[An Ottla Kafka]
[Meran, 17. April 1920; Samstag]

17. April

Meine liebe Ottla, was ich von den Sorgen schrieb, habe ich natürlich nicht so ernsthaft gemeint, ein guter Kopf hat keine Sorgen und ein schlechter wird sie nie los, aber in der Ferne bekommt man so eine besondere Beziehung zum Zuhause, man ist dem Fernen gegenüber, das man in seinen Einzelnheiten also gerade in seinem Gefährlichen nicht mehr sieht, besonders mächtig und klardenkend, man glaubt, wenn Du z. B. eine Sorge hättest, müßte man sie von hier aus mit einem geraden Strich beseitigen können und deshalb, also nicht Deiner Sorgen wegen sondern um meiner Macht willen wollte ich, dass Du mir alle Sorgen schreibst. Gut dass Du keine hast, mein Strich wäre wohl auch in Wirklichkeit nicht scharf genug. (Jetzt ruft draußen in den Gärten irgendjemand "Halloh" mit einer Stimme, die der Maxens erstaunlich ähnlich ist)
Sehr deutlich ist in deinem Brief, wie der Vater meine Karte zumzweitenmal liest, dieses zweite Lesen, wenn er so zufällig nach dem Spiel nach irgendetwas auf dem Tisch sich herumtreibenden Geschriebenen greift ist ja viel wichtiger als das erste Lesen. Wenn man sich nur immer der Verantwortung bewußt bliebe, wenn man schreibt. Als ob ich z. B. den Vater jemals mündlich um eine Zuckersendung bitten würde, aber geschrieben wird es ohne weiters und sinnlos. "Da hast Du Deinen Herrn Sohn. In was für eine Spelunke er da wieder gekrochen ist, nicht einmal Zucker haben sie dort". So oder ähnlich. Nun wäre mir ja nicht eingefallen um Zucker zu schreiben, wenn mir nicht den Abend vorher Frau Fröhlich gesagt hätte, dass sie sich schon öfters aus Prag Zucker hat schicken lassen, und wenn ich dann nicht gleich nächsten Morgen das abscheuliche Sacharin bekommen hätte. Also ich schrieb nicht aus Not sondern aus Zufall und Gedankenlosigkeit, auch war es in jenen ersten Tagen, wo ich an Limonaden mich nicht satt trinken konnte und diese eben das Ehepaar mit dem eigenen Zucker selbst machte. Um in dieser Sache ganz vollständig zu sein: im Hotel war genug Zucker schlechter aber, weil dieses pauschale Zuteilung bekommt, während die Pension genau rationiert ist und den Zucker für Mehlspeisen braucht. Soviel Zucker wie Böhmen hat ja kaum ein anderes Land in Europa. Also das ist die lange Geschichte. Aber wie gesagt auch den Zucker brauche ich nicht mehr. Honig ersetzt ihn und an Limonaden habe ich mich für Wochen sattgetrunken.
Sonst aber ist meine Pension großartig und wenn ich jetzt vom Tisch aus durch die ganz offene Balkontüre in den Garten hinausschaue, lauter voll blühende mächtige baumartige Sträucher knapp am Geländer und weiterhin das Rauschen großer Gärten - übertrieben, es ist nur die Eisenbahn - so kann ich mich nicht erinnern einen ähnlichen Prospekt im Teater (durch das elektrische Licht hat es jetzt teaterähnliche Beleuchtung) gesehen zu haben, außer wenn die Wohnung eines Prinzen oder wenigstens einer sehr hohen Persönlichkeit glaubhaft gemacht werden sollte.
Und das Essen, das ist eben für mich viel zu reichlich. Das Nachtmahl, das ich gestern der Mutter beschrieben habe, hat mich z. B. weil ich mich in ekelhafter, äußerlich allerdings gar nicht auffälliger Weise übernommen habe, fast den ganzen Schlaf der letzten Nacht und sonstige Unahnnehmlichkeiten gekostet. Um Mißdeutungen vorzubeugen: ich habe heute schon wieder sehr viel gegessen. Daß man gerade dem Magen des Andern nicht glaubt und der Lunge z. B. ohne weiters und beides ist doch objektiv in gleicher Weise festzustellen. Niemand sagt: Wenn Du mich ein bischen lieb hast, hör auf zu husten. Andererseits ist es ja ein ganz feines und verläßliches Gefühl, das z. B. im Vegetariersein (es bekommt in fremden Augen leicht etwas Berufsmäßiges: von Beruf Vegetarianer) etwas sich Vereinsamendes, etwas Wahnsinnsverwandtes wittert, nur vergißt man in schrecklicher Oberflächlichkeit, dass hiebei der Vegetarianismus eine ganz unschuldige Erscheinung ist, eine kleine von tieferen Gründen hervorgebrachte Begleiterscheinung und dass man sich also gegen diese tieferen aber wahrscheinlich unzugänglichen Gründe wenden müßte.
So gesprächig bin ich also geworden, weil mein letzter Brief statt Dir Spaß, der Mutter Sorge gemacht hat und davon wie es mir sonst geht habe ich nicht viel gesagt. Nächstens. Letzthin habe ich im Traum einen Aufsatz von Dir in der Selbstwehr gelesen. Überschrieben war es: "Ein Brief", vier lange Spalten, sehr kräftige Sprache. Es war ein an Marta Löwy gerichteter Brief, der sie über eine Krankheit des Max Löwy trösten sollte. Ich verstand nicht eigentlich, warum er in der Selbstwehr stand, aber ich freute mich doch sehr. Alles Gute!

Franz


Hat Felice schon geantwortet? Wenn nicht, wird man ihr wohl noch einmal unter voller Adresse schreiben müssen.
dass ich es nicht noch zu sagen vergesse: Du mußt ja jetzt wirklich sehr viel zu tun haben, das Frl. allerdings auch und vor allem. Keine Bedienerin?


Vegetarianismus: Vgl. Nr. 76 und die Anmerkungen zu Nr. 9. Robert Klopstock (vgl. Nr. 91), der Kafka während der letzten Lebenswochen in Kierling als Arzt half, schrieb an die Prager Angehörigen, als man mit künstlicher Ernährung beginnen mußte: "Er war über diese Maßnahme so verzweifelt, dass ich es gar nicht sagen kann, geistig ist es ihm schwer. Aber Sie wissen, bei ihm ist das alles Eines - das Körperliche wirkt gleich wie das Geistige und umgekehrt!"
Selbstwehr: Prager zionistische Wochenschrift, die Kafka mindestens seit 1917 abonniert hatte und die er sich nach Meran (später nach Matliary und Berlin) nachschicken ließ. Seit Herbst 1919 war Kafkas Freund Felix Weltsch der Herausgeber. Zu den Einzelheiten vgl. H. Binder, Franz Kafka und die Wochenschrift "Selbstwehr", in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 41 (1967), Heft 2, S. 283 ff., Nr. 78 und 91.
Marta Löwy: Vielleicht die hübsche, elegante, rücksichtsvolle und bescheidene Cousine Kafkas, Martha Löwy.
Felice: Felice Bauer, Kafkas erste Verlobte.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at