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[An Ottla Kafka]

[Matliary, ca. 21. Dezember 1920]
 


Liebe Ottla, also der Bericht, er ist natürlich auch für die Eltern bestimmt, ich schicke ihn aber lieber Dir, damit Du, wenn etwas Anstößiges darin stehn sollte, es bei der Weitergabe milderst.

Die Fahrt war sehr einfach, In Tatra Lomnitz war allerdings der Koffer nicht da, aber man erklärte es glaubwürdig, er werde den nächsten Tag kommen, er ist auch gekommen und fehlerlos.

Der Schlitten erwartete mich, die Fahrt bei Mondschein durch den Schnee- und Bergwald, das war noch sehr schön, dann kamen wir zu einem großen, hotelartigen, hellerleuchteten Gebäude, hielten aber nicht dort, sondern fuhren ein kleines Stückchen weiter zu einem recht dunklen, verdächtig aussehenden Haus. Ich stieg aus, im kalten Flur (wo ist die Centralheizung?) niemand, lange muß der Kutscher suchen und rufen, endlich kommt ein Mädchen und führt mich in den ersten Stock. Es sind zwei Zimmer vorbereitet, ein Balkonzimmer für mich, das Zimmer nebenan für Dich. Ich trete in das Balkonzimmer und erschrecke. Was ist hier vorbereitet?

Eingeheizt ist zwar aber der Ofen stinkt mehr, als er wärmt. Und sonst? Ein Eisenbett, darauf ohne überzug ein Polster und eine Decke, die Tür im Schrank ist zerbrochen, zum Balkon führt nur eine einfache Tür und selbst die sitzt nicht fest, wie es mir überhaupt vorkommt, dass "durch alle Fugen der Wind heult". Das Mädchen, das ich zum Zimmer rechne und deshalb auch nicht leiden kann, sucht mich zu trösten, z. B. wozu brauche ich eine doppelte Balkontür? Bei Tage liege ich doch draußen und in der Nacht schlafe ich bei offener Tür? Das ist richtig, denke ich, am besten wäre es, auch noch die letzte Tür wegzunehmen. - Und Ofenheizung sei doch viel besser als Centralheizung? Centralheizung ist nur drüben in der jetzt vollbesetzten Hauptvilla. "Aber hier ist doch nicht einmal Ofenheizung" wende ich ein. Das sei nur heute so, weil in diesem Zimmer noch nicht geheizt war. - So verteidigt sich das Mädchen immerfort, unnötigerweise, denn ich weiß ja, dass sie nicht imstande ist, mir etwa das feste und warme Zimmer aus der Villa Stüdl herzuzaubern.

Aber es kam noch ärger, denn schließlich hatte mich ja bis jetzt nur das Zimmer enttäuscht, den Lockbrief der Besitzerin hatte ich aber noch in der Tasche. Nun kam sie selbst, um mich zu begrüßen, eine große Frau (keine Jüdin) in langem schwarzen Samtmantel, unangenehmes Ungarisch-Deutsch, süßlich aber hart. Ich war sehr grob, ohne es genau zu wissen, natürlich; aber das Zimmer schien mir zu arg. Sie immer überfreundlich, aber ohne jede Lust oder Fähigkeit zu helfen. Hier ist Dein Zimmer, hier wohne. Nach Weihnachten werden in der Hauptvilla Zimmer frei. Ich hörte dann gar nicht mehr darauf hin, was sie sagte. Auch was sie über das Essen sagte, war beiweitem nicht so schön wie der Brief. Sie war mir so unleidlich, dass ich sehr bedauerte, ihr den Gepäckschein anvertraut zu haben (sie wollte nächsten Tag bei der Bahn anfragen lassen, ob der Koffer schon gekommen sei) Der einzige Lichtpunkt war, dass im Ort ein Arzt sein sollte, ja er sollte sogar auf dem gleichen Gang, nur paar Türen weiter, wohnen, das schien mir allerdings sehr unglaubwürdig.

Jedenfalls hatte ich, als sie fortgegangen war, meinen Plan fertig: die Nacht werde ich mit meinem Fußsack und meiner Decke hier irgendwie verbringen, vormittag telephoniere ich nach Smokovec (hoffentlich ist der Ausnahmezustand schon vorüber und Telephongespräche schon erlaubt) und nachmittag wenn der Koffer da ist, zahle ich Reugeld wieviel man will, gebe mich nicht erst mit der Elektrischen ab, sondern nehme einen Schlitten und fahre hin über Berg und Tal. Immerfort hatte ich die tröstliche Vorstellung, wie ich mich morgen abend aufatmend auf das feine gefederte Kanapee in Smokovec hinwerfen werde.

Ich glaube, Du wärest diesem ersten Schrecken ebenso erlegen, vielleicht hättest Du aber den Schlitten schon abend zu nehmen versucht.

Da kam dem Mädchen ein Einfall; ob ich mir nicht, wenn mir dieses Zimmer so mißfalle, das (für Dich vorbereitete) Nebenzimmer anschauen wolle, liegen könne ich ja auf diesem Balkon und nebenan wohnen. Ich ging ohne jede Hoffnung hinüber, aber da ich gar nicht mehr verwöhnt war, gefiel es mir ausgezeichnet. Es war auch wirklich viel besser, größer, besser beheizt, besser beleuchtet, ein gutes Holzbett, ein neuer Schrank, das Fenster weit vom Bett, da blieb ich.

Und damit begann die Wendung zum Guten (die ich zum Teil Dir verdanke, denn hättest Du Dich nicht angemeldet, wäre das Zimmer nicht geheizt gewesen und wäre es nicht geheizt gewesen, wäre es dem Mädchen kaum eingefallen mich hinzuführen). Ich ging dann in die Hauptvilla zum Essen, auch dort gefiel es mir ganz gut, einfach (ein neuer großer Speisesaal wird erst morgen eröffnet) aber rein, gutes Essen, die Gesellschaft ausschließlich ungarisch (wenig Juden) sodass man schön im Dunkel bleibt. Und erst am nächsten Tag sah alles noch viel besser aus. Die Villa in der ich wohne (Tatra heißt sie) war plötzlich ein hübsches Gebäude, es gab weder Wind noch Fugen, der Balkon lag genau in der Sonne. Als man mir für die nächste Woche ein Zimmer in der Hauptvilla anbot, hatte ich nicht die geringste Lust mehr dazu, denn die "Tatra" hat große Vorteile gegenüber der Hauptvilla: vor allem ist man gezwungen dreimal zum Essen hinüberzugehn (oder vielmehr man ist nicht dazu gezwungen, man kann es sich auch bringen lassen) und wird nicht so faul und unbeweglich, wenn man wie z. B. in Schelesen im gleichen Haus wohnt und ißt und immer nur aus dem ersten Stock ins Parterre stiefelt und wieder zurück. Dann ist die Hauptvilla wie man mir bestätigt hat sehr lärmend, immerfort läuten die Glocken, die Küche macht Lärm, die Restauration macht Lärm, die Fahrstraße, die dort eng vorüberführt, eine Rodelbahn, alles macht Lärm. Bei uns ist es ganz still, ich glaube, nicht einmal die Glocke läutet (sie läutet ja gewiß nur habe ich sie noch nicht gehört) Dann ist drüben eigentlich nur eine gemeinsame Liegehalle und selbst die liegt nicht so in der Sonne wie mein Balkon. Endlich ist auch die Ofenheizung viel besser. Es wird zweimal eingeheizt, früh und abend, nur mit Holz, so dass ich nachlegen kann, wie viel ich will. Jetzt am abend ist z. B. so warm, dass ich ohne Kleider halb nackt dasitze. Und, wenn man auch das als Vorteil ansehn will der Arzt wohnt tatsächlich auf meinem Gang, links, drei Türen weiter.

Auch Frau Forberger war am nächsten Tag ganz anders, mit dem Samtmantel (oder war es Pelz?) hatte sie alles Böse abgelegt und war sanft und freundlich bei der Sache. Das Essen ist genug erfindungsreich, ich erkenne die Dinge, aus denen es zusammengesetzt ist, gar nicht auseinander; es wird zum Teil eigens für mich gekocht, trotzdem an 30 Gäste da sind. Auch der Arzt gibt seine Ratschläge dazu. Zuerst wollte er natürlich eine Arsenkur12 anfangen, dann besänftigte ich ihn durch einen Pauschalvertrag, wonach er mich täglich - 6 K kostet es - besucht. Ich soll vorläufig 5 mal täglich Milch und 2 mal Sahne trinken, kann es aber nur bei größter Anstrengung 2 ½ hinsichtlich der Milch und 1 mal hinsichtlich der Sahne.

Jedenfalls wären also alle äußeren Voraussetzungen für ein gutes Gelingen gegeben; bleibt nur der Feind im Kopf.

Denkt der Vater wirklich daran herzukommen? Wohlfühlen würde er sich hier sicher nur wenn die Mutter mitkäme und selbst dann erst wenn die Tage länger werden. Es sind hier nämlich kaum 1, 2 Herren die für ihn in Betracht kämen, sonst nur Frauen, Mädchen und junge Männer, die meisten können Deutsch sprechen aber am liebsten ungarisch (Auch die Zimmer-Küchenmädchen, Kutscher u.s.f. Gut slowakisch glaube ich bisher nur einmal - allerdings fuhr ich ja zweiter Klasse - in der Eisenbahn von zwei jungen Mädchen haben sprechen hören, sie sprachen sehr eifrig und rein, bis dann allerdings die eine auf eine erstaunliche Mitteilung hin, welche ihr die andere machte, ausrief: oĭoĭoĭoĭoĭ!) Das wäre also für den Vater nichts. Sonst aber könnte sich Matliary jetzt vor ihm sehen lassen, die heute neu eröffneten Säle (Speise- Billard und Musiksaal) sind geradezu "hochelegant".

Und was machst Du? Honig? Turnen? Schwindel bei Aufstehn? Zeitunglesen für mich? Viele Grüße Dir und Deinem Mann (dem ich den guten Platz im Coup‚ verdanke) und allen andern, jedem besonders, bis zum Wurm hinunter.

Warst Du bei Max?

Dein Franz


Den Eltern mußt du den Brief gar nicht zeigen, ich schreibe ihnen ja häufig




Zur Datierung: Kafka fuhr am 18. Dezember 1920 zur Erholung nach Matliary, der vorliegende Bericht muß an einem der nächsten Tage verfaßt worden sein. Vgl. auch die Anmerkungen zu Nr. 98.


Smocovec: In dem nur eine Wegstunde entfernten Nový Smocovec war das Sanatorium Dr. von Szontaghs, wo sich Kafka ebenfalls untersuchen ließ. Vgl. Br 283, 291, 320, Nr. 89 und die Anmerkungen zu Nr. 95.


Ausnahmezustand: wegen politischer Unruhen, die in der 2. Dezemberwoche besonders in Prag zu Streiks und Werkbesetzungen durch Arbeiter geführt hatten.


hättest Du Dich nicht angemeldet: Ottla wollte zunächst für ein paar Tage mitfahren. (Vgl. Br 283)


der Arzt: Dr. Leopold Strelinger, über den sich Kafka in Briefen an Max Brod äußerst kritisch äußert. (Vgl. Br 285 und 305 f.)


Den Eltern maßt Du den Brief gar nicht zeigen: Kafka hat deswegen nachträglich den ersten Briefabschnitt außer den fünf einleitenden Worten durchgestrichen.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at