ein Darmkatarrh, so außerordentlich wie ich ihn noch nie gehabt habe, ich war überzeugt, es sei Darmtuberkulose (was Darmtuberkulose ist, weiß ich, ich habe zugesehn, wie der Cousin von Felix daran gestorben ist); an einem Tage hatte ich an 40 Fieber, es ist aber, glaube ich, ohne Schaden vorübergegangen, auch der Gewichtsverlust wird gutzumachen sein. Nebenbei: der gefolterte Mann, von dem ich einmal schrieb, hat ein Ende gemacht, offenbar halb absichtlich, halb zufällig ist er im fahrenden Schnellzug zwischen 2 Waggons hinuntergefallen, zwischen die Puffer. Übrigens ist er schon fast besinnungslos von hier fortgegangen, früh morgens, wie zu einem kleinen Spaziergang, ohne Uhr, Brieftasche und Gepäck, hat dann den Spaziergang bis zur Elektrischen ausgedehnt, weiter bis Poprad, weiter in den Schnellzug, alles in der Richtung nach Prag, zum Osterbesuch seiner Familie, aber dann hat er die Richtung geändert und ist hinuntergesprungen. Wir alle sind hier mitschuldig, nicht an seinem Selbstmord, aber an seiner Verzweiflung in der letzten Zeit, jeder hat sich vor ihm, einem sehr geselligen Menschen, gescheut, und in der rücksichtslosesten Weise, lauter Ellbogen-Männer beim Schiffsuntergang. Den Arzt, die Krankenschwester und das Stubenmädchen nehme ich aus, in dieser Hinsicht habe ich große Achtung vor ihnen. Übrigens kam später ein ähnlicher Kranker, er ist aber schon weggefahren.

    In einem zufällig mir in die Hand gekommenen Prager Tagblatt (ein Mährisch-Ostrauer Turist war ein paar Tage hier und hat mir, ohne dass wir sonst eigentlich mit einander gesprochen hätten, in der freundlichsten Weise immerfort Haufen von Zeitungen aufgedrängt, gelesen hat er hier, wie man mir sagte, "Im Kampf um das Judentum") las ich, dass Haas die Jarmila geheiratet hat, mich überrascht es nicht, ich traute Haas immer Großes zu, aber die Welt wird es überraschen. Weißt Du etwas Näheres?

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    Du schreibst von einem Ämtchen, das sich vielleicht für mich finden ließe, das ist lieb von Dir und auch sehr behaglich zu lesen, aber ist doch nicht für mich. Hätte ich 3 Wünsche frei, würde ich mir unter Vernachlässigung der dunklen Begierden wünschen: annähernde Gesundung (die Ärzte versprechen sie, aber ich merke nichts von ihr, wie oft ich auch in den letzten Jahren zur Kur hinausgefahren bin, immer war mir weit besser als jetzt nach mehr als 3 Monaten Kur, und was im Laufe der; Monate sich gebessert hat, ist gewiß mehr das Wetter als die Lunge, allerdings, das ist nicht zu vergessen, meine früher über den ganzen Körper vagierende Hypochondrie sitzt jetzt versammelt in der Lunge), dann ein fremdes südliches Land (es muß nicht Palästina sein, im ersten Monat habe ich viel in der Bibel gelesen, auch damit ist es still geworden) und ein kleines Handwerk.

    Das heißt doch nicht viel gewünscht, nicht einmal Frau und Kinder sind darunter.



Quelle: Franz Kafka ; Max Brod: Eine Freundschaft (II). Briefwechsel. Hrsg. von Malcolm Pasley. Frankfurt am Main 1989.


die Novelle: Siehe Anm.43 oben.


"Im Kampf um das Judentum": Siehe 1918 Anm. 98.


Haas ... geheiratet: Willy Haas und Jarmila Reiner haben am 29. März 1921 geheiratet. Vgl. 1920 Anm. 21.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at